NRW wird als erstes Bundesland eine eigene Bildungsberichterstattung Ganztagsschule (BiGa) in Zusammenarbeit mit dem Forschungsverbund Deutsches Jugendinstitut/Technische Universität Dortmund und dem Institut für soziale Arbeit e.V. regelmäßig durchführen und veröffentlichen. Über den ersten Bericht von 2011 sprach www.ganztagsschulen.org mit Leiter des Forschungsverbundes, Direktor des DJI und Professor für Erziehungswissenschaft an der TU Dortmund, Prof. Dr. Thomas Rauschenbach.
Online-Redaktion: Gibt es ein Ergebnis aus dem Bildungsbericht, das Sie persönlich positiv überrascht oder angesichts Ihrer Erfahrungen im Thema Ganztag auch geärgert hat?
Thomas Rauschenbach: Die Entwicklung der Ganztagsschulen in NRW stellt sich auf der Grundlage der vorliegenden empirischen Daten insgesamt als recht positiv dar. Nachdem der Fokus in NRW lange Zeit ausschließlich im Primarbereich lag, schreitet der Ausbau der Ganztagsschulen seit einiger Zeit auch in der Sekundarstufe I voran. Positiv hervorzuheben ist vor allem im Primarbereich die starke Verankerung von Kooperationsbeziehungen mit außerschulischen Partnern, insbesondere mit der Kinder- und Jugendhilfe. Dabei stellt das NRW-spezifische Trägermodell diese Kooperation auf ein festes Fundament. Vor diesem Hintergrund wäre es wünschenswert, dass sich diese Kooperation von Jugendhilfe und Schule in Zukunft auch in der Sekundarstufe I in einer ähnlichen Form etablieren könnte.
Online-Redaktion: Die Ganztagsschulen in NRW werden laut BiGa unterschieden in gebundene, erweitert gebundene und offene Ganztagsschulen. Wie lässt sich bei dieser Vielfalt die Wirkung des Ganztags überhaupt untersuchen?
Rauschenbach: Die Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen stellen in ihrer Heterogenität in der Tat einen komplexen Untersuchungsgegenstand dar. Dem wird durch ein multidimensionales Untersuchungskonzept Rechnung getragen. Innerhalb der BiGa NRW werden die Perspektiven der verschiedenen Akteure durch zielgruppenspezifische Befragungen erhoben und in ein gemeinsames Konzept integriert. So werden sowohl im Primarbereich als auch in der Sekundarstufe I - ähnlich wie bei StEG (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen; die Red.) - jeweils die Schulleitungen und Ganztagskoordinationen, die Lehr- und Fachkräfte sowie die Eltern regelmäßig standardisiert befragt. Außerdem werden die Träger der Offenen Ganztagsschulen im Primarbereich in die Untersuchungen einbezogen. Die einzelnen Instrumente sind inhaltlich aufeinander abgestimmt und berücksichtigen dennoch in angemessener Form die Besonderheiten der verschiedenen Schulstufen und der Organisationsmodelle. Zudem werden weiterführende Fragestellungen im Rahmen thematischer Schwerpunktmodule vertiefend untersucht. So wurde etwa im ersten Projektjahr das Thema "Kooperation von Jugendamt und Ganztagsschule im Bereich erzieherischer Förderung" genauer untersucht. Durch eine Befragung aller Jugendämter in NRW konnte so eine zusätzliche Perspektive einbezogen werden.
Online-Redaktion: Die Zustimmung der Eltern zum Ganztag resultiert im hohen Maße aus der Entlastung bei den Hausaufgaben und einer guten Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zu welchen Ergebnissen kam der Bildungsbericht hier?
Rauschenbach: Die BiGa NRW kommt ebenso wie die vorhergehende Studie zur wissenschaftlichen Begleitung der Offenen Ganztagsschule im Primarbereich in NRW oder auch die StEG-Studie zu dem Ergebnis, dass das Ziel einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut umgesetzt wird. Auch die Entlastung von Eltern bei der Hausaufgabenbetreuung stellt einen wichtigen Effekt der Ganztagsschule dar.
Online-Redaktion: Eine Frage zu den Schülerinnen und Schülern: Stellen Sie Unterschiede in der Zufriedenheit fest, je nach dem, ob Kinder eine gebundene oder eine offene Ganztagsschulform besuchen?
Rauschenbach: Die StEG-Ergebnisse mit bundesweiten Zahlen zeigen, dass die Zufriedenheit der Kinder kaum mit der Organisationsform zusammenhängt. Im Rahmen der BiGa NRW können die Schülerinnen und Schüler der Ganztagsschulen hierzu leider nicht befragt werden. Mit Blick auf den Unterschied zwischen offenen und gebundenen Ganztagsschulen ist außerdem auch eine landesspezifische Besonderheit zu beachten: Während im Primarbereich fast ausschließlich das offene Modell praktiziert wird, werden die Schulen in der Sekundarstufe I als gebundene Ganztagsschulen geführt. Unterschiedliche Bewertungen können deshalb nicht nur auf die Organisationsform des Ganztags zurückgeführt werden, sondern auch durch die Schulstufe bedingt sein. Als ein wesentliches Ergebnis zeigt sich, dass Eltern im Primarbereich in vielen Bereichen zufriedener mit dem Ganztag sind; hier ragen vor allem die Rahmenbedingungen heraus. In der Sekundarstufe I scheint dagegen aus Elternsicht die individuelle Förderung der Schüler/innen besser zu gelingen.
Online-Redaktion: Ganztag kostet Geld. Wie sieht die finanzielle Versorgung der Schulen in NRW aus?
Rauschenbach: Die finanzielle Ausstattung der Schulen ist insgesamt als sehr heterogen zu bewerten. Dies bezieht sich einerseits auf unterschiedliche Finanzierungsformen von Primarbereich und Sekundarstufe I. Aber auch innerhalb des Primarbereichs sind große Differenzen zu beobachten. Die Kommunen sind dabei als Schul- und Jugendhilfeträger für die Umsetzung des Offenen Ganztags verantwortlich und können die Gestaltung wesentlich durch die finanzielle Ausstattung prägen. Dabei bestehen in Abhängigkeit von der jeweiligen Haushaltslage unterschiedliche Handlungs- und Gestaltungsspielräume für die Kommunen. Im Vergleich zum Jahr 2009 scheinen sich die finanziellen Ressourcen der OGS etwas verringert zu haben. Inwieweit sich die Erhöhung der Landesfördersätze aus dem Jahr 2011 auf die Gesamtsituation auswirken wird, bleibt abzuwarten. Geht es um die Bewertung der finanziellen Ausstattung der Ganztagsschulen, dann äußern die befragten Akteure starke Kritik.
Online-Redaktion: Eltern wünschen sich, dass Kinder in der Schule umfassend gefördert werden. Gleichzeitig wissen Eltern, dass Pausen und Erholungsphasen wichtig sind. Wie realisieren die von Ihnen untersuchten Schulen das Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung?
Rauschenbach: Die erste Erhebungswelle der BiGa NRW zeigt, dass in dieser Hinsicht in vielen Schulen noch Handlungsbedarf besteht. Dies bestätigen die Angaben von Eltern und auch von Lehr- und Fachkräften in der Sekundarstufe I. Zwar bieten Ganztagsschulen beispielsweise in der Mittagspause Zeit zur Erholung, mit Blick auf den gesamten Schultag reicht dies jedoch nicht aus. Eine Entzerrung des Schultages z.B. durch neue Zeit- und Rhythmisierungskonzepte oder auch spezielle Entspannungsangebote ist hier erstrebenswert.
Online-Redaktion: Wie zufrieden sind die beteiligten Lehrerinnen und Lehrer sowie das weitere pädagogische Personal mit der Organisation des Ganztags?
Rauschenbach: Aus dem ersten Erhebungsjahr der BiGa NRW liegen nur Daten zum Personal der Sekundarstufe I vor, hier vor allem zu den Lehrkräften. Es zeigt sich, dass die Lehr- und Fachkräfte den außerunterrichtlichen Bereich ihrer Schulen eher kritisch bewerten. Im Vergleich der einzelnen Bereiche sind sie mit ihrer eigenen pädagogischen Arbeit und der Durchführung des Mittagessens noch am zufriedensten. Vergleichsweise unzufrieden sind sie hingegen mit der Durchführung der Lernzeiten bzw. Hausaufgabenbetreuung, insbesondere mit Blick auf die individuelle Förderung. Einen interessanten Befund hierzu liefern wiederum unsere StEG-Daten: Lehrkräfte in Ganztagsschulen der Sekundarstufe I mit aufgehobenem 45min-Takt sind tatsächlich etwas zufriedener als andere Ganztagsschulen mit der herkömmlichen Taktung. Dies könnte ein Hinweis sein, dass Handlungsautonomie und Zufriedenheit zusammenhängen. In Bezug auf die Tagesrhythmisierung zeigen die Ergebnisse der BiGa NRW für die Ganztagsschulen der Sekundarstufe I in NRW noch ein gewisses Verbesserungspotenzial.
Online-Redaktion: Immer dann, wenn Ergebnisse nicht ganz zufriedenstellend ausfallen, wird gerne von Entwicklungspotenzialen gesprochen. Welche sehen Sie für den Ganztag in NRW?
Rauschenbach: Zunächst ist festzuhalten, dass Ganztagsschulen sich auch weiterhin in einem Entwicklungsprozess befinden und mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert sind. Trotz positiver Ergebnisse in vielen Bereichen zeichnet sich auch Verbesserungsbedarf ab. Vor allem sind das die Verbesserung der Finanzierungsstrukturen, die Klärung und Stärkung der Rolle der Jugendhilfe in Ganztagsschulen der Sekundarstufe I, die verlässliche Umsetzung der für den Ganztag im Primarbereich vorgesehenen Lehrerstunden und schließlich die Nutzung der Potenziale für eine stärkere Rhythmisierung des Schultages.
Online-Redaktion: Unterscheidet sich die Analyse für NRW von anderen Bundesländern, die Sie im Rahmen von StEG evaluiert haben?
Rauschenbach: In NRW wird im Vergleich zu anderen Bundesländern die umfassendste landesweite Studie zur Ganztagsschulentwicklung durchgeführt. Bereits mit dem Beginn des Ganztagsschulausbaus im Jahr 2003 wurde die wissenschaftliche Begleitung zunächst nur der Offenen Ganztagsschulen im Primarbereich implementiert. Im Anschluss an die neue Ganztagsoffensive des Landes im Jahr 2009, die den Ausbau der Ganztagsschulen in der Sekundarstufe I zum Ziel hat, werden in der BiGa NRW nun alle Schulformen im Primarbereich und in der Sekundarstufe I in den Blick genommen. NRW kann also inzwischen auf eine lange Tradition einer landesspezifischen Ganztagsschulforschung zurückblicken. Der große Vorteil der BiGa NRW als landesbezogene Untersuchung besteht darin, die spezifischen landestypischen Bedingungen aufgreifen zu können und so auch zu konkreteren Handlungsempfehlungen für die qualitative Weiterentwicklung zu kommen. Neben der Abbildung der landesweiten Entwicklungslinien bietet die BiGa NRW über ein Datenbank gestütztes Rückmeldesystem auch der einzelnen Schule die Möglichkeit, ihre individuellen Ergebnisse beispielsweise zur Selbstevaluation zu nutzen.
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Die Bildungsberichterstattung Ganztagsschule NRW verfolgt das Ziel, in dem Zeitraum von 2010 bis 2014 sowohl kontinuierlich verfügbare Basisinformationen als auch konzeptionelle Entwicklungstrends und aktuelle Bedarfsdynamiken über alle Schulformen hinweg zu dokumentieren, um so zur qualitativen Weiterentwicklung der Ganztagsschulen in NRW beizutragen. Im Mittelpunkt stehen dabei Ganztagsschulen im Primarbereich wie in der Sekundarstufe I, offene Ganztagsschulen genauso wie gebundene Ganztagsschulen. |
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