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Ganztagsschule und die Bibliothek von nebenan

Lesen Kinder zu wenig oder nur zu wenig Bücher? "Nein, Kinder lesen heute nur anders", meint Kathrin Reckling-Freitag, Mitglied der Kommission Bibliothek und Schule des Deutschen Bibliotheksverbandes.

Online-Redaktion: Teilen Sie die Sorge, dass Kinder angesichts des Reizes der Neuen Medien zu selten zum Buch greifen, oder lesen Kinder heute nur anders?

Kathrin Reckling-Freitag© privat

Kathrin Reckling-Freitag: Ich teile diese Sorgen eigentlich nicht. Lesen an sich findet mittlerweile quer durch alle verfügbaren Medien statt. Selbst bei Computerspielen muss man lesen können, um den Spielverlauf zu verstehen. Die Geschichten sind durchaus komplex und die Texte bei manchen Spielen recht lang. Insofern denke ich, Kinder lesen heute mit anderen Medien. Die Nutzung ist eben nicht nur auf gedruckte Bücher beschränkt.

Aus Bibliothekssicht können wir einen solchen Trend auch nicht bestätigen. Sowohl die Anzahl der Nutzer als auch die Zahl der Entleihungen sind in den vergangenen Jahren in etwa stabil geblieben. Das bestätigen die Zahlen aus der Deutschen Bibliotheksstatistik. Die geringen Rückgänge korrespondieren in etwa mit der allgemein sinkenden Anzahl von Kindern und Jugendlichen. Wir haben ja auch mit einer steigenden Anzahl von Schulschließungen zu kämpfen. Zu wenig wird meines Erachtens in bestimmten Zielgruppen gelesen. Manche Kinder und Jugendliche kennen das Lesen in der Familie nicht. Auch gibt es den berüchtigten Altersknick in der Pubertät. Aber gerade hierfür bieten Bibliotheken spezielle Leseförderungsprogramme an, die sowohl die gedruckten als auch die digitalen Medien einbeziehen.

Anders gelesen wird auf jeden Fall. Die Medien, mit denen Geschichten präsentiert werden, sind durch die digitalen Medien vielfältiger geworden. Schon Kleine lesen Bilderbücher auf dem Tablet. Und in den digitalen Medien wird mehr gelesen, als nach außen hin sichtbar wird. Auch beim Surfen im Internet muss man viel lesen. Ohne Beherrschung der Schriftsprache, ohne Lesen und Schreiben sind Recherchen trotz der besten Suchmaschinen nicht möglich.

Schülerinnen und Schüler in der Bibliothek
© Britta Hüning

Online-Redaktion: Warum ist es immer noch wichtig, Bücher zu lesen?

Reckling-Freitag: Wichtig ist, dass die Kinder und Jugendlichen mit den Büchern, vor allem mit Sachbüchern umgehen können. Dass sie wissen, wie zum Beispiel Stichwortverzeichnisse funktionieren, dass sie informationskompetent mit der Literatur umgehen können. Fundierte Sachinformationen lassen sich eben nicht nur aus Internetquellen allein beziehen, man muss auch immer den Rückschluss auf die gedruckten Werke nehmen.

Abgesehen davon, hat das Lesen eines Buches einen anderen Effekt auf den Menschen – dazu gehört Kontemplation, Ruhe, Versunkensein, Anregung der Phantasie – als die Lektüre am Computer, die eher sprunghaft, „verlinkt“, mehrdimensional, in Häppchen erfolgt. Ich finde aber auch, dass eBooks – vor allem bei der erzählenden Literatur - schon in ihrer Handhabbarkeit sehr nahe am gedruckten Buch sind.

Ob ich einen Roman als gedrucktes Buch oder als eBook lese, macht für mich in der Rezeption des Inhaltes keinen Unterschied mehr. Jedes Medium hat seine Vor- und Nachteile. Ich persönlich bevorzuge bei Romanen inzwischen die elektronische Variante – manchmal alleine schon wegen des Gewichtes. Sachbücher lese ich aber auch immer noch am liebsten auf Papier.

Online-Redaktion: Städte schließen aus finanziellen Gründen Büchereien. Wie sehr steigt da die Bedeutung schulischer Bibliotheken?

© Britta Hüning

Reckling-Freitag: Jede Schule sollte eine Schulbibliothek haben – oder eine gute Kooperation mit der öffentlichen Bibliothek nebenan. Andere Länder, die auch bei PISA auf den vordersten Rängen liegen, machen uns vor, wie viel Gewinn man in der Bildung von guten Schulbibliotheken haben kann. Schulbibliotheken sollten die Mittelpunkte der Schule sein: als kultureller Treffpunkt, als Lernort und für eine angemessene Aufenthaltsqualität in Ruhe- und Freiphasen.

Online-Redaktion: Ganztagsschulen suchen Kooperationspartner. Finden sie in Bibliotheken starke Partner oder müssten die Kooperationen noch deutlich intensiviert werden?

Reckling-Freitag: Bibliotheken sind als Bildungspartner geeignete Partner für die Schulen – sowohl im offenen als auch im gebundenen Ganztag. Die Kooperation könnte von beiden Seiten aus deutlich intensiviert werden, wenn nicht die schwierigen Personalsituationen in den Bibliotheken den Rahmen sehr eng stecken würden. Oft müssen sich Bibliotheken entscheiden, welche Angebote sie machen und welche nicht. Und da stehen sie oft vor der Entscheidung: Mache ich Angebote für alle Schülerinnen und Schüler im Klassenverband im Rahmen des Unterrichts und erreiche dann damit auch die Nicht-Leser der Klasse? Oder mache ich Angebote im offenen Ganztagsbereich, die dann nur die (wenigen) Kinder ansprechen, die ohnehin gerne lesen.

Leider lassen die Ressourcen nicht immer zu, dass die Bibliotheken beide Wege gehen können. An dieser Stelle ist die Politik gefordert, Bibliotheken als vollwertige Bildungspartner nach vorne zu stellen und entsprechend auszustatten. Es ist fatal, dass die Bibliotheken immer weitere neue Aufgaben übernehmen müssen, aber die Personal- und Sachmittel den Anforderungen nicht angepasst werden. In manchen Modellen greifen Bibliotheken daher bei Angeboten für die offene Ganztagsschule auch auf externe Kooperationspartner zurück, die sie sowohl pädagogisch als auch ganz praktisch in die Bibliotheksstrukturen einbinden.

Online-Redaktion: Wie können solche Kooperationen gelingen?

Schülerin in einer Bibliothek
© Britta Hüning

Reckling-Freitag: In Schleswig-Holstein pflegt zum Beispiel die Stadtbücherei Wedel, wenn es um die Kooperation mit den offenen Ganztagsschulen geht, als offizieller Bildungspartner bei den „Bildungslandschaften zwischen den Meeren“ eine besonders gelungene Kooperation. Eingebunden in die Bildungslandschaft der Stadt, war die Stadtbücherei Wedel an allen Entwicklungen von Anfang an mit beteiligt. Viele Angebote konnten auf Grundlage dieser festen Bildungspartnerschaft ausgebaut und etabliert werden.

Online-Redaktion: Welche positiven Auswirkungen auf das Leseverhalten von Jugendlichen haben Kooperationen von Ganztagsschulen und Bibliotheken?

Reckling-Freitag: Ich nenne drei: Lesen wird als Wert vermittelt. Lesen wird habitualisiert. Lesen bekommt ein cooles Image, das heißt: Lesen macht Spaß.

Online-Redaktion: Welchen Beitrag können Ganztagsschulen zur Leseförderung leisten?

Reckling-Freitag: Ganztagsschulen können Leselust und Lesespaß vermitteln. Sie bieten den (zeitlichen) Rahmen, um auch mal experimentell mit Texten und Sprache umzugehen – beispielsweise bei Poetry Slams oder Bookcastings. Insofern sind sie über den Unterricht hinaus wichtige Partner, um Lesen weiterhin mit dem Stellenwert zu vermitteln, den es in unserer schriftsprachlichen Gesellschaft hat.

Online-Redaktion: Müssten Kooperationen nicht durch den Bibliotheksverband systematisiert werden – so wie es beispielsweise im Sport immer mehr geschieht?

© Britta Hüning

Reckling-Freitag: Das ist in vielen Bereichen bereits geschehen. Es gibt Rahmenkooperationsverträge zwischen den Bibliotheksverbänden, den Schulträgern und den entsprechenden Ministerien. Auf dieser Grundlage bauen die Bibliotheken ihre Kooperationen mit den Schulen vor Ort auf. Diese Form der Kooperation ist sowohl von der Politik als auch von den Bibliotheksverbänden gewollt und gefordert. Rahmenverträge für den offenen Ganztagsbereich, wie es sie zum Beispiel mit den Musikschulverbänden gibt, haben wir zumindest in Schleswig-Holstein noch nicht – hier ist sicher noch weiteres Entwicklungspotential vorhanden.

Online-Redaktion: Bieten sich Bibliotheken nicht geradezu als außerschulische Lernorte an?

Reckling-Freitag: Bibliotheken sind sowohl schulische als auch außerschulische Lernorte – und auch durch entsprechende Handreichungen der Ministerien als solche anerkannt. Eine entsprechende curriculare Einbindung der Bibliotheksangebote und -dienstleistungen in den Unterricht gibt es auch. In den meisten Lehrplänen und Fachanforderungen wird die Kooperation zwischen Lehrkräften und Bibliotheken gefordert. Das passt sich wunderbar ein in das bibliothekspädagogische Spiralcurriculum, das in den verschiedenen Jahrgangsstufen bestimmte bibliotheksspezifische Angebote für die Schulklassen vorsieht.

Bibliotheken sind aber auch im Freizeitbereich für die Kinder und Jugendlichen interessant. Leseförderung ist eines der am besten ausgearbeiteten Angebote von Bibliotheken – in allen Alters- und Bevölkerungsstufen. Mittlerweile gehen auch manche Bibliotheken dazu über, Spezialisten für die medienpädagogische Arbeit einzustellen. Öffentliche Bibliotheken sind inzwischen sehr viel mehr Bildungspartner und immer weniger nur der Ort zum Sammeln und Aufbewahren von Büchern und anderen Medien.

Kathrin Reckling-Freitag ist Diplom-Bibliothekarin und Kultur- und Bildungsmanagerin. Sie ist angestellt bei der Büchereizentrale Schleswig-Holstein, Arbeitsstelle Bibliothek  und Schule, und Mitglied der Kommission Bibliothek und Schule des Deutschen Bibliotheksverbandes.

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