Eine zentrale Zukunftsaufgabe des deutschen Bildungssystems ist die Integration der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Dies wurde auch auf dem 5. Ganztagsschulkongress 2008 zum Thema "Schule gemeinsam gestalten - Partizipation an Ganztagsschulen" deutlich. Zwar waren Eltern und Jugendliche mit Migrationshintergrund dort nicht so zahlreich vertreten. Allerdings wurde im Workshop "Barrieren abbauen" deutlich, dass die Integration der Kinder und Jugendlichen zu den wichtigen Herausforderungen der Bildungspolitik gehört.
Wer im Leben so weit gekommen ist wie Berrin Alpbek, hat die schwierigsten Hürden bereits gemeistert. Die studierte Diplom-Kauffrau ist nicht nur Vorstandsmitglied und bildungspolitische Sprecherin der türkischen Gemeinde, sondern seit 2008 auch Bundesvorsitzende der Föderation Türkischer Elternvereine (FÖTED). Sie befindet sich dort, wo viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund erst noch hinstreben: In der Mitte der Gesellschaft, integriert durch qualifizierte Schul- oder Hochschulbildung.
Doch für die Mehrzahl der Kinder und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien liegt dieser soziale Ort immer noch in weiter Ferne. Dies verdeutlichte nicht zuletzt der Workshop "Barrieren abbauen: Auf dem Weg zu einer Ganztagsschule der Vielfalt", der im Rahmen des 5. Ganztagsschulkongresses stattfand. Dabei liegt die Diagnose des Problems für Berrin Alpbek offen zu Tage, schließlich habe sie der nationale "Bildungsbericht 2006" mit deutlichen Worten artikuliert.
In einem eigenen Kapitel zum Thema Migration stellt der Bildungsbericht zunächst fest, dass die Kinder und Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund die einzig wachsende Bevölkerungsgruppe in Deutschland ist. Daher komme dem Bildungssystem eine zentrale Bedeutung bei der Integration zu: "Integration durch Bildung und Integration ins Bildungswesen hängen für Kinder und Jugendliche eng zusammen. Ziel der Integration durch Bildung ist, dass es Kindern von Zugewanderten im Laufe der Zeit gelingt, ähnliche Kompetenzen und Bildungsabschlüsse zu erreichen wie die übrige Gleichaltrigenbevölkerung."
Der Bildungsbericht 2006 hält auch fest, dass viele Eltern von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund an guten Bildungschancen interessiert sind. Statt die Kinder und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien in einer alternden Gesellschaft fit zu machen für eine Schullaufbahn, die von der Grundschule zum Hochschulstudium führt, finden sich gegenwärtig insbesondere die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Hauptschulen wieder.
"Die PISA-Befunde zeigen: Während Schüler ohne Migrationshintergrund sowie Schüler aus der Herkunftsgruppe der sonstigen Staaten vor allem in Realschulen und am Gymnasium anzutreffen sind, besuchen Schüler mit mindestens einem Elternteil aus der Türkei, sonstigen Anwerbestaaten und der ehemaligen Sowjetunion vornehmlich Haupt- und Realschulen".
"Es ist viel zu spät, um zu warten"
Für die betroffenen Schülerinnen und Schüler bedeutet dieser Befund, dass sich ihre Bildungschancen nicht verbessert haben und gesellschaftliche Teilhabe für viele weiterhin ein Fremdwort bleibt. Dem steht aber Alpbek zufolge der Wunsch einer Bevölkerungsmehrheit entgegen, die sich für gleiche Bildungschancen ausspricht.
Die jüngste repräsentative Emnid-Umfrage im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung belegt, dass auch breite Bevölkerungsschichten für den raschen Ausbau der Ganztagsschule und eine bessere Integration von Kindern mit Migrationshintergrund plädieren. Sogar 90 Prozent der Befragten, so die Elternvertreterin weiter, setzten sich für eine stärkere individuelle Förderung der Kinder aus sozial schwachen Familien ein.
Nun kommt es für Alpbek angesichts des bevorstehenden Bildungsgipfels insbesondere auf die Länder und ihren politischen Willen an, die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen mit Zuwanderungshintergrund zu verbessern: "Eigentlich ist es viel zu spät, um zu warten", meinte die Vorsitzende von FÖTED. "Es geht schließlich um unsere Kinder und Jugendlichen." Man könne ihnen Bildungschancen nur gemeinsam und entschlossen öffnen.
Jedes Land hat eigene Hausaufgaben zu erledigen
Obwohl es in der Bundesrepublik Deutschland eine lange Zuwanderungsgeschichte gibt, erleben viele Lehrkräfte das Anwachsen der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund eher wie ein Naturschicksal, erläuterte ein Teilnehmer des Workshops die Schwierigkeiten. Dabei vollzieht sich der stille Wandel, der sich im 21. Jahrhundert in den Klassen abspielt, unwiderruflich: die Zeiten, da die Klassen einheitlich und wie aus einem Guss wirkten, gehören in vielen Ländern längst der Vergangenheit an.
Natürlich variiert das Bild auch von Land zu Land: "Es gibt sowohl Länder mit sehr vielen Schülern mit Migratonshintergrund in sämtlichen Schularten (insbesondere Bremen und Hamburg) als auch Länder mit eher geringen Anteilen" (Bildungsbericht 2006).
Bundesweit verdeutlichen insbesondere die Ganztagsschulen in den Großstädten, deren Kinder oft aus über 20 oder mehr Nationen stammen, dass die Zusammensetzung der Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund überaus vielfältig ist. Daher stellt sich laut Bildungsbericht 2006 für die Länder die Herausforderung der Integration auf spezifische Weise. Denn "in einigen Ländern ist der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, die eine verzögerte Schullaufbahn aufweisen, doppelt so hoch wie der Kinder ohne Migrationshintergrund".
Migration und Integration in Hamburg
Im Stadtstaat Hamburg hat jede zweite Schülerin und jeder zweite Schüler einen Migrationshintergrund. Mangelnde Sprachkenntnisse oder soziale, wirtschaftliche und familiäre Probleme schaffen für sie eine ungünstige Ausgangslage im Verhältnis zu einheimischen Kindern ohne Migrationshintergrund. Misserfolge wie Klassenwiederholungen und schlechte Noten treffen sie besonders häufig.
"Unsere Kinder haben kaum Möglichkeiten, Abitur zu machen", stellte Koffivi Lolo, Geschäftsführer des Afrika-Club e.V. - Integrationszentrum. Während der Trend zum Gymnasium ungebrochen sei, kämen viele Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund aufgrund fehlender Sprachförderung oder anderer Defizite in die Förderschule.
Vor diesem Hintergrund bietet der der Verein, der sich unter anderem die Integration von Afrikanerinnen und Afrikanern in Deutschland zum Ziel gesetzt hat, auch sozialpädagogische Familienhilfen an: "Die Lehrkräfte haben zu den Problemen der Schülerinnen und Schüler oft keinen Zugang", erläuterte Koffivi. Viele Eltern seien selbst Analphabeten - für sie ist das deutsche Bildungssystem ein Buch mit sieben Siegeln.
So baut der Afrika-Club e.V. gegenwärtig eine Zusammenarbeit mit drei Ganztagsschulen in Hamburg auf, die eine Begleitung der Eltern sowie des einzelnen Kindes ermöglichen und dazu beitragen soll, dass Barrieren für den Schulerfolg afrikanischer Kinder aus dem Weg geräumt werden. "Das Problem der Integration ist erkannt, jetzt kommt es aber auf die Bereitschaft an, es gemeinsam zu lösen", so Koffivi.
Schleswig-Holstein: Integration durch Partizipation und Vernetzung
Das erste Land, das die Gemeinschaftsschulen eingeführt hat, ist Schleswig-Holstein. Damit kommt das Land den bildungspolitischen Vorstellungen etwa der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein am nächsten, die sich für gleiche Bildungschancen und soziale Gerechtigkeit einsetzt. "Es ist das erste Land, das unserem Wunsch nachgeht", erläuterte Dr. Cebel Kücükkaraca, der stellvertretender Vorsitzender der Türkischen Gemeinde Schleswig-Holstein e.V. ist.
Dabei schwört Kücükkaraca auf Partizipation und Vernetzung mit den relevanten Institutionen, nur so könne die Integration gelingen. So bietet die Türkische Gemeinde neuerdings eine landesweite Beratung für Migrantinnen und Migranten in besonderer Bedarfslage an. In diesem Zusammenhang leisten Qualifizierungsangebote für die Eltern, Informations- und Bildungsveranstaltungen sowie landesweite Vernetzungen eine wertvolle Unterstützung.
Geringe Kenntnisse über das deutsche Bildungssystem, sprachliche und kulturelle Barrieren, sehr große soziale und wirtschaftliche Probleme sind die zentralen Hindernisse aus der Sicht von Kücükkaraca. Vor diesem Hintergrund hat die Türkische Gemeinde auch Ausbildungsnetzwerke zwischen der Gemeinde und den Ganztagsschulen aufgebaut, die die Berufsorientierung fördern: Was kann mein Kind, wozu ist es geeignet und worin besteht die berufliche Zukunft? "Eltern haben sehr großen Einfluss auf die Kinder. Doch diese sind nicht immer gut durch sie beraten", ergänzte Kücükkaraca.
Ganztagsschulen als Integrationslokomotive
In Schleswig-Holstein leisten die Ganztagsschulen einen ganz entscheidenden Beitrag zur Integration. Migration ist ja häufig mit unsicherem rechtlichen Status sowie sozialer und wirtschaftlicher Prekarität verbunden: "Viele Kinder und Jugendlichen haben selbst den Rückhalt in der Familie verloren oder die Eltern sind Arbeitslosengeld II-Empfänger", erklärte der Schulleiter der Theodor-Storm-Realschule in Kiel, Carsten Haack. "Mangelnde Ressourcen grenzen die Kinder und Jugendlichen aus." So versucht die Schule die Ganztagsangebote möglichst kostenfrei anzubieten.
Strategien zur Integration seien das Soziale Kompetenztraining (SKOTT), die Einführung des verbindlichen Ganztags, Sprachförderung, Integrationsbegleitung sowie Themenelternabende. Ohne den Ganztag könnten diese verbindlichen Ansätze gar nicht praktiziert werden: Um die Schülerinnen und Schüler schon ab der fünften Klasse auf den Ganztag vorzubereiten, ist es üblich, dass die Klassenlehrer sie beim Mittagessen begleiten.
Die Schulsozialarbeiterin und Ganztagsschulberaterin Davorka Bukvcan von der AWO Düsseldorf gab aber auch zu bedenken: "Sämtliche Pädagogik geht an den Kindern und Jugendlichen vorbei, wenn sie die Pflege der Muttersprache und der Identität vernachlässigt. Hier hat die Ganztagsschule noch einiges zu tun."
Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 29.09.2008
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