Stillarbeitsräume, Selbstlernzentren, ein ehemaliges Spritzenhaus als Bücherei, die zum Schmökern einlädt. Freie Lernorte, die individualisiertes Lernen ermöglichen, sind mittlerweile in ganz Deutschland entstanden. Das Netzwerk "Freie Lernorte", ein aus 60 Schulen bestehender Verein, ermöglichte auf seinem 3. Bundeskongress am 24. Februar 2010 in Osnabrück die Präsentation gelungener Schulentwicklung sowohl in Räumen wie auch in Didaktik und Methodik.
Dreht man an der Stellschraube eines Systems, dann können sich auch weiter reichende Veränderungen ergeben, die man so nicht einkalkuliert hatte. Auch in der Schulentwicklung ist eine solche Kettenreaktion möglich, wie zum Beispiel das Essener Gymnasium am Stoppenberg als positives Beispiel zeigt. An dieser gebundenen Ganztagsschule mit langer Tradition - seit 1966 arbeitet diese Schule mit einem ganztägigen Bildungsangebot - war man zunehmend unzufrieden mit dem Schulstundenrhythmus: Die klassischen 45 Minuten brachten zu viel Hektik und Kurzatmigkeit, was durch die Reform des G8 mit einer größeren Stofffülle noch virulenter wurde.
"Statt so weiterzumachen wie bisher, nur angetrieben von schnelleren Trommeln und im immer schneller drehenden "Hamsterrad", wollten wir aktiv und kreativ die Möglichkeiten nutzen, etwas zu verändern", erklärt Thomas Bungarten, Lehrer und verantwortlich im Planungsteam "Neue Zeiten am Stoppenberg?!".
Als Ergebnis der Überlegungen führte das Gymnasium im Schuljahr 2009/2010 die 65-Minuten-Stunde ein. "Das Nachdenken über einen neuen Zeitrhythmus löste auch ein Nachdenken über andere pädagogische Bereiche und eine regelrechte Aufbruchstimmung aus", erinnert sich Bungarten. Jetzt ging es nicht mehr allein um das Vermeiden von Stress oder das Entzerren der Stofffülle, sondern auch um das Verankern anderer Lehr- und Lernmethoden. "Wir wollten die Schüleraktivität im Unterricht erhöhen", so Bungarten.
Neue Zeiten bedingen neue Didaktik
Wissen wird nun am Stoppenberg nicht länger vom Lehrer präsentiert und auch nicht durch Frage- und Antwortspiele angeeignet, sondern die Schülerinnen und Schüler sind angehalten, selbst Probleme zu erkennen und eigene Lösungsvorschläge zu entwickeln. Die Lehrkräfte sind dabei eher Lernbegleiter und -unterstützer. Der Wegfall der kurzen Einzelstunden ermöglicht nun eine effektivere Zeitnutzung: Zuvor gingen in den 45-Minuten-Stunden zum Beispiel in den Naturwissenschaften zu viel Zeit durch den Aufbau von Versuchen verloren.
Ein weiterer Vorteil ist die neu geschaffene gemeinsame Mittagspause in der 5. Stunde. Zuvor aßen die Schülerschaft und die Lehrkräfte in Schichten. "Nun ist ein wirklicher Zeitraum für Kommunikation entstanden", führt Thomas Bungarten aus, "und nebenbei ist die Zahl der benötigten Aufsichten gesunken."
Das neue Stundenschema strukturiert aber auch den Ganztag klarer: Es gibt weniger Fächer an einem Tag und damit auch weniger Wechselpausen und dadurch wiederum weniger Hektik. Die Rhythmisierung der verschiedenen Anforderungsbereiche Kognitives Lernen, Entspannung und körperliche und handwerklich-künstlerische Tätigkeiten gelingen besser. "Es steht nun auch mehr Zeit für methodische Vielfalt und individualisiertes Lernen zur Verfügung", betont Bungarten. "Das neue Zeitschema ist ein Erfolg - bei einer Umfrage würde ich mit 80 Prozent Zustimmung rechnen", ist der Studiendirektor überzeugt.
Für individualisiertes Lernen, Projekt- und Stillarbeitsphasen benötigt eine Schule aber auch entsprechende Räumlichkeiten - am Gymnasium am Stoppenberg fehlten diese. "Außer einer Bibliothek und drei Computerarbeitsplätzen in den Räumen unseres Sozialpädagogen konnten wir unseren Jugendlichen nichts bieten", erinnert sich Thomas Bungarten.
Individuelles Lernen im Selbstlernzentrum und im Study Room
Durch die Teilnahme am Projekt "Freie Lernorte" des Vereins Schulen ans Netz bekam das Gymnasium Impulse, Räume neu zu nutzen. Aus zwei Mehrzweckräumen entstand ein gemeinsames Selbstlernzentrum für alle Stufen. Der große Raum enthält neben konventionellen Schülerarbeitsplätzen zehn rechnergestützte Arbeitsplätze, einen klassischen Präsenzbibliotheksteil und ermöglicht zugleich Gruppenarbeit, Projektarbeit, frei- und selbstorganisiertes Arbeiten und Lernen.
Einzelarbeitsplätze, Computerarbeitsplätze und Gruppentische sind im Selbstlernzentrum deutlich voneinander getrennt angeordnet. Bestimmte Orte sind so spezifischen Arbeitsphasen oder Inhalten zugeordnet. Ergänzt wird die Einrichtung durch Regalsysteme zur Aufnahme von Büchern und Medien sowie einer zentralen Druckerinsel, die die Computerarbeitsplätze miteinander verbindet.
Im kleineren Nebenraum ist der so genannte Study Room eingerichtet, der aussieht wie die Bienenwaben eines Call Centers oder die Kabinen früherer Sprachlabore. Das Lise-Meitner-Gymnasium aus dem baden-württembergischen Böblingen hatte dieses Konzept auf dem ersten Erfahrungsaustauschtreffen des Projektes "Freie Lernorte" vorgestellt. Bungarten und seine Kolleginnen und Kollegen waren von dieser Einrichtung so angetan, dass sie diese auf ihre Schule übertrugen. Nun lernen Schülerinnen und Schüler in den Kernfächern mindestens dreimal pro Woche je eine Stunde in Stillarbeit, erledigen laut Bungarten in einer "geradezu klösterlichen Atmosphäre" ihre Aufgaben.
Ganztagsschulen sind prädestiniert für Medieneinsatz und individuelle Förderung
"Es bringt unglaublich viel, Schülerinnen und Schüler und Eltern bei solchen Veränderungsprozessen zu beteiligen und vor allem sich mit anderen Schulen auszutauschen", meint Bungarten. Mit Ende der Projektförderung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung nach zweieinhalb Jahren und damit auch dem Ende des Projektes "Freie Lernorte" im Jahr 2008 drohte dieser Austausch verloren zu gehen. Doch die Schulleitungen und Lehrkräfte von 60 Schulen in ganz Deutschland wollten auf den gemeinsam zu entdeckenden Erfahrungsschatz auch in Zukunft nicht verzichten und gründeten so im März 2008 den Verein "Netzwerk Freie Lernorte".
Am 24. Februar 2010 fand in Osnabrück unter der Überschrift "Räume - Zeiten - Medien: Kompetenzen entwickeln an freien Lernorten" der 3. Bundeskongress statt. Gemeinsam mit der Universität Paderborn und der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Niedersachsen lud der Verein zu einem Programm, das den Erfahrungsaustausch der Schulen weiter befeuerte. Anja Throm von Schulen ans Netz freute sich "riesig über die große Resonanz": 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen in die Gesamtschule Schinkel, um sich an Ausstellerständen der Schulen Beispiele wie das des Gymnasiums am Stoppenberg erläutern zu lassen und an einem der neun Workshops zu den Themenfeldern "Unterricht entwickeln", "Räume gestalten", "Zeiten verändern" und "Medien integrieren" teilzunehmen.
Für Maria Brosch vom Geschäftsführenden Vorstand von Schulen ans Netz sind Ganztagsschulen "prädestiniert für den Medieneinsatz und die neuen Möglichkeiten individueller Förderung". So verwundert es nicht, dass die überwiegende Zahl der Schulen, die sich in Osnabrück präsentierten, Ganztagsschulen waren.
"Blick über den Tellerrand ist immer gut"
So auch die Hauptschule Zeil am Sand im Landkreis Haßberge in Unterfranken, die als gebundene Ganztagsschule arbeitet, inzwischen seit September 2009 darüber hinaus eine offene Ganztagsschule anbietet. "Ich bin heilfroh über ,Freie Lernorte', denn der Blick über den Tellerrand ist immer gut, zumal hier auch noch verschiedene Schularten und Bundesländer beteiligt sind", erklärte Lehrer Manfred Glass, der die Hauptschule in einem Workshop vorstellte. "Ich weiß inzwischen, wen ich in unserem Netzwerk anrufen muss, um bestimmte Informationen zu erhalten - das ist unheimlich hilfreich und effektiv."
Seit fünf Jahren ist die Hauptschule Ganztagsschule und damit laut Glass eine der ersten in Bayern gewesen. Sehr hilfreich beim Einrichten eines freien Lernraums war dem Lehrer zufolge das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB), denn die klamme Kommune als Schulträger hätte so eine Maßnahme alleine nicht stemmen können.
So konnte die Schule ein Lesemedienzentrum mit vielen Filmen, eine Musikwerkstatt für zwei Schülerbands, einen Kunstraum, einen Handarbeitsraum und eine Lernwerkstatt einrichten. Für letztere löste man die Lehrmittelsammlung auf und machte diese den Schülerinnen und Schülern frei zugänglich. "Die Lehrmittel stehen den Kindern und Jugendlichen nun permanent zur Verfügung, und die Geräte wie Computerprogrammen, DVD-Spieler und Bücher sind ständig einsatzbereit", erläuterte Glass. Eine Grundregel lautet dabei: "Kein Material verlässt den Raum."
"Wir haben von ,Freie Lernorte' ganz entscheidend bei der Ausstattung unserer Lernwerkstatt profitiert", so Glass. "Dreieckstische ermöglichen uns eine weit gehende Flexibilität der Sitzordnung, so dass dieser Raum auch zum Unterrichten geeignet ist. Ich unterrichte sehr gerne darin." Flexible Tafelelemente ermöglichen es, dass die Tafeln "zum Schüler kommen" und Wandkarten "auf Wanderschaft" gehen. Die schnelle Umgestaltung ermöglicht auch Präsentationen auf Augenhöhe.
Spritzenhaus wird zur Schulbibliothek
Als einzige hessische Grundschule ist die Traisaer Schule in Mühltal aus dem Landkreis Darmstadt-Dieburg im Projekt "Freie Lernorte" vertreten. Ebenfalls mit Hilfe von IZBB-Mitteln baute die Schule 2008 ein an die Schule angrenzendes ehemaliges Spritzenhaus um, das inzwischen nur noch als Lagerraum genutzt worden war. "Unsere Nachmittagsbetreuung platzte aus allen Nähten, so dass dringend neuer Raum geschaffen werden musste", berichtete Schulleiter Wolfgang Böhl in seinem Workshop.
Der untere Raum des Spritzenhauses beinhaltet nun eine Spül- und Ausgabenküche, eine Cafeteria und ein Spielzimmer. Im oberen Raum unter dem Dach findet neben der Betreuungsgruppe auch die Schulbücherei Platz, die mit sechs Computerarbeitsplätzen ausgestattet worden ist. Das Dachgeschoss und das Treppenhaus bieten einer ganzen Klasse Platz zum Lesen und Forschen. "Ein echter Ort zum Schmökern", schwärmt Böhl.
Bei der Einrichtung nutzt die Schule jeden Winkel des Spritzenhauses aus: Aus einfachen Tischen machte man jeweils vier PC-Arbeitsplätze, und Laptops können auf Rollwagen transportiert werden. "Überlegen Sie sich genau, was Sie in einem Raum machen wollen, damit Sie die Bestuhlung danach ausrichten können", gaben Böhl und Glass unisono den Anwesenden einen praktischen guten Rat mit auf den Heimweg. Oder gleich: "Fragen Sie die Schulen von ,Freie Lernorte'!"
Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 12.03.2010
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt. Wir bitten um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. Datum. In: http://www.ganztagsschulen.org/xxx. Datum des Zugriffs: 00.00.0000