In Bayern befinden sich immer mehr Schulen im Umbruch zu offenen oder gebundenen Ganztagsschulen. Um sie nicht im Regen stehen zu lassen und Anreize für gelingende Praxis zu bieten, hat das Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) ein Ganztagsschulportal ins Leben gerufen, das den Übergang und die landesweite Verbreitung der Ganztagsschulen sowie die Schulentwicklung begleitet. Claudia Gantke vom Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) erläutert die Ziele und Perspektiven des bayerischen Ganztagsschulportals.
Online-Redaktion: "Zeit für dich" heißt das neue Internetportal für Ganztagsschulen in Bayern. Wieso dieser Name und wer hatte die Idee zu diesem Portal?
Gantke: Die Idee entstand im Rahmen eines Runden Tisches zum Thema "Ganztagsschulen", den wir in unserem Staatsinstitut (ISB) gegründet hatten. Als eines der wichtigsten Arbeitsfelder sahen wir die Notwendigkeit, den Schulen, die Ganztagsschule werden oder ihr Ganztagskonzept verbessern wollen, Hilfestellung und alle nötigen Informationen zu den vielfältigen Facetten von Ganztagsschule an die Hand zu geben - und dies immer zeitnah zu den aktuellen Entwicklungen.
Außerdem wollten wir für mehr Vernetzung der Ganztagsschulen untereinander sorgen und ihnen eine Plattform bieten, auf der sie ihre guten Ganztagskonzepte vorstellen können. Das Logo "Zeit für dich" greift den zentralen Vorteil von Ganztagsschulen auf, mehr Zeit zu haben: Der Schüler hat mehr Zeit zum Üben und Vertiefen, mehr Zeit für das soziale Miteinander, die Lehrkräfte haben mehr Zeit für die individuelle Förderung und mehr Zeit für freiere und innovative Unterrichtsformen.
Online-Redaktion: Damit wären wir schon bei den Zielgruppen Ihres Portals. Welche Zielgruppen möchten Sie mit dem Webangebot erreichen, und wie ist die Webseite aufgebaut?
Gantke: Das neue Ganztagsportal richtet sich zunächst einmal an bestehende und potentielle Ganztagsschulen. Es bietet, systematisch gegliedert nach den beiden Formen offene und gebundene Ganztagsschule, grundlegende Informationen zum pädagogischen Konzept und zu den Zielsetzungen. Ferner bietet es Informationen zur Antragstellung und zu den vielfältigen Fragen der Organisation wie der zeitlichen und räumlichen Gestaltung oder der personellen Ausstattung.
Es ist wichtig, mit dem Portal den Lehrkräften auch Anregungen für die Weiterentwicklung ihres Unterrichts an Ganztagsschulen zu geben. Wir richten uns natürlich auch an die interessierte Öffentlichkeit, die sich über Ganztagsschulen in Bayern informieren möchte, und wollen mit einem Glossar Orientierung im oftmals unüberschaubaren Begriffswirrwarr bieten.
Die Eltern haben wir besonders bedacht und ihnen unter einer eigenen Rubrik Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Thema Ganztagsschule zusammengestellt. Ein Service-Teil mit Link- und Literaturangaben, Hinweisen zu Ansprechpartnern und einer Landkarte mit sämtlichen Ganztagsschulen in Bayern ergänzt das Angebot.
Online-Redaktion: Wie stark ist der Begriff der Ganztagsschule bei den Eltern verankert?
Gantke: Ganztagsschule ist heute in aller Munde, und nicht zuletzt die Eltern rufen nach Ganztagsschulen. Allerdings merke ich immer wieder bei Vorträgen, dass nicht immer klar ist, wovon im konkreten Fall die Rede ist: Will man wirklich eine gebundene Ganztagsschule oder entspricht nicht doch die offene Form eher den Erwartungen und Bedürfnissen?
Sprechen wir von einem Ganztagszug oder von einer vollgebundenen Ganztagsschule, bei der alle Klassen in Ganztagsform geführt werden? Gerade deshalb erschien es uns notwendig, das schon erwähnte Glossar ins Portal einzubauen.
Online-Redaktion: Seit wann sind Sie online gegangen, und wie wird Ihre Seite bekannt gemacht und gepflegt?
Gantke: Wir sind Mitte Februar 2008 kurz vor der Bildungsmesse didacta in Stuttgart online gegangen, wo wir das Portal auch vorgestellt haben. Seither machen wir in diversen Lehrerzeitschriften und in eigenen sowie in Publikationen des Bayerischen Kultusministeriums auf unser Portal aufmerksam.
Gepflegt wird das Portal von den Mitgliedern des Arbeitskreises "Ganztagsschulen in Bayern" und mir. Im Arbeitskreis sind Ganztagskoordinatoren der verschiedenen Schularten tätig, sie beraten die Ganztagsschulen in ihrem Regierungsbezirk und können von daher auf die Konzepte vieler Schulen zugreifen. Nicht zuletzt wollen wir mit dem Portal auch die Ganztagsschulen selbst ermuntern, uns wertvolle Materialien, Ideen und Umsetzungsbeispiele zukommen zu lassen, die wir so in die Breite tragen können.
Online-Redaktion: Inwiefern sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Portals mit wichtigen bildungspolitischen Akteuren und Institutionen des Landes vernetzt?
Gantke: In Bayern ist mittlerweile ein regelrechtes Ganztagsnetzwerk entstanden, das auch notwendig ist, um die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Weiterentwicklung von Ganztagsschulen zu schultern, allen voran die Fortbildung der zukünftigen Schulleiter von Ganztagsschulen und der Ganztagslehrkräfte.
Online-Redaktion: Die Bedeutung von Ganztagsschulen in Bayern ist gestiegen. Worin drückt sich Ihrer Meinung nach der Stellenwert der Ganztagsschulen in Bayern aus?
Gantke: Bayern setzt nicht allein auf den Ausbau von offenen Ganztagsschulen, hier mit einem Schwerpunkt bei den Realschulen und Gymnasien, sondern unternimmt auch gewaltige Anstrengungen, um die gebundenen Ganztagsschulen voranzutreiben. Staatsminister Schneider hat erst kürzlich angekündigt, zum nächsten Schuljahr die Anzahl der gebundenen Ganztagshauptschulen von jetzt 162 um 170 mehr als zu verdoppeln.
Seit zwei Jahren gibt es das Modellprojekt "Gebundene Ganztagsgrundschule", das möglichst früh mit einer individuellen Förderung, insbesondere der Sprachförderung ansetzen will. Ab dem nächsten Schuljahr kommen auch die Förderschulen mit ins Boot. In diese gebundenen Ganztagsschulen investiert der Freistaat mit zusätzlichen Lehrerstunden und zudem Finanzmitteln für externe Kräfte und kann sich damit im bundesweiten Vergleich wirklich sehen lassen.
Online-Redaktion: Das Ganztagsschulportal des Bundes http://www.ganztagsschulen.org/ bietet mit seinem IZBB-Kompass sowie den bayernspezifischen Länderinformationen und Artikeln vertiefende Informationen zur regionalen Ganztagsschulentwicklung. Worin sehen Sie den Nutzen oder Anregungen für Ihr Portal?
Gantke: Es ist in bildungspolitischen Fragen immer wichtig, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und zu beobachten, wie die Entwicklung in anderen Bundesländern verläuft, welche Themen dort im Mittelpunkt der Ganztagsentwicklung und -forschung stehen. Diesen Blick gewährt das Ganztagsportal des Bundes.
Die oben schon erwähnte Vernetzung muss über Bayern hinausgehen. Deshalb war es mir auch wichtig, auf den Ganztagsschulkongressen des Bundesministeriums mit dabei zu sein, einerseits um die neuesten Entwicklungen in Sachen Ganztag mitzubekommen, andererseits um die Präsenz Bayerns bei diesem Thema zu zeigen.
Online-Redaktion: Welche Weiterentwicklung Ihres Portals ist denn geplant?
Gantke: Bisher standen für die Schulen vor allem die organisatorischen Aspekte rund um den Aufbau einer Ganztagsschule im Mittelpunkt ihres Interesses. In Zukunft wird es verstärkt darum gehen, die inhaltlichen Aspekte, allen voran die Weiterentwicklung der Unterrichtskultur, in den Fokus zu nehmen. Deshalb haben wir eine thematische Reihe zu einzelnen Schwerpunktthemen gestartet; die erste Ausgabe im März widmete sich der kulturellen Bildung im Ganztag. Weitere Ausgaben zur Medienbildung, zur Leseförderung oder zum sozialen Lernen im Ganztag sollen folgen.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 18.04.2008
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