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Gabriele Bellenberg: "Individuelle Förderung braucht Unterstützung"

Der Erfolg individueller Förderung kann nach Ansicht der Geschäftsführenden Direktorin des Instituts für Erziehungswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum, Prof. Dr. Gabriele Bellenberg, nur mit Forschung bzw. Selbstevaluation der Schulen ermittelt werden. Wertvolle Daten erhoffen sie und ihre Kollegen sich dabei auch vom Nationalen Bildungspanel.



Prof. Gabriele Bellenberg (Bild: privat) 

Online-Redaktion: Was hat man in Deutschland getan, um die Durchlässigkeit des Schulsystems zu erhöhen?

Gabriele Bellenberg: Historisch war der erste Schritt 1920/21 die Entwicklung der Grundschule. Seitdem entscheidet Leistung, auf welche weiterführende Schule ein Kind wechselt. Es folgte 1964 die zeitliche Angleichung der Bildungsgänge in der Sekundarstufe I. Ohne sie wäre es nicht möglich, beispielsweise von der Haupt- oder Realschule in eine gymnasiale Oberstufe zu wechseln. Und schließlich mussten die Curricula der Sekundarstufe II angeglichen werden, das geschah in den 1970er Jahren.

Online-Redaktion: Waren die von Ihnen beschriebenen Angleichungen von Erfolg gekrönt?

Bellenberg: Ich kenne keine Forschung, die uns auf diese Frage eine umfassende Antwort gibt. Insgesamt dominieren in der Sekundarstufe I die Abstiege gegenüber den Aufstiegen.
Grundsätzlich aber stellt sich mir auch die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, im Laufe der Sekundarstufe I, beispielsweise nach Klasse 6, zu wechseln. Ich habe da meine Zweifel.

Online-Redaktion: Warum?

Bellenberg: Aus Elternsicht wäre doch die Vorstellung, dass das eigene Kind die gesamte Sekundarstufe I auf einer anspruchsvollen Schule verbringt, an die sich anschließend eine Wechseloption in die Oberstufe einer zum Abitur führenden Schulform anschließt, pädagogisch sehr angenehm. Schließlich gehen mit einem Schulformwechsel auch immer Bezugsgruppen verloren.

Online Redaktion: Wie wirkt sich dieser Versuch, Durchlässigkeit zu erhöhen, auf den Unterricht aus?

Bellenberg: Ich nenne ein Beispiel. Seit der Einführung des G-8 beginnt nicht nur am Gymnasium, sondern auch an den anderen Schulformen die zweite Fremdsprache in der 6. Jahrgangsstufe. Andernfalls würde daran schon ein Wechsel scheitern. Aber die Frage der Aufstiegsdurchlässigkeit kommt schnell an ihre Grenzen: Ein Hauptschullehrer, der an der Aufwärtsförderung seiner Schüler interessiert ist, muss sich fragen: Ist dieser Schüler geeignet, an einer Realschule oder einem Gymnasium zu lernen? Wenn er diese Frage bejaht, dann muss er sich unmittelbar im Anschluss die Frage stellen, was der Weggang eines leistungsstarken Schülers für seine Restklasse bedeutet.

Online-Redaktion: Durchlässigkeit also doch ein Buch mit sieben Siegeln?

Bellenberg: Die Frage der pädagogischen Beurteilung von Durchlässigkeit ist wissenschaftlich wirklich schwer zu beantworten. Günstiger wäre ein Schulsystem, das während der Pflichtschulzeit alle Bildungsoptionen auf einen hochwertigen Schulabschluss auch faktisch offen lässt. Zehn Bundesländer setzen derzeit schon auf Zweigliedrigkeit von Gymnasium und einer integrierten Schulform. Aber auch Zweigliedrigkeit ist Mehrgliedrigkeit. Und so bleibt es dabei, dass der Wechsel von der integrierten Schule zum Gymnasium mit Leistungsanforderungen verknüpft ist. Forschung zu der Frage, ob die integrierten Schulen erfolgreich den Weg zum Abitur auch in solchen Schulsystemen öffnen, wäre hier sehr hilfreich.

Online-Redaktion: In den meisten Bundesländern sollen Klassenwiederholungen nur noch in Ausnahmefällen möglich sein. Wie reagieren die Lehrkräfte?

Bellenberg: Zum Glück setzt sich ja inzwischen mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass eine Klassenwiederholung keine pädagogisch sinnvolle Maßnahme ist. Für die Pädagoginnen und Pädagogen bedeutet das mehr individuelle Förderung und damit eine zusätzliche Anstrengung in der eigenen Arbeit. In Nordrhein-Westfalen werden Schulen, die sich auf einen solchen Weg machen, durch das Schulministerium auch durch zusätzliche Ressourcen unterstützt. Dies scheint mir ein guter Anreiz zu sein.

Online-Redaktion: Nutzen Ganztagsschulen die Chance, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern?

Bellenberg: Die Hoffnung besteht. Viele Ganztagsschulen sind sehr engagiert und entwickeln innovative Konzepte, um auf jedes Kind eingehen zu können. Die Forschung aber sagt wenig darüber, wie erfolgreich die Konzepte sind. Man müsste sehr aufwändig forschen und mehrjährig Bildungskarrieren verfolgen, um das zu erfahren. Große Hoffnung setzen wir auf das Nationale Bildungspanel, das im Oktober 2008 eingerichtet und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Es soll unter anderem herausfinden, warum so viele Jugendliche am Schulabschluss scheitern, wie Lehrer, Gleichaltrige und Eltern die Lernentwicklung beeinflussen und warum zum Beispiel Schüler mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem nach wie vor benachteiligt sind.

Online-Redaktion: Welche Unterstützung kann die Forschung Schulen anbieten?

Bellenberg: Sie kann zum Beispiel durch Forschungsprojekte dazu beitragen, die Frage der Wirksamkeit von Schulformwechseln zu beurteilen.  Sie kann aber auch helfen, Erfolge an der Einzelschule vor Ort zu evaluieren. Schulen sind sehr aktiv bei der Entwicklung von Förderinitiativen. Die Forschung kann ihnen helfen herauszufinden, ob die Konzepte greifen.

Online-Redaktion: Wie kann das konkret aussehen?

Bellenberg: Nicht alle Schulen wissen, wie sich schulnahe Evaluationen auch mit eigenen Kräften bewältigen lässt. Über diese Expertise verfügen Forscherinnen und Forscher. Sie können Methoden-Know-how vermitteln, wo es benötigt wird.  In der Lehrerausbildung in Bochum gehen wir auch mit Studierenden in die Schulen und erheben dort Evaluationsdaten, die wir für die Schule aufbereiten und den Lehrkräften zurückmelden.

Online-Redaktion: Sollte die Kompetenz zur Selbstevaluation nicht stärker Bestandteil der Lehrerausbildung sein?

Bellenberg: Grundlagen der Selbstevaluation erfahren die angehenden Lehrerinnen und Lehrer im universitären Studium. Ich glaube ein Mehr würde die Lehrerausbildung überfordern. Selbstevaluation ist meines Erachtens eine zentrale Aufgabe für die Fort- und Weiterbildung. In der Erstausbildung müssen Lehrkräfte erst einmal fit gemacht werden, erfolgreich ihre Schülerinnen und Schüler zu unterrichten. Schule zu verbessern und weiterzuentwickeln, ist der zweite Schritt. 

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt. Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: http://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

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2013-03-18T17:22:58 / 14358