In der Ferienzeit sind viele Kinder und Jugendliche auf sich allein gestellt. Welche Bedeutung haben Kinder- und Jugendreisen für die Persönlichkeitsentfaltung? Ganztagsschulen eröffnen im Verein mit der Jugendhilfe auch für die Ferienbetreuung neue Perspektiven. Dies verdeutlichte die Fachtagung "Wohin geht die Reise? - Neue Jugendreisepädagogik: Chancen für Schule und Jugendarbeit" des BundesForums Kinder- und Jugendreisen e.V. am 26. und 27. November 2007 in Bonn.
Entgegen diesem Trend sind viele Kinder und Jugendliche noch nie in den Genuss einer Reise gekommen. Nicht wenige haben niemals ihr Stadtviertel verlassen. Klar ist für Prof. Klaus Schäfer, Abteilungsleiter im nordrhein-westfälischen Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration: "Reisen bildet und schlägt Brücken." Und zwar Brücken zu anderen Menschen, fremden Sprachen und Kulturkreisen. Die Schulen und die Jugendreisepädagogik müssten sich angesichts der Auswirkungen von Globalisierung, Migration, demographischem Wandel, Kinderarmut und Gesundheitsproblemen auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen neuen Aufgaben stellen.
Worin besteht das Neue der Jugendreisepädagogik? "Zum einen muss verdeutlicht werden, was Erlebnispädagogik ist, zum anderen muss für den Kunden klar erkennbar sein, welche Anbieter erlebnispädagogische Programme und Klassenfahrten durchführen und nicht nur ,einzelne Abenteuer' anbieten", heißt es in der Pressemeldung zur Fachtagung.
"Um den Mangel an öffentlichen Geldern zu kompensieren, brauchen wir die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe." Insbesondere die informellen Kontakte sind aus Sicht der Sozialpädagogin Wegbereiter für Kooperationen mit der Jugendreisepädagogik. Die Anbieter von Kinder- und Jugendreisen müssten feste Ansprechpartner in den Schulen gewinnen.
Die Vorteile einer organisierten Ferienbetreuung haben auch die Arbeitgeber in der Kommune erkannt. Gut betreute Kinder erhöhen die Arbeitszufriedenheit berufstätiger Eltern, außerdem entlasten sie die Eltern finanziell. So bietet einer der größten Arbeitgeber in Köln den Kindern seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein Ferienprogramm an, das die Bedürfnisse der Kinder und Eltern ernst nimmt. Kooperationen mit der örtlichen Stadtverwaltung vertiefen diese Aktivitäten. Auch die Bundesbehörden sind als Kooperationspartner für die Ferienbetreuung in den Blick der Kommune gerückt.
Zentrale Ansprechpartner und Türöffner für die Jugendreisepädagogik sind laut Biefang die örtlichen Jugendämter, städtische Schulpflegschaften, interkulturelle Dienste im Stadtteil oder Sozialraumkoordinatoren, die die Jugendhilfeangebote verknüpfen. Ansprechpartner sei auch das Regierungspräsidium Köln, das für die Ferienbetreuung der Kinder und Jugendlichen einen finanziellen Zuschuss gewährt. In Köln habe die Betreuung der sechs bis zehnjährigen Kinder große Priorität. In diesem Rahmen stehe ein Etat von 500.000 Euro für die Feriengestaltung in den Offenen Ganztagsgrundschulen zu Verfügung.
Neue Ferienangebote in der Offenen Ganztagsgrundschule
Die Träger der Offenen Ganztagsgrundschulen seien schließlich verpflichtet, während der Ferienzeiten ein Freizeit- und Ferienprogramm anzubieten. Das betrifft immerhin rund 50 Prozent aller Grundschulen in Köln, die ab dem Schuljahr 2007/2008 einen Ganztagsplatz anbieten.
In den Offenen Ganztagsgrundschulen sind Ferienangebote verpflichtend. Auch für die Sekundarstufe I gibt es für rund 80 Gruppen mit 15 bis 20 Kindern die Möglichkeit, freizeitpädagogische Angebote aufzubauen. Insbesondere benachteiligte Kinder und Jugendliche sollen dabei laut Biefang durch Bezugspersonen intensiv gefördert werden. Das Problem vieler Kinder aus sozial schwachen Elternhäusern besteht nicht zuletzt darin, dass das Kindergeld häufig gar nicht erst bei ihnen ankommt.
Im Brennpunkt der neuen Jugendreisepädagogik stehen Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien und insbesondere jene mit Migrationshintergrund. In Köln beträgt deren Anteil über 40 Prozent. Die Kinder und Jugendlichen stammen hier Biefang zufolge aus 178 Nationen, wobei die Mehrzahl aus der Türkei stamme, gefolgt von den Spätaussiedlern.
Um die Migranten für die Ferienpädagogik zu gewinnen, führt an der Elternarbeit und Elternnetzwerken kein Weg vorbei: "Die Eltern haben einen großen Informationsbedarf über Strukturen, Inhalte und Ziele der Offenen Ganztagsgrundschulen", erläuterte Biefang. Viele wüssten nicht einmal darüber Bescheid, wie eine Kindertagesstätte, das Schulsystem oder die Berufsausbildung funktionierten. Für die Jugendreisepädagogik seien sie oft "nur schwer zu gewinnen."
Kicken, multikulturelles Essen, Dialogbereitschaft
"Man muss die Eltern und Kinder ernst nehmen und rechtzeitig einbeziehen" empfiehlt Elena Vllasalija, pädagogische Fachkraft im Rahmen des Offenen Ganztags an der Förderschule Pulheim. Als Griechin in Deutschland ist sie bereits seit vielen Jahrzehnten das Leben in zwei Kulturkreisen gewöhnt. Die Mutter zweier Kinder verlässt sich gerne auf ihre Intuition, wenn es darum geht, Kontakt zu den Kindern und Eltern aufzubauen, etwa im Feriencamp der "Soccer Juniors Fußballschule" in Pulheim.
Die Ferien-Fußballschule "Soccer Juniors" bietet Kindern im Alter von sechs bis 12 Jahren die Möglichkeit, ohne Leistungsdruck das ABC des Fußballs zu erlernen. In kindgerechter Ferienatmosphäre vermitteln die Sportstudenten Julius Büscher - heute Torwarttrainer der Fußballjugend beim 1.FC Köln -, Johannes Kemming und Michael Küpper, was guten Fußball ausmacht. Die Fußballschule zieht Kinder aus ganz Köln und angrenzender Umgebung an.
Gerade bei der Ferienbetreuung der Mädchen mit Migrationshintergrund sind die Eltern aus Sicht von Vllasalija unbedingt einzubeziehen: "Man muss ein Vertrauensverhältnis zu den Eltern herstellen", so die Griechin. "Um die Eltern ins Boot zu holen, empfehle ich reine Mädchengruppen zu bilden", sagt die griechische Sozialarbeiterin. In Griechenland sei das ganz normal. Auch die Stadt Pulheim, die für eine Woche Ferienbetreuung lediglich 62 Euro verlangt, habe damit gute Erfahrungen gemacht.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 18.01.2008
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