"Nichts fürchtet der Mensch mehr als Berührung durch Unbekanntes." Vor vier Jahrzehnten formulierte Literaturnobelpreisträger Elias Canetti in seinem Werk "Masse und Macht" eine Erkenntnis, die nun, in Zeiten der Globalisierung, noch aktueller geworden ist: Menschen müssen lernen, die Furcht vor unbekannten Welten zu überwinden.
Wo sollte dies beginnen? In der Familie? In Kindergarten, Schule und Ausbildung? Auf Kongressen? Oft ist es im Arbeitsleben schon zu spät: "Es gehört viel Kraft dazu, die institutionellen Grenzen zu überschreiten", sagte Willi Ungeheuer auf der Bundeskonferenz in Berlin. "Gruppen", so der Personalrat der Stadt Köln, "haben die Gewohnheit, sich früh abzukapseln." Man müsse neue Wege gehen - und die sind oft "sehr personenbezogen".
Fremde Welten berühren
Betrachtete man das Geschehen in den Hallen des dbb forums Berlin genauer, war der Eindruck gleichermaßen überraschend und ermutigend. Im Laufe der Veranstaltung stimmten sich die Teilnehmer des Kongresses auf einen Dialog ein, indem sie fortwährend fremdes Territorium berührten: Lehrerinnen entdeckten in Gesprächen die unbekannten Welten von Sozialarbeitern und vice versa. ,Pauker' hörten den Schülervertretern zu - und staunten über die aufgeweckten und engagierten Jugendlichen. Genau dafür war der Kongress gedacht: als "Zukunftsprojekt" einer bundesweiten Begegnung der unterschiedlichen Welten - Schule und Jugendhilfe.
Und diese Zukunft braucht Raum und Zeit. Wo diese beginnt, erschließen sich bessere Perspektiven für junge Menschen. Die Arbeitsgemeinschaft 5 "Individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen" zog nicht nur auffällig viele Teilnehmer an, sie zeigte auch, dass klare Analysen der Realitäten und das Aufzeigen von erweiterten Handlungsmustern in Schule und Jugendhilfe zusammengehören.
Armutszyklen unterbrechen
Prof. Wolfgang Edelstein begründete die Notwendigkeit von Ganztagsschulen in einem größeren gesellschaftlichen und globalen Zusammenhang. Für den Bildungsexperten vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung sind Ganztagsschulen ein "wichtiger Schritt zu einer individuellen Förderung der Kinder". Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Armut infolge von Globalisierungskrise und Transformation der Arbeit, ermögliche die Ganztagsschule pädagogische Strategien, um situatives Lernen und Projektlernen zu fördern. "Komprimierte Halbtagsschulen entsprechen der Mittelschicht", sagte Edelstein.
Also jenen Familienmilieus, in denen die Eltern durch anregende Nachmittags- und Freizeitgestaltung privat die "ganztägige Bildung" ihrer Kinder organisieren. Anregungsarme Milieus hingegen, so Edelstein, trügen große Risiken der sozialen Deprivation oder der Ghettobildung. Migrantenkinder sind dabei besonders von Armut betroffen: "Es bedarf der schulischen Unterbrechung", sagte Edelstein. Rhythmisierung sei dafür eine "entgegenkommende Struktur". Der Bildungsexperte fügte als These hinzu: "Ganztagsschulen können den Armutszyklus unterbrechen."



