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Halbtags oder Ganztags?

Angesichts rund 70 Prozent der Eltern, die sich eine Ganztagsschule wünschen, scheint die Frage „Halbtags oder Ganztags?“ in Deutschland entschieden. Der von Karen Hagemann und Konrad H. Jarausch herausgegebene Band zur Zeitpolitik von Kinderbetreuung und Schule zeigt, dass dem nicht so ist.

Blickt man auf die jüngste Entwicklung ganztägiger Bildung und Betreuung in Deutschland dann sieht man einerseits einen massiven Ausbau und wachsende Zustimmung, anderseits sind Angebotsdisparitäten zwischen den Bundesländern sowie regional und sozial unterschiedlichen Formen der Inanspruchnahme unübersehbar. Dies ist ein Indiz dafür, dass unterschiedliche politische Interessen und tradierte Lebensführungsmuster nach wie vor von Bedeutung sind.

Der Band geht auf der Basis historisch und international vergleichender Analysen solchen Prägungen nach. Er ist das Ergebnis einer langjährigen, ebenso internationalen wie interdisziplinären Kooperation zur Frage, wie sich die Zeitstrukturen von Kinderbetreuung und Schule herausbildeten und warum sich im deutschsprachigen Mitteleuropa das Halbtagsmodell entwickeln konnte.

© Beltz / Juventa Verlag

Theoretischer Bezugspunkt des Bandes ist das recht neue Konzept der Zeitpolitik. Die Autorinnen und Autoren eint die Überzeugung, dass Zeitstrukturen das Ergebnis des politischen Handelns verschiedener gesellschaftlicher Akteure sind, deren Strategien wiederum durch eine Vielzahl sozialer Faktoren geprägt werden. Um diesem komplexen Wechselspiel auf die Spur zu kommen, wird auf eine Reihe von Ansätzen, Methoden und Erkenntnissen aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zurückgegriffen, von denen im Band insbesondere das Konzept der Pfadabhängigkeit eine prominente Rolle spielt.

Der Band ist in drei Teile gegliedert. Zwei einleitenden Beitragen schließen sich im zweiten Teil drei europäische Vergleiche verschiedener familienpolitischer Aspekte an. Im dritten Teil sind zwölf Fallstudien zu insgesamt zehn europäischen Ländern versammelt.

Zeitpolitiken von Kinderbetreuung und Schule in Europa

Bereits in den beiden Einleitungsbeiträgen von Karen Hagemann und Kimberly J. Morgan wird deutlich, dass in Europa sehr unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Strukturen bestehen. Sie sind mit dem seit geraumer Zeit vor allem durch die Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik der Europäischen Union transportierten familienpolitischen Leitbild egalitärer Beziehungen zwischen Mann und Frau, selbstverständlicher Berufstätigkeit von Frauen und öffentlicher Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern nur bedingt vereinbar.

Nach der Lektüre des Beitrags von Karen Hagemann scheint wenig dafür zu sprechen, dass sich die europäischen Länder in Richtung dieses Leitbilds entwickeln. In ihrer Tour d'Horizon durch die europäischen Zeitstrukturen in Kinderbetreuung und Schule bis 1989 arbeitet sie vor allem deren starke Pfadabhängigkeit heraus. Die Autorin legt dar, dass in allen europäischen Ländern der Grundstein für die jeweiligen Zeitstrukturen in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gelegt wurde, die sich anschließenden Entwicklungen dem einmal eingeschlagenen Pfad im Wesentlichen folgten (S. 49). Substanzielle Reformen wären allenfalls in den 1960er und 1970er Jahren und auch dann nur unter bestimmten Bedingungen möglich gewesen.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Demgegenüber greift Kimberly J. Morgan in ihrem Beitrag unter anderem die Frage auf, ob das Konzept der Pfadabhängigkeit die Stabilität geronnener Strukturen nicht überschätzt. Sie plädiert für die Analyse von transformativen Phasen und die Identifizierung stabilisierender und dynamisierender Faktoren. Beides führte dazu, dass aktuell in den meisten Ländern eine pragmatische Synthese unterschiedlicher Politiken zu verzeichnen sei, der sowohl von Hagemann (S. 83) als auch von Morgan (S. 104) als Ausdruck eines nationalen Wettbewerbs um die besten Lösungen angesehen wird.

Familienpolitik im internationalen Vergleich

Dass dies auch für die osteuropäischen EU-Mitgliedstaaten gelten soll, ist nach der Lektüre des Beitrages von Jaqueline Heinen wenig plausibel. Sie zeichnet den im Zeichen der Konsolidierung öffentlicher Haushalte unternommenen beispiellosen Abbau der sozialen Sicherungssysteme nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Staaten nach. Dieser beförderte zusammen mit der Wirtschaftskrise der 1990er Jahren ebenso eine idealisierende Re-Traditionalisierung des Familienlebens wie die Diskreditierung von Gleichberechtigung als „sozialistische Altlast“ und der Bedeutungsgewinn religiöser Werte und nationalistischer Politiken.

Ute Gerhardt nimmt in ihrem Beitrag die Idee der Pfadabhängigkeit wieder auf. Sie legt dar, dass die verschiedenen Rechtstraditionen Nord- und Westeuropas das jeweilige Familienrecht und die Familienpolitik bis heute nachhaltig beeinflussen. Ihr Vergleich der Rechts- und Wohlfahrtsregime zeigt zudem, dass vor allem die Länder, in denen die Rechtsgleichheit von Mann und Frau nicht zur Grundlage der Gesellschafts- und Geschlechterordnung wurde, gegenwärtig mit großen Problemen konfrontiert sind. Sie zeigen sich am deutlichsten in niedrigen Geburtenraten, die auch für die osteuropäischen Länder trotz oder gerade wegen der Idealisierung der Familie charakteristisch sind.

© Britta Hüning

Der sehr interessante Beitrag von Livia Sz. Oláh knüpft hier unmittelbar an. Anders als die inzwischen zahlreich vorliegenden Untersuchungen zur Problematik rückläufiger Geburtenraten stellt ihr Beitrag den Aspekt der Zeitpolitik von frühkindlichen Bildungs- und Betreuungsangeboten in den Mittelpunkt. Sie zeigt, dass sich das inzwischen eingestellte direkte Verhältnis zwischen der Höhe des Anteils erwerbstätiger Frauen und der Höhe der Geburtenrate weder auf die Verfügbarkeit von Teilzeitarbeitsstellen noch auf großzügige Elternzeitprogramme, sondern auf öffentliche Betreuungsangebote zurückführen lässt. Zur Realisierung des Kinderwunsches komme es jedoch nur dann, wenn die Zeitstrukturen es Frauen ermöglichen, nicht nur Zeit für Familie und Erwerbstätigkeit, sondern auch für sich selbst zu haben.

Von Skandinavien über Russland, Italien und Frankreich nach Großbritannien –Fallstudien

Fallstudien sind für Rezensierende ein Problem: Sie sind faszinierend zu lesen, können im Rahmen der Besprechung aber kaum angemessen gewürdigt werden. Das ist insofern schade, weil in den Fallstudien insbesondere die jeweilige länderspezifische Entwicklung der Zeitstrukturen in Kinderbetreuung und Schule eingehend analysiert wird.

Knüpft man an die Frage nach der Sonderstellung des Halbtagsmodells an, dann sind sicher die Fallstudien für die Bundesrepublik (Karen Hagemann), die Schweiz (Claudia Crotti) und Österreich (Ulrike Popp) von besonderem Interesse. Dabei sind zwar durchaus Ähnlichkeiten in den historisch-politischen Entwicklungen der drei Länder zu erkennen, es zeichnet sich allerdings kein vergleichbares Set von Einzelfaktoren ab, wie es Karin Hagemann für die Bundesrepublik herausarbeitet. Die mögliche Gemeinsamkeit wird vor allem dann deutlich, wenn man sich die Ausführungen zu anderen europäischen Ländern, etwa Italien, ins Gedächtnis ruft. Was in den deutschsprachigen Ländern anders gewesen zu sein scheint, ist, dass Interessengruppen übergreifende Allianzen nicht zustande kamen.

Britta Hüning
© Britta Hüning

Zugleich wird in einigen Fallstudien deutlich, dass die jüngeren sozial- und bildungspolitischen Reformen in einigen Ländern Europas trotz bereits existierender oder zwischenzeitlich ausgebauter ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote mit durchaus problematischen Tendenzen einhergingen.

Sehr deutlich führt dies Fallstudie von Sally Tomlinson zur Bildungspolitik in Großbritannien vor Augen. Zwar wurden unter den New Labour-Regierungen frühkindliche und schulische Bildung- und Betreuungsangebote ausgebaut, zugleich aber an der von den konservativen Vorgängerregierungen eingeführten Politik der Wahlfreiheit und Leistungsauslese im Schulsystem festgehalten. Das Ergebnis war eine Verschärfung der sozialen Differenzen zwischen den Schulen und damit zwischen den Schülerinnen und Schülern.

Ähnliches kann man auch in der Fallstudie von Lisbeth Lundahl über den Wandel der Zeitpolitik von Grundschulen im „Ganztagsland“ schlechthin – Schweden – nachlesen, wo insbesondere in den 1990er Jahren verstärkt Marktmechanismen im Schulsystem verankert wurden.

Ganztags!?

Der vorliegende Band bietet einen breiten Überblick über die verschiedensten Aspekte von Sozial- und Bildungspolitiken in Europa. Da alle Beiträge für sich stehen, können sie auch ohne Kenntnis des zeitpolitischen Rahmenkonzeptes des Bandes mit Gewinn gelesen werden. Gleichwohl verdient der Versuch, in der Regel separat verhandelte Aspekte gebündelt zu betrachten, Anerkennung. Führt er doch durchaus zu vielversprechenden Analyseperspektiven und neuen Einsichten. Allerdings ist dies nicht durchgängig gelungen.

© Britta Hüning

Nicht nur werden recht unterschiedliche Zeitaspekte wie Arbeits- und Öffnungszeiten, biografische Verläufe oder Passagen thematisiert, es bleibt verschiedentlich unklar, inwieweit diese Zeitaspekte tatsächlich unmittelbares Ziel der verschiedenen Wohlfahrtspolitiken sind. Beispielsweise scheint der Um-und Rückbau öffentlicher Leistungen eher eine Rolle zu spielen als das explizite Interesse an Zeitstrukturen.

Die Beiträge zeigen zudem, dass sich mit dem aktuell beobachtbaren Mix verschiedener öffentlicher und privater Angebote in den europäischen Wohlfahrts- und Bildungssystemen durchaus ambivalente Tendenzen verbinden, die auch künftig der Aufmerksamkeit bedürfen. Daher ist der Band neben Politikerinnen und Politikern allen politisch Interessierten und Engagierten zu empfehlen.

Karen Hagemann, Konrad H. Jarausch (Hrsg.) (2015): Halbtags oder Ganztags? Zeitpolitiken von Kinderbetreuung und Schule nach 1945 im europäischen Vergleich. Weinheim und Basel: Beltz, Juventa. 514 Seiten.

Dr. Christine Steiner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) am Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München. Nach einem Studium der Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin wurde sie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Soziologie promoviert. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Bildungs- und Jugendforschung, die Lebensverlaufsanalyse und die Arbeitsmarktsoziologie.

Kategorien:  Forschung - Berichte

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