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Inspirationen, Qualitätsbewusstsein und eine Studie mit Überraschungen

Zu einem Treffen voller Inspirationen, zahlloser Anregungen für die Qualitätsentwicklung und intensiven Gedankenaustauschs gestaltete sich der 3. Bayerische Ganztagsschulkongress am 1. und 2. März 2012 in Forchheim. Mit knapp 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war er so gut besucht wie noch nie. Sie erfuhren auch erste Ergebnisse einer Studie der Uni Bamberg, die herausfinden wollte, wie Eltern, Lehrer und Schulverwaltung zur Ganztagsschule stehen.

Porträt von Frau Prof. Dr. Sibylle Rahm

Einige der Befunde geben nach Ansicht der Forscher Anlass zum Nachdenken. So die Tatsache, dass der großen Mehrzahl der Eltern in Bayern die verlässliche Betreuung ihrer Kinder beim Ausbau der Ganztagsangebote wichtiger als die Chance auf eine bessere Bildung zu sein scheint. So jedenfalls lautet eine Erkenntnis aus der Studie "Modellregion Ganztagsschule" der Universität Bamberg.

83 Prozent der befragten Eltern stimmten der Aussage "Ich erwarte von der Ganztagschule, dass sie eine bedarfsgerechte Beaufsichtigung meines Kindes sicherstellt" zu oder zumindest eher zu. "Das bedeutet, im Vordergrund steht die Betreuung und keine Bildungsidee", analysierte die Leiterin des Bamberger Zentrums für Lehrerbildung (BAZL), Prof. Dr. Sibylle Rahm, die gemeinsam mit ihrem Forscherteam die Untersuchung präsentierte.

Betreuung und keine Bildungsidee?

Sie brachte das Problem auf den Punkt: "Betreuung löst die von PISA aufgezeigten Probleme nicht" und fügte die Frage hinzu: "Ist die Schule für die Bereitstellung eines Betreuungsangebotes die richtige Institution?" Ihr Kollege Christian Nerowski erinnerte an die Forderung des Dortmunder Schulentwicklungsforschers Hans-Günter Rolff, der stets die qualitative Weiterentwicklung des Unterrichts fordert. "Man könnte auch sagen, wir müssen den Ganztag nutzen, um die Bildung zu verbessern und die Betreuung als Kür obendrauf setzen", meinte Nerowski.

Insgesamt wurden für die Studie mehr als 65.000 Fragebögen verteilt. Und zwar an Eltern, an Lehrkräfte und an die Schulverwaltung. Ziel war es, die Einstellung zu und Erfahrung mit der Ganztagsschule aus den unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Dass Schülerinnen und Schüler nicht befragt wurden, bedauerte die Leiterin des BAZL, Prof. Dr. Sibylle Rahm, ausdrücklich: "Aber sie wissen ja, es ist nicht ganz leicht, für eine solche Befragung in die Schulen zu gelangen."

Einige der Ergebnisse, die Rahm ausdrücklich als "erste Erkenntnisse, die noch deutlich vertieft werden müssen" verstanden wissen wollte, ließen die Forschergruppe aber schon aufhorchen. So überraschte es sie, dass mehr Eltern als gedacht der Chance für ihre Kinder, im Ganztag soziale Kontakte zu knüpfen, eher wenig Bedeutung beimessen. 30 Prozent kreuzten bei der entsprechenden Frage "nicht" oder "eher nicht" an.

Mehr Zeit für konzeptionelle Arbeit und Teambildung

Mit den Worten "Einen Paradigmenwechsel im Bildungssystem funktioniert nur, wenn in den Köpfen aller - von oben bis unten - ein einheitliches Bewusstsein herrscht" kommentierte der stellvertretende Vorsitzende des Vereins "Bildungsregion Forchheim" (FOrsprung e.V.), Gerhard Koller, die Resultate der Verwaltungsbefragung. Darin wurden sowohl Mitarbeiter des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus, des Bayerischen Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung, der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung, der Abteilungen für Schul- und Bildungswesen an allen bayerischen Bezirksregierungen sowie die Ministerialbeauftragten der Gymnasien und der Realschulen in allen Regierungsbezirken angesprochen. Eines der Ergebnisse: Nur 44,7 Prozent glauben, dass es innerhalb der bayerischen Schulverwaltung einen Konsens über die Ziele der Ganztagsschule gibt. Dass ein abgestimmtes inhaltliches Konzept zur Ganztagsschule für alle Schularten existiert, mögen nur 19 Prozent der Befragten bejahen.

Porträt von Gerhard Koller

Insbesondere diese Erkenntnis rief den im Plenum sitzenden stellvertretenden Referatsleiter für Ganztagsschulen im Bayerischen Kultusministerium, Markus Köpf, auf den Plan: "Das kann doch nicht überraschen. Schließlich wollen und fördern wir die Selbstständigkeit der Schulen. Dazu gehört auch die Entwicklung eigener inhaltlicher Konzepte."

Als Appell zur Weiterentwicklung verstehen die Bamberger Forscher die Aussagen zur Qualifizierung für die Arbeit an Ganztagsschulen. Nur 9,8 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer geben an, dass sie im Hinblick auf ihre Tätigkeit an Ganztagsschulen fort- und weitergebildet wurden. 87,8 Prozent sagen: Nein, das war nicht der Fall. Für Schmunzeln sorgte die Antwort von 2,4 Prozent der Lehrkräfte auf diese Fortbildungsfrage: Sie kreuzten "weiß nicht" an.

Intensiv erforschte die Studie die Vorstellungen der Pädagoginnen und Pädagogen zum Arbeits- und Lebensraum Ganztagsschule. Wie, so wurden sie gefragt, muss er aussehen, damit Lehrkräfte den Anforderungen gerecht werden können? An der Spitze der Wünsche rangiert eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung. Fast 70 Prozent sprachen sich dafür aus. "Insbesondere wünschen sich die Lehrer mehr Zeit für konzeptionelle Arbeit und die Teambildung", erläuterte Sibylle Rahm. Einen geeigneten Arbeitsplatz, möglichst mit PC, nennen rund 60 Prozent als ein Kriterium guter Arbeitsbedingungen. Eine Rückzugsmöglichkeit würde die Hälfte der Lehrerschaft begrüßen. Weniger Bedeutung messen sie dagegen einem Lehrerzimmer und einem Besprechungsraum bei. Und auch die Architektur der Schule spielt, anders als für viele Wissenschaftler ("Der Raum als 3. Pädagoge"), für Lehrer eine untergeordnete Rolle. Gerade einmal 20 Prozent glauben, sie sei von maßgeblicher Bedeutung.

Der Geist von Forchheim

Ungeachtet der Ergebnisse der Bamberger Studie dokumentierte dieser 3. Bayerische Kongress die hohe Motivation zahlreicher Schulen und Pädagogen, die Ganztagsschule zur Qualitätssteigerung zu nutzen. "Wir wollen Schule neu denken", umschrieb eine Pädagogin aus Augsburg ihre Motivation. Dazu biete der Ganztag vielmehr Raum. Gerhard Koller formulierte es deutlich: "Die Schule muss so gestaltet sein, dass Kinder traurig sind, wenn sie für sie vorbei ist." Er wagte einen Vergleich: "Wenn Gäste froh sind, ein Hotel verlassen zu dürfen, müsste es eigentlich geschlossen werden." Dass sich zahlreiche Schulen in Bayern auf dem Weg zu "guten Hotels" befinden, glaubt ein Schulleiter. Der Bayerische Ganztagsschulkongress trägt seines Erachtens viel dazu bei: "Der Geist von Forchheim weht durch unser Land."

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