Online-Redaktion: Frau Kahl, wie ist die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung bei der Umsetzung des Ganztagsschulprogramms involviert?
Kahl: Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung wurde 1994 gegründet und hat seitdem einen Themenkomplex "In der Schule leben". Wir haben es uns also nicht erst seit PISA und der Ganztagsschuldebatte auf die Fahnen geschrieben, Projekte in den Schulen zu fördern, die den ganzheitlichen Ansatz von Leben, Lernen und strukturiertem Unterricht, Erholung und Spiel in den Mittelpunkt rücken.
Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung ist damals für die Neuen Länder gegründet worden. Dort gab es Schulen mit leeren Heizungskellern und anderen ungenutzten Räumen. Wir suchten nach Möglichkeiten, Schülerclubs quasi als Struktur für die Öffnung der Schule nach außen, für die Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendarbeit, für ein anderes Klima in der Schule und ein anderes Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern zu nutzen. Zunächst haben wir in Berlin, dann in allen Neuen Ländern und jetzt auch in Nordrhein-Westfalen sowie in einem Gemeinschaftsprojekt in Tschechien, Polen und Deutschland Schülerclubs mit Unterstützung verschiedener Stiftungen - wie der Robert Bosch-Stiftung, der Heinz Nixdorf-Stiftung und der Freudenberg-Stiftung - gefördert.
Schülerclubs sind selbstgestaltete Räume, es gibt einen Schülerclub-Rat und eine kooperative Verabredung zwischen einem Träger der Jugendhilfe und der Schule, wo die gemeinsamen Rollen besprochen werden. Es gibt eine Zusammenarbeit von Sozialpädagogen und Lehrern, aber im Vordergrund stehen die Jugendlichen, die alles, was in Schülerclubs passiert, selber bestimmen, selber durchführen und die Verantwortung dafür tragen.
Die Schülerclubs sind wie ein kleiner Stein, der ins Wasser geworfen worden ist und zum ganztägigen Lernen hingeführt hat. Durch die Besetzung dieses Themas sind wir in den Ländern aktiv geworden und haben solche Projekte immer in Kooperation mit diesen durchgeführt. Vor allem haben wir eine gute Infrastruktur wie regionale Arbeitsstellen für Schule und Jugendarbeit aufgebaut, mit denen wir gemeinsam mit den Ländern bestimmte Projekte umsetzen. Verschiedene Länder sind daher auf die Idee gekommen, dem Bund zu vorzuschlagen, die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung in ein Begleitprogramm für die Ganztagsschulen einzubinden. Seit Sommer letzten Jahres sind wir deshalb ganz intensiv mit dem Bundesbildungsministerium im Gespräch, um Pflöcke für ein solches Begleitprogramm einzuschlagen.
Online-Redaktion: In welcher Phase befindet sich das Programm?
Kahl: Schon seit November arbeiten wir stark an der Verfeinerung des Konzeptes. Jetzt sind wir mit den Ländern im Gespräch, um herauszufinden, welche Entwicklungsaufgaben sich die einzelnen Länder stellen. Damit wollen wir von Anfang an sicherstellen, dass die Interessen und die Bedürfnisse der Länder ein wichtiger Bestandteil dieses Begleitprogramms werden. Es soll also keine Stiftung von außen kommen, die irgendwas aufsetzt, sondern das Begleitprogramm soll als gemeinsame Entwicklungsaufgabe betrachtet werden. Und da sind wir schon gut in der Spur und haben mit etwa der Hälfte aller Bundesländer Verabredungen getroffen.
Online-Redaktion: Koordinieren Sie nur oder führen Sie auch selber Projekte durch?
Kahl: Das Begleitprogramm hat verschiedene Bestandteile. Zunächst einmal wird die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung dafür Sorge tragen, dass eine Datenbank mit Beispielen guter Praxis im Bereich ganztägiger Bildung aufgebaut wird. Das ist eine leichte und eine schwere Aufgabe. Leicht deshalb, weil es schon überall Datenbanken mit guter Praxis gibt. Schwer, weil es viele schlechte Datenbanken gibt, die keinen guten Zugang ermöglichen oder in denen die Themen nicht gut aufgearbeitet sind. Wir sind daher jetzt gerade dabei, eine Struktur für eine Art Meta-Datenbank zu entwickeln, die einen einfachen und nutzerfreundlichen Zugang zu Informationen zum Thema ganztägiger Bildung bietet.
Eine zweite Säule besteht aus Fördermitteln, die für bestimmte Entwicklungsaufgaben einzelner Schulen gedacht sind. Beispielsweise kann eine Schule Mittel anfordern, wenn sie einen rhythmisierten Unterricht einführen möchte und sich deshalb an einer anderen Schule, in der das schon gelingt, umschauen will. Oder sie braucht eine Honorarkraft, die sie bei dieser Entwicklung unterstützen soll.
Drittens gibt es Werkstätten, in denen noch einmal Themen gezielt von Experten begleitet werden können. In fast allen Ländern ist die Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit ein wichtiges Thema. In den Werkstätten sollen zentrale Themenbereiche von ganztägigem Lernen aufgearbeitet werden und damit einen Transfer zwischen Theorie und Praxis herstellen sowie regionales mit überregionalem Wissen vernetzen. Hierbei soll Entwicklungsbedarf genauso aufgezeigt wie schon vorhandene Ergebnisse und Gelingensbedingungen dargestellt werden.
Das letzte Segment ist der Aufbau eines Experten-Pools, durch den wir Spezialisten zusammenbringen wollen, die den Ländern helfen, die richtige Entwicklungsstrategie zu einem bestimmten Thema zu finden.
Die zentrale Projektkoordinierung wird in der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Berlin angesiedelt. Mit den Ländern suchen wir gemeinsam eine Form, im jeweiligen Land eine Infrastruktur zur Begleitung der einzelnen Schulen aufzubauen. Auch in den Ländern, in denen wir derzeit noch nicht präsent sind, soll es dann einen Ansprechpartner und Ressourcen geben, um vor Ort die Aufgaben zu lösen. Insofern haben wir eine moderierende Rolle: Wir koordinieren, bringen alle Fäden zusammen, stellen eine Vernetzung her und tragen dafür Sorge, dass in den einzelnen Ländern der Beratungsprozess im Fluss gehalten wird und ein länderübergreifender Erfahrungsaustausch stattfindet.
Online-Redaktion: Jedes Bundesland positioniert sich ja anders zur Ganztagsschule. Was halten Sie denn von dieser Schulform?
Kahl: Wir haben uns schon sehr früh dafür eingesetzt, dass Schule mehr als ein Ort des Lernens ist. Das kann man mehr oder minder konsequent betreiben. Jedes Land ist da in der eigenen Verantwortung und Pflicht, für sich das richtige Konzept zu finden. Durch unser Begleitprogramm ist aber ein großes Potential da, gemeinsam mit den Ländern unterstützende Elemente für ihre Pläne bereitzuhalten. Es führt nicht weiter, bestimmte Positionen zu präferieren und die reine Lehre in die Länder tragen zu wollen. Statt dessen muss man sich ansehen, wo die einzelnen Länder stehen. Länder wie Rheinland-Pfalz sind sehr weit in der Frage ganztägiger Bildung, andere haben darauf noch nicht so einen Schwerpunkt gesetzt. Insofern haben wir es mit einer Heterogenität zu tun, und es wird unsere Expertise gefragt sein, dies auch als Chance für die Entwicklung in den einzelnen Ländern zu nutzen.
Online-Redaktion: Sie sagten bereits, dass Sie stark in den Neuen Ländern vertreten sind. Wie stellt sich aus Ihrer Sicht die dortige Ganztagsschulsituation dar? Im Osten sind ja traditionell die Horte stark.
Kahl: Auch dort treten wir nicht als Besserwisser auf, die Ganztagsschulen oder Horte als besseres Modell predigen. Wir versuchen, die Fragen, die in den Ländern bestehen, aufzunehmen und mit dem Begleitprogramm eine Optimierung der Prozesse im Sinne der Länder voranzutreiben. Gleichzeitig - und das ist eine Herausforderung, die wir uns selber stellen - wollen wir am Ende doch auch einen Kriterienkatalog für das Gelingen ganztägiger Betreuung aufstellen. Eine solche Zusammenschau, welche die Erfahrungen in den Ländern bündelt, gibt es so ja noch nicht.
Wichtig ist bei allen unseren Projekten, dass es eine Zusammenarbeit zwischen den Ländern und der privaten Seite gibt. Das ist ein wichtiger Punkt, denn unserer Meinung nach können weder der Staat noch die Wirtschaft noch die Zivilgesellschaft alleine die Probleme lösen, sondern nur alle Akteure gemeinsam. Ich glaube, dass es daher ein Vorteil ist, dass die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung bei diesem Begleitprogramm involviert ist, da wir mit mehr als 40 Partnern zusammenarbeiten.
Online-Redaktion: Viele Menschen sind skeptisch gegenüber Ganztagsschulen eingestellt: Sie fragen sich, warum Kinder und Jugendliche den ganzen Tag in die Schule sollen, statt etwas mit Familie und Freunden zu unternehmen. Sind solche Einwände berechtigt?
Kahl: Zunächst mal ist das ja eine richtige Überlegung. In der Tat gebühren der Familie und den Eltern in der Erziehung eine wichtige Rolle. Aber was nützt es, wenn man diese Verantwortung konstatiert, die Eltern in der Praxis eine solche aber nicht immer wahrnehmen können - insbesondere, das hat ja auch PISA gezeigt, bei bildungsfernen Familien? Und wo wir gerade die Neuen Länder erwähnt haben: In Regionen von Mecklenburg-Vorpommern zum Beispiel ist die Arbeitslosigkeit so hoch, dass viele Kinder, die morgens in die Schule gehen, nicht mehr mit der Erfahrung konfrontiert werden, dass ihre Eltern jeden Morgen zur Arbeit gehen, sondern einfach zu Hause sitzen, was immer sie dort auch tun.
Zweitens gibt es eine Verantwortung, die man nicht abgeben kann. Auch der Staat trägt Verantwortung, Kindern die besten Bedingungen zu ermöglichen, damit sie in dieser komplexen Welt bestehen können. Deshalb ist der Aspekt ganztägiger Bildung ein wichtiges Element, um Kinder kulturfähig, sozialfähig und beschäftigungsfähig zu machen. Die Schule muss demokratische Alltagskultur pflegen, Kenntnisse und Wissen vermitteln, aber auch ein solidarisches, gemeinsames Leben ermöglichen, das unter Umständen nicht mehr durch die Familie gewährleistet werden kann. In diesem Zusammenhang des Förderns und des Forderns spielt die Ganztagsschule meiner Meinung nach eine wichtige Rolle.
Online-Redaktion: Was wünschen Sie sich vom weiteren Verlauf der Debatte?
Kahl: Ich würde mir wünschen, dass sich die Diskussion politisch entspannt und alle Seiten in der Lage sind, eine sachliche, pädagogische und fachliche Diskussion zu führen, die letztendlich tatsächlich die Bedürfnisse des einzelnen Kindes in den Mittelpunkt rückt und nicht politisches Kalkül.
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 02.03.2004
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geboren 1955 in Rostock. Nach dem Ende ihrer sportlichen Laufbahn 1976 als Vizeweltmeisterin im Eisschnelllaufen studierte und promovierte sie an der Humboldt-Universität im Fach Germanistik. Zwischen 1991 und 1993 war Heike Kahl beim Berliner Senat für Schule, Berufsbildung und Sport als Schulentwicklungsplanerin tätig. Seit 1994 ist sie Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung in Berlin.