Während im Westen die Aufregung um das so genannte G-8 groß ist und Schüler, Lehrer und Eltern über stark gewachsene Belastungen klagen, kennen alle Generationen von Gymnasiasten in Sachsen und Thüringen nichts Anderes als ein reguläres Abitur nach zwölf Jahren.
«Der Osten hat ein intelligenteres Modell», erklärt die Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marianne Demmer. Was im Westen traditionell in 13 Schuljahren gelehrt wurde, muss beim achtjährigen Gymnasium in zwölf Jahre gepackt werden. «Im Westen wurde die Sekundarstufe I um ein Jahr gekürzt, im Osten dagegen die gymnasiale Oberstufe», sagt Demmer. Der zusätzliche Stoff belaste somit im Osten nicht vorrangig die jüngeren Schüler, wie das nun in den alten Bundesländern der Fall sei, die das G8 in den vergangenen Jahren überstürzt eingeführt hätten.
In der DDR wurde das Abitur nach zwölf Schuljahren abgelegt. Nach der Wende behielten Sachsen und Thüringen das achtjährige Gymnasium bei. Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern führten zwischenzeitlich mehr oder weniger lang das neunjährige Gymnasium ein, sind aber inzwischen alle wieder zum G8 zurückgekehrt. Als erstes westdeutsches Bundesland führte 2001 das Saarland flächendeckend das G8 ein, inzwischen hält nur noch Rheinland-Pfalz - bis auf einige Schulen mit G8-Strang - am alten Modell fest, das aber nur noch aus 12,5 Schuljahren besteht.
Im Osten gab es nach der Wende Probleme, als west- und ostdeutsches Schulsystem unter einen Hut gebracht werden mussten. Die Kultusministerkonferenz (KMK) legte schließlich fest, dass bis zum Abitur 265 Schulstunden absolviert sein müssen. In Thüringen half man sich damit, dass ein sogenanntes «Seminarfach» eingeführt wurde, in dem Schüler über einen längeren Zeitraum eine eigenständige Arbeit schreiben müssen und so wissenschaftliches Arbeiten lernen sollen.
Das Ganze lief ohne die öffentliche Aufregung ab, die nun im Westen herrscht, obwohl man ebenfalls versuchen musste, die 265 Stunden in acht Jahren unterzubekommen. «Dass nun im Westen die Stimmen zahlreich sind, die an der 265-Stunden-Grenze kratzen, dafür haben wir wenig Verständnis», kritisiert Dirk Reelfs, Sprecher des sächsischen Kultusministeriums.
Reelfs erklärt sich die Unaufgeregtheit im Osten aber auch mit einem Gewohnheitseffekt. «Das hat viel damit zu tun, dass man es hier nie anders gekannt hat», sagt der Ministeriumssprecher. Nachmittagsunterricht werde nicht so sehr als Problem angesehen, weil in der DDR traditionell bereits die Grundschulen über einen Hort verfügt hätten, den die Kinder nachmittags besucht hätten. «In den letzten Jahren wurde der Hort zunehmend auch als Bildungsangebot gesehen, Nachmittagsunterricht wird daher als nichts Ungewöhnliches angesehen.»
Sachsen versuche den Nachmittagsunterricht aber auch mit einer zunehmenden Umstellung auf Ganztagsschulen aufzufangen, sagt Reelfs. 900 der rund 1.500 Schulen im Freistaat verfügten inzwischen über Ganztagsangebote. Dabei berücksichtige man auch den so genannten rhythmisierten Unterricht, bei dem mit einem Wechsel von Anspannungs- und Entspannungsphasen auf die Bedürfnisse der Kinder Rücksicht genommen wird.
(Meldung von AP)