4. MÄRZ 2008

Profil gewinnen durch informelles Lernen

Die Bedeutung informeller Bildung für den Erwerb von Kompetenzen und für die Bildungsbiographie überhaupt ist unumstritten. Aber noch zu selten knüpfen schulische Lernprozesse gezielt daran an. Eine Möglichkeit, diese informellen Kompetenzen sichtbar zu machen und zu bilanzieren, wurde auf der Tagung "Erweiterte Lernangebote entwickeln - des Ganztags Kern?" am 22. und 23. Februar 2008 in Ludwigsfelde vorgestellt.

Die Nachmittagsangebote in offenen Ganztagsschulen lassen sich schwer einordnen: Sie sind kein klassischer Unterricht, aber sie sind mehr als bloße Freizeit. Das Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM) nennt sie "erweiterte Lernangebote". Diese können sich für außerschulische Bildungsprozesse öffnen, mit dem curricular gebundenen Unterricht verbinden und sind möglicherweise "der Kern des Ganztags".

Auf der Tagung am 22. und 23. Februar 2008 am LISUM in Ludwigsfelde versuchten das LISUM und das Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" zusammen mit rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, diesen Bereich zu erfassen und fragten "Erweiterte Lernangebote entwickeln - des Ganztags´ Kern?" Legt man die Bedeutung, die Wissenschaftler dem informellen Lernprozess zuschreiben, zugrunde, dann kommt den Angeboten eine zentrale Bedeutung zu. So stellte bereits 1972 eine UNESCO-Studie fest, dass 70 Prozent der Bildungsprozesse informell ablaufen, laut einer kanadischen Untersuchung sind es gar bis zu 90 Prozent.

Der Erziehungswissenschafter Prof. Witlof Vollstädt misst ihnen eine "hohe Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung" zu, die sich den Lehrerinnen und Lehrern eher entziehe. Angesichts einer "enormen Heterogenität der Lernenden", so führte der Schulforscher zu Beginn der Tagung aus, müsse sich Schule für informelles Lernen öffnen, diese Prozesse bewusst aufgreifen und organisieren: "Es müssen selbstbestimmte Formen der Wissensaneignung ermöglicht, selbstreflexive Arbeitsformen gefördert und Erfahrungslernen innerhalb und außerhalb der Schule genutzt werden." Der Erfolg schulischen Lernens hängt laut Vollstädt auch davon ab, Lernprozesse in informellen Kontexten aufzugreifen und mit dem formellen Lernen des Unterrichts zu verknüpfen.

Umfassende Kompetenzförderung durch informelle Bildung

Genau diese Verknüpfung zu erreichen, ist ein Anspruch des Fortbildungsmoduls "Erweiterte Lernangebote" des Verbundprojektes "Lernen für den GanzTag", das Jutta Vogel und Hermann Zöllner vorstellten. "Mit Hilfe der Fortbildung können Multiplikatoren und Schulgruppen ein Konzept für erweiterte Lernangebote mit dem Ziel einer umfassenden Kompetenzförderung kennen lernen", erläuterte der Leiter des Verbundprojektes in Brandenburg. Thematische Schwerpunkte sind Interessenförderung, Auseinandersetzung mit der Geschlechterrolle, Berufsorientierung und das Thema Schul- beziehungsweise Hausaufgaben.

Doch erweiterte Lernangebote können ihre Wirkung natürlich nur entfalten, wenn sie von den Schülerinnen und Schülern wahrgenommen werden. In vielen weiterführenden offenen Ganztagsschulen gelingt es nur mühsam, Jugendliche für Nachmittagsangebote zu begeistern, wie außerschulische Pädagoginnen und Pädagogen sowie Lehrerinnen und Lehrer auf der Tagung in Ludwigsfelde bedauerten. Auf der einen Seite fehlt es noch an Konzepten, mit der Ganztagsschule Freiräume für die Schülerinnen und Schüler zu schaffen und ihre Bedürfnisse zu treffen. Auf der anderen Seite sehen sich die Schulen durch zunehmende Medienverwahrlosung inklusive Gewaltdarstellungen, daraus folgende mangelnde Empathie und schwierige soziale Verhältnisse herausgefordert. Desinteresse und Demotivation erschweren die Gestaltung der Ganztagsschule.

Eine erprobte Möglichkeit, Eigeninitiative zu wecken, ist der ProfilPASS, ein neues System der Kompetenzerfassung. Dr. Karin Albert von der Bauakademie - Gesellschaft für Forschung, Entwicklung und Bildung in Berlin stellte in einer Arbeitsgruppe dieses Instrument vor, das ursprünglich für Erwachsene konzipiert wurde, dann aber von April bis Oktober 2007 in drei 9. Klassen einer Berliner Gesamtschule erprobt wurde. "Wir wollen in der Bildung weg davon, die Köpfe der Schülerinnen und Schüler vollzustopfen", erklärte Karin Albert. "Es geht vielmehr darum, das, was man kann, zu erkennen und umzusetzen. Die Bedeutung informell erworbener, vor allem auch fachübergreifender Kompetenzen steigt. Aber wie kann man solche Kompetenzen bilanzieren? Aus dieser Fragestellung entstand der ProfilPASS."

Schülerinnen und Schüler entdeckten neue Stärken

Der ProfilPASS steht unter dem Motto "Gelernt ist gelernt" und ist ein Instrument zur Selbstexploration von Fähigkeiten und Kompetenzen, der die individuelle Bilanzierung und Gestaltung der Lernbiographie unterstützt. Er macht Kompetenzen sichtbar und regt die Formulierung individueller Ziele durch professionelle Begleitung an. "Der ProfilPASS besitzt prozessualen Charakter", beschrieb Karin Albert, "er ist ein persönliches Instrument, das auf Menschen zugeschnitten ist, die mit sich etwas anfangen wollen. Es handelt sich aber um kein Therapieinstrument."

2004/2005 entschieden die hinter dem ProfilPASS stehenden beteiligten Partner BMBF, Deutsches Institut für Erwachsenenbildung (DIE), Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) und das Institut für Strukturplanung nach einer Evaluation des Projekts, dass dieses Instrument auch Schülerinnen und Schülern zugänglich gemacht werden sollte. Es wurde ein neuer Pass entwickelt, der sich auf die Bereiche Schule und Jobs konzentriert. "Die Jugendlichen denken bildhaft über ihr Leben nach", so Karin Albert. "Das Vorgehen ist dabei immer gleich: Es geht um das Benennen und Beschreiben von Tätigkeiten und das Ableiten und Bewerten von Fähigkeiten."

Der ProfilPASS, ein ansprechend gestalteter Aktenordner, gliedert sich in die Kapitel "Mein Leben", "Meine Stärken" und "Meine Ziele". Die Schülerinnen und Schüler setzen sich hier unter anderem mit der Frage auseinander, was ihnen wichtig ist, und beschreiben einen Tag in ihrem Leben. Sie schildern Tätigkeiten, Interessen, Stärken und Eigenschaften.
"Als wir mit dem ProlfilPASS in die Gesamtschule kamen, meinten einige Lehrerinnen und Lehrer zu uns, wir sollten uns nicht allzu viel versprechen, denn ihre Schülerinnen und Schüler seien so demotiviert", erinnerte sich Karin Albert. Dann fanden sich aber doch 24 Schülerinnen und Schüler, die sich mit dem PASS beschäftigen wollten, von denen 20 bis zum Schluss dabei blieben.

Im November 2007 fand die Auswertung des Projektes statt, einen Monat später wurde es auf einer Abschlussveranstaltung bilanziert. Zwei erfreuliche Ergebnisse: 88 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gaben an, neue Stärken entdeckt zu haben. Und die Berufsorientierung rückte stärker ins Bewusstsein. "Eigentlich ist die 9. Klasse daher schon zu spät, um den ProlfilPASS anzuwenden", findet Karin Albert. Die 7. Klasse sei ein besserer Zeitpunkt.

Mehr Zeit und Raum für Selbstreflexion

Die Tagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer regten an, den Pass sogar schon für Grundschülerinnen und Grundschüler - zumindest an sechsjährigen Grundschulen - einzusetzen, um den Kindern den nahenden Übergang zu den weiterführenden Schulen präsenter zu machen und um weiteres Potential bei den Schülerinnen und Schülern erkennen zu können.

"Der Erfolg des Projektes hängt vom Engagement der Lehrer, der Information und Zustimmung der Eltern und dem Interesse der Schülerinnen und Schüler ab", schilderte Karin Albert abschließend ihre Erfahrungen. "Die Kombination aus selbstständiger Bearbeitung der Themen mit Individual- und Gruppenphasen ist mitentscheidend für den Erfolg. Die Schülerinnen und Schüler waren dankbar für den Blick eines Dritten, der unvoreingenommen auf sie schaute. Wenn, wie hier geschehen, zwei Lehrer zu Beratern ausgebildet wurden, dann sollten diese Lehrer auch nur bei ihnen unbekannten Schülerinnen und Schülern eingesetzt werden", riet sie. Auf jeden Fall sei solch ein Projekt ideal für Ganztagsschulen, die Zeit und Raum für diese Art der Selbstreflexion anbieten und dies mit dem Unterricht und außerschulischen Partnern wie der Wirtschaft verzahnen könnten.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 04.03.2008
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Am Schluss der Tagung sichten die Teilnehmer die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen

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