Online-Redaktion: 28 kommunale Qualitätszirkel arbeiten seit dem Schuljahr 2005/2006 in Nordrhein-Westfalen, jetzt hat sich die Zahl auf 48 erhöht. Wie ist es gelungen, so viele Schulen für diese Sache zu gewinnen?
Herbert Boßhammer: Viele Ganztagsschulen sind bestrebt, die Kooperation zwischen Kollegium und außerschulischen Mitarbeitern zu verstärken. Die Qualitätszirkel bieten für dieses Anliegen eine gute Plattform, weil hier jeweils ein Vertreter der Schule und der außerschulischen Partner vertreten ist. Hier findet auf kommunaler Ebene eine Vernetzung statt, die sich auf die Arbeit in den Schulen auswirken soll. Ein solches Engagement im Qualitätszirkel ist kein zusätzliches Erschwernis für die Schule, sondern eine Erleichterung - gerade auch im Hinblick auf die Kinder, die täglich mit beiden Berufsgruppen zu tun haben.
Online-Redaktion: Das Ministerium für Schule und Weiterbildung hat die kommunalen Qualitätszirkel in Abstimmung mit der DKJS und der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen aus einer Fülle von Bewerbungen ausgewählt. Welche Kriterien spielten bei der Auswahl eine Rolle?
Stephan Maykus: Eine Voraussetzung zur Förderung einer Kommune als Qualitätszirkel ist die eben erwähnte gemeinsame Teilnahme von Vertretern der Ganztagsgrundschulen und der Jugendhilfe, die auch in der Leitung eines Zirkels gemeinsam vertreten sein sollen. Der Zirkel muss schulübergreifend arbeiten - es reicht nicht, wenn nur eine Schule vertreten ist. Es sollen regelmäßige Sitzungen stattfinden. Erfahrungsgemäß sind das vier bis sechs Treffen im Jahr. Darüber hinaus sollen eine Aufgaben- und Jahresplanung erstellt werden, um auf dieser Grundlage auch die Finanzen zu planen. Es muss auch gewährleistet sein, dass die Ergebnisse der Qualitätszirkel in die einzelnen Schulen weitergegeben werden.
Online-Redaktion: Begleitet die Serviceagentur "Ganztägig lernen" diesen Prozess?
Maykus: Wir haben eher formelle Kriterien vorgegeben. Die Schulen gestalten ihre inhaltlichen Vorhaben autonom. Einige Zirkel verstehen ihre Arbeit eher als eine Qualifizierungsmaßnahme. Die Sitzungen werden dort für Fortbildungsmaßnahmen genutzt, zu denen Referenten eingeladen werden, die über Themen sprechen, welche für die Schulen relevant sind.
Andere betreiben Qualitätsentwicklung im Wortsinn. Dort nehmen alle Schulen an Evaluationen mit den QUIGS-Materialien teil und tauschen sich über die Ergebnisse aus. Qualitätsentwicklung ist zwar zuerst ein Thema für die Einzelschule, aber bei bestimmten Anforderungen und Themen möchte man das Rad nicht immer neu erfinden müssen. Manche Fragen sollen für alle Schulen in der Kommune transparent sein und für alle Schulen gelöst werden.
Drittens gibt es die Zirkel, die ihre Treffen vor allem als offenen Austausch nutzen, als ein gemeinsames Lernen, ein Lernen voneinander. Man möchte Einblicke in die Praxis anderer Ganztagsschulen nehmen und hören, wie andernorts mit Problemen umgegangen wird. Persönlicher Austausch, Kontakte, Anregungen für die eigene Arbeit sind hier so wichtig wie Fortbildungen oder Qualitätsentwicklung. Die Qualitätszirkel zeigen den Schulen, dass sie nicht allein dastehen, sondern Unterstützung erfahren. Diese Vernetzung und dieser Austausch werden für die Akteure immer wichtiger - auch damit lässt sich die hohe Nachfrage nach den Qualitätszirkeln erklären.
Online-Redaktion: Funktioniert dieses System auch in großen Kommunen?
Maykus: In den großen Kommunen mit bis zu 50 Ganztagsschulen diskutieren die Zirkel auf einer übergreifenden Ebene. Dort macht man sich Gedanken über ein Leitbild von Bildung in der Kommune und fragt, wie Ganztagsschule dieses Leitbild unterstützen kann. Manche Zirkel nutzen auch die Basisevaluation von QUIGS: Wie sieht die Finanzierung aus? Welcher Träger ist beschäftigt? Wie geht man mit einem Bedarf der Eltern um, der die vorhandenen Plätze übersteigt? Wie regelt man Vertragsgestaltungen?
Hier arbeitet man also eher strategisch und geht weniger auf die Ebene der Einzelschulen. Bei 50 Ganztagsschulen ist es eben schwieriger, sich einzeln zu präsentieren. Die hier diskutierten Fragen werden aber als nicht minder wichtig erachtet. Im Gegenteil: Die Qualitätszirkel wirken hier zum Teil wie eine fachpolitische Ebene, die die in den Zirkeln aufgeworfenen Probleme und Fragen an die Schulämter und Schulverwaltungsämter weiterleitet. Dort wird dann über diese Fragen beraten, die die Arbeit in den einzelnen Schulen wesentlich beeinflussen.
Online-Redaktion: Wie gestaltet sich die Weitergabe von Informationen aus den Zirkeln in den Schulen?
Boßhammer: Dafür sorgen die ehemaligen Beraterinnen und Berater im Ganztag, die derzeit landesweit in so genannte Kompetenzteams überführt werden. Die Kompetenzteams sind Fortbildungsträger vor Ort, die beim Schulamt angesiedelt sind und ihr Wissen an die Schulen weitergeben.
Online-Redaktion: Welche Fragen werden zum Beispiel in den Qualitätszirkeln diskutiert?
Boßhammer: In vielen Qualitätszirkeln sind die räumlichen Bedingungen, die Hausaufgaben, der unterschiedliche Personalschlüssel von Lehrern und außerschulischem Personal sowie Bewegung, Spiel und Sport Themen gewesen.
Ein zentrales Thema für viele Ganztagsschulen ist auch die Ernährung. Unser Zirkel hat einen Experten eingeladen, der über gesunde Ernährung referierte.
Online-Redaktion: Haben die im Qualitätszirkel besprochenen Themen schon zu konkreten Veränderungen an Ihrer Schule geführt?
Boßhammer: Bezogen auf das Thema Ernährung: In unserer Schule, der Margaretenschule, haben wir ein Theaterstück aufgeführt, das sich mit Ernährung beschäftigt. Dieses Stück ist in allen Klassen reflektiert worden. Es stehen den Kindern nun immer große Teller mit geschnittenem Obst und Gemüse zur Verfügung, von denen sie sich nach Bedarf etwas nehmen können.
An anderen Schulen hat es beispielsweise Konsequenzen bei der Konzeption der Hausaufgaben gegeben.
Online-Redaktion: Wissen die Qualitätszirkel untereinander von ihrer Arbeit?
Boßhammer: Es finden vier regionale Treffen im Jahr statt, zu denen alle Qualitätszirkel zusammenkommen. Nach einem fachlichen Input besteht dort jeweils ausreichend Zeit, sich untereinander auszutauschen.
Online-Redaktion: Daneben finden auch QUIGS-Schulungen statt. Was geschieht dort?
Boßhammer: Bis jetzt sind 350 Personen geschult worden. Hier wird - auch mit Hilfe von Praxisbeispielen - der Kriterienkatalog von QUIGS vermittelt. QUIGS gibt keine Werte und Qualitätsstandards vor, sondern hilft den Ganztagsschulen bei einer Bestandsaufnahme und beim Anvisieren neuer Ziele. Einige Schulen haben QUIGS zum Beispiel genutzt, um neue Hausaufgabenkonzepte zu stricken.
Die QUIGS-Schulungen werden offen ausgeschrieben: Jeder an einer Ganztagsschule Beteiligte kann dort teilnehmen. Dazu kommen noch spezielle QUIGS-Schulungen für die Kompetenzteams. Ideal ist es - das gilt für alle Fortbildungen -, wenn aus den Schulen immer Tandems aus Kollegium und dem Ganztagspersonal kommen, damit beide die Ergebnisse gezielt in die Schule hineintragen können. Das ist teilweise beim außerschulischen Personal schwierig zu arrangieren, da dieses für Fortbildungsmaßnahmen nicht bezahlt wird.
Online-Redaktion: In welcher Phase befinden sich die Qualitätszirkel derzeit?
Boßhammer: Die Qualitätszirkel werden jeweils für ein Jahr mit 1.500 Euro finanziell unterstützt - aber ganz unabhängig davon haben sich in vielen Kommunen Qualitätszirkel etabliert, die gar keine finanzielle Unterstützung beantragt haben. Die Qualitätszirkel entsprechen den Bedürfnissen der Schulen nach Vernetzung - insofern sehe ich das Ganze als einen nachhaltigen Prozess ohne absehbares Ende.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 26.02.2008
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.
Margaretenschule Münster [zur Website]

www.nrw.ganztaegig-lernen.de [zur Website]

www.isa-muenster.de [zur Website]

www.margaretenschule.de [zur Website]

www.ganztag-nrw.de [zur Website]
