In der systematischen und interkulturell ausgerichteten Sprachförderung steckt ein Schatz, der insbesondere durch die Entwicklung der Ganztagsschulen und den Aufbau von Sprachfördernetzwerken gehoben werden kann. In der gemeinsam vom BLK-Modellprogramm "FörMig" und dem Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" am 14. Februar 2007 veranstalteten Fachtagung in Soest zeugten viele gute Beispiele, ein buntes Praxisforum und lebhafte Diskussionen in den Arbeitsgruppen von der Zugkraft der Sprachförderung in den Ganztagsschulen.
Die türkische Schülerin Dilek schrieb im fünften Schuljahr ein gewitztes Gedicht mit dem Titel "Hähne":
"Deutsche Hähne krähen 'Kikeriki'
Türkische Hähne krähen 'Ü ürürü
üü,'
Manchmal ist es umgekehrt -
in zwei Sprachen krähen ist nie
verkehrt!
Kikiriki, Ü ürüürü üü!"
Dieses Gedicht, das den Charme der Mehrsprachigkeit so unverwechselbar zum Ausdruck bringt, wurde zum Abschluss der Tagung von Bernd Groot-Wilken vom Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW dargeboten. Das Spiel mit den Sprachen war eines von zahlreichen Beispielen ausgezeichneter Sprachförderkonzepte, die an die Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund anschließen.
Darüber hinaus war es ein Beleg dafür, dass die methodischen, theoretischen und praktischen Ansätze der Sprachförderung durch die Programme FörMig und "Lernen für den GanzTag" in Bewegung geraten sind. Die Fortentwicklung der Sprachförderungskonzepte einerseits und die Vielfalt an Neuerungen andererseits machen sich in regionalen Netzwerken bemerkbar.
Eva Adelt vom Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW stellte während der Begrüßung die Bedeutung der praktisch orientierten Sprachföderung heraus: "Mit meinem Referat lege ich Wert darauf, dass wir etwas für die Praxis entwickeln." Die Sprachförderung sei im Rahmen der Offenen Ganztagsgrundschulen auf gute Partner angewiesen. Diese hat das Ministerium in Gestalt der Serviceagentur "Ganztägig lernen" NRW, FörMig, der Kompetenzteams sowie der Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA).
Der Ausbau der Offenen Ganztagsgrundschulen in NRW hat der Sprachförderung einen massiven Schub verschafft. In wenigen Jahren potenzierten sich geradezu die Gelegenheiten zur besseren Sprachbildung in den Ganztagsschulen durch individuelle Förderung. Zum Beleg: Seit dem Schuljahr 2007/ 2008 gibt es bereits rund 2.900 Offene Ganztagsschulen von rund 3.500 Schulen im Primarbereich. "Ohne das Investitionsprogramm Zukunft Bildung und Betreuung (IZBB) wäre NRW nicht so schnell vorangekommen", so Adelt. Dafür stehen dem Land rund 914 Mio. Euro aus dem Bundesprogramm zur Verfügung.
Recht auf individuelle Förderung
Instrumente wie die Sprachstandsfeststellungen in NRW erfassen die Kompetenzen der Kinder bereits in der Vorschule und legen hier schon die Grundlagen für eine individuelle Förderung. Adelt hob hervor: "Nur wenn die Kinder die deutsche Sprache sattelfest beherrschen, bekommen sie eine Chance im Bildungssystem."
Sprachförderung nach FörMig hat System. So findet im Rahmen der Vorschule zunächst eine individuelle Sprachstandsfeststellung statt. In der Grundschule sowie der weiterführenden Schule kommt dann das Prinzip der "Durchgängigen Sprachförderung" zum Tragen: durch sprachliche Bildung und Förderung im Deutschen, oder in den Herkunftssprachen und in den Fremdsprachen. Von besonderer Bedeutung ist ferner die Arbeit an den vertikalen und horizontalen Schnittstellen, also den Übergängen in der individuellen Bildungsbiographie, sowie die Einbeziehung von Eltern, Schule, Kindertagesstätten, Bibliotheken oder Vereinen in die Entwicklung von Förderkonzepten. Dabei ist Sprachförderung eine Angelegenheit aller Unterrichtsfächer!
Wie fördern Ganztagsschulen die Sprachförderung?
Das Grundlagenreferat der Tagung hielt die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Ursula Neumann vom Institut für International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Dort ist auch die wissenschaftliche Begleitung für das FörMig-Programm angesiedelt.
Das Thema ihres Vortrages lautete: "Ganztagsschulen - förderlich für Kinder mit Migrationshintergrund?" Deren Gesamtzusammenhang im Rahmen der Offenen Ganztagsgrundschulen beleuchtete Neumann unter der Fragestellung interkultureller Pädagogik. Die Stärken der Ganztagsschulen müsse man nutzen. Dazu gehörten unter anderem die Stärkung der Selbstständigkeit und der sozialen Kompetenzen. Von Vorteil seien ferner die Zugänge zur deutschen Sprache und Kultur.
Verschiedene mögliche Gefahren erkannte die Erziehungswissenschaftlerin in der Entfremdung der Kinder von ihrer Ethnizität sowie in der kulturellen Anpassung an die deutsche Umgebung. "Entscheidend ist eine gute Qualität der Ganztagsschulen." Diese wurde von Ursula Neumann nach der Berücksichtigung interkultureller Gesichtspunkte durchforstet. Viele Schlüsselthemen der Qualitätsentwicklung von Ganztagsschulen hielten den Anforderungen einer interkulturellen Pädagogik noch nicht stand.
Stiefkind interkulturelle Pädagogik
Das Qualitätskriterium "Erweitertes Bildungsverständnis" spare interkulturelle Aspekte völlig aus. Das Thema "Individuelle Förderung und Anregung zur Selbstständigkeit" könne möglicherweise dem hohen Anspruch an die Gestaltung des Ganztags nicht gerecht werden, stellte Neumann fest. Die Angebotsstruktur der Offenen Ganztagsgrundschulen vernachlässige die Rhythmisierung des Unterrichts mit den außerunterrichtlichen Angeboten.
Unter dem Stichpunkt "Partizipation von Schülern und Eltern" würden die Migranten nicht eigens aufgeführt. Auch im Zusammenhang mit genderorientiertem Lernen und Gestalten von Bildungsprozessen vermisste Neumann den Migrationsbezug.
Bundesweit existieren rund 140 FörMig-Projekte. Einige gute Beispiele wurden von Prof. Ursula Neumann explizit hervorgehoben. So fördert die Family Literacy (FLY) in Hamburg Schrift und Sprache der Eltern. Diese ursprünglich aus England stammende Methode hat sich in sozialen Brennpunkten in Hamburg bewährt. Zweisprachige Lehrkräfte arbeiten dort mit Eltern von fünf- bis siebenjährigen Kindern an der Verbesserung von Sprache und Schrift. Bausteine der Sprachförderung sind die Elternarbeit ohne Kinder in Elterngruppen oder die Teilnahme der Eltern am Unterricht ihrer Kinder. Dort bekommen sie eine Vorstellung davon, wie Schule und Bildung überhaupt funktionieren.
Ein ganzheitlicher Sprachförderansatz ist das Theater-Sprachcamp, das erstmals im Sommer 2007 in Hamburg veranstaltet wurde. Es richtete sich an Schülerinnen und Schüler am Übergang ins vierte Schuljahr mit sprachlichem Förderbedarf. Der Spracherwerb der Kinder wurde mit dem Theaterspiel verwoben. Elemente des Sprachcamps waren die Teilnahme an einer Forscherwerkstatt für Sprache, eine Theaterwerkstatt sowie das Vorlesen. Das Theater-Sprachcamp wurde während der Ferienzeit auch in Köln ausprobiert. Die Theaterpädagogen arbeiteten dabei eng mit den Offenen Ganztagsgrundschulen zusammen: "Eine Besonderheit in NRW ist das Nachspielen bestimmter sprachlicher Phänomene", erläutert Neumann.
Auch der Ansatz der Sprachpaten im Saarland im Rahmen der Programms SIGNAL und FörMig wird den Anforderungen der interkulturellen Pädagogik gerecht. Im Vordergrund stehen dabei die Entwicklung der Lesefähigkeit und Lesemotivation von Kindern und Eltern mit Migrationshintergrund. Das Konzept bewährte sich bereits an acht Kindertagesstätten und 20 Grundschulen in sozialen Brennpunkten. Elemente des Förderansatzes sind laut Neumann die Alphabetisierung, Sprachspiele sowie Vorlesen in der Herkunftssprache. Die Beispiele belegen, dass Sprachförderung systematisch angelegt werden muss.
"Wunschlied"
Im Praxisforum gab es Gelegenheit aus neun weiteren Beispielen zur Sprachförderung in Offenen Ganztagsschulen zu lernen. Ihre Bandbreite reichte von der Projektarbeit bis hin zu Sprachspielen und Sprachförderung im Alltagskontext. Ein Projekt, welches das Berufskolleg Hattingen im Rahmen eines Ausbildungsganges konzipierte, ein Elterncafé, verdient eine genauere Betrachtung. Es wurde gemeinsam mit der Offenen Ganztagsgrundschule Erik Nölting in Hattingen konzipiert, um die bildungsfernen Eltern für die Schule aufzuschließen.
Dazu ließen sich die Kinder, angeleitet durch die Berufsschule Hattingen etwas ganz Besonderes einfallen: "Was trägt dazu bei, dass die Gäste sich wohl fühlen?" Die Schülerinnen und Schüler fertigten einen Einkaufszettel für bestimmte Gerichte an, sie machten Werbung für den Abend und schrieben eine Einladung an die Eltern. Emre komponierte sogar ein eigenes "Wunsch-Lied":
"ich hab Hände sogar zwei
und auch Haare mehr
als drei
ich hab einen runden Bauch
undne Nase hab ich auch
ich hab links und rechts ein
Bein
und ein Herz auch nicht aus
Stein
und jetzt winke ich Dir zu,
Hallo du, du"
Als der Elternabend im Sommer 2006 schließlich von der Planung in die Realität umgesetzt wurde, sangen die Kinder das "Wunschlied", das durch seinen schönen Rhythmus und die Sprachmelodie auffällt, gemeinsam mit den zahlreich erschienenen Eltern. Das Vorsingen und die Leckereien, die die Kinder für die Eltern gebacken hatten, verwandelten den Elternabend in ein wahres Schulfest.
Kinderreime und Sprachspiele können für eine systematische Sprachförderung im Rahmen des "generativen Schreibens" nutzbar gemacht werden. Die Linguistin Dr. Gerlind Belke von der Universität Dortmund hat in solchen Kinderreimen und Gedichten nämlich eine Universalie entdeckt: "Beim Sprachspiel ist das ganze Kind beteiligt. Reim, Rhythmus, Klang sind zunächst wichtiger als der Wortsinn."
In der Arbeitsgruppe "Mit Sprache(n) spielen - Kinderreime, Gedichte und Lieder als Grundlage einer interkulturellen Sprachförderung" ging sie auf die kindgemäßen Strukturen näher ein: "In allen Kinderkulturen gibt es auffallend viele Lieder und Verse, in denen es um die Wiedergabe von Tierstimmen geht und um die Bezeichnungen für diese Hervorbringungen (krähen, wiehern, muhen usw.).
Die Linguistin führte dazu aus: "Solche Texte regen dazu an, sich die Vielfalt der menschlichen Sprachen und Sprechweisen bewusst zu machen und darüber zu diskutieren". Wenn man die Strukturen des kindlichen Sprachspiels aber in einem traditionell an Inhalten ausgerichteten Deutschunterricht einbringe, die den individuellen Kontext und ferner die interkulturellen Lebensweltbezüge der Schülerinnen und Schüler ausblenden, kämen die kindlichen Aneignungsformen von Sprache nicht zur Geltung. Mit Lehrerfortbildungen alleine sei aber es nicht getan: "Wir müssen stärker in die Lehrbuchproduktion hinein", denn "je selbstständiger die Kinder arbeiten sollen, desto präziser müssen die Lehrmaterialien sein", lautete die Erkenntnis von Belke.
Die Sprachförderung müsse sich außerdem den Anforderungen an der Basis und den Herausforderung zwischen interkultureller Pädagogik und kultureller Bildung stellen. Integrative Sprachförderkonzepte, so folgerte Bernd Groot-Wilken zum Abschluss der Tagung, erfordern vor diesem Hintergrund ein Gesamtkonzept der Sprachförderung, die Verbesserung der Arbeit an den Schnittstellen und die Förderung der Mehrsprachigkeit, nach dem Motto: "Kikiriki, Ü ürüürü üü!"
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 22.02.2008
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