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„Jedes dritte Ganztagsangebot ist ein Sportangebot“

Der 3. Kinder- und Jugendsportbericht fragt unter anderem, wie viel Sport Kinder heute treiben und ob der Ganztag die Mitgliedschaft im Sportverein beeinträchtigt. Ein Interview mit dem Sportwissenschaftler Prof. Dr. Nils Neuber.

Online-Redaktion: Sie sind Sportwissenschaftler und forschen seit Jahren auch zum Thema Bewegung und Sport in der Ganztagsschule. Sie sind Mitherausgeber des 3. Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts, über den derzeit viel gesprochen wird. Seit wann gibt es den Kinder- und Jugendsportbericht und was sind seine Ziele?

Prof. Dr. Nils Neuber© Nils Eden, Medienlabor IfS

Prof. Dr. Nils Neuber: Der erste Deutsche Kinder- und Jugendsportbericht wurde 2003 veröffentlicht. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gibt ihn in loser Folge in Auftrag. Professor Werner Schmidt von der Universität Duisburg-Essen koordiniert den Bericht. Das zentrale Ziel besteht darin, den aktuellen Wissensstand zum Kinder- und Jugendsport jeweils unter einer bestimmten Perspektive zusammenzutragen. Der zweite Kinder- und Jugendsportbericht von 2008 hatte beispielsweise den Sport im Kindesalter als Schwerpunkthema.

Online-Redaktion: Wer erarbeitet den Bericht?

Neuber: Der Kinder- und Jugendsportbericht wird in Form eines Sammelbands vorgelegt. Am aktuellen Bericht haben rund 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an 25 Teilkapiteln gearbeitet. Das Herausgeberkonsortium wird von der Krupp-Stiftung bestellt. Neben Werner Schmidt waren das diesmal Prof. Hans Peter Brandl-Bredenbeck vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Augsburg, Prof. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln, der auch die Sportentwicklungsberichte mit herausgibt, Prof. Thomas Rauschenbach vom Deutschen Jugendinstitut München, Dr. Jessica Süßenbach von der Universität Duisburg-Essen und ich. Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge werden dann von den Herausgebern eingeladen.

Online-Redaktion: Welche Schwerpunkte standen im Mittelpunkt des diesjährigen Berichts?

Schülerinnen beim Fußball
© Britta Hüning

Neuber: Der aktuelle Bericht hat den Untertitel „Kinder- und Jugendsport im Umbruch“. Ausgangspunkt unseres Konzepts war die Frage, inwiefern sich der Kinder- und Jugendsport vor dem Hintergrund des sozialen Wandelns ändern muss. Demografischer Wandel, Verlängerung des Schultages oder die Verstetigung sozialer Ungleichheiten – um nur einige zentrale Marker zu nennen – bleiben nicht ohne Auswirkungen auf den Sport. So gibt es zum Beispiel in Teamsportarten wie Handball oder Fußball zunehmend Probleme, genug Mitspieler und -spielerinnen für den Spielbetrieb zu finden – und das nicht nur in dünn besiedelten Gebieten Ostdeutschlands, sondern etwa auch bei uns im kinderreichen Münsterland.

Online-Redaktion: Ging Ihr Engagement am Bericht über die Mit-Herausgeberschaft hinaus?

Neuber: Mit meinen Mitarbeitern habe ich zwei Beiträge beigesteuert. In einem Beitrag ging es um das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in modernen Gesellschaften. Der zweite Beitrag beschäftigte sich mit dem Sport im Ganztag.
 
Online-Redaktion: Ein Blick in den Bericht zeigt, dass unter anderem beobachtet wurde, wie sich der Ganztag auf die Mitgliedschaft in Sportvereinen auswirkt. Haben früher mehr Kinder- und Jugendliche im Verein Sport getrieben?

© Britta Hüning

Neuber: Nein. Die Bindungsraten von Sportvereinen sind, vor allem im Kindesalter, nach wie vor hoch. In der Altersgruppe der 7- bis 14-Jährigen sind rund 83 Prozent der Jungen und 62 Prozent der Mädchen Mitglied in einem Sportverein. Die Argumentation, dass Kinder heute weniger Sport treiben würden, weil sie jetzt länger in der Schule sind, greift aber ohnehin zu kurz – viele Kinder bekommen erst durch den Ganztag ausreichende Anregungen, sich zu bewegen. Das gilt in besonderem Maße für Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die ansonsten kaum Mitglied eines Sportvereins wären.
 
Online-Redaktion: Was sagen wissenschaftliche Studien jenseits des nun vorgestellten Berichts zum Sporttreiben von Kindern und Jugendlichen konkret?

Neuber: Im Rahmen der StEG-Studien gibt es einen Befund aus dem Jahr 2011, der darauf hindeutete, dass Ganztagsschülerinnen und -schüler weniger häufig im Sportverein aktiv sind als Halbtagsschülerinnen und -schüler. Zählt man allerdings die Sportaktivitäten im Ganztag hinzu, so liegt ihr Aktivitätsniveau schon höher als bei den Halbtagsschülern.

Alle anderen Studien kommen in der Tendenz ohnehin zu gegenläufigen Befunden: Danach sind Ganztagsschülerinnen und -schüler nicht nur sportlich aktiver, sondern auch häufiger Mitglied eines Sportvereins. Dieser Trend lässt sich auch auf G8-Schülerinnen und -schüler übertragen. Offensichtlich führt die zeitliche Verdichtung des Schultages dazu, dass sich Kinder und Jugendliche bewusst Nischen für sportliches, auch für vereinssportliches Engagement suchen.

Online-Redaktion: Sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Sport in Ganztagsschulen ausreichend und aussagekräftig?

Schüler beim Volleyball
© Britta Hüning

Neuber: Nein, das kann man nicht sagen. Mittlerweile gibt es rund 15 sportbezogene Ganztagsstudien, die allerdings alle länderspezifisch sind und kaum systematisch verglichen werden können. Dazu ist ihre methodische Anlage zu unterschiedlich. Außerdem wissen wir zwar einiges über die Verbreitung von Sportangeboten und die Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen, wir wissen aber so gut wie nichts über die jeweilige Zielsetzung, die pädagogischen Inszenierungen und die Wirkung von Sportangeboten im Ganztag. Auch die Perspektive der Kinder und Jugendlichen wurde bislang kaum untersucht – dabei ist das die Hauptzielgruppe der Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Der Ganztag ist in der Schule angekommen, der Sport im Ganztag auch?

Neuber: Auf jeden Fall. Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote finden sich fast zu 100 Prozent in Ganztagsschulen, unabhängig davon, ob es sich um eine offene, teilgebundene oder gebundene Ganztagsform handelt. Etwa jedes dritte Ganztagsangebot ist ein Sportangebot und über die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler nehmen regelmäßig an sportlichen Aktivitäten im Ganztag teil. Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote gehören zum Kernbestand der Ganztagsschule.

Online-Redaktion: Gibt es Unterschiede zwischen kleinen, mittleren und großen Vereinen?

Neuber: Ja. Die großen Sportvereine sind eindeutig die Gewinner der Ganztagsschulentwicklung. Mit hauptberuflichem Personal gelingt es ihnen oft, systematische Sportangebote im Ganztag anzubieten. Bei den kleinen und mittleren Vereinen sieht das schon schwieriger aus, vor allem, wenn sie kein hauptberufliches Personal haben.

Hier sollten die Überlegungen zur Zusammenarbeit in der lokalen und regionalen Bildungslandschaft intensiviert werden, auch für und mit dem Sport. Dazu müssen alle Akteure allerdings anerkennen, dass die Sportangebote tatsächlich Bildungsangebote sind.

Online-Redaktion: Wie steht es um die Qualität der Sportangebote im Ganztag?

Neuber: Sportangebote sind in aller Regel beliebt, das kann man schon sagen. Außerdem gibt es erfreuliche Befunde zur Qualifikation der pädagogischen Fachkräfte, die Bewegungsangebote im Ganztag unterbreiten. Die meisten Fachkräfte verfügen zumindest über eine Übungsleiterlizenz.

© Meyer & Meyer Verlag

Viel mehr wissen wir aber nicht. Wir wissen zum Beispiel wenig darüber, ob die Angebote die Kinder- und Jugendlichen auch individuell fördern. Wir wissen wenig darüber, ob die Angebote partizipativ angelegt sind – was sie im Freizeitbereich unbedingt sein sollten. Und wir wissen zu wenig darüber, welche Weiterbildungsangebote sich Fachkräfte für den Sport im Ganztag wünschen – und welche sie brauchen, um ihre Arbeit wirklich zielgerichtet leisten zu können.

Online-Redaktion: Was raten Sie Ganztagsschulen und Vereinen?

Neuber: Redet miteinander! Kommunikation ist das A und O einer gelingenden Kooperation. Dabei geht es zum einen um verlässliche Kommunikationsstrukturen, zum anderen aber auch um klar fixierte Absprachen. Außerdem braucht die Zusammenarbeit oft einen langen Atem. Die Systeme haben lange Zeit nebeneinanderher gearbeitet, da kann die Zusammenarbeit nicht über Nacht gelingen. Letztlich ist die Politik gefragt, dafür die erforderlichen Rahmenbedingungen zu schaffen.

Zur Person:

Prof. Dr. Nils Neuber ist Sprecher des Centrums für Bildungsforschung im Sport (CeBiS) an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster und leitet den Arbeitsbereich „Bildung und Unterricht im Sport“ am Institut für Sportwissenschaft der WWU. Zusammen mit Prof. Roland Naul hat er von 2007 - 2010 die Forschungsgruppe SpOGATA der Universität Duisburg-Essen, des Willibald Gebhardt Instituts und der WWU „Evaluation des BeSS-Angebotes an offenen Ganztagsschulen im Primarbereich in seinen Auswirkungen auf die Angebote und Struktur von Sportvereinen, Koordinierungsstellen und die Ganztagsförderung des Landessportbundes NRW in Nordrhein-Westfalen“ geleitet.

Veröffentlichungen

Forschungsgruppe SpoGATA (Hrsg.). (2015). Evaluation der Bewegungs-, Spiel- und Sportangebote an Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen. Aachen: Meyer & Meyer.

Derecik, Ahmet, Nils Kaufmann & Nils Neuber (2013). Partizipation in der offenen Ganztagsschule. Pädagogische Grundlagen und empirische Befunde zu Bewegungs-, Spiel- und Sportangeboten. Reihe Bildung und Sport. Wiesbaden: Springer VS.

Krüger, Michael & Nils Neuber (Hrsg.). Bildung im Sport. Wiesbaden: Springer VS.
Neuber, Nils (Hrsg.). Informelles Lernen im Sport. Wiesbaden: Springer VS.

Kategorien:  Forschung - Interviews

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