Zum 4. Mal lud die Werkstatt 1 "Entwicklung und Organisation von Ganztagsschule" zu einer Fachtagung ein, die diesmal mit "Ganztagsschule der Zukunft - Entwicklungen und Herausforderungen" überschrieben war. Mit Hilfe einer Zukunftswerkstatt erörterten Teilnehmerinnen und Teilnehmer am 4. und 5. Juni 2008 in Dortmund Trends in der Schulentwicklung und welche Gestaltungsmöglichkeiten sich daraus ergeben.
Willi Juhls, Lehrer an der Hauptschule Aplerbeck in Dortmund, hat seinen Arbeitsplatz für zwei Tage verlassen und sich 15 Kilometer westlich auf das Universitätsgelände begeben. "Als ich einer Kollegin gestern Abend am Telefon sagte, ich ginge auf eine Fortbildung, meinte sie nur: 'Du Armer!'" Doch Juhls empfindet die 4. Fachtagung der Werkstatt 1 "Entwicklung und Organisation von Ganztagsschule" im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" nicht als Pflichtveranstaltung, sondern als Chance für seine Schule.
In Dortmund arbeiten bereits vier Hauptschulen als gebundene Ganztagsschulen: Im kommenden Schuljahr starten drei weitere, darunter die Hauptschule Aplerbeck mit dem 5. Jahrgang. "Die Schulleitung hat das Kollegium gefragt, ob es sich die Einführung der Ganztagsschule vorstellen könne", berichtet Juhls, "und wir waren uns einig, dass wir gar nicht darum herumkommen." Die Ganztagsschule sei auch eine Maßnahme zur Stärkung der Hauptschulen.
Schulentwicklung durch Zukunftswerkstatt
Peter Hottaß, Ganztagsschulberater des Ganztagsschulverbandes, riet Juhls, zunächst einmal in der eigenen Schule eine Grundübereinstimmung herzustellen, wie man die Ganztagsschule gestalten möchte, bevor man sich mit anderen Schulen darüber austauscht. Dies könne zum Beispiel mit Hilfe einer Zukunftswerkstatt geschehen. "Man verhebt sich sonst allzu leicht, wenn man den zweiten vor dem ersten Schritt macht", warnte Hottaß. Es sei auch wichtig, die Eltern einzubeziehen. Die Schulleiterin einer Wittener Ganztagsgrundschule ergänzte: "Man muss alle Beteiligten einbinden -auch den Hausmeister - damit sich niemand überfahren fühlt und blockiert."
Den 40 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus dem ganzen Bundesgebiet wollte die Fachtagung solche konkrete Anliegen lösen helfen. Neben dem fach- und länderübergreifenden Austausch war ein wichtiger Bestandteil der Veranstaltung daher eine Zukunftswerkstatt, die von Prof. Dr. Olaf Axel Burow von der Universität Kassel und Dr. Heinz Hinz von der Akademie für Führung und Organisation in Silberburg geleitet wurde. In drei Phasen ging es laut Burow darum, "Ganztagsschule nicht nach dem "Mehr desselben" zu denken": Zunächst analysierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Situation in Bildungswesen und machten Trends für die Zukunft aus. Dann ersonnen sie in der "Visionsphase" die Schule der Zukunft nach ihren Wünschen. In der "Umsetzungsphase" ging es dann darum, die Wünsche und die aktuellen Gegebenheiten zusammen zu bringen.
Verschiedene prognostizierte Trends wurden auf mögliche positive wie negative Auswirkungen hin untersucht: Dass verstärkt unterschiedliche Professionen in den Ganztagsschulen wirken, biete unter anderem die Chance für reichhaltige und zahlreiche Angebote, die Begegnung mit Fachleuten, von denen auch die Lehrerinnen und Lehrer lernen können, und eine engere Bindung an den Sozialraum. Man müsse aber eine Beliebigkeit der Angebote verhindern, die überdies nur für einen kurzen Zeitraum stattfänden. Auch überforderte Partner, schwierige Finanzierung und Reibungen zwischen den Professionen wegen unterschiedlicher Gehälter blieben Herausforderungen.
Gemeinsamkeit und Individualität
Eine Teilnehmergruppe sah mehr Möglichkeiten darin, mit zusätzlichen Finanzmitteln für Ganztagsschulklassen, eigener Personaleinstellung, Entwicklung von Leitbildern und Schulprogrammen sowie der eigenen Verantwortung für die Schulentwicklung Schule neu zu gestalten. Dem stünden die "ungebrochene Regulierungswut" der Bildungsbürokratie, fortbildungsresistente Kolleginnen und Kollegen und die Forderungen nach Kostenneutralität entgegen.
Auf dem Weg zur "Lebensschule" sahen einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer viele Ganztagsschulen schon weit entwickelt: Es gebe viele Angebote, Kooperationen, Elternpartizipation, verschiedene Professionen, gute Ausstattung und individuelle Förderung. Dagegen gebe es bei anderen Schulen noch Verbesserungsbedarf, etwa bei der Sozialraumorientierung oder im Bereich der Verpflegung.
In der Präsentation ihrer Visionen ließen sich die Vorstellungen der Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Schülerinnen und Schüler, pädagogischen Partner und der Verwaltung auf zwei Nenner bringen: Gemeinsamkeit und Individualität. Alle am Schulleben sollten Entscheidungen und Entwicklungen gemeinsam fällen und voranbringen. Dabei müssten aber im Arbeitsalltag Unterschiede und Individualität im Lernen zugelassen werden können.
Zusammenarbeit mit Partnern bringt Dynamik
Durch den Austausch in der Zukunftswerkstatt wurde so manchem auch wieder bewusst, dass "Qualifikation von außen einen Energieschub bringt", wie es ein thüringischer Schulleiter in der Umsetzungsphase formulierte. "Wenn man alles alleine macht, kocht man zu sehr im eigenen Saft." Nun beabsichtigeer mit der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen eine Klausurtagungdurchzuführen, um neue Impulse für die Schulentwicklung zu erhalten. Auch ein Hamburger Schulleiter wollte "gleich morgen die Serviceagentur Hamburg anrufen", um sich Beratung zu holen. "Durch stärkere Zusammenarbeit mit anderen Partnern bekommt die Schulentwicklung eine neue Dynamik." An der Hauptschule Bonifatius im sauerländischen Menden wollen Schülerinnen und Schüler neue Arbeitsgemeinschaften initiieren, bei denen Eltern in einer Singen-AG und ein Förster in einer Wald-AG involviert werden sollen.
"Es gibt ein hohes Engagement an den Schulen", lobte Prof. Dr. Heinz Günter Holtappels vom Institut für Schulentwicklungsforschung (IfS) an der Universität Dortmund, das die Werkstatt 1 trägt. "Die Aufbruchstimmung konnte zur Ganztagsschulentwicklung genutzt werden." Jetzt müsse man darauf achten, nicht nur die Schlüsselkompetenzen zu entwickeln, sondern auch die Bildungskompetenzen zu stärken. "Schulen müssen sich zudem als Organisationen begreifen, die von Verwaltung und Lehrerschaft gemeinsam entwickelt werden", führte der Erziehungswissenschaftler aus.
Auch Prof. (em.) Dr. Hans-Günter Rolff verwies in seinem Vortrag "Gelingens- und Misslingensbedingungen von Schulentwicklung" auf den Faktor gemeinsames Handeln: "Wenn Führung alles selber macht oder Lehrerinnen und Lehrer isoliert arbeiten, dann kann keine gute Schule entstehen." Ein Schwerpunkt müsse auf der Unterrichtsentwicklung liegen. Eine klare Leistungserwartung und die regelmäßige Untersuchung der Lernfortschritte gehörten dazu. "Es gibt Schulen, die Innovationen und Qualitätsmanagement perfekt implementiert haben - schaut man aber genauer hin, hat sich in Bezug auf den Unterricht nichts geändert", berichtete der Wissenschaftler.
Ganztagsschule als Mittel zum Zweck
Der nachhaltigste Weg, Schulentwicklung voranzutreiben, sei das Etablieren von Selbststeuerungseinrichtungen, das Schaffen einer Infrastruktur für die Professionalisierung des Lehrpersonals und der Aufbau von Lerngemeinschaften im Kollegium, die von Fehlertoleranz und Hilfekultur gekennzeichnet sein sollten. "Schulentwicklung ist keine lineare Entwicklung", schloss Rolff. "Ursachen und Wirkungen sind manchmal nicht eng miteinander verknüpft, und Systeme können recht eigenwillig auf Interventionen reagieren."
Für den Diplom-Psychologen Otto Herz geht es bei der Ganztagsschulentwicklung "um´s Ganze": Wenn in Schulen, die sich mit der Einführung der Ganztagsschule befassten, die Frage gestellt würde, was man "denn jetzt auch noch am Nachmittag machen soll", offenbare sich das grundsätzlich falsche Verständnis von Ganztagsschule. Diese umfasse den ganzen Tag und sei ohnehin weniger als zeitliche Kategorie zu verstehen: "Ganztagsschule ist ein Mittel zum Zweck. Es geht um die Unterstützung der Kinder für ein gelingendes Aufwachsen, um in einer komplexer werdenden Welt zurecht zu kommen", erklärte Herz.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 16.06.2008
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