30. MAI 2008

Mehr Chancen in Rheinland-Pfalz für Jungen durch gezielte Förderung in der Schule

Die mangelnde Chancengleichheit für Frauen insbesondere im Berufsleben hat lange Zeit dazu geführt, dass geschlechtsspezifische Förderansätze in den Schulen auf Mädchen fokussiert waren. Nicht zuletzt bei internationalen Bildungsstudien wie PISA und IGLU kam allerdings heraus: Beim Kompetenzerwerb in schulischen Fächern hinken häufig Jungen hinterher. Besonders im sprachlichen Bereich lagen die Werte für Jungen unter dem Gesamtdurchschnittswert und noch deutlicher unter den Durchschnittsleistungen der Mädchen.

Statistiken zeigen zudem: Jungen werden im Schnitt später eingeschult, auf sie entfallen fast 60 Prozent aller Klassenwiederholungen, sie stellen den größeren Teil bei den Schulabgängen ohne Hauptschulabschluss. Und: Jungen zeigen – nicht nur in der Schule – deutlich häufiger Auffälligkeiten im Sozialverhalten als Mädchen. "Wir müssen pädagogische Strategien und Konzepte entwickeln, um künftig auch Jungen mehr gezielte Förderung in der Schule zukommen zu lassen", unterstreicht Bildungsministerin Doris Ahnen. In einem Modellversuch an Ganztagsgrundschulen würden nun Konzepte ausgearbeitet und erprobt, die dann auf möglichst viele Grundschulen übertragen werden könnten.

"Ziel einer auf Chancengleichheit ausgerichteten Pädagogik muss es sein, die nicht nur individuell, sondern auch geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Interessen, Bedürfnisse und Verarbeitungsstrategien zu berücksichtigen. Diese Unterschiede sollen dann ebenso durch spezielle Angebote aufgefangen werden wie die Tatsache, dass die einzelnen 'Reifefenster' zwischen Mädchen und Jungen zeitweise deutlich auseinander klaffen. Konzepte, die das sicherstellen, entsprechen im besten Sinne dem Ziel einer optimalen Förderung aller Schülerinnen und Schüler", so Doris Ahnen. Nachdem sich gerade in der jüngeren Vergangenheit zeige, dass hierbei spezielle Ansätze für Jungen nötig seien, sollten diese möglichst früh greifen und bereits im Grundschulalter ansetzen. "Der erweiterte Zeitrahmen und die größeren pädagogischen Freiräume der Ganztagsgrundschulen bieten besonders gute Voraussetzungen, um solche Ansätze zu entwickeln und zu erproben. Daher soll der Modellversuch auch in drei Ganztagsgrundschulen angesiedelt werden", meint die Bildungsministerin.

Insbesondere sei es in Ganztagsgrundschulen möglich, das Problem von fehlenden männlichen Ansprechpartnern und damit von positiven männlichen Rollenvorbildern für Jungen innerhalb des schulischen Bildungs- und Erziehungsprozesses durch die im Grundkonzept der Ganztagsschule stark ausgeprägte Kooperation mit außerschulischen Partnern besser zu lösen. "Ziel dieses Modellversuchs ist es, Strategien und Konzepte zu identifizieren, die dann nicht nur in unseren Ganztagsgrundschulen, sondern in der Primarstufe insgesamt eingesetzt werden können", unterstreicht Doris Ahnen.

"In dem Modellversuch soll vom Beginn des kommenden Schuljahres an bis zum Jahresende 2010 in jeder Modellschule eine 'Steuerungsgruppe Jungenarbeit' verschiedene Maßnahmen umsetzen, die die gezielte Förderung von männlichen Schülern verstärken. Bei der Entwicklung der Maßnahmen sollen selbstverständlich auch Eltern und Fachleute von außen mit einbezogen werden", hält die Ministerin fest. Der Leiter der Fachstelle Jungenarbeit im Paritätischen Bildungswerk Rheinland-Pfalz/Saarland, Lothar Reuter, der gemeinsam mit Erwin Germscheid das Modellprojekt betreuen wird, erläutert, die schulinternen Steuerungsgruppen analysierten zunächst in einer Bestandsaufnahme mit Unterstützung von Experten der Fachstelle unter anderem die Unterrichtsmaterialien, die räumlichen Gegebenheiten in der Schule sowie die Pausen- und Schulhofgestaltung unter geschlechtsbezogenen Aspekten. "Natürlich müssen auch die pädagogischen Konzepte und das konkrete Handeln der Lehrkräfte unter die Lupe genommen werden", betont Reuter und ergänzt: "Ganz zentrale Punke sind dabei, dass die Lehrkräfte und pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum einen für das Thema sensibilisiert und zum anderen fortgebildet werden, um sich grundlegendes Wissen aus der Genderforschung und aus der Jungenforschung anzueignen. Lehrerinnen und Lehrer sollen zudem neben dem eigentlichen Hintergrundwissen auch die Fähigkeit erwerben, ihr eigenes pädagogisches Handeln hinsichtlich der Stereotype von Geschlechterrollen zu analysieren und daraus Schlussfolgerungen zu ziehen."

Nachgewiesenermaßen hätten Jungen einen ausgeprägteren Bewegungsdrang als Mädchen, gingen anders an Medien heran oder mit Medienangeboten um und unterschieden sich auch beim Leseverhalten von Mädchen, um nur einige Beispiele zu nennen. "Die äußeren Rahmenbedingungen und das Unterrichtsangebot müssen daher so gestaltet werden, dass für beide Geschlechter optimale Lernbedingungen geschaffen werden können", sagt Germscheid. In den Ganztagsgrundschulen sollten daher mit Jungen und deren Eltern modellhafte Projekte entwickelt und durchgeführt werden mit dem Ziel, dass zum Ende der Projektlaufzeit eine konzeptionell verankerte Jungenförderung an der Schule existiere. Gemeinsam mit Bildungsministerin Ahnen halten die beiden Fachmänner fest: "Eine Pädagogik, die die Kategorie 'Geschlecht' nicht oder nur unzureichend berücksichtigt, kann ihre Wirksamkeit nur begrenzt entfalten."

Der Startschuss für den Modellversuch fällt mit einer Fachtagung am 6. Juni 2008 in Neuwied, die unter dem Motto "Krise der kleinen Kerle?" verschiedene Aspekte für eine "jungengerechte Schule" beleuchtet. Unter anderem erläutert dort der bekannte Bielefelder Jugendforscher Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, "warum wir dringend ein gezieltes Förderprogramm für Jungen benötigen".

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