Eine Möglichkeit für Schulleitungen und Schulträger, beim Aufbau von Ganztagsschulen richtig vorzugehen und alles Wesentliche zu bedenken, ist der Griff ins Bücherregal. Das "Handbuch Ganztagsschule" informiert auf knapp 300 Seiten über alle denkbaren Aspekte dieser Schulform. Für Kompetenz bürgen die Autoren: Stefan Appel ist Schulleiter einer Ganztagsgesamtschule in Kassel und seit 1985 Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes, und Georg Rutz, Ministerialrat im Ruhestand, war unter anderem im hessischen Kultusministerium für die Entwicklung von Ganztagsschulen mitverantwortlich.
Das Handbuch trägt im Untertitel den Dreiklang "Konzeption, Einrichtung und Organisation". Appel und Rutz beanspruchen damit bereits, dass sie ein Buch für den praktischen Gebrauch verfasst haben. Das Handbuch sei "aus der praktischen Arbeit" heraus entstanden, schreibt Stefan Appel im Vorwort. Von den vier großen Themenblöcken ihres Werks befasst sich lediglich der kurze erste - "Die Konzeption der Ganztagsschule" - mit theoretischen Grundlagen und einem Geschichtsabriss zur Ganztagsschulentwicklung in Deutschland.
Ort der Gemeinsamkeit
Die Autoren listen zu Beginn Begründungen für die Ganztagsschule auf: den Zeitgewinn, der "eine Harmonisierung der zwischenmenschlichen Beziehungen, die Möglichkeiten der Vermeidung oder Reduzierung von Stresssituationen und die Verbesserung des Unterrichts durch die Intensivierung durch Zuwendung" ermögliche; eine Unterrichtsplanung, die der "physiologisch schwankenden Leistungsbereitschaft durch rhythmisierte Tageseinteilung" begegnet; die Verwirklichung offener Unterrichtsformen, selbstständigen Lernens, Freiarbeit und handlungs- und projektorientierten Unterrichts; die individuelle Förderung der einzelnen Schülerinnen und Schüler - auch untereinander ("Schüler helfen Schülern"); die Umwandlung von Hausaufgaben zu Schulaufgaben, was "die Mütter von der leidigen Aufgabe befreit, Nachhilfelehrerin der Nation zu sein" und das "fragwürdige Nachhilfesystem außerschulischer Anbieter entbehrlich macht, das letztlich keiner qualitativen Kontrolle unterliegt"; die Entwicklung der Schule zu einem "Ort selbst gewählter Freizeitbeschäftigungen" und zu einer "Lebensstätte und zum Ort der Gemeinsamkeit", in dem "Mitentscheidung, Mitgestaltung und Mitverantwortung bewusst ausgebaut werden".
In den weiteren Kapiteln werden alle diese Aspekte aufgegriffen und vertieft. Die Unterkapitel sind dabei "eigenständig abgefasst, damit ein Nachschlagen von Einzelthemen möglich ist", und werden durch Überschriften am Seitenrand übersichtlich gegliedert, wodurch ein schneller Zugriff auf die einzelnen Themen ebenfalls erleichtert wird. Viele tabellarische Darstellungen und Grafiken fassen die im Text gewonnenen Erkenntnisse nochmals übersichtlich zusammen.
Das zweite Kapitel "Die Umsetzung des Konzepts in die Praxis" schildert die "günstigen und widrigen Faktoren" beim Umwandlungsprozess zu einer Ganztagsschule und wie die Entscheidungsträger an den Schulen Probleme vermeiden können. "Grundlegend günstig erscheint der Weg, die klassische Ganztagsschule mit voll ausgebautem Konzept vom Ansatz her erst über Teilschritte eines Betreuungsmodells zu versuchen. Dieses Prinzip des Fußes in der Tür kann recht erfolgreich sein. Die schmale Version verführt zwar dazu, auch Schmalspurpädagogik zu betreiben. Sofern man die Konzeption der voll ausgebauten Ganztagsschule nicht aus den Augen verliert und die Anfangs- und Aufbauschritte an diesem Ziel misst, ist ein solcher Stufenweg sicherlich zu vertreten", meinen die Autoren.
Der KINZAM-Weg zum Erfolg
Um erfolgreich zur Ganztagsschule zu wachsen, sei innerhalb der Schulen "ein umfassender Konsens nötig, der Grabenkämpfe und Ignoranz ausschließt. Gegen den erklärten Willen einer Personengruppe ist das Konzept nicht durchzusetzen". Appel und Rutz weiter: "Eine überzeugende demokratische Kultur, die den Mehrheitswillen des Kollegiums auch nach knappen Abstimmungen nicht nur respektiert, sondern auch stützt und vertritt", sei Voraussetzung für die Arbeit innerhalb einer Ganztagsschule.
Jede Schule müsse sich im Klaren über die Kosten und das benötigte Raumangebot sein, das besonders bei gebundenen Ganztagsschulen großzügig berechnet werden müsse. Später liefern die Autoren konkrete Zahlen über Personalversorgung und Raumausstattung und unterbreiten Ausstattungs- und Gestaltungsvorschläge für Bibliotheken, Discotheken, Spielotheken und den Mensabereich. "Drehscheibe und Erfolgsbarometer ist der inhaltlich-konzeptionelle und der damit zusammenhängende bauliche und sachmittelbezogene Freizeitbereich", denn gerade eine "Lücke im Bewegungsbereich erweist sich am ehesten als Ursache für ein nachhaltig destabilisiertes Sozialverhalten". Es reiche daher nicht aus, einfach nur Klassenzimmer umzuwidmen oder gar doppelt zu nutzen, sondern für den Ess- und Freizeitbereich seien eigene, ansprechend gestaltete Räumlichkeiten ein Muss.
Eine sorgfältige Planung ist Vorbedingung für das Gelingen einer Ganztagsschule und oft scheitern die Vorhaben allein an der "falschen Abfolge der Schritte" in der Planung. Die Autoren schlagen daher den "KIMZAM-Weg" als Leitfaden vor: zuerst der Kenntniserwerb zur pädagogischen Konzeption, dann die Information über die organisatorischen Umsetzungsmöglichkeiten, die sorgfältige Meinungsbildung bei allen zu beteiligenden Schulgremien, die genaue Einhaltung der Zuständigkeitsabfolge bei allen Gruppen und Gremien, das sachlich gehaltene und mit Planungsdaten versehene Antragsverfahren bei allen zuständigen Stellen - hier machen die Verfasser einen ausführlichen Vorschlag für die Gliederung eines solchen Antrages - und zuletzt die Medieninformation in den lokalen Publikationsorganen.
Vielfalt der Formen
Nach diesen formalen Voraussetzungen widmen sich Appel und Rutz den Schülerinnen und Schülern selbst. Ausgehend von acht Defiziten bei Kindern und Jugendlichen, die durch Stress, einseitige nervliche Belastung, mangelnde Beratung, ständige Anspannung, fehlende Kommunikation, mangelnde Gruppenarbeit, fehlende Mitbestimmungsmöglichkeiten oder geringe kreative Entfaltungsmöglichkeiten verursacht werden, zeigen die Autoren, wie diese Defizite in einer Ganztagsschule aufgefangen werden können: Durch anderen Umgang mit Zeit, das Hereinholen von Sachverstand von außen durch Pädagogen, Sozialarbeiter, Psychologen und andere, das Ernstnehmen schülerischer Mitbestimmung, das Stiften einer Schulidentität durch Schulfeste und Ähnliches sowie eine "Anregung und Anleitung in der Freizeitgestaltung durch innovative Pädagogik". Als Folge gebe es an Ganztagsschulen "weniger Schulverdrossenheit, Apathie, Aggressionen, Verhaltensauffälligkeiten, Drogen-, Alkohol- und Videokonsum".
Im dritten Kapitel "Die ganztägige Schule - Vielfalt der Formen" stellen die Autoren die zahlreichen Ganztagsschulmodelle - offene und gebundene Ganztagsschulen, Tagesheimschulen, Ganztagsschulzüge und Mischkonzepte- ausführlich vor und werten deren Stärken und Schwächen. Grundsätzlich von Vorteil erweise sich bei der offenen Form, dass "bildungsorientierte Eltern das weit gefächerte Kultur- und Qualifikationsangebot am Nachmittag zu schätzen wissen", während aus Sicht der Schülerinnen und Schüler oft als Nachteil genannt werde, dass "durch den Verbleib des Pflichtunterrichts am Vormittag die Auflösung der anstrengenden Vormittagsstundentaktschule nicht gelingt". Beim gebundenen Modell lägen die Vorteile bei der "Möglichkeit der ganzheitlichen Erziehung, in der Rhythmisierung des Schultages und in der deutlich günstigeren Sozialisation innerhalb der Schulgemeinde".
Lohnende Kapitel für Praktiker
Im Weiteren widmen sich Appel und Rutz Inhalten der Ganztagsschule: der Freizeitpädagogik ("Eine überzeugende Ganztagsschule ist grundsätzlich eine freizeitpädagogisch strukturierte Tagesschule und somit immer eine wahrhaft kinder- und jugendgerechte Schule"), dem Projektunterricht ("Auch wenn kritische Stimmen befürchten, dass durch die Realisierung von Projektunterricht zu viel Zeit für die Wissensvermittlung im klassischen Sinne verloren ginge, so lässt sich feststellen, dass die erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten einen hohen Stellenwert in der weiteren Bildungsentwicklung besitzen"), den Hausaufgaben ("Die Hausaufgabe wird zu einem durch Lehrkräfte geleiteten Lernverfahren, das kindgemäß, situationsgerecht und lehrstoffadäquat eingesetzt werden kann") und der Schulatmosphäre ("Die so genannten Äußerlichkeiten sind in einer ganztägig angelegten Schule keine Nebensache. Es ist nicht einzusehen, warum Kinder und Jugendliche bei täglichen Aufenthaltszeiten von acht bis zehn Stunden in unwirtlichen, sterilen, langweiligen oder gar heruntergekommenen Sammelräumen leben und lernen sollen").
Für Praktiker dürfte auch das darauffolgende Unterkapitel lohnend sein, das sich mit der Rhythmisierung des Tages beschäftigt. Im Zusammenhang damit geben die Verfasser auch mehrere ausführliche Beispiele für die Gestaltung eines Stundenplans.
Erschwernisse und Mitwirkungsmöglichkeiten
Besonders interessant für Schulen, die Ganztagsschulen werden wollen oder bereits sind, dürfte das umfangreiche vierte Kapitel "Die Rahmenbedingungen: Personal, Sachausstattung und Mittagessen" sein, das in medias res geht. Hier beschreiben die Autoren ein großes Konfliktpotential in vielen Ganztagsschulen - die Zusammenarbeit der Schulen mit sozialpädagogischen Kräften - und wie man diesem begegnen kann. "Ein Kollegium darf nicht in zwei Teile zerfallen: in eine Gruppe, die den Part des außerunterrichtlichen Bereichs zu tragen hat, und eine andere Gruppe, die für den Unterricht in den üblichen Stundentafelfächern zuständig ist", mahnen die Verfasser an.
Sie verschweigen dabei nicht die Sichtweise der Sozialpädagogen und Erzieher und die zahlreichen Erschwernisse, die auf Lehrerinnen und Lehrer gerade im außerunterrichtlichten Bereich pädagogisch zukommen können. Darüber hinaus schildern Appel und Rutz die Mitwirkungsmöglichkeiten und Einsatzgebiete der Eltern in Fördervereinen, bei Klassenfahrten, Unterrichtsprojekten, Schulfesten, der Leitung von Arbeitsgemeinschaften, der Mithilfe im Freizeitbereich und in Einzelbereichen wie Cafeteria, Mensa oder Bibliothek.
Das "Handbuch Ganztagsschule" besticht durch die Fülle an Material, das übersichtlich, leicht zugänglich und verständlich dargestellt wird. Dazu tragen auch die Zusammenfassung "Anregungen für die Praxis", die zahlreichen Literaturhinweise und das ausführliche Register am Schluss des Bandes bei. Lediglich das nicht immer konfliktfreie Zusammenwirken zwischen den Schulträgern und den Schulen hätte noch genauer unter die Lupe genommen werden können.
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 09.03.2004
© www.ganztagsschulen.org
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ist in der "Politik und Bildung"-Reihe des Wochenschau-Verlages erschienen. Autoren sind Stefan Appel und Georg Rutz. Die dritte überarbeitete Auflage von 2003 umfasst 368 Seiten.
Das "Handbuch" wird durch das "Jahrbuch Ganztagsschule", das ebenfalls im Wochenschau-Verlag erscheint, aktuell ergänzt. Der Band für 2004 trägt den Untertitel "Neue Chancen für die Bildung", ist 280 Seiten stark und beinhaltet zahlreiche Essays von Wissenschaftlern zu Themen wie unter anderem "Entwicklung in den Bundesländern", "Ganztagsschule und Schulöffnung" oder "Ganztagsschule und Ausland". Herausgeber sind neben Stefan Appel und Georg Rutz Harald Ludwig und Ulrich Rother.