Zur Startseite des BMBF-Webauftritts
Zur Startseite Ganztagsschulen

(Beginn des Menüs [zum Servicemenü Taste S, zum Inhalt Taste I])
Artikelarchiv

29. APRIL 2011

Erfolgreiches Lernen über Beziehungsgestaltung

Eine gelingende soziale Beziehungsgestaltung ist Voraussetzung für den schulischen Bildungs- und Erziehungsprozess. Aber was brauchen Jugendliche für die Entwicklung von Selbstwirksamkeit und Verantwortungsgefühl? Welche Ansätze können Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte verfolgen, um eine wirksame Beziehung zu den Jugendlichen herzustellen? Der Fachtag "Beziehung zu Jugendlichen professionell gestalten" des Landesinstituts für Schule und des Landesjugendamts Bremen in Kooperation mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen und Effect gGmbH am 4. April 2011 in Bremen zeigte vom Schauspiel bis zum Persönlichkeitstraining verschiedene Möglichkeiten.

Die Lehrerin greift durch. Gerade hat sie die vier vor ihr sitzenden Schülerinnen und Schüler aufgefordert, die Hausaufgaben zu präsentieren - was schwierig genug gewesen ist: Durch die Gespräche über Handy-Tarife, Fernsehshows und Computerspiele musste sie sich erst einmal Gehör verschaffen. Nun speisen die Heranwachsenden sie mit einer Ausrede nach der anderen ab: Heft vergessen, krank gewesen, nichts mitbekommen, schlichtweg missverstanden. Die Pädagogin hat versucht, den Kindern Brücken zu bauen, sie hat zu vermitteln gesucht. Doch nun platzt ihr der Kragen - sie schreit, dass die Wände wackeln: "So geht das hier nicht! Ihr glaubt wohl, Ihr könnt mir hier auf der Nase rumtanzen, oder was?"

Die beobachtenden Kolleginnen und Kollegen kugeln sich vor Lachen. Nur zu gut kennen sie diese Mechanismen eines Unterrichts, in dem sich Schüler und Lehrer zur selben Zeit im selben Raum auf zwei verschiedenen Planeten zu befinden scheinen. Während die Erwachsenen versuchen, den Unterrichtsstoff zu vermitteln, nutzen die Jugendlichen die Zeit lieber zum Schnack mit ihren Nachbarn - und wissen gar nicht, was die ganze Aufregung soll. Die Lehrerinnen und Lehrer erkennen sich aber auch in der Pädagogin wieder - und eine der Beobachterinnen meint später: "Mir ist gerade klar geworden, welche Macht und Druck wir aber auch ausüben können. Als die Kollegin geschrien hat, zog es mir richtig den Hals zu."

Realität ist dieser Ausschnitt dennoch nicht gewesen, denn was sich hier abgespielt hat, war Theater. Die Lehrerin ist zwar wirklich Lehrerin, aber die Schülerinnen und Schüler ihrer "Klasse" stehen normalerweise selbst vor der Tafel und mimen lediglich an diesem 4. April 2011 in einem Raum des Landesinstituts für Schule in Bremen die nicht mal renitenten, sondern schlichtweg gleichgültigen Jugendlichen.

Der Klassenraum als Bühne

"Der Klassenraum wird zur Bühne - Beziehungen aktiv gestalten" heißt der Workshop auf dem Fachtag "Beziehung zu Jugendlichen professionell gestalten", in welchem sich die Pädagoginnen und Pädagogen in Gruppen von etwa fünf Personen gegenseitig kleine Szenen vorspielen, die sie jeweils gerade grob konzipiert haben. Frappant, dass sich die fünf Miniaturen - das Thema Schule war vorgegeben - alle inhaltlich in Variation glichen: Eine Lehrkraft ringt mit dem Desinteresse ihrer respektive seiner Schülerinnen und Schüler.

Hier setzt Peter Lüchinger, Schauspieler der "bremer shakespeare company", an. Mit seinen Fortbildungen, die er zusammen mit dem Landesinstitut für Schule seit 16 Jahren anbietet, möchte er den Pädagoginnen und Pädagogen mit den Erfahrungen und Methoden aus der Theater- und Bühnenarbeit zur konstruktiven Gestaltung schwieriger Situationen verhelfen. Denn was ist ein Lehrer anderes als ein Schauspieler, der sein Auditorium fesseln muss, damit es sich nicht gelangweilt abwendet. "Wir kommunizieren und wir interagieren - das sind die gleichen Berufe", meint Lüchinger.

Arbeit an Gestik, Mimik, Sprachduktus und Tempowechsel stehen auf seinem "Stundenplan". Das Ziel ist ein lebendiger Unterricht. Ein Patentrezept gibt es natürlich nicht, aber der Schauspieler ist zufrieden, wenn "die Leute heute nach Hause gehen und wieder Lust haben, ihren eigenen Weg zu finden". Er gebe auch in der Fortbildung nur minimal vor, sondern möchte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst fabulieren und ausprobieren lassen im Ausdenken und Vortragen von Geschichten.

"Was möchte ich einmal mit meiner Zukunft machen?"

Die Herangehensweise gefiel den Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die sich selbst gespiegelt sahen und über Unterrichtsführung zu reflektieren begannen. "Ich finde es gut, dass wir hier jeweils bei unserer Kritik nur die positiven Aspekte benennen sollen", erklärte eine Teilnehmerin. "Es nimmt die Angst vor dem Spiel und ermuntert einen."

Den Ansporn, etwas auszuprobieren und einen anderen Draht zu den Jugendlichen zu finden, vermittelten auch die Diplom-Sozialpädagoginnen Nina Wendelken und Astrid Möllmann von der Gesamtschule Bremen-Ost in ihrem Workshop "Persönlichkeitstraining für junge Menschen in der Schule". In dieser Schule ist "Persönlichkeitstraining" als ein fester Bestandteil des Arbeit-Technik-Wirtschaft-Unterrichts im 9. und 10. Schuljahr verankert.

"Der Unterricht soll den Jugendlichen die Entdeckung ihrer Persönlichkeit erleichtern und diese weiterentwickeln", erklärte Nina Wendelken. "Eine grundlegende Frage, die sie sich stellen sollen, lautet: Was möchte ich einmal mit meiner Zukunft machen?"

24 Schülerinnen und Schüler nehmen an einem Kurs teil, zusammengesetzt aus verschiedenen Klassen. Die Gruppen seien sehr verschieden, und die Inhalte richteten sich jeweils nach diesen Gruppen aus. "Wir geben die Regeln vor und finden einen Konsens über das Miteinander", berichtete Astrid Möllmann.

In zwei Wochenstunden lösen die Schülerinnen und Schüler gemeinsam spielerische Aufgaben, bei denen es zumeist auf gute Zusammenarbeit ankommt. So klettern sie beispielsweise im Niedrigseilgarten, wo es auf Rollen- und Verantwortungsübernahme ankommt. Sie reflektieren im Anschluss über ihr Empfindungen bei den einzelnen Übungen, bringen eigene Ideen ein. Nach einem halben Jahr präsentieren sie ihr "Ich" als Abschlussprüfung. "Nicht jeder verrät etwas Persönliches, aber zumeist möchten Jugendliche gerne wahrgenommen werden und geben etwas über sich preis", erzählte Nina Wendelken.

Schule als "Beziehungsverhinderungsmaschine"

"Der stärkste Antrieb zu lernen ist, gesehen zu werden." Wahrnehmen und Wertschätzen - diese Voraussetzungen hält Margret Rasfeld ebenfalls für unentbehrlich. Die Leiterin der Evangelischen Schule Berlin-Zentrum, einer Schule in freier Trägerschaft, stellte den rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachtags des Landesinstituts für Schule und des Landesjugendamts Bremen in Kooperation mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen und Effect gGmbH vor, um weitere Impulse zu liefern, wie die Selbstwirksamkeit und Verantwortungsübernahme der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden können.

"Erfolgreiches Lernen läuft über gute Beziehungen zwischen den Kindern und Jugendlichen und ihren Lehrerinnen und Lehrern", erklärte die Pädagogin. "Was wir schon immer geahnt haben, hat die Forschung bestätigt. Wer Menschen nachhaltig motivieren will, muss ihnen die Möglichkeit geben, Beziehungen aufzubauen. Schülerinnen und Schüler benötigen dazu Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung." Leider sei die Schule zu oft eine "Beziehungsverhinderungsmaschine". Die Schulleiterin glaubt, das sei durch die 45-Minuten-Taktung, das Fachlehrerprinzip und die allgemeine Hektik im Schulalltag verursacht, aber auch durch Defizitorientierung, frühe Selektion, wenig Durchlässigkeit, Scham und Druck durch Noten sowie hohe Abbrecherquoten im Bildungssystem insgesamt.

Sich Zeit nehmen als hohe Form der Wertschätzung

Für ein Jahrhundert, in dem man in Fabriken "fleißige Pflichterfüller" gebraucht habe, möge das System noch getaugt haben, nun brauche man aber gestaltende Menschen und daher auch ein "neues Modell von Schule". Margret Rasfeld gab zu: "Auch wir Lehrkräfte deckeln unsere Schülerinnen und Schüler von oben, indem wir ihnen keine herausfordernden Aufgaben stellen, sondern zu 80 Prozent nur Arbeitsblätter austeilen."

Die erst 2007 gegründete Evangelische Schule Berlin-Zentrum möchte dies anders machen: Einen traditionellen Unterricht gibt es an der Gemeinschaftsschule nicht mehr, sondern die Kinder und Jugendlichen lernen im Lernbüro, in Projekten und Werkstätten, jahrgangsübergreifend und individuell an Themenbausteinen in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik. Die fächerübergreifenden, sechswöchigen Projekte bearbeiten die Schülerinnen und Schüler im Team. In den halbjährlich wechselnden Werkstätten lernen sie nach Interesse und Fähigkeiten an selbst gewählten Schwerpunkten in Musik, Kunst, Informationstechnik, Bewegung oder Theater. Einige dieser Werkstätten werden auch von Jugendlichen selbst geleitet.

Die 26 Schülerinnen und Schüler einer Klasse werden von zwei Lehrkräften, so genannten Tutoren, betreut, die wöchentlich ein Gespräch mit jedem Kind führen. "Für die Jugendlichen ist das eine hohe Form der Wertschätzung, wenn sich die Lehrerin oder der Lehrer einmal die Woche Zeit für sie nimmt", berichtete Margret Rasfeld.

"Projekt Verantwortung"

Insgesamt 300 Jugendliche besuchen neun jahrgangsgemischte Klassen 7 bis 9 und zwei Klassen des 10. Jahrgangs. Freitags findet die Studierzeit statt, in welcher die Schülerinnen und Schüler Hausaufgaben machen, lesen oder Vokabeln lernen. Für die Planung ihrer Arbeit nutzen sie ein Logbuch, in welchem die Tages- und Wochenerlebnisse und Vereinbarungen dokumentiert werden und das auch zur Kommunikation mit den Eltern genutzt wird.

"Für all dies braucht man Orte, feste Zeiten und Rituale", stellte die Rektorin fest. So findet zum Beispiel jede Woche eine Schulversammlung statt: Dort wird Lob verteilt, es werden Projekte präsentiert, Geburtstage gefeiert, und man diskutiert. "Diese Versammlung ermutigt die Kinder auch, vor einer größeren Menschenmenge öffentlich zu sprechen", so Margret Rasfeld.

Eine weitere Institution ist das "Projekt Verantwortung", bei dem jeder Siebt- und Achtklässler eine Aufgabe im Gemeinwesen übernimmt, beispielsweise in Grundschulen und Kindertagesstätten vorliest, naturwissenschaftliche Experimente in den Kindertagesstätten vorführt, Frühsport, Fußball und Tanzen mit den Kita-Kindern übt oder andere Kinder durch Museen führt. Die Schülerinnen und Schüler übernehmen Spielplatzpatenschaften, helfen als Sprachbotschafter in Flüchtlingsheimen bei den Hausaufgaben, engagieren sich in Seniorenheimen und geben Computerkurse für Seniorinnen und Senioren.

Alle Erfahrungen, welche die Jugendlichen dabei sammelten, stärkten ihre Selbstwirksamkeit und ihr Selbstvertrauen. "Unsere Schülerinnen und Schüler können gemeinsam mit anderen planen und handeln, sie gewinnen interdisziplinär Erkenntnisse, sie denken und handeln vorausschauend, sie partizipieren an Entscheidungsprozessen und motivieren sich selbst", erläuterte Margret Rasfeld. "Demokratie und Verantwortung lernen und leben ist ein Kernauftrag von Schule. Wir sollten den Mut haben, diesen Kernauftrag einzulösen!"

 

Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 29.04.2011
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt. Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: http://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000

Seitenanfang

  • Zur Startseite
  • Zur Archivsuche
 
(Ende des Menüs)

 

© BMBF 2013 - Alle Rechte vorbehalten.
2013-03-27T17:35:06 / 13482