30. MÄRZ 2004

"Wir brauchen mehr Zeit zum Lernen"

Heinz Günter Holtappels ist einer der angesehensten Wissenschaftler auf dem Gebiet der Schul- und Schulentwicklungsforschung. Im Interview äußert sich der Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund zu den Folgerungen aus der PISA-Studie und der Notwendigkeit von Ganztagsschulen.

Online-Redaktion: Professor Holtappels, dass im deutschen Bildungssystem etwas im Argen lag, war Eingeweihten schon länger bekannt, wurde aber erst durch die PISA-Studie richtig publik. Was sagen die PISA-Ergebnisse denn nun wirklich über unser Bildungssystem aus?

Holtappels: Es ist ja bekannt, dass die deutschen Schülerinnen und Schüler bei dieser Studie eher unterdurchschnittlich abgeschnitten haben. Wichtig erscheinen mir vier Ergebnisse: Zum ersten ist das im Vergleich zu anderen Ländern deutlich schlechtere Abschneiden der Schülerinnen und Schüler - vor allem im unteren Leistungsbereich - besonders prägnant. Offensichtlich fördern wir besonders bei den Lernschwachen zu wenig.

Das zweite Ergebnis, das deutlich auffällt, ist die mangelnde Chancengleichheit im Bildungsbereich. In Deutschland werden Kinder und Jugendliche nach ihrer sozialen Herkunft benachteiligt. In den unteren sozialen Schichten sind die Leistungen deutlich schlechter. Interessant ist dabei, dass bei uns im Vergleich zu anderen Industrienationen wie Japan die Schere zwischen den Schulleistungen von Kindern aus höheren sozialen Schichten und den schwachen Leistungen von Kindern aus niedrigeren sozialen Schichten am weitesten auseinandergeht. Wir sind also das Land mit der größten Bildungsungleichheit.

Drittens kann man festhalten, dass Kinder mit Migrationshintergrund benachteiligt sind, besonders Kinder, welche die deutsche Sprache noch nicht ausreichend beherrschen. Und ein viertes Ergebnis: Bei PISA, aber auch in zahlreichen anderen Schulforschungen der letzten Jahre werden in Deutschland Defizite bezüglich der Qualität der Lernkultur im Unterricht sichtbar. Individuelle Förderung innerhalb des Unterrichts und differenziertes Unterrichten mit einer gewissen Variabilität in den Lernformen gehören nicht gerade zu den Stärken deutscher Schulen.

Online-Redaktion: Der Blick richtete sich nach PISA auf die Länder, die besser abgeschnitten haben als Deutschland, die aber untereinander auch kaum vergleichbar scheinen. Was läuft in diesen Ländern denn besser?

Holtappels: In den skandinavischen Ländern beispielsweise werden differenzierter Unterricht und eine binnendifferenzierte Förderung von Schülerinnen und Schülern weitaus stärker praktiziert. Es gibt dort Förderpläne für einzelne Kinder, die Lernentwicklung der Kinder wird sehr viel stärker diagnostiziert, es werden differenzierte, individuelle Aufgaben gestellt. Dies kann man tendenziell auch für die Niederlande oder eine Reihe englischsprachiger Länder wie Neuseeland oder Schottland feststellen.

Online-Redaktion: Sind die Probleme in Deutschland verdrängt worden?

Holtappels: Verdrängung spielt sicherlich eine Rolle. Wir haben geglaubt, mit unserem Schulsystem und unserer Pädagogik gute Ergebnisse zu erzielen. Das Problem ist auch, dass Deutschland jahrzehntelang an Vergleichsstudien kaum teilgenommen hat. Wir hatten also nie kontinuierliche Rückmeldungen - quasi wie bei einem Schüler, der jahrelang lernt, ohne je zu erfahren, wie er steht. Vor allem aber wurden hierzulande die Schulen nicht systematisch und zielgerichtet in der Qualität überprüft und weiter entwickelt.

Damit hängt zusammen, dass es in deutschen Schulen jahrzehntelang ein unterentwickeltes Verständnis für die Ergebnisse der Schulforschung und keine systematische Qualitätsentwicklung gegeben hat. Es müssten viel gezielter Unterrichtsentwicklung und eine Evaluation der Schulgestaltung und der Lernergebnisse betrieben werden. Davon sind wir in Deutschland noch weit entfernt. Andere Länder haben viele Jahre gebraucht, um auf ihren heutigen Stand zu kommen. Es kann also auch in Deutschland noch Jahre dauern, bis Schulen so weit sind, eigene Qualitätsentwicklung und Evaluation wirksam vorzunehmen.

Online-Redaktion: Wäre eine Lehrerbeurteilung wie in den Niederlanden ein Schritt in diese Richtung?

Holtappels: Eine Lehrerbeurteilung alleine kann sicher kein Instrument sein, aber ein wichtiger Baustein. Pädagogisches Handeln ist keine Privatsache. Lehrerinnen und Lehrer müssen selbstverständlich Rechenschaft über ihre Arbeit abgeben. Aber es liegt ja nicht am Lehrer allein. Es kann ja auch wegen einer desolaten Schulorganisation oder eines fehlenden Förderkonzepts haken. Letzteres kommt häufig vor und wird leider durch das deutsche Auslese-Schulsystem begünstigt: Schwache Gymnasiasten werden an die Realschule abgegeben, schwache Realschüler an die Hauptschule. Deshalb fühlen sich die Lehrer möglicherweise nicht aufgefordert, solche Schülerinnen und Schüler zu fördern. Hinzu kommt, dass deutsche Schüler wesentlich weniger Unterrichtszeit haben als diejenigen in anderen europäischen Ländern oder den USA.

Online-Redaktion: Gibt es denn schon Pläne, stärker Evaluation an Schulen durchzuführen?

Holtappels: Einige Bundesländer haben Evaluationsmaßnahmen schon in ihre Schulgesetze aufgenommen, zum Beispiel in Hamburg, wo Schulen auch intensiv beraten und von Schulentwicklungsmoderatoren begleitet wurden. Es gibt in einigen Ländern Evaluationsleitfäden und Unterstützung für Schulen und Ausbildung für Steuergruppen. In Niedersachsen erprobt man Evaluationen in Qualitätsnetzwerken von Schulen. In einigen Bundesländern werden auch die Schulaufsicht umgebaut und die Beamten umgeschult. Alle Maßnahmen werden aber Zeit in Anspruch nehmen, denn diese Kompetenzen müssen erst noch erworben und vielleicht auch neues Personal rekrutiert werden.

Online-Redaktion: Eine Reaktion der Bundesregierung auf PISA war das Auflegen eines Investitionsprogramm zum Ausbau von Ganztagsschulen. Ist diese Antwort auf die Bildungsmisere für Sie nachvollziehbar?

Holtappels: Das ist sicher nicht allein ausreichend, denn die Ganztagsschule ist kein Allheilmittel oder Breitbandpädagogikum für alle Probleme. Die Begründung des Bundesbildungsminsteriums für dieses Programm bezieht sich andersherum aber auch nicht nur auf die PISA-Ergebnisse. Hier spielen verschiedene Entwicklungen eine Rolle. Einmal die sozialpolitische Seite: Eltern benötigen feste Betreuungszeiten für ihre Kinder, wenn beide einer Berufstätigkeit nachgehen - Stichwort "Vereinbarkeit von Familie und Beruf". Dazu kommen Erziehungsdefizite in vielen Familien, wo Schulen dann auch erzieherische Unterstützung leisten müssen. Es gibt auch eine beträchtliche Zahl von Einzelkindern, die soziale Kontakte brauchen. In so manchen Stadtteilen suchen Kinder ein breites Lern- und Freizeitangebot, wie es eine Ganztagsschule bieten könnte, vergebens.

Es gibt natürlich auch Begründungen, die sich auf Lehren und Lernen beziehen. PISA, IGLU, TIMSS und andere Studien passen hier ins Bild: Wenn wir uns die dort aufgezeigten Defizite ansehen - beispielsweise unzureichende individuelle Förderung, keine variable Lernkultur und die Unfähigkeit von Schülerinnen und Schülern, sich über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren - schließe ich daraus, dass wir mehr pädagogisch gestaltete Lernzeit brauchen. In dieser Zeit sollten die Schüler zum Beispiel bei den Hausaufgaben nicht sich selbst überlassen bleiben, sondern durch fachliches Personal angeleitet und unterstützt werden. Es ist also nicht damit getan, am Nachmittag außerhalb der Schule Betreuungsangebote zu machen, sondern wir brauchen Ganztagsschulen, in denen sich Lehrerinnen und Lehrer um die Lernentwicklung der Kinder und Jugendlichen kümmern. Das wäre eine richtige Antwort auf PISA.

Es geht darüber hinaus nicht nur darum, lernschwächere Kinder zu fördern, sondern auch darum, Begabungen und Talente bei allen Lernenden zu entdecken und zu fördern. Die Lernkultur muss insgesamt vielfältiger werden, und all das schafft man nicht in dem engen Zeitrahmen der Stundenplanschule, bei der mittags Schluss ist.

Online-Redaktion: Die Bundesregierung möchte zusammen mit den Ganztagsschulen auch einen Paradigmenwechsel in der Lehrkultur erreichen - vom Auslesen zum Fördern. Wie kann das verwirklicht werden?

Holtappels: Bei einer flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen benötigen wir selbstverständlich eine veränderte Lehrerausbildung und eine breit angelegte Fortbildungsoffensive. Das bezieht sich aber stärker auf das sozialpädagogisch-erzieherische Handeln, das durchaus auch von sozialpädagogischen Fachkräften geleistet werden kann, Lehrerinnen und Lehrer aber miteinbeziehen sollte.

Was das kognitive Lernen betrifft, brauchen wir keine völlig andere Lehrerausbildung. Aber der Fokus im Lernprozess muss stärker auf das Lernen und die Lernfortschritte von Schülern ausgerichtet sein. So ist nicht einsehbar, warum nur Sonderpädagogen und teilweise Grundschullehrinnen und -lehrer Lernentwicklungsdiagnosen erstellen können. Das müssen auch Gymnasiallehrer beherrschen. Sie müssen die Lernentwicklung eines Schülers kennen und Diagnosen über Lernprobleme und -fortschritte stellen können. Das alles könnte ohne größere Änderung der Lehrausbildung erreicht werden. Lediglich die Schwerpunkte müssen anders gesetzt werden: Die Förderdiagnostik muss stärker im Studium verankert werden. Zudem wird entsprechende Fortbildung verstärkt benötigt.

Online-Redaktion: Halten Sie das Konzept Ganztagsschule denn auch in der offenen Form für sinnvoll, an denen nicht alle Schülerinnen und Schüler beschult werden?

Holtappels: Zunächst mal muss man konstatieren, dass die Einführung von offenen Ganztagsschulen, die am Nachmittag Betreuung anbieten, eine große sozialpolitische Leistung der Länder ist. Aber in Fragen der Lernförderung und des Unterrichts hilft uns das weniger. Dazu kommt bei einer Freiwilligkeit des Angebots, dass sich bei Eltern kein Selbstverständnis einstellt, dass Ganztagsschulen der Regelfall sein könnten. Man muss hier durch Qualität überzeugen und Überzeugungsarbeit leisten, damit möglichst viele Eltern von diesem Angebot Gebrauch machen. Ansonsten wird es möglicherweise zu einer sozialen Auslese kommen: Nur Kinder mit Lernschwächen nehmen das Ganztagsangebot wahr, oder das Angebot ist besonders für bildungsbeflissene Elternhäuser und deren Kinder interessant. Hier ist es an den Schulen, Angebote zu entwickeln, die von möglichst allen Eltern und Schülerinnen und Schülern in Anspruch genommen werden.

Ich sehe eher ein anderes Problem bei den offenen Ganztagsschulen: Sie können den Schultag nicht kind- und lerngerecht rhythmisieren. Zunächst wird der ganz normale Stundenplan abgefahren, und dann folgt angehängt die Betreuung für einige Schüler. Der Schultag zerfällt bei diesem so genannten "Bikinimodell" also in zwei Teile, die bei unterschiedlichem Personal noch nicht mal etwas miteinander zu tun haben müssen. Bei den unterschiedlich zusammengesetzten Schülergruppen wird auch soziales Lernen schwer möglich. Probleme, die am Vormittag im Klassenverband entstehen, können am Nachmittag gar nicht mehr aufgegriffen werden, da anderes Personal zuständig und die Gruppen anderes zusammengesetzt sind.

Online-Redaktion: Ist dann die Absprache und Koordination zwischen Lehr- und Betreuungspersonal nicht zwingend erforderlich?

Holtappels: Das ist das Minimum. Dies wird sicherlich nicht jeden Tag möglich sein, aber eine wöchentliche Sitzung unter Einbezug aller an der Schule arbeitenden Kräfte, in der man die Erfahrungen und Probleme austauscht und gemeinsam Planungen vornimmt, sollte selbstverständlich sein. Wir brauchen auch gemeinsame Fortbildungen. Die außerschulischen Partner müssen eng mit Schulen zusammen arbeiten, Konzepte entwickeln und gemeinsam Angebote bestreiten. Wenn all dies gegeben ist, könnte auch das "Bikinimodell" Erfolg haben.

Online-Redaktion: Wenn Sie sich die ideale Ganztagsschule backen könnten, was wäre Ihnen besonders wichtig?

Holtappels: Mir wäre eine differenzierte, variable und attraktive Lernkultur wichtig - also Lernformen wie Projektunterricht, die über den traditionellen Unterricht hinausweisen. Zweitens sollte die Schule Angebote machen, die das Fächerlernen ergänzen, aber dieses auch durch fächerübergreifendes Lernen aufweichen. Drittens müsste eine bessere individuelle Förderung bestehen. Wenn wir es nicht schaffen, mit mehr Lernzeit Kinder in ihren Kompetenzen besser zu fördern, dann hätte die Ganztagsschule ein wesentliches Ziel nicht erreicht. Wichtig wäre mir auch eine stärkere Partizipation von Eltern und von Schülerinnen und Schülern, damit diese mehr Verantwortung für ihre Schule übernehmen.

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 30.03.2004
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Heinz Günter Holtappels

  • Heinz Günter Holtappels

    Jahrgang 1954. 1975 bis 1980 Studium der Sozialwissenschaften an der Bergischen Universität in Wuppertal. Promotion 1987 mit dem Thema "Schülerprobleme und abweichendes Verhalten aus der Schülerperspektive". Habilitation 1994 mit dem Thema "Ganztagsschule und Schulöffnung - Perspektiven für die Schulentwicklung". 1982 bis 1991 nebenamtlich Lehrer in der Erzieherfortbildung. Lehre und Forschung an den Universitäten in Wuppertal (1980 bis 1984), Dortmund (1984 bis 1992) und Bielefeld (1995 bis 1996). Universitätsprofessor für Schulpädagogik an der Hochschule Vechta 1996 bis 2001. Seit 2001 Universitätsprofessor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Bildungsmanagement und Evaluation an der Universität Dortmund und geschäftsführender Leiter des Instituts für Schulentwicklungsforschung. Arbeitsgebiete Schulpädagogik und Schulentwicklung. Schwerpunkt in Forschung und Lehre: Schultheorie, Schul- und Lernorganisation, Sozialisation und Schulentwicklung.