19. MÄRZ 2004

Ganztagsschulen gegen Gleichgültigkeit

Schulverweigerer werden immer jünger, und die Lehrer sind oft machtlos. Die Jugendhilfe kann dem gerade in Ganztagsschulen entgegenwirken, doch häufig wissen die Schulen zu wenig über ihr Angebot. In Köln arbeitet IN VIA Katholische Mädchensozialarbeit e.V. seit mehr als 30 Jahren erfolgreich mit Schulen zusammen.

Als der Kölner IN VIA Verband Katholischer Mädchensozialarbeit 1901 gegründet wurde, bestand seine hauptsächliche Arbeit darin, Mädchen und junge Frauen, die - oft mittel- und orientierungslos - auf der Suche nach Arbeit am Kölner Hauptbahnhof eintrafen, Hilfe anzubieten: Unterkunft, Beratung, seriöse Stellenvermittlung. Über 100 Jahre später hat sich das Aufgabengebiet von IN VIA über den Schutz von Frauen vor Mädchenhändlern hinaus erweitert. Bereits seit über 30 Jahren leistet IN VIA schulbezogene Jugendsozialarbeit weit über Köln hinaus und kümmert sich unter anderem um Schulverweigerer, die Ursula Terhardt zu Folge immer jünger werden.

Frau Terhardt, die früher Schulrätin in Kölner Grund- und Hauptschulen gewesen ist, arbeitet seit rund 25 Jahren ehrenamtlich für IN VIA Köln und kennt somit beide Seiten: Schule und Jugendarbeit. Sie ist überzeugt, dass "Kinder beides brauchen". Im Laufe ihrer Arbeit für IN VIA, der ein Fachverband des Caritasverbandes und ein anerkannter Träger der Jugendhilfe ist, sind die Probleme einiger Schülerinnen und Schülern die gleichen geblieben: Innere und äußere Verwahrlosung, Gleichgültigkeit gegenüber der Schule und Fernbleiben vom Unterricht.

Erstklässler kommen nicht mehr zum Unterricht

Doch während zu Beginn ihrer Tätigkeit in den Siebzigern mehr die Altersgruppe ab 13 Jahren auffällig war, betrifft es heute häufig schon Erstklässler. "1986 rief mich die Leiterin einer anderen Schule an und erzählte mir alarmiert, dass Erstklässler nicht mehr zum Unterricht erschienen seien", erinnert sich die Sozialarbeiterin. Oft genug erfolge die Schulverweigerung sogar auf Geheiß der Eltern: "Kinder haben mir offen erzählt, dass ihre Eltern ihnen gesagt hätten, sie müssten nicht zur Schule. Der Grund: Die Eltern wollten ausschlafen."

Die Polizei zu solchen Häusern zu schicken oder mit Ordnungsgeldern zu drohen, bringe wenig. Lehrerinnen und Lehrer seien mit solchen Situationen oft schlicht überfordert. An diesem Punkt kann die Jugendhilfe ansetzen, die über geeignetes Personal und Methoden verfüge, an solche Kinder heranzukommen. "Unsere Arbeit fängt bei so banalen Sachen an, mit den Kindern zu üben, wie man einen Wecker stellt, damit sie selbstständig morgens aufstehen können", erzählt Ursula Terhardt.



Prof. Dr. Franz Prüß

Prof. Dr. Franz Prüß vom Lehrstuhl Schulpädagogik und Schulbezogene Bereiche der Sozialpädagogik der Universität Greifswald sieht drei Funktionen, welche Schule zu erfüllen hat: Die Vorbereitung auf die Arbeitswelt, die Befähigung zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und Gestaltung der Demokratie sowie die Befähigung zur individuellen Lebensbewältigung und das Finden eines eigenen Lebensstils. "Die Schule alleine ist damit überfordert", konstatiert Prüß.

Schule und Jugendhilfe leben auf verschiedenen Planeten

Doch so notwendig und sinnvoll Jugendhilfe auch sein mag, häufig nehmen Schulen sie nicht in Anspruch. Der Hauptgrund ist für Frau Terhardt schlicht Unkenntnis: "Schule und Jugendhilfe wissen viel zu wenig voneinander und kommen kaum in Berührung. Diese beiden Institutionen leben beinahe auf verschiedenen Planeten." Fachliteratur erscheine zum Beispiel in unterschiedlichen Verlagen, so dass Lehrerinnen und Lehrer von der präventiven Arbeit und Bildungsarbeit gar nichts wüssten.

Mit dieser Zustandsbeschreibung steht die ehemalige Lehrerin nicht alleine. Viele Jugendhilfeträger bemängeln, dass Schulen bei der Ausarbeitung ihres pädagogischen Konzepts für Ganztagsschulen keinerlei Hilfe und Beratung von Sozialpädagogen oder anderen externen Fachkräften suchen - Kooperationen also gar nicht erst zu Stande kommen. "Manche Schulen glauben, dass es damit getan ist, sich einen Musik- oder Sportverein als Partner zu angeln", kritisiert eine Sozialpädagogin aus Kamp-Lintfort. "Die Schule muss die Zusammenarbeit wollen", fordert Frau Terhardt, "sie muss andere Professionen kennen lernen und zulassen, dass sie auch in ihre Gebäude kommt. Für vernünftige Jugendhilfe muss zumindest ein eigener Raum mit Telefon zur Verfügung gestellt werden."

In Köln arbeitet IN VIA bereits mit 16 Grund- und drei Hauptschulen, zwei Schulen für Lernbehinderte und zwei offenen Ganztagsgrundschulen zusammen. Der Hauptteil der Arbeit wird in der Nachmittagsbetreuung geleistet. In etwa 30 überschaubaren Gruppen von zehn bis 20 Kindern erfolgt eine qualifizierte Betreuung durch Fachkräfte, die den Schülerinnen und Schülern einen Erfahrungsort für soziales Lernen und vielfältige Erlebnisse bieten. Die Angebote reichen vom Werken, Spielen, Basteln, Theaterprojekten, Bewegungs- und Entspannungsübungen über Hausaufgabenhilfe bis hin zur Berufsvorbereitung. Darüber hinaus unterstützen die Fachpädagogen die Schülerinnen und Schüler in ihrer individuellen, sozialen und schulischen Entwicklung und leisten durch Beratung, Krisenintervention oder sozialpädagogische Gruppenarbeit Hilfe in Krisensituationen und bei der Bewältigung von persönlichen Problemen.

Benachteiligte sozialpädagogisch unterstützen

In den offenen Ganztagsgrundschulen Bernkasteler Straße und Vogelsanger Straße bietet IN VIA im Anschluss an den Unterricht eine Basisbetreuung und vielfältige Angebote am Nachmittag. Für die Basisbetreuung stehen insgesamt drei Halbtagskräfte, sechs geringfügig Beschäftigte sowie mehrere Honorarkräfte zur Verfügung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bei IN VIA angestellt. Sie erhalten über den Träger Fachberatung und Fortbildungsangebote und nehmen regelmäßig an Fallbesprechung und Supervision teil. Sozialpädagogische Fachkräfte und Mitarbeiter mit anderem beruflichen Hintergrund arbeiten im Team zusammen.



Jugendliche erhalten Beratung und Hilfe

Parallel zur Basisbetreuung gibt es für die Kinder am Nachmittag vielfältige Arbeitsgemeinschaften, Kurse und Förderangebote. Diese werden von qualifizierten Honorarkräften, Übungsleitern, Lehrern und Mitarbeitern der Jugendkunstschule, der Rheinischen Musikschule sowie von Sportvereinen geleitet. Insgesamt nehmen an den beiden Schulen knapp 130 Kinder an Angeboten wie zum Beispiel der Computer AG, Kölsch AG, Musik AG, Englisch AG, Erlebnisturnen, Tanzpädagogik oder Jugendkunstschule teil.  Die Eltern melden ihre Kinder jeweils für ein Schuljahr verbindliche für die Offenen Ganztagsschule an. Sie schließen einen Vertrag mit IN VIA und zahlen einen festen monatlichen Beitrag. Um den Abschluss der Verträge mit den Eltern und pädagogischen Mitarbeitern kümmert sich IN VIA.

Die Zusammenarbeit mit den Schulen ist gut, wenn auch "nicht konfliktfrei", wie Karin Anders von IN VIA berichtet. Die pädagogischen Fachkräfte können an Schulkonferenzen teilnehmen, gemeinsam mit der Schulleitung führt man Planungsgespräche durch, und die Schulleitung wohnt wiederum den Teamsitzungen der pädagogischen Fachkräfte bei.

"Ganztagsschulen sind sinnvoll", findet Frau Anders, "denn hier können wir die Kinder sozialpädagogisch unterstützen und fördern. Allerdings kann bei der jetzigen Personalausstattung eine ausreichende individuelle Förderung nicht immer gewährleistet werden. Hier gibt es einen deutlichen Nachbesserungsbedarf.  Insbesondere sozial benachteiligte Kinder benötigen zusätzliche Unterstützung sowohl durch Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen als auch durch Lehrerinnen und Lehrer." Zumal der Bedarf an Ganztagsbetreuung steigend sei.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe

"Der Mensch ist mehr als nur ein Paket an Wissen und Noten", konstatiert Prüß. "Ganztagsschulen bieten große Chancen der Partizipation von Schülern durch Gruppenarbeit und Arbeitsgemeinschaften abseits des traditionellen Paukunterrichts. Ganztagsschule darf nicht nur als neue Schulform, sondern muss auch als neue Schulkultur und als Entwicklungsort begriffen werden. Hier können Gleichheits-, Individualisierungs- und Solidaritätsprinzip am besten verbunden werden." Schule, Familien und Jugendhilfe müssten hierbei kooperieren. Nur eine gleichwertige Zusammenarbeit kann Prüß zu Folge einen guten Unterricht, gute individuelle Förderung und gute Jugendarbeit in Ganztagsschulen garantieren. Fast gleichlautend formuliert dies das Rahmenkonzept von IN VIA Köln: "Für die erfolgreiche Durchführung des Angebots ist eine enge Zusammenarbeit und Kooperation der Schule mit Trägern der Jugendhilfe unabdingbar."

Die Zusammenarbeit "auf Augenhöhe", wie es der Erlass des NRW-Bildungsministeriums "Offene Ganztagsschule im Primarbereich" vom 12. Februar 2003 in Bezug auf Schule und Jugendhilfe vorsieht, scheint bei IN VIA zu gelingen. Für Prüß ist das der Weg, Jugendarbeit in Schulen bekannt zu machen: "Statt das Kompetenzgerangel in den Vordergrund zu stellen, müssen solche guten Beispiele in die Öffentlichkeit gebracht werden. Dann werden sie Schule machen."

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 19.03.2004
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Materialien

  • NRW-Förderrichtlinie - Zuwendungen für die Durchführung außerunterrichtlicher Angebote offener Ganztagsschulen im Primarbereich [mehr]

  • NRW-Runderlass "Offene Ganztagsschule im Primarbereich" [mehr]