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Ganztagsgrundschule Schenkelsberg: "Super Lernzeit"

"Die Leistungsschere ging immer mehr auf, wir mussten uns etwas einfallen lassen", sagt Daniela Dietrich-Krug, Schulleiterin der Schule Schenkelsberg in Kassel. Im Ganztag arbeiten nun Hort und Schule eng zusammen.

In der 4. Klasse von Anna Ufer an der Schule Schenkelsberg in Kassel-Oberzwehren herrscht geschäftiges Treiben. Es läuft wie an jedem Tag von 8.00 bis 8.30 Uhr das halbstündige „Förderband“. Die Schülerinnen und Schüler haben in einem Hängeordner ihre Arbeitspläne herausgeholt, auf denen ihre Lehrerin die Aufgaben für jeweils eine Woche aufgeschrieben hat. Nun holen sie sich ihre Arbeitsmaterialien zum Rechnen und Schreiben. Sie nehmen vor dem Computer Platz, vertiefen sich in Arbeitsbögen, spielen zu zweit ein Rechenspiel, schreiben und lesen, in Einzel- oder Gruppenarbeit. Auch das gibt der Arbeitsplan vor: Welche Lernmittel sollen benutzt werden und soll allein, zu zweit oder in der Gruppe gelernt werden?

Schule Schenkelsberg
© Britta Hüning

Immer wieder kommen Schülerinnen und Schüler zu Anna Ufer, um eine Frage zu stellen, die sie geduldig beantwortet. Bei einem Schüler mit Lernschwäche sitzt eine Sonderpädagogin, um ihn bei seiner Aufgabe mit dem Rechenbrett zu unterstützen. Manche Kinder tragen Ohrenschützer, um sich durch Gewisper nicht ablenken zu lassen.

„Ich finde die Lernzeit super“, meint Anna Ufer. „Jetzt habe ich wirklich Zeit, in Ruhe auf alle Kinder einzugehen, wenn eine Frage kommt. Und alle wissen genau, was sie üben sollen.“ Natürlich bedeute es viel Arbeit, einzeln auf jede Schülerin und jeden Schüler zugeschnittene Aufgaben zu formulieren. Aber umgekehrt bringe es Erleichterung, genau sehen zu können, ob das Kind mit der Aufgabe zurecht gekommen sei.

„Wir mussten uns etwas einfallen lassen“

Das Förderband ist einer der Stützpfeiler des pädagogischen Konzepts der Schule Schenkelsberg. „Die Leistungsschere bei unseren Kindern ging immer mehr auf – wir hatten Schülerinnen und Schüler, die immer Einsen und Zweien hatte, und welche, die dauernd Fünfen bekamen“, begründet die Schulleiterin Daniela Dietrich-Krug. „Wir mussten uns etwas einfallen lassen.“

© Britta Hüning

Seit 2011 arbeitet die Schule ganztägig, als die vor 44 Jahren erbaute Schule einen Neubau mit Mensa erhielt. Seit 2012 ist sie auch „Schule mit kulturellem Schwerpunkt“. Das Ziel war zunächst, einen pädagogischen Mittagstisch an allen fünf Tagen und eine Betreuung für Kinder aus sozial benachteiligten Familien einzurichten. Dass die Nachfrage nach den Ganztagsplätzen dann gleich so hoch sein würde, „hatten wir nicht erwartet“, so die Rektorin. Es gab und gibt eine Warteliste, und die Schule muss losen. 180 der 280 Schülerinnen und Schüler nehmen die Ganztagsangebote wahr.

„Wir haben an verschiedenen Schulen hospitiert, um uns Anregungen zu holen“, erinnert sich die Schulleiterin, „und mit Eltern und den Hortmitarbeiterinnen einen Pädagogischen Tag veranstaltet, an dem wir unsere Visionen besprachen.“ Das Hauptprinzip des von Hort und Schule gemeinsam erarbeiteten pädagogischen Konzepts ist die „Förderung eines jeden Kindes gemäß seinen Fähigkeiten“. 17 Lehrkräfte, eine Sozialpädagogin und Ganztagskoordinatorin der Schule, eine Sozialpädagogin der Stadt Kassel, fünf Horterzieherinnen und weiteres pädagogisches Personal der Schule wirken daran mit. „Wir haben auch beste Erfahrungen mit FSJ-lern und Berufspraktikanten gemacht“, berichtet Daniela Dietrich-Krug.

Die enge Kooperation mit dem Hort ist etwas Kassel-Spezifisches. „Am Anfang mussten wir wahnsinnig viel Arbeit in Besprechungen investieren, und ich bin ein Jahr lang wöchentlich zum Hort hochgepilgert, um die Zusammenarbeit zu intensivieren. Ich wollte signalisieren, dass wir ein Miteinander, kein Gegeneinander wollen“, erzählt die Rektorin. „Jetzt vernetzen wir uns immer mehr, und aus der offenen Arbeit des Horts, die deren Stärke ist, entstehen ganz viele Ideen.“

Individuell fördern im Unterricht

© Britta Hüning
Die Unterrichtsplanung orientiert sich am jeweiligen Entwicklungsstand der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers. Dieser wird durch detaillierte Beobachtungen der Arbeits- und Lernprozesse erfasst, dokumentiert und bewertet. Daraufhin gestalten die Lehrerinnen und Lehrer die Förderpläne der Kinder, die auch im Unterricht Anwendung finden. „Die individuellen Förderziele können unmittelbar und mit Hilfe des Arbeitsplans zeitnaher und effektiver umgesetzt werden. Die differenzierte Planung erstreckt sich über den ganzen Vormittag“, erläutert Daniela Dietrich-Krug.

In der Schule Schenkelsberg gibt es keine gleichen Klassenarbeiten mehr für eine Klasse, sondern auch hier hat das Kollegium Aufgaben für drei verschiedene Kompetenzstufen entwickelt. Jedes Kind kann versuchen, über die Grundstufe hinaus erweiterte Kompetenzen zu erreichen. „Wir scheren nicht mehr alle Schüler über einen Kamm“, betont die Schulleiterin, „und die Kinder wissen genau, was sie können müssen, um eine Drei oder etwas Besseres zu schreiben.“

Keine Hausaufgaben „Gott sei Dank!“

Die Schülerinnen und Schüler erhalten im Förderband ihre Arbeitspläne für Deutsch und Mathematik. „Wir wollen auch die Leistungsstarken fördern, die extra Materialien erhalten“, ergänzt die Diplom-Sozialpädagogin und Ganztagskoordinatorin Stefanie Mertes-Bojanowski. Die Schule hat zwei Jahre gespart, um für alle Klassen jeweils die gleichen Materialien zu erwerben, was die Orientierung für die Pädagoginnen und Pädagogen erleichtert. In der 1. Jahrgangsstufe erhalten die Lehrkräfte eine zusätzliche Wochenstunde, um mit geteilter Klasse von Anfang an intensiv die selbstständige Arbeit mit dem Plan und den Materialien einzuüben.

© Britta Hüning

Ein Schultag beginnt in der Schule Schenkelsberg um 7.30 Uhr mit einem offenen Anfang, dem um 8.00 Uhr das Förderband folgt. Von 8.30 bis 13.20 Uhr findet regulärer Unterricht statt. Neben Kurzpausen gibt es auch zwei 20 Minuten lange Bewegungspausen. Gestaffelt gehen die Schülerinnen und Schüler von 12 bis 14 Uhr in der Mensa essen. Von 12.00 Uhr bis 14.45 Uhr können offene Angebote und Arbeitsgemeinschaften gewählt werden, die Schule und Hort gemeinsam anbieten.

Hausaufgaben gibt es seit drei Jahren nicht mehr. „70 Prozent unserer Eltern meinen: Gott sei Dank!“, berichtet die Schulleiterin. Übung und Wiederholung sind in Unterricht und Förderband integriert worden. Von den Gymnasien komme die Rückmeldung, dass die Abgänger der Schenkelsberg-Schule dort gut zurecht kämen. Und überhaupt: „Die Sekundarstufe I schafft doch selbst immer häufiger Alternativen zu den Hausaufgaben.“

Bei fehlenden Hausaufgaben fühlen sich Eltern oft zu sehr vom Lernprozess ihrer Kinder abgekoppelt. In der Schule Schenkelsberg erhalten sie die Mappen ihrer Kinder, um nachvollziehen zu können, was diese jeweils gelernt haben. Außerdem bekommen die Eltern Jahrgangsbriefe, in denen steht, was die Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr lernen und was Eltern mit ihnen üben sollten. „Die Jahrgangsbriefe haben wir evaluiert“, erzählt Daniela Dietrich-Krug, „und wir befragen einmal im Jahr die Schüler und die Eltern nach ihrer Zufriedenheit.“

Schülerinnen und Schüler wählen AGs, nicht die Eltern

Ebenso wenig wie die Hausaufgaben findet sich an der Ganztagsgrundschule der alte Förderunterricht. „Wir haben alles in den Unterricht integriert und bieten die Förderangebote sozusagen versteckt in einzelnen Arbeitsgemeinschaften an“, erklärt Stefanie Mertes-Bojanowski. „So gibt es zum Beispiel das Lesecafé und die Sprachdetektive.“

Schule Schenkelsberg
© Britta Hüning

Daneben können die Schülerinnen und Schüler sich für die Knobel-AG, Schach, Musikangebote wie Flöte, Musical, Chor, Töpfern, Malen und Comic-AG oder die vielfältigsten Sport AGs von Basketball bis Fußball entscheiden, um nur einige zu nennen. Auch an Entspannung ist gedacht.

Die Angebote wählen die Kinder in der Schule, sie sollen „selbst entscheiden, was sie machen möchten, nicht die Eltern für sie zuhause“, betont die Ganztagskoordinatorin. „Wir fördern die Kinder durch ein ausgewogenes Verhältnis von offenen und verbindlichen Angeboten und stärken auch ihre Eigenverantwortung.“

Mehr Lernmotivation und mehr Arbeitszufriedenheit

Die Schule Schenkelsberg kann heute konstatieren, dass die seinerzeit beklagte extreme Leistungsschere Vergangenheit ist und dass sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler auf einem hohen Niveau mehr angeglichen haben. Zudem haben sich nach Einschätzung der Rektorin die Lernmotivation der Kinder und die Arbeitszufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen deutlich erhöht.

Schulleiterin Daniela Dietrich-Krug (links) und der GTS-Koordinatorin Stefanie Mertes-Bojanowksi© Redaktion www.ganztagsschulen.org

„Ja, unsere Lehrkräfte arbeiten mehr als früher, aber das machen sie gerne, denn es entspannt die Arbeit.“ Viermal im Monat trifft sich die Ganztags-Steuergruppe mit der Schulleitung, einmal monatlich kommt das pädagogische Team der Schule und des Horts zusammen. Absprachen zum Tagesablauf finden täglich nach der 4. Stunde statt. Eine Folge: Die Angst der Erzieherinnen, die offene Ganztagsschule könne dem Hort die Kinder wegnehmen, hat sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, der Hort ist Daniela Dietrich-Krug zufolge „wegen der Attraktivität des Bildungsangebots“ gefragter denn je.

Kategorien:  Schule vor Ort - Schulporträts

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