50 Jahre Europa - 12 Jahre COMENIUS: Während die Bundesstadt Bonn mit Oberbürgermeisterin Bärbel Diekmann den 50. Jahrestag Europas feierte, gab es einen Info-Pavillon für Schülerinnen und Schüler, einen Schülergipfel als Kletterwand und die Chance, die Europaabgeordneten Ruth Hieronymi und Alexander Graf Lambsdorff über Europa und die Bedeutung von Schüleraustauschprogrammen zu befragen. Die Seele Europas - da sind sich die meisten einig - wird auch durch das Bildungsprogramm COMENIUS und durch Netzwerke international aktiver Ganztagsschulen entdeckt.
Wer die Seele Europas sucht, wendet sich am besten an die jungen Menschen und Familien in den Städten vor Ort. Das kann beispielsweise in Litauen der Fall sein: Als die Kinder einer deutschen Grundschule durch einen Schüleraustausch der bedrückenden Armut in diesem baltischen EU-Staat begegneten, veranstalteten sie zuhause eine Wohltätigkeitsaktion, deren Erlös sie Menschen in Litauen zukommen ließen.
"Es ist erstaunlich wie Grundschulen es schaffen, Europa nahe zu bringen", weiß Renate Heinen von der Nationalen Agentur des Pädagogischen Austauschdienstes der Kultusministerkonferenz über die ermutigenden Erfahrungen einer Mutter zu berichten.
Das Herz Europas wird durch europaweite Begegnungen gestärkt, durch Städtepartnerschaften, Schüleraustauschprogramme oder durch europäische Netze von Schulen. Hier wird bereits der Keim gelegt für das lebenslange Lernen und für die Fähigkeit, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen in einen Dialog einzutreten. "Jeder noch so kleine Schüleraustausch weckt die Wissbegierde und öffnet die Herzen der jungen Menschen für die Begegnung mit fremden Kulturen", sagt Carola Lakotta-Just, Landesfachbetreuerin Europa im Bildungswesen des Landes Sachsen-Anhalt.
Europa wächst in den Städten zusammen
Doch allzu oft werde die Europaeuphorie neu beitretender Mitgliedstaaten durch Europamüdigkeit abgelöst, meint Heinen. Europas Kopf, also die Europäische Kommission in Brüssel, sei für viele nach wie vor zu bürgerfern und bürokratisch: "Man versteht die weit verbreitete Europamüdigkeit, weil wichtige Entscheidungen über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger hinweg gefällt werden", fügt Heinen hinzu.
Dieses Europa, dessen geographische Außenpunkte sich wie ein Dreieck zwischen Portugal, Schweden und Zypern erstrecken, kann nur über größeren Zusammenhalt zwischen den Menschen seine Seele finden. Dazu sind auch Ganztagsschulen prädestiniert, die Europa im Unterricht oder in Projekten sowie in Städtepartnerschaften intensiv leben. Europa öffnet sich - Lakotta-Just zufolge - gerade den Kindern in der Grundschule, sofern deren Sinne und Emotionen angesprochen werden. Dies geschehe insbesondere über die Gastlichkeit, die die Kinder am liebsten gleich erwidern möchten.
Sicher ist: Europa wächst künftig in den Städten zusammen. "Europa ist Berlin, Düsseldorf oder Bonn. Ganz viele machen da mit: Europa sind wir alle". Zum Auftakt des Europatages am 5. Mai 2007 in Bonn traf Oberbürgermeisterin Bärbel Diekmann bereits den Kern des Problems. Wenn Europa nicht nur zwischenstaatliche Grenzen überwinden und den Binnenmarkt erweitern will, muss es die Menschen erreichen, die in den mittlerweile 27 EU-Staaten ihr Auskommen gestalten. Die Zukunft Europas liegt auch für Barbara Gessler in den Kommunen. Die Leiterin der Vertretung der Europäischen Kommission in Bonn meint hierzu: "Die Städte spielen eine immer größer werdende Rolle im europäischen Konzert."
Wie die Jugend Lust auf Europa bekommt
Die Zeichen der Zeit haben viele Abgeordnete der Europäischen Union offenbar erkannt. So war die Europaabgeordnete Ruth Hieronymi während einer Diskussion mit Schülerinnen und Schülern in Bonn der Meinung, dass über die Städtepartnerschaften etwas "Tolles" und Weitreichendes passiert sei: "COMENIUS fördert nicht nur den Schüleraustausch, es lässt Europa zusammenwachsen." Es müsse allerdings mit den Finanzministern in der EU über einen Ausbau der Programme gerungen werden. Hieronymi fügte hinzu: "Die Menschen müssen wissen, wie Brüssel funktioniert, auch dafür arbeiten wir im Europäischen Parlament."
Vom Segen des Schüleraustausches als Baustein lebenslangen Lernens wusste auch der Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff ein Lied zu singen: "Mit 14 Jahren war ich Austauschschüler in Toulouse und diese Erfahrung hat mich europäisiert." Damals habe es COMENIUS allerdings noch nicht gegeben. Der Nutzen dieses Schüleraustausches sei im täglichen Berufsleben erfahrbar: "Im Europäischen Parlament und unter Kollegen sprechen wir Englisch und Französisch: super!", so der Neffe des ehemaligen FDP-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsministers Otto Graf Lambsdorff.
COMENIUS und das lebenslange Lernen
Was leistet COMENIUS? Es ist das zentrale Bildungsprogramm der Europäischen Union, um Schulpartnerschaften in den europäischen Staaten zu stiften. Sein Name leitet sich von dem tschechischen Pädagogen und Philosophen Johann Amos Comenius (1592-1670) ab, der im Dreißigjährigen Krieg das ganzheitliche Lernen vom Kind aus begründete. Das europäische Programm COMENIUS fördert die Mobilität von Schülerinnen und Schülern sowie der Lehrkräfte.
Ziel ist eine einheitliche europäische Union, also das Zusammenwachsen Europas zwischen den Menschen, mehr Bildungsbeteiligung und die Stärkung demokratischer Verantwortungsbereitschaft innerhalb Europas. Seit neuestem aber - so Renate Heinen - gibt es ein einheitliches Dach für die vier zentralen Bildungsprogramme der Europäischen Union, in dem COMENIUS ein tragender Pfeiler ist. Der Grundgedanke des Lebenslangen Lernens besteht in der Verzahnung bisher unverbundener Bildungsbereiche wie Vorschulbildung, schulische Bildung, Berufsbildung, Hochschulbildung sowie allgemeine und berufliche Bildung zu einem aufeinander aufbauenden und vor allem durchlässigen Gesamtsystem (Quelle: Homepage des BMBF).
Vier Säulen bilden das neue Programm, das zwischen 2007 und 2013 insgesamt sieben Milliarden Euro investiert: COMENIUS (Schulbildung), ERASMUS (Hochschulbildung), LEONARDO DA VINCI (Berufliche Bildung) und GRUNDTVIG (Erwachsenenbildung). "Alle Projekte im Programm für lebenslanges Lernen, auch COMENIUS-Schulpartnerschaften, müssen jetzt von Anfang an einen Plan für die Verbreitung und Nutzung ihrer Ergebnisse beinhalten", ist im PAD aktuell vom April 2007 zu lesen.
Insbesondere Eltern interessierten sich am 5. Mai während der Europatages der Bundesstadt Bonn für die Möglichkeiten, die COMENIUS ihren Kindern durch einen Schüleraustausch bietet. Sie wollten darüber hinaus in Erfahrung bringen, was sich hinter dem Programm verbirgt. Ab 2007 bietet COMENIUS Schulpartnerschaften, an denen mindestens drei Schulen aus drei verschiedenen EU-Staaten teilnehmen (Multilaterale Schulpartnerschaften) sowie Schulpartnerschaften mit gegenseitigem Schüleraustausch zur Förderung der Fremdsprachen für Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahren (Bilaterale Schulpartnerschaften).
Unersetzlich sind Schulpartnerschaften für die Europaschulen des Landes Sachsen-Anhalt: "COMENIUS ist ein Paradebeispiel für ganzheitliche und ganztägige Angebote an junge Menschen", so Lakotta-Just, die seit über zehn Jahren die Schulpartnerschaften landesweit koordiniert. Diese verbinden Kopf und Herz der Schülerinnen und Schüler. Das Grundgefühl vieler Kinder und Jugendlicher, die an Schulpartnerschaften teilnehmen, beschreibt die Biologie- und Chemielehrerin so: "Sie fahren mit einer gewissen Unsicherheit zu Menschen, die sie nicht kennen, kommen aber nach dem Austausch wie verwandelt wieder zurück: "Kinder, die zuvor skeptisch waren, sind begeistert von der Gastlichkeit und werden sehr hilfsbereit." Auf den Erweiterungsprozess der Europäischen Union geben die Multilateralen Schulpartnerschaften im Rahmen von COMENIUS die angemessene Antwort.
In Sachen Europa gibt es in Sachsen-Anhalt vielfältige Initiativen. So gibt es ein Netzwerk aus mittlerweile 16 Europaschulen, darunter Schulen, die aus Mitteln des IZBB gefördert werden: "COMENIUS und das IZBB passen hervorragend zusammen", weiß Dr. Uwe Birkholz vom Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt. Das liege daran, dass internationale Schulpartnerschaften mit sehr viel Arbeit und Zeitaufwand verbunden seien. Zentral seien aber die Öffnung der Ganztagsschulen in das kommunale Umfeld und die Öffnung nach Europa: "Dort stellt man sich dem Vergleich und der Herausforderung durch andere Schulsysteme", so Birkholz weiter. Deshalb sieht er in den Europaschulen auch das Flagschiff des Landes zur Förderung internationaler Projekte.
Schulnetzwerke im Bund und Land
Die Europaschulen, die am 11. Mai 2007 ihr zehnjähriges Bestehen feiern, wären für die Landeskoordinatorin des Netzwerkes Europaschulen Lakotta-Just ohne COMENIUS nicht denkbar. Doch Schulen mit europäischen Profil fallen nicht vom Himmel, schließlich erfordere es eine mehrjährige Vorbereitung, um die Grundpfeiler ihrer Arbeit zu errichten: angefangen von der Schulprogrammarbeit, dem Erarbeiten eines europäischen Schulprofils, zum Entwickeln von spezifischen Leitbildern bis hin zum Aufbau und Pflegen der Schulpartnerschaften.
Da die Europaschulen als Leuchtturmprojekte verstanden werden, möchte das Kultusministerium sie in den nächsten Jahren finanziell weiter fördern. Dem Ministerium ist ferner daran gelegen, dass die Arbeit der Europaschulen im Rahmen von COMENIUS auf das kommunale Umfeld und die Schulträgerlandschaft ausstrahlt.
Sachsen-Anhalt setzt deutliche Akzente für Europa. Auf Initiative des Landes wurde 2004 das Bundes-Netzwerk-Europaschulen e.V. gegründet, dessen Vorsitz Carola Lakotta-Just momentan innehat. Es möchte bundesweite Kriterien einführen, die Schulen erst dazu berechtigen, sich Europaschule zu nennen. In einer länderoffenen Arbeitsgruppe möchte Sachsen-Anhalt erreichen, dass eine Verständigung darüber erfolgt, nach welchen Kriterien künftig der Titel Europaschule vergeben wird.
Sachsen-Anhalt in Europa
Eigene Brücken nach Europa können die Länder über Regionalpartnerschaften errichten. Weit vorangeschritten ist bereits die Kooperation mit der französischen Region Centre in Frankreich. So gibt es bereits konkrete Kooperationen mit der Verwaltung und der Schule über die Academie Orleans-Tours: "Wir orientieren uns daran, was dabei für die Schulen und die Lehrkräfte herauskommt", erläutert Uwe Birkholz die Absichten des Kultusministeriums. Diese Form der Zusammenarbeit soll bereits im September mit einer gemeinsamen Erklärung zur Zusammenarbeit im Bildungsbereich gekrönt werden, wenn Kultusminister Prof. Jan-Hendrik Olbertz in Frankreich das Abkommen unterzeichnet. Eine vergleichbare, systematische Regionalpartnerschaft, die die Schulpartnerschaften, den Schüler- und Lehreraustausch sowie den Erfahrungsaustausch fördert, plant Sachsen-Anhalt mit der Region Masowien in Polen.
"Die Polen sind unglaublich gastlich", weiß Lakotta-Just aus eigener Erfahrung. Sie habe immer wieder erlebt, dass die Schulpartnerschaften über die eigenen Kinder hinaus Freundschaften und Zusammenhänge stiften: "Das erfasst ganze Familienkreise, die sich in der Datscha treffen oder vor Ort in Sachsen-Anhalt besuchen." COMENIUS lässt nicht bloß Europas Seele aufleben, es ist längst eine Quelle lebenslangen Lernens zwischen den Generationen geworden.
Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 14.05.2007
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