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Jahrbuch Ganztagsschule 2016

"Wie sozial ist die Ganztagsschule?" - dieser Frage geht das neue Jahrbuch Ganztagsschule 2016 nach. Es zeigt unterschiedliche Blickwinkel auf das Thema.

Cover des Jahrbuchs
© Debus Pädagogik Verlag

Das Jahrbuch Ganztagsschule bündelt seit 2003 immer wieder Diskussionsthemen rund um die Ganztagsschule. Praktikerinnen und Praktiker kommen zu Wort, es gibt Berichte aus den Bundesländern, die Forschung stellt Ergebnisse vor, und seit einigen Jahren wird unter einem neuen Herausgeberteam auch regelmäßig ein Blick in das Ausland geworfen.

Wer von dem aktuellen, gut 250 Seiten starken Jahrbuch ein Ergebnis erwartet, das besagt, die Ganztagsschule "ist sozial" oder "ist nicht sozial", sucht vergeblich. Zum Glück möchte man sagen. Denn die Autorinnen und Autoren des Jahrbuchs Ganztagsschule zeigen diesmal Bedingungen auf, unter denen Ganztagsschule sozial sein kann, sie richten den Scheinwerfer auf konkrete, praktische Beispiele, lassen die Wissenschaft zu Wort kommen und blicken auf die PISA-Aushängeschilder Dänemark und Schweden. Herausgeberinnen wie Autorinnen und Autoren tragen der Tatsache Rechnung, dass es auf die Frage "Wie sozial ist die Ganztagsschule?" keine allgemeingültige Antwort geben kann.

Ambivalenter Begriff "Gewaltprävention"

Sie ermöglichen den Leserinnen und Lesern damit, den eigenen Fokus auf die Inhalte zu richten, die ihnen wichtig sind. Ob Programme zur Gewaltprävention zur sozialen Ganztagsschule beitragen, analysiert etwa Robert Pechhacker in seinem Beitrag. Er macht deutlich, dass allein die Tatsache, dass an einer Ganztagsschule "Gewaltprävention" betrieben werde, den Schluss nahelege, dass der "Ganztag hauptsächlich die bildungsbenachteiligten Schüler_innen aus meist prekären Lebenslagen unter seine Fittiche nehmen soll und diese tendenziell gewaltbereiter sind". (S. 21)

© Britta Hüning

Er betont, dass dies nicht der Realität entspreche und kritisiert: "Dem Begriff Gewaltprävention liegt eine starke Defizitorientierung zugrunde. Das steht völlig im Gegensatz zu den angewandten Konzepten und Methoden in diesem Feld, die auf soziales Lernen, konstruktive Konfliktaustragung und die Ressourcen der beteiligten Personen setzen: Das Miteinander, das Zusammenleben und -arbeiten so zu gestalten, dass sich alle Beteiligten wohl und sicher fühlen können, damit sich eine Kultur der Anerkennung und Wertschätzung etablieren kann." (S. 21)

Genau dafür, möchte man hinzufügen, bieten Ganztagsschulen mehr Zeit und Raum. Und man kann, ohne, dass es der Autor formuliert, selbst die Schlussfolgerung ziehen: Ganztagsschule ist sozial, wenn sie sich dieses Aspekts bewusst ist, ihn im Schulalltag, im Denken und Handeln aufgreift und Gewaltprävention als Umgang mit Konflikten definiert.

Pausenengel verschließen die Augen vor Ungerechtigkeit nicht

Wer die eher theoretisch-analytischen Ausführungen des Diplom-Sozialpädagogen, der seit 2001 für die Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik e.V. / Institut für Gewaltprävention und demokratische Bildung in München, mit einem praxiserprobten Konzept von Gewaltprävention unterfüttern möchte, der sollte das Kapitel "Pausenengel" (S.139) von Martina Vogel aufschlagen.

Schülerinnen und Schüler auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Dort beschreibt die Schulseelsorgerin, Religions- und Montessori-Pädagogin, wie die Schülerinnen und Schüler der Fröbelschule in Aschaffenburg als Pausenengel eine äußere und innere Stärkung ihres Selbstwertgefühls erfahren. Und wie sie in ihrer Ausbildung und im späteren „Dienst“ auf dem Pausenhof Regeln zum fairen Umgang und zur Zivilcourage erlernen. Martina Vogel weiß: "Ein Pausenengelschüler verschließt nicht mehr die Augen vor Ungerechtigkeit, die ein Mitschüler von anderen Schülern erdulden muss, sondern er hat in sich Wege gefunden, entweder diesem Schüler direkt seine Hilfe und Unterstützung anzubieten oder er kennt Möglichkeiten, Hilfe von Menschen zu holen, die in einer solchen Situation helfen können." (S. 152) Fazit: 15 äußerst lesenswerte Seiten über ein nachahmenswertes Konzept.

Die Schlussfolgerung der Autorin spricht direkt den sozialen Umgang und sein Erlernen an. Ein Gesichtspunkt, der sich durch einige Ausführungen im Jahrbuch wie ein roter Faden hindurchzieht. Konkret: Soziale Ganztagsschule ist stets auch eine Schule guter sozialer Beziehungen.

Die Schule als soziale Arena

Sabine Maschke unterstreicht in ihrem Beitrag "Ist die Schule ein sicherer Ort?" die "kaum zu überschätzende Rolle" der Peers, der Gleichaltrigen für Kinder und Jugendliche. Für fast 80 Prozent von ihnen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren zählt es zu den positiven Seiten von Schule, dass sie dort ihre Freunde treffen. "Schule hat die Funktion einer sozialen Arena: hier trifft man sich, tauscht sich aus und bildet soziale Räume, in denen Peers unter sich sind. Eigenständige, unabhängige und, bezogen auf die schulische Ordnung, auch durchaus widerständige Wert- und Handlungsorientierungen werden aufgebaut", heißt es auf Seite 52.

© Britta Hüning

Die Erziehungswissenschaftlerin und Kindheitsforscherin von der Universität Marburg spricht aber auch ohne Tabu eine Schattenseite an: sexuelle Gewalt unter Kindern und Jugendlichen: "Allerdings können wir nicht immer von einer gelingenden, positiven und symmetrischen Sozialbeziehung unter Peers ausgehen; gerade die hohe Bedeutung der Peers lässt ahnen, welche Auswirkungen sexuelle Gewalt Peer to Peer für die Betroffenen hat." (S. 52)

Hier sieht Sabine Maschke die Ganztagsschulen in der Pflicht: "Ziel ist eine Schulkultur des gegenseitigen Respekts, die das Schulklima von einem sexuelle Übergriffe tolerierenden und normalisierende(n) hin zu einem Klima verändert, in dem sexuelle Übergriffe deutlich abgelehnt und auch geahndet werden. Eine Aufgabe, die sich in der Ganztagsschule im Unterricht wie in den außerunterrichtlichen Angeboten stellt." (S. 62-63)

Offene Gesellschaft und Inklusion

Man könnte als Rezensent dieses Buches nahezu jedes Kapitel aufgreifen. Sie alle liefern spannende Aspekte. Der Psychologe und Hochschullehrer Manfred Baberg widmet sich dem Thema "Gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen von Inklusion". In einem Teil seiner Ausführungen geht er der Frage nach, wie eine Gesellschaft aussehen muss, in der alle Menschen unabhängig von möglichen körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen wie von ihrer sozialen, kulturellen oder religiösen Zugehörigkeit gleiche Partizipations- und Entwicklungsmöglichkeiten haben.

Schüler auf dem Schulhof
© Britta Hüning

Dabei will der die Gefährdung einer solchen inklusiven Gesellschaft durch zunehmende soziale Ungleichheit aufzeigen. Er untersucht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und benennt als Voraussetzung für eine Umsetzung von Inklusion eine "’Offene Gesellschaft’, die eine Individualisierung und Pluralisierung von Lebensformen und Lebensentwürfen zulässt. Soziale Gleichheit ist ein wesentliches Merkmal dieser Gesellschaft" (S. 90).

Dass die offene Gesellschaft durch zunehmende soziale Ungleichheit gefährdet ist, wird den Leserinnen und Lesern anschaulich vor Augen geführt. Mit Blick auf die Ganztagsschulen kommt der Autor zu der Erkenntnis, dass diese wegen der Verfügbarkeit sozialpädagogischer Kompetenz günstiger als Halbtagsschulen sind, wenn es darum geht, Strukturen in der Schule so zu organisieren, dass sie dem Leitbild von Inklusion möglichst optimal entsprechen. Das wiederum reduziert soziale Ungleichheit und die Gefährdungen in der offenen Gesellschaft.

Lektüre empfohlen

Das Jahrbuch Ganztagsschule 2016 bietet eine Vielfalt von Fragestellungen zum Thema "Wie sozial ist die Ganztagsschule?", mit und ohne Antworten. Leserinnen und Leser können sich ihr eigenes Urteil bilden, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen. Es bietet in der Tradition des Jahrbuchs eine gute Abwechslung von Theorie und Praxis. Und es beinhaltet eine schier unerschöpfliche Sammlung von Literaturhinweisen, die zum Vertiefen von Inhalten anregen. Wo viel Licht ist, ist natürlich auch etwas Schatten. Mitunter wird Wissen zum Thema Ganztag transportiert, das vielen sicher schon vertraut ist. Einige Abbildungen könnten das doch recht schriftlastige Jahrbuch leserfreundlich auflockern. Aber auch diese kleinen Schwächen können das Fazit nicht trüben, das da lautet: Lektüre empfohlen.

Sabine Maschke, Gunild Schulz-Gade, Ludwig Stecher (Hrsg.): Jahrbuch Ganztagsschule 2016: Wie sozial ist die Ganztagsschule? Schwalbach/Ts.: Debus Pädagogik Verlag.

Aus dem Inhaltsverzeichnis:

Leitthema:

  • Sabine Toppe: Ganztagsschule im Spannungsfeld von sozial-, bildungs- und kinderpolitischen Anforderungen
  • Robert Pechhacker: Gewaltprävention im Ganztag
  • Christine Steiner: Neue Schule, alte Hürden? Ausbaustrategien, Inanspruchnahme und Einschätzungen schulischer Ganztagsangebote
  • Natalie Fischer, Hans Peter Kuhn & Amina Fraij: Soziales Lernen in der Ganztagsschule
  • Sabine Maschke: Ist die Schule ein sicherer Ort? Sexuelle Gewalt unter SchülerInnen
     

Grundlagen

  • Oggi Enderlein: Ganztagsschule im Interesse der Kinder
  • Egon Tegge: Hilfe aus einer Hand – Psychotherapie in der Ganztagsschule
  • Manfred Baberg: Gesellschaftliche und institutionelle Rahmenbedingungen von Inklusion
     

Wissenschaft

  • Elke Kaufmann: Die Gestaltung von Übungs- und Lernzeiten in der (Ganztags-)Schule
  • Regina Soremski: Betreute Freizeit in der Ganztagsschule – ist das noch jugendgerecht?
  • Ulrike Stadler-Altmann: Den Lernort Ganztagsschule – baulich – gestalten
     

Praxis

  • Martina Vogel: Einsatz des Projektes „Pausenengel“ in der Ganztagsschule
  • Angelika Knies: Kein Kind geht verloren
  • Sophie Narr: DER DIE DAS. Ein Dokumentarfilm vom Kampf um Anpassung und Leistung
  • Helga Neudert: Ehrenamtliche in Ganztagsschulen einbinden?
     

Berichte aus den Bundesländern

  • Hajo Sygusch: Ganztagsschulentwicklung in Bremen
  • Katrin Hanelt: Teilhabe von Schülerinnen und Schülern an Schulentwicklungsprozessen auf der Basis des Index für Inklusion am Beispiel von Sachsen-Anhalt

Ausland

  • Lars Holm: Die dänischen Ganztagsschulen – Hintergründe und zentrale Diskurse
  • Johannes Möhler: „Die kleine in der großen Schule“ – Impulse aus Schweden für die Ganztagsschule

Rezensionen

  • Johanna M. Gaiser: Dollinger, Silvia (2014): Ganztagsschule neu gestalten. Bausteine für die Schulpraxis
  • Andrea Richter: Ahmet Derecik (2015): Praxisbuch Schulfreiraum. Gestaltung von Bewegungs- und Ruheräumen an Schulen
     

Kategorien:  Service - Tipps - Buchbesprechungen

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