Bremen war das erste Land, das die Chancen einer regionalen und bundesweiten Netzwerkarbeit erkannt hat. Diese kommt der Innovation und Schulentwicklung im Lande entgegen. Das Leitungsteam der Serviceagentur, Sabine Heinbockel und Stefan Siefert, erläutern in einem Gespräch mit der Online-Redaktion die Schwerpunkte der Arbeit, den Lernprozess der Serviceagentur sowie die täglichen Herausforderungen und die Bedarfe an den Schulen vor Ort.
Online-Redaktion: Wie sieht ein Tag in der Serviceagentur aus?
Heinbockel: Wir fangen um acht Uhr an und machen dann den üblichen Email-Check. Wir schauen nach, welche Anfragen angelaufen sind. Häufig fragen Schulen an, die an einem bestimmten Thema arbeiten. In diesem Fall setzen wir uns mit der Schule in Verbindung und klären, welches Anliegen sie genau hat. Manchmal zeigt sich dann weiterer Beratungsbedarf. Dann vermitteln wir entsprechende ExpertInnen oder FortbildnerInnen an die Ganztagsschule. Das ist ein wichtiger Teil unseres Arbeitsalltags.
Ein Arbeitstag gestaltet sich anders, wenn wir Veranstaltungen vorbereiten. Dann setzen wir uns im Team, nach Bedarf auch mit weiteren Mitveranstaltern, zusammen und überlegen konzeptionell, was wir brauchen.
Ein Tag kann sich auch durch zahlreiche Außentermine hervorheben. Bremen hat ja aufgrund seiner Größe den Vorteil, dass wir fast alle Ganztagsschulen kennen, so dass wir häufig in den Schule oder im Stadtteil vor Ort anzutreffen sind.
Siefert: Als Serviceagentur nehmen wir auch an wichtigen Gremien teil. Eine große Rolle spielt dabei die Arbeit in Netzwerken. Diese finden häufig erst am späten Nachmittag statt.
Online-Redaktion: Wie kam es zur Gründung der Bremer Serviceagentur, und wieso wurde sie beim Landesinstitut für Schule angesiedelt?
Heinbockel: In Berlin und Bremen wurden die ersten Serviceagenturen gegründet. Bremen war von Anfang an stark am Ganztagsschulprogramm des Bundes interessiert und hat daher die Gelegenheit sofort genutzt und den Vertrag mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) unterschrieben. Offiziell gestartet sind wir im September 2004, als wir zunächst im "Stiftungshaus Bremen" unser Büro hatten. 2005 zogen wir ins Landesinstitut für Schule (LIS), weil dort die Wege kürzer sind und wir die Möglichkeit haben, die dortige Infrastruktur zu nutzen. Kurz nach unserem Umzug besuchte uns die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn; das war natürlich ein toller Auftakt dort.
Online-Redaktion: Was bringen Sie und Ihr Kollege mit für die Arbeit?
Heinbockel: Ich bin von Haus aus Kulturwissenschaftlerin, war aber stets in den Bereichen Personalentwicklung und Qualifizierung tätig. Außerdem bin ich Supervisorin und hatte bereits mit Schulen und Sozialpädagogischen Teams gearbeitet. Diese Vorerfahrungen waren gerade beim Aufbau der Agentur hilfreich: zum einen kannte ich die Bremer Schullandschaft, zum anderen war der Blick von außen nützlich, um Bedarfe und Handlungsspielräume zu erkennen.
Siefert: Ich bin im März 2007 dazugekommen, als das Programm aufgestockt wurde. Von Haus aus bin ich Diplom-Pädagoge. Mehrere Jahre habe ich für einen Jugendverband gearbeitet, das heißt in einem Berufsfeld, das ein klassischer Kooperationspartner von Ganztagsschulen ist. Danach bin ich in die Grundschule als sozialpädagogische Fachkraft gewechselt, wo ich nach wie vor mit einem kleinen Pensum beschäftigt bin, so dass ich noch immer ein Bein in der Praxis habe.

Heinbockel: Es fängt bei der Einzelschulberatung an, das heißt einmalige Beratung rund um den Ganztag bis hin zu längerer Prozessbegleitung. Ferner spielt die ganztagsschulspezifische Fortbildung eine zentrale Rolle. Das Spektrum reicht vom Thema Mittagessen über die Unterrichtsveränderung, neue Lehr- und Lernkultur bis hin zu Organisationsfragen.
Da Bremen das kleinste Bundesland ist, haben wir den Vorteil, dass von rund 180 staatlichen Schulen mittlerweile 50 Ganztagsschulen sind, für deren Belange wir uns einsetzen. Außerdem richten wir Veranstaltungen zu ganztägigen Themen und natürlich den "Bremer GanzTag" aus - die bislang einzige ganztagsspezifische Fachtagung hier im Land Bremen.
Siefert: Wir sind in einigen Netzwerken aktiv, die sich direkt mit Schule befassen. Auf der politischen Ebene arbeiten wir auch mit dem Ganztagsschulverband eng zusammen, und natürlich nehmen wir an den Gremien und Dienstbesprechungen im LIS teil, so dass wir von den Abteilungen einiges mitkriegen oder beisteuern. In der Stadt der kurzen Wege liegt auch der Kontakt zur Bildungsbehörde buchstäblich nahe. Wir tauschen uns regelmäßig mit der Ganztagsreferentin aus und anlassbezogen auch mit der Schulaufsicht oder anderen ReferentInnen dort im Haus.
Eine Stärke der Serviceagentur ist in der Programmstruktur "Ideen für mehr! Ganztägig lernen." angelegt. Durch die Vernetzung zwischen den Ländern tragen wir bundespolitische Themen ins Land herein. Daneben sind wir auch zentraler Ansprechpartner für Eltern, Lehrkräfte sowie außerschulische Kooperationspartner.
Heinbockel: Bei der inhaltlichen Beratung spielt auch eine Rolle, dass sich die Ganztagsschulkriterien in dem Bremer Qualitätsrahmen für Schulentwicklung wiederfinden, Schulentwicklung also nach gemeinsamen Qualitätskriterien stattfindet.Hier zu vernetzen ist eine wichtige Aufgabe.
Eine große Rolle spielen auch die Kontakte zu den Hochschulen. Wir bringen Leute zusammen, die ohne uns nicht zueinander gefunden hätten.
Und wir sind aktiv beim Thema "Lokale Bildungslandschaften", zum einen im bundesweiten Thematischen Netzwerk, zum anderen im Verbund mit den anderen Stadtstaaten Berlin und Hamburg und vor Ort in der Unterstützung von Projekten zur gemeinsamen Bildungsverantwortung.
Online-Redaktion: Welche Angebote fragen die Schulen denn besonders nach?
Heinbockel: Ein großes Thema, das uns immer wieder begegnet, ist Teamarbeit Wie bildet man Jahrgangsteams bzw. interdisziplinäre Teams? Wie baut man ein Klassenteam mit Sozialpädagogen oder Erzieherinnen auf? Zu diesen Themen veranstalten wir Qualifizierungen, Fortbildungen oder machen auch Konfliktmoderationen. Zunehmend kommen Fragen nach anderen Unterrichtsformen: Wie mancht man einen Wochenplan, oder wie organisieren wir Projektarbeit?.
Wichtig für die Schulen ist auch das Thema Planungssicherheit. Wann erfahre ich, dass ich Ganztagsschule werde, und wie viel Zeit habe ich für die Planungen? Welche Ressourcen stehen der Schule zur Verfügung? Die Bedarfe der Schulen wachsen ja, aber die Ressourcen nicht. Hier können wir nur innovative Impulse an die Schulen geben und sie ermutigen, ihre Handlungsspielräume auszuschöpfen.
Wir sind ja nicht in der Lage, die Schulen besser auszustatten, aber wir können ihnen Hinweise geben, wo sie an zusätzliche Mittel herankommen. Dafür erarbeiten wir zum Beispiel gerade eine Förderfibel, aus der die Schulen sich beispielsweise Stiftungen herauspicken können, die zu ihrem Profil passen. Sie finanzieren Seminare zur Öffentlichkeitsarbeit, die sich wiederum positiv auf die Bereitschaft des Stadtteils auswirkt, eine Schule zusätzlich zu unterstützen. Aufgrund der Haushaltslage sind die Schulen in Bremen auch politisch aufgefordert, selbst Fundraising zu betreiben. Neben finanziellen Zusatz-Töpfen gibt es Handlungsspielräume in der Gestaltung. Auch hier möchten wir den Blick erweitern.
Online-Redaktion: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit der senatorischen Behörde für Bildung und Wissenschaft in Bremen für die Arbeit der Serviceagentur?
Siefert: Christel Hempe-Wankerl ist die Ganztagsschulreferentin in der Bildungsbehörde und gleichzeitig die Vorsitzende der Gruppe, die die Serviceagentur steuert. Zu ihr haben wir, wie gesagt, kurze Wege und einen guten Draht.
Dabei haben wir den Vorteil, dass wir nicht "Behörde" sind. Das heißt, wir werden neutraler wahrgenommen und können die Stimmung in den Schulen gut aufnehmen. Gleichzeitig helfen wir dabei, neue Ideen und Ansätze aus der Behörde an die Schulen weiterzugeben. So hat die Bildungsbehörde den erwähnten Qualitätsrahmen verabschiedet, der für die Schulen in Bremen demnächst verbindlich werden soll. Die Serviceagentur hat daran mitgearbeitet, dass dieser Qualitätsrahmen ganztagsschultauglich ist.
Heinbockel: Ganz zu Anfang gab es noch die Frage: Werden wir auf Zuruf der Behörde aktiv oder nicht? Schließlich ist es ja auch wichtig, unabhängiger Anbieter zu bleiben. Meiner Meinung nach ist das inzwischen gut gelungen. Die Abstimmung mit der Ganztagsschulreferentin läuft gut, wir bekommen die Informationen, die wir für die weiteren Planungen brauchen. Auch auf der inhaltlichen Ebene haben wir eine gute Kooperation aufgebaut.
Allerdings wünschte ich mir, dass es in der Behörde ein größeres Gremium gäbe, in dem die speziell für Ganztagsschulen relevanten Themen umfassender behandelt werden, wie beispielsweise Bauangelegenheiten, Unterrichtsentwicklung, Schulprogrammmarbeit, Kooperationen. Aus meiner könnte hier eine inhaltlich intensivere Abstimmung aller Fachleute mehr Synergien erzielen und den Schulen Planung und Umsetzung erleichtern.
Online-Redaktion: Welche Kooperationen und Netzwerke haben Sie aufgebaut und welche Bedeutung haben sie für die Serviceagentur?
Siefert: Da ich Sozialpädagoge bin, war mir daran gelegen, eine Austauschplattform für die sozialpädagogischen Kräfte aufzubauen. Sie müssen sich ja selbst über die pädagogische Arbeit in Ganztagsschule neu definieren. Da sie vor diesem Hintergrund Fortbildung brauchen, haben wir das Netzwerk "PM" (Pädagogische Mitarbeit) gegründet. Wir treffen uns in diesem Netzwerk ungefähr fünfmal im Jahr und machen zusätzlich Fortbildungsangebote zu einzelnen Themen der sozialen Arbeit im Ganztag.
Eine andere Kooperation hat sich auf Anfrage einer Schule hin entwickelt. So beschwerte sich eine neue Küchenleiterin, dass alle vor sich hinwursteln statt gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Die Qualität des Essens sollte verbessert werden, die Kosten gesenkt und bei den Kindern mehr Akzeptanz für gesundes Essen geweckt werden. Daraus ist in diesem Jahr ein Netzwerk hervorgegangen, in dem sich die Küchenkräfte auf freiwilliger Basis nach Feierabend treffen und austauschen. Dabei geht es um gemeinsame Aktivitäten - angefangen vom gemeinsamen Einkaufen, um bessere Preise zu erzielen, Rezeptaustausch, neue Hygienestandards - eben alle Themen rund um Küche.
Heinbockel: Ich möchte noch die Netzwerke nennen, die bereits bestehen und in welche die Serviceagenturaufgenommen wurde. So gibt es ein gut funktionierendes Netzwerk von Schulleiterinnen und Schulleitern der Grundschulen, die sich seit fünf Jahren treffen und einen hervorragenden Austausch pflegen. Und es gibt das sogenannte Trägertreffen, in dem sich die Schulen des Sek-I-Bereichs für den Ganztagsbetrieb vernetzt haben.
Last but not least: zur Serviceagentur gehört die Begleitgruppe, das sind fünf Kolleginnen, die im Rahmen von Freistellungsstunden für die Agentur aktiv sind. Selbst Schulleiterinnen bzw. Ganztagskoordinatorinnen und Fachberaterinnen, beraten sie Schulen als Kolleginnen, lassen in ihren Schulen hospitieren, geben Fortbildungen und engagieren sich in ihren jeweiligen Netzwerken.
So ist die Bremer Agentur ganz vielfältig vor Ort vernetzt und aktiv; die Agentur ist über die Jahre ein wichtiger Partner der Schulen geworden und immer auch "Drehscheibe" und eine Art "Kontaktbörse" für Infos und Expertise.
Stefan Siefert, Jahrgang 1961. Diplom-Pädagoge mit dem Schwerpunkt "außerschulische Jugend und Erwachsenenbildung". Bildungsreferent bei einem Jugendverband und die Erwachsenenbildung, anschließend -pädagogischer Mitarbeiter an einer Ganztagsgrundschule. Parallel dazu in der LehrerInnenausbildung an der Uni Bremen tätig. Seit 1. März 2007 in der Serviceagentur Bremen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 12.08.2008
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