Erfolgreiche Bildungssysteme setzen auf die multiprofessionelle Arbeit im Team. Auf der Abschlussveranstaltung am 29. Mai 2008 in Köln wurde ein Resümee der Arbeit des Verbundprojektes "Lernen für den GanzTag", dem die Länder Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz angehören im Beisein von rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gezogen. So wurden insgesamt 28 Fortbildungseinheiten entwickelt, die die Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen bundesweit voranbringen. Sie können an der neuen Qualifizierungsoffensive "Aufstieg durch Bildung" anknüpfen.
In vielen Ganztagsschulen blühen kunterbunte Vorbehalte zwischen den Berufsgruppen, die der Qualitätsentwicklung unnötig im Wege stehen. Das Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" hat daher Fortbildungsmodule entwickelt, die im Rahmen von Präsentationsforen am 29. Mai 2008 zum Abschluss des länderübergreifenden Gemeinschaftsprojektes erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.
So waren im Präsentationsforum "Selbstverständnis von Pädagoginnen und Pädagogen in Ganztagsschulen" (Bremen/ Rheinland-Pfalz) sozialpädagogische Fachkräfte aufgefordert, ihre Erfahrungen, aber auch ihre Vorurteile über die Lehrerinnen und Lehrer bzw. die Träger außerschulischer Bildungs- und Betreuungsangebote an einer Wandzeitung kundzutun. Das Meinungsbild fiel nicht sehr schmeichelhaft aus: "Einzelkämpfer, reine Wissensvermittler, Besserwisser, strikte Mauerbildung, unflexibel in Bezug auf Zeit und Räume, Defizitorientierung, Desinteresse an anderen Berufsgruppen, wenig Kenntnisse über Jugendhilfe, Ablehnung." Über die Träger äußerten sie sich ebenfalls: "Zu wenig Geld, zu wenig Stunden, zu wenig Unterstützung, zu hohe Erwartungen."
Im Gegenzug gaben die Lehrerinnen und Lehrer ihre Meinung über die sozialpädagogischen Fachkräfte ab. Sie fiel deutlich positiver aus: "Besserer Zugang zu anderen Kindern, positive Erfahrungen in der Zusammenarbeit, Ansprechpartner für Eltern, unterbezahlt." Meike Baasen, die das Fortbildungsmodul mit entwickelt hatte, ist sich absolut sicher: "Wenn man gegeneinander arbeitet, kann man keine Ganztagsschule machen."
Teambildung zwischen den Professionen
In anderen Worten: Dort, wo multiprofessionelle Teams miteinander arbeiten - und das ist in der Mehrzahl der Ganztagsschulen der Fall - tut Fortbildung Not. Dafür bedarf es allerdings der Bereitschaft, die jeweils eigene Rolle zu hinterfragen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zu entdecken. Der Bedarf schien bei den sozialpädagogischen Fachkräften ausgeprägter zu sein als bei den Lehrkräften. Ein Anzeichen dafür war etwa die deutliche Überzahl der sozialpädagogischen Fachkräfte gegenüber den Lehrkräften auf dem Präsentationsforum von Meike Baasen. "Das Fortbildungsmodul möchte unbewusste Zuschreibungen und Vorurteile bewusst machen", so die Schulleiterin der Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen.
Ein gut funktionierendes Ganztagsschulteam brauche gemeinsame Räume und gemeinsame Begriffe. So habe ihre Grundschule die Bezeichnung "Lehrerzimmer" abgeschafft. An der Tür steht jetzt "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter". Der nächste Schritt der Fortbildungseinheit besteht darin, Hintergrundinformationen über die andere Berufsgruppe zu erarbeiten.
Als die Fortbildungsbausteine im Maternushaus in Köln ihre Generalprobe erlebten, wurde übrigens viel gelacht. Die größte Entdeckung lag schließlich darin, dass man vom Anderen lernen kann und dabei eine neue Perspektive auf die Gestaltungsmöglichkeiten von Schule gewinnt. Vergleichbare Erfahrungen haben die Teams bereits im Vorfeld der Abschlussveranstaltung gemacht, als sie die Fortbildungsbausteine in multiprofessionellen Teams entwickelten, erinnerte sich Meike Baasen. Veränderte Rollen und die Fähigkeit zur Teambildung sind schließlich ein Qualitätsmerkmal guter Ganztagsschulen.
Gemeinsames Qualitätsverständnis entwickelt
Am Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag", das 2004 als Bund-Länder-Programm gestartet war, beteiligen sich Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Nordrhein-Westfalen übernahm die Gesamtkoordination und führte das Verbundprojekt nach der Föderalismusreform 2006 weiter. Daran erinnerten auch die prominenten Gastredner am Vormittag.
Die Eröffnungsrede der Ministerin für Schule und Weiterbildung, Barbara Sommer, die ihre Teilnahme leider absagen musste, verlas Dr. Norbert Reichel: "Das BMBF und das Land Nordrhein-Westfalen haben maßgeblich dazu beigetragen, dass das Verbundprojekt ein Erfolg wurde." Die neuen Fortbildungsmodule seien ein überzeugendes Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen dem Bund und den Ländern. Dies drücke sich auch darin aus, dass ein gemeinsames Qualitätsverständnis entwickelt worden sei. In Richtung Bund hieß es: "Es ist Ihr Verdienst, dass Ganztagsschulen bundesweit akzeptiert und ausgebaut wurden."
Anschlüsse statt Abschlüsse: "Aufstieg durch Bildung"
Für das Bundesministerium für Bildung und Forschung hob Kornelia Haugg, Leiterin der Abteilung "Berufliche Bildung, Lebenslanges Lernen", das Einvernehmen der Zusammenarbeit zwischen dem Bund und den Ländern im Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" hervor. "Fortbildung und Qualifizierung haben eine zentrale Bedeutung für die Entwicklung der Ganztagsschulen. Ferner unterstreichen sie das Engagement der Länder bei der Qualifizierung des Personals."
In das Programm waren bis 2006 bereits 700.000 Euro Bundesmittel geflossen. Seit Januar 2007 erfolgt die Finanzierung aus den Kompensationsmitteln des Bund an die Länder (http://www.kmk.org/aktuell/Entflechten_Ueberleiten_Neu_Gestalten.pdf). Nun müsse man noch einen Schritt weitergehen. Das Stichwort dazu lautet "Lebenslanges Lernen", das die systematische Verknüpfung der Bereiche Vorschule, Schule und Berufsbildung, Hochschule und Weiterbildung vorsieht. "Mehr Menschen muss der Aufstieg durch Bildung ermöglicht werden", forderte Kornelia Haugg.
Vor diesem Hintergrund habe das BMBF im Januar 2008 seine Qualifizierungsinitiative "Aufstieg durch Bildung" gestartet. Es gehe darum, die Barrieren an den Schnittstellen abzubauen und die Übergänge zu gestalten. Zentrales Ziel ist es, die Bildungsbeteiligung aller zu erhöhen. Im Herbst 2008 wollen Bund und Länder dann gemeinsam eine "Qualifizierungsinitiative für Deutschland" beschließen.
Aktuelle Potenziale und Herausforderungen der Bildungsentwicklung
Der PISA-Experte Prof. Andreas Schleicher machte in seinem Vortrag "Aktuelle Potenziale und Herausforderungen der Bildungsentwicklung" auf die Zugzwänge der Globalisierung aufmerksam. Er verdeutlichte anhand von Vergleichsstatistiken, in welcher rasanten Geschwindigkeit sich einige Bildungssysteme in den letzten 30 Jahren reformiert haben. Die Menschen müssten lernen, in der immer komplexer werden den Welt ebenfalls komplex zu denken und fortwährend neues Wissen zu konstruieren.
"Entscheidend ist dabei, dass die Berufsgruppen den gleichen Status besitzen und auf gleicher Ebene an gemeinsamen Lösungen arbeiten." Vor dem Hintergrund des weltweiten Vergleichs der Bildungssysteme und wachsender Anforderungen des Arbeitsmarktes müssten in der Schule insbesondere der Erwerb so genannter nichtroutinemäßiger-analytischer Kompetenzen gestärkt werden. Ferner würden angesichts demografischer Entwicklungen und mit der Integration von Migrantinnen und Migranten in Deutschland die Schulen zunehmend durch ihr multiprofessionelles Arbeitsumfeld geprägt: "Die Schule sollte so gestaltet werden, dass sie die Probleme der Gesellschaft löst." Dafür brauchten sie aber ein Unterstützungssystem vor Ort, das dem lebenslangen Lernen verpflichtet sei.
Neues Verständnis von Ganztagsbildung
Der Direktor des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Prof. Thomas Rauschenbach, beschloss die Reihe der Eröffnungsvorträge. Er sieht in dem flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen "ein Gestaltungspotenzial für neu hinzugekommene Professionen". Dabei sind die Ganztagsschulen im Kern dem Erziehungswissenschaftler zufolge ohnehin ein "multiprofessionelles Projekt", das ein neues Verständnis von Ganztags-Bildung erforderlich mache. Für die Schulen sei die andersartige Bildungserfahrung der außerschulischen Partner ein Schlüsselerlebnis. So befördere die Zusammenarbeit zwischen den Professionen die soziale Verantwortungsübernahme.
Mit Bezug auf die "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschulen" (StEG) erläuterte der Erziehungswissenschaftler, welche Professionen in den Ganztagsschulen tätig sind und wie sie sich jeweils auf die Primar- und Sekundarschulen verteilen. Während die Grundschulen fast pari pari mit Lehrkräften und außerschulischen Mitarbeitern besetzt seien, werden die Sekundarschulen durch das Stammpersonal der Lehrkräfte geprägt. Dies lasse darauf schließen, dass in den Primarschulen der Betreuungsaspekt den Ausschlag gebe und in den Sekundarschulen der Fachunterricht.
Rauschenbach plädierte dafür, dass die Ganztagsschulen die Chance nutzen, um eine neue Lern- und Lehrkultur zu etablieren. Allerdings seien eine verbesserte Kommunikation zwischen allen Beteiligten erforderlich, die stärkere Einbeziehung der Eltern sowie eine gleichberechtigte Partnerschaft. Der Erziehungswissenschaftler sieht es als wichtig an, "die Ganztagsschulen zur Regelschule zu machen."
Anwendungsbereiche der Fortbildungsmodule
Von den insgesamt 28 neuen Fortbildungsmodulen, die das Verbundprojekt auf den Weg gebracht hat, wurden elf der Öffentlichkeit vorgestellt. Sie decken das Spektrum der Ganztagsschule ab: die pädagogisch-konzeptionellen Grundlagen, Personal- und Organisationsfragen, Lernorganisation sowie Gestaltung von Lernprozesses und spezielle Fachthemen.
. "Die Sicht auf das Kind in der Ganztagsschule" (Berlin),
. "(Un)soziales Lernen im GanzTag" (Bremen),
. "Sprachförderung in der offenen Ganztagsschule" (Nordrhein-Westfalen),
. "Selbstorganisiertes Lernen in der Ganztagsschule" (Rheinland-Pfalz),
. "Individuelle Förderung - Chancen, Möglichkeiten, Anforderungen" (Brandenburg),
. "Rhythmisierung in der Ganztagsschule" (Berlin),
. "Erweiterte Lernangebote in der Ganztagsschule" (Brandenburg),
. "Selbstverständnis von Pädagoginnen und Pädagogen in Ganztagsschulen" (Bremen/ Rheinland-Pfalz),
. "Schulöffnung und Sozialraumorientierung" (Nordrhein-Westfalen),
. Kooperation von Schule und außerschulischen Mitarbeitern an der Ganztagsschule" (Rheinland-Pfalz),
. "Ganztagsnetzwerke im Transfer-21 NRW. Beratung - Qualifizierung - Fortbildung" (Nordrhein-Westfalen).
Zu diesen Themen können auf der Homepage des Verbundprojekts zum einen wissenschaftliche Expertisen, zum anderen Fortbildungsmodule abgerufen werden. Nützlich sind die Fortbildungsmodule aus Sicht der Praktiker auch deswegen, weil sie variabel einsetzbar sind. Sei es im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen, die sich an Fachkräfte aus Schule und/oder Jugendhilfe wenden, oder sei es im Rahmen von Ganztagsschulteams aus Lehrkräften und außerschulischem Personal. Darüber hinaus wurden mit den Fortbildungsbausteinen Anregungen zum Einsatz bestimmter Methoden und Lernmaterialien gegeben.
Qualitätsrahmen für Ganztagsschulen geschaffen
Für den Projektkoordinator Uwe Schulz vom Institut für soziale Arbeit e.V. war die länderübergreifende Zusammenarbeit im Rahmen des Verbundprojektes ein großer Erfolg. Ziel sei es gewesen, neben dem quantitativen Ausbau der Ganztagsschulen im Rahmen des Investitionsprogramms "Zukunft, Bildung und Betreuung" (IZBB) qualitative fachliche Instrumente des Lernens für entsprechende multiprofessionellen Teams und Multiplikatoren zu entwickeln. Nach der Föderalismusreform lag die Projektleitung bei der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen.
Es wurden Netzwerke zwischen den Praktikern und Theoretikern gebildet, und die Ergebnisse des Verbundprojektes können ihre Wirkung nun in Gestalt von Publikationen und einem Internetportal für die Praxis an den Schulen vor Ort entfalten.
Pünktlich zum Abschluss des Verbundprojektes wurde auch die Broschüre "Lernen für den GanzTag - Qualifikationsprofile und Fortbildungsbausteine für pädagogisches Personal an Ganztagsschulen" veröffentlicht. Sie enthält die wichtigsten Ergebnisse des Projektes im Überblick und wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Abschlussveranstaltung vor Ort ausgehändigt. Dabei geht es auch um das Thema Qualität von Ganztagsschulen.
Für eine Fortbildungsoffensive an den Ganztagsschulen
Hierzu wurde im Verlauf des Verbundprojektes ein Qualitätsrahmen erarbeitet. Dazu gehören beispielsweise folgende Qualitätsbereiche: Ergebnisse der Schule, Lernen und Lehren - Unterricht, Schulkultur, Führung und Schulmanagement, Professionalität der Lehrkräfte, Ziele und Strategien der Qualitätsentwicklung. Diese werden in der Broschüre mit den entwickelten Fortbildungsbausteinen inhaltlich verknüpft.
Nun sind die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren am Zuge. Sie haben vier Jahre lang in länderübergreifenden Teams und Netzwerken an der Entwicklung der neuen Fortbildungsbausteine mitgewirkt. Dabei haben sie sich das Rüstzeug erworben, um die Qualität an den Ganztagsschulen vor Ort nachhaltig und im Sinne einer neuen Lehr- und Lernkultur mitzugestalten.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 06.06.2008
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