5. SEPTEMBER 2008

Mitwirkung mit Wirkung

Die Demokratieskepsis unter Jugendlichen wächst. Für viele ist Demokratie ein völlig abstrakter Begriff. Um sie erlebbar werden zu lassen, muss Demokratie erlernt werden - je früher, desto besser. In Bremen bieten das Landesinstitut für Schule, die Jugendbildungsstätte Lidice Haus und die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen gemeinsam die Fortbildung "Mitwirkung mit Wirkung - Partizipation von Jugendlichen in der Schule" an, um Pädagoginnen und Pädagogen mit methodischem Handwerkszeug für die Partizipation von Jugendlichen in der Schule auszurüsten.

Verschiedene Umfragen legen es nahe: Viele Bürgerinnen und Bürger stehen der Demokratie skeptisch bis ablehnend gegenüber, äußern sich frustriert über fehlende Beteiligungsmöglichkeiten und Einflussnahme. Jugendliche wissen mit dem Begriff Demokratie oft wenig anzufangen, die Empfänglichkeit für einfache rechte Parolen wächst.

Andrea Müller, Diplom-Sozialarbeiter im Lidice Haus, der Jugendbildungsstätte des Landes Bremen, kennt beide Seiten der Medaille: Zu seinen Arbeitsschwerpunkte gehören Rechtsextremismus und - als Antwort darauf - Teilhabe, Demokratieentwicklung und Partizipationsmöglichkeiten Jugendlicher. Bereits von 2000 bis 2005 bot das Lidice Haus Fortbildungen im Bereich der Jugendhilfe zum Thema "Partizipation von Kindern und Jugendlichen" an. Bei dieser einjährigen Zusatzausbildung mit 20 Seminartagen, bei denen ein Zertifikat erworben werden konnte, war die Etablierung eines Partizipationsprojektes ein Element der Fortbildung.

"Wir haben uns gesagt, dass dieses Thema auch Schulen betrifft", erinnert sich Müller an den Ursprung der Idee, eine solche Fortbildungsreihe auch für Schulen anzubieten. "Dem Demokratiefrust von Jugendlichen muss man früh mit positiven Demokratieerfahrungen begegnen. Man hat mehr Spaß beim Lernen wie beim Arbeiten, wenn man an Entscheidungen teilhaben kann. Dieser Prozess macht Mühe, aber er lohnt sich. Aus Schulen hörten wir oft, dass sie für ein solch nebensächliches Thema keine Zeit hätten, ihnen aber auch das Wissen fehlte, wie Partizipation überhaupt angegangen werden könnte."

Mühsamer Prozess mit glücklichem Ende

In den letzten drei Jahren verfolgten Müller und seine Kollegin Anne Dwertmann ihre Idee einer auf Schulen zugeschnittenen Partizipationsfortbildung, wobei sich der Mitstreiterkreis langsam, aber stetig erweiterte. Es gab mehrere Anstöße, die das Projekt langsam reifen ließen: Matthias Feuser von der Behörde für Bildung und Dr. Michael Schwarz, der Leiter des Landesjugendamtes, engagierten sich. Astrid Mangold, beim Landesinstitut für Schule für den Bereich Schule und Jugendhilfe zuständig, arbeitete ebenfalls mit. Auch aus Schulen, die bereits Erfahrung mit Partizipation gesammelt hatten, kamen Anstöße.

"Ein Wort gab das andere", beschreibt Andrea Müller die Genese des Projekts, "die wir sicher lieber etwas schneller gesehen hätten - bei der Finanzierung mussten viele verschiedene Quellen angezapft werden. Aber trotz des mühsamen Prozesses war es eine schöne Situation, weil man merkte, dass es viele Leute gibt, die auch etwas voranbringen wollen. Dass Bremen ein großes Dorf ist, machte es uns dabei einfacher. Wir haben Glück, dass wir unsere Ideen nun weitgehend verwirklichen können."

Die Projektgruppe aus der Jugendbildungsstätte, der Bildungsbehörde, dem Landesinstitut für Schule und der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen arbeitete an verschiedenen Fragestellungenen zum Thema "Partizipation in Schulen": Wie kann Teilhabe im Unterricht aussehen? Wie kann sie im Alltagsbetrieb verankert werden? Wie verwirklicht man projektbezogene Teilhabe? Was benötigen Schülerinnen und Schüler, um eine konstante und nachhaltige SV-Arbeit leisten zu können? Wie können Kinder und Jugendliche in die Gremienarbeit der Schule eingebunden werden? Wie kommt man zu einer Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus?

Schulen müssen mitziehen

Aus der gemeinsamen Arbeit entstand die Fortbildungsveranstaltung "Mitwirkung mit Wirkung - Partizipation von Jugendlichen in der Schule", die am 19. September 2008 mit dem ersten zweitägigen Modul starten und im April 2009 mit dem fünften Modul enden wird. Die Fortbildung richtet sich an Lehrerinnen und Lehrer sowie an pädagogische Fachkräfte, die mit ihren Schülerinnen und Schülern ein Projekt planen und dafür noch methodisches Handwerkszeug benötigen oder sich grundsätzlich mehr Verantwortungsübernahme und Einmischung seitens der Schülerschaft wünschen und dafür Möglichkeiten der Schülermitwirkung überhaupt erst mal kennen lernen wollen. Auch das Klassenklima lässt sich mit geeigneten Instrumenten verbessern. Die Fortbildung will dazu befähigen, einen Klassenrat einzurichten, oder die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen, selbstständig zur Gewalt- und Konfliktprävention beizutragen.

Die Veranstalter schickten im April 2008 die Ausschreibungen an die Schulen und druckten zusätzlich Plakate, um auf die Qualifizierung aufmerksam zu machen. Im Mai veranstalteten sie einen Informationsnachmittag für die Schulen, der allerdings wenig Resonanz brachte. Dagegen kamen verstärkt telefonische Anfragen. Letztendlich meldeten sich 16 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, zumeist Tandems aus Lehrkraft und außerschulischer Fachkraft.

Im selben Monat unterzeichneten die Staatsräte für Bildung und Wissenschaft und für Arbeit, Frauen, Gesundheit, Jugend und Soziales eine "Rahmenvereinbarung zwischen Jugendhilfe und Schule in Bremen", mit der auf allen Ebenen die Zusammenarbeit und auch die gemeinsame Fortbildung der beiden Bereiche forciert werden soll. Die Qualifizierung "Mitwirkung mit Wirkung" ist hierfür ein gutes Beispiel.

Herzstück der Fortbildung ist die konkrete Umsetzung eines Partizipationsvorhabens an der jeweiligen Teilnehmerschule. "Wir möchten, dass die Schule, die ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsendet, auch an den Erfahrungen der Qualifizierung interessiert ist", betont Andrea Müller. "Die Schule muss mitziehen." Die Moderatorinnen und Moderatoren stellen das Beteiligungsprojekt auch deshalb in der Schulkonferenz vor und begleiten es vor Ort. Bis zum Schuljahresende soll ein solches Projekt jeweils abgeschlossen sein.

Biographischer Ansatz und gemeinsames Ausprobieren

Die fünf Module behandeln die Themen "Grundlagen von Beteiligung", "Initiierung und Unterstützung alltäglicher Beteiligung in der Schule", "Beteiligung in Einzelprojekten", "Gremienbezogene Beteiligung in Schule" und "Netzwerkbildung innerhalb und außerhalb von Schule".

Im Eröffnungsmodul arbeiten die vier Moderatorinnen und Moderatoren - neben Müller, Anne Dwertmann und Astrid Mangold kommt noch Steffen Siefert von der Serviceagentur dazu - mit einem biographischen Ansatz: Welche Erfahrungen haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die überwiegend aus Ganztagsschulen kommen, selbst mit Partizipation und Mitwirkungsmöglichkeiten gemacht?

Bei der "Initiierung und Unterstützung alltäglicher Beteiligung in der Schule" wird es ein "Learning by Doing"  geben: Die Methoden "Zukunftswerkstatt" und "Wir-Werkstatt" werden vorgestellt, indem die Pädagoginnen und Pädagogen sie selbst durchführen. "Ich bin ein großer Fan von Zukunftswerkstätten. Vieles, was ich von Kindern und Jugendlichen weiß, habe ich durch diese Methode erfahren", berichtet Müller. "Diese Dynamik sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbst erfahren. Die ganze Fortbildung ist sehr erfahrungsorientiert aufgebaut. Wir wollen nicht nur am Tisch sitzen und zuhören. Es wird Spiele und Übungen für die Gruppe geben." Kreative Methoden und Atmosphäre würden helfen, sich für eine andere Ebene von Auseinandersetzung zu öffnen.

In den weiteren Modulen sollen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich mit konkreten Beteiligungsmethoden beschäftigen sowie etwas über Projektmanagement, kollegiale Beratung, Umgang mit Störungen und rechtliche Grundlagen erfahren.

Auf ein Phänomen müssen sich Schulen, die Beteiligungsprojekte verwirklichen wollen, laut Andrea Müller gefasst machen: "Wenn Schulen und Jugendhilfe etwas planen, kann das bis zur Verwirklichung schon mal ein Jahr dauern. Für Kinder und Jugendliche ist aber schon ein Monat eine unendlich lange Zeitspanne."

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 05.09.2008
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