24. JUNI 2008

Serviceagentur Brandenburg: Schulentwicklung braucht Begleitung

Über mangelnde Arbeit kann sich die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Brandenburg nicht beklagen. Karen Dohle und ihr Team werden von Anfragen zur Organisation, zur individuellen Förderung überhäuft. Keine Anfrage wird ignoriert, vieles kann aber an die 14 Konsultationsstandorte delegiert werden, die als gute Beispiele Orientierung für andere Ganztagsschulen und ihre Partner bieten. Sie fungieren als wichtiges Standbein im Beratungskonzept der Serviceagentur und bilden eine anerkannte Säule im landesweiten Beratungssystem.

Die Kooperationsberatung von Grundschulen und Horten, von Sekundarschulen und Partnern und Schülerpartizipation - das sind die Schwerpunkte, die sich die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Brandenburg gesetzt hat. Der Arbeitsbeginn jedes Tages bringt für Projektleiterin Karen Dohle, die mit ihrem Team in hellen, freundlichen Büroräumen in Potsdam-Babelsberg sitzt, allerdings immer wieder neue und andere Anfragen und Herausforderungen, die über diese Themen und die selbst gesetzte Tagesplanung hinausgehen.

"Das ist das Spannende an dieser Arbeit - man weiß nie, wenn man den Computer anschaltet, was der Tag mit sich bringen wird", meint die Diplompädagogin. Klar ist dabei aber immer, dass den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Serviceagentur bei der Unterstützung zur Konzeptentwicklung und der Antragsberatung von Schulen immer daran gelegen ist, dass die Interessen von Kooperationspartnern, Schülerinnen und Schülern und der Eltern mit berücksichtigt werden. Letztes Jahr ist die Schülerpartizipation als eigener Schwerpunkt zusätzlich verankert worden.

Partizipation sei zwar nicht das brennendste Thema an den meisten Ganztagsschulen. "Die Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG) hat aber gezeigt, dass gerade ältere Schülerinnen und Schüler beim Ganztag nicht einbezogen werden", erklärt Karen Dohle. "Das ist ein sehr spannendes Thema: Wie sehen die Interessen der Jugendlichen aus? Welche Angebote kann man ihnen machen?" Die Serviceagentur begleitet in diesem Jahr Schulen mit konkreten Partizipationsprojekten wie einem Streitschlichterprogramm oder einem Schülerclub.

Konsultationsstandorte als Experten

"Schulentwicklung braucht Begleitung", meint die Serviceagenturleiterin. Kleine Schritte seien meistens am erfolgreichsten. "Wichtig ist auch die Motivation und die Rückmeldung, die wir den Schulen geben können. Besonders Standorte, die selbst beraten, brauchen Begleitung und Wertschätzung von außen".

Die Konsultationsstandorte sind ein zentraler Baustein in der Arbeit der Serviceagentur: Hierbei handelt es sich um 14 auf ganz Brandenburg verteilte Ganztagsschulen der Primarstufe und der Sekundarstufe I, die im Tandem mit einem Kooperationspartner  - im Primarbereich der Hort - ein Netzwerk gebildet haben. Die Standorte selbst öffnen sich für andere Schulen und Jugendhilfepartner, die Beratungsbedarf haben.

Die vielen Anfragen zu Strukturen, zur Teamzusammensetzung oder zur Rhythmisierung können hier ganz praxisnah beantwortet oder auch abgeguckt werden. Jede der Schulen ist dabei "Experte" auf einem bestimmten Feld. "Es kann oft sehr hilfreich sein, sich etwas vor Ort anzuschauen", meint Karen Dohle.

Einmal "richtig mittendrin" zu sein und den Schulalltag kennen zu lernen, darauf kommt es auch bei Exkursionen an, die die Serviceagentur gemeinsam mit den Konsultationsstandorten, Schulräten sowie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren aus Berlin, mit dessen Serviceagentur man eng zusammenarbeitet, unternimmt. Im Herbst 2007 besuchte man zwei Schulen in Jena und Weimar, um sich unter anderem über jahrgangsübergreifenden Unterricht zu informieren und Anregungen für die eigene Arbeit zu erhalten. Auf den Netzwerktreffen der Konsultationsstandorte berät man dann, wie der Transfer in die eigene Schule gelingen kann.

Fragen nach individueller Förderung nehmen zu

"Der Wunsch nach Exkursionen ist groß, gerade aus den Konsultationsstandorten", hat Karen Dohle beobachtet. Die zentrale Aufgabe der Serviceagentur sei es, aus den Anfragen die Essenzen herauszufiltern und danach den Fortbildungs-, Beratungs- und Exkursionsbedarf auszurichten.

Die Angebotsmischung ergebe sich aus fachlicher Sicht und der Schulnachfrage. Diese Nachfrage habe sich mit der Zeit verändert: Standen am Anfang Strukturfragen im Mittelpunkt, so überwiegen nun Fragen nach individueller Förderung, Lernmethoden und Teamentwicklung.

Einmal im Monat trifft sich das gesamte Team der Serviceagentur zur Besprechung, alle 14 Tage tauscht man sich intensiv im Kleinteam aus: Karen Dohle, Bettina Böttche - zuständig für den Bereich Grundschule - und Andrea Blaneck, welche die Bereiche Schülerpartizipation und Sekundarschule übernommen hat. "Wir beraten uns hier gegenseitig, besprechen anstehende Probleme und Aufgaben und überlegen, wie wir den Nerv treffen können", erläutert Bettina Böttche. Einmal im Jahr findet eine große Klausur statt, in der die Jahrespläne aufgestellt und die Aufgaben verteilt werden.
 
Das Land Brandenburg steht hinter den Ganztagsschulen, meinen Karen Dohle und Bettina Böttche. Bildungsminister Holger Rupprecht reise häufig durch die Schulen und übergebe auch die Fördermittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes oft persönlich. Die vom Land an die Ganztagsschulen überwiesenen Honorarmittel bieten einen guten Grundstock für Kooperationsangebote.

Um die Mittel aber ressoucenorientiert einzusetzen, seien individuelle Lösungen und Ideen gefragt. Insgesamt schreite der quantitative Ausbau der Ganztagsschulen voran und die selbst gesetzten Marken des Landes von der Ganztagsschulteilnahme von 30 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Sekundarstufe I-Bereich und 25 Prozent aller Schülerinnen und Schüler im Primarbereich würden erreicht und sogar übertroffen. Auch in den Jahren 2009 und 2010 sollen weitere Ganztagsschulen dazukommen.

Beratung nur bei Beteiligung aller Personen

"An einer Verzahnung auf allen Ebenen muss stetig weitergearbeitet werden", meint Karen Dohle insbesondere auf die Kooperation von Schule und Jugendhilfe bezogen. "An vielen Standorten muss das Bewusstsein erst wieder aufgebaut werden, dass Bildung, Erziehung und Betreuung nicht "teilbar" sind. Dafür müssten die verschiedenen Professionen trotz institutioneller Trennung eine Kommunikationsebene finden.
 
Zahlreichen Schulen sei aber bewusst, dass sie sich verändern müssen. "Es gibt Pädagoginnen und Pädagogen, die mehr für die Schülerinnen und Schüler gestalten wollen", erklärt Bettina Böttche, die selbst Lehrerin in der Schule am Krugpark in Brandenburg an der Havel ist. "Und die Schulträger drängen, insbesondere im ländlichen Raum, wegen des demographischen Wandels auf eine Neuorganisation."

Oft werde bei der Konzeption einer Ganztagsschule vergessen, alle Partner einzubinden. Die Serviceagentur bietet ihre Beratung vor Ort nur an, wenn sichergestellt ist, dass  alle Beteiligten involviert sind. "Das gibt manchmal einen regelrechten Aha-Effekt: ,Ach, die müssen ja auch dabei sein!'", berichtet Karen Dohle. Auch beim Thema "Kommunale Bildungslandschaften" werde inzwischen gerade im ländlichen Raum erkannt, was nötig ist. "An diesem Thema wollen wir in diesem Jahr auf jeden Fall weiterarbeiten."

Inhaltlich und organisatorisch stimmt sich die Serviceagentur mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS), dem Träger des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen", und dem Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg ab. Die Reflexionen aus der Beratungstätigkeit der Serviceagentur finden dabei immer Berücksichtigung bei der gemeinsamen Planung der Aktivitäten.
Ein großer Bonus für die Serviceagentur ist die Einbettung bei kobra.net, einem Projektverbund, der sich für die Öffnung von Schulen einsetzt. "Wir konnten beim Start der Serviceagentur 2005 auf gute Strukturen, viel Fachwissen und andere Programme zurückgreifen", erinnert sich Karen Dohle.

Vernetzung herstellen, Kontakte pflegen

Eins ist klar: Der Serviceagentur wird die Arbeit nicht ausgehen: "Wir haben Schwierigkeiten, die vielen Bedarfe zu bedienen und könnten doppelt so viel arbeiten", schildert die Agenturleiterin die Situation. "Die Vernetzung herzustellen, Kontakte zu pflegen, Moderationen zu übernehmen, bleiben ständige Aufgaben." Eine interessante Zukunftsaufgabe sieht die Diplompädagogin darin, den Transfer der Ergebnisse aus dem Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" zu gewährleisten. Es gibt bereits Überlegungen, gemeinsam mit dem LISUM an einem Fortbildungskonzept zu arbeiten.

Die Serviceagentur Brandenburg verfügt nicht zuletzt in ihrer Eigenwahrnehmung über einen guten Ruf und hat sich etabliert. Um den zu erhalten, lässt man die eigenen Veranstaltungen evaluieren, unternimmt auch kollegiale Evaluationen und überlegt regelmäßig, wie es mit der eigenen Arbeit weiter gehen soll. "Solche Reflexionen sind enorm wichtig", ist Karen Dohle überzeugt. Demnächst möchte das Team auch ein Coaching in Anspruch nehmen.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 24.06.2008
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