11. JANUAR 2008

Macht Platz! Neue Bewegungsräume für Kinder und Jugendliche

Mit der "plattform ernährung und bewegung" (peb) hat sich das europaweit größte Netzwerk der Vorbeugung von Übergewicht verschrieben. Das beste Rezept sieht die Initiative, die rund 100 Mitglieder aus allen Bereichen der Gesellschaft umfasst, in der Einrichtung neuer Bewegungsräume. Beim Ausbau von Netzwerken sind Ganztagsschulen ein zentraler Kooperationspartner zur Förderung der motorischen und sozialen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen. Das "Symposium Bewegungs(t)räume", das am 26. und 27. November 2007 in Hannover stattfand, hat Lösungswege aufgezeigt.

Vor drei Jahren bereits machte sich "peb" auf den Weg zu einer gesamtgesellschaftlichen Initiative, die alle relevanten Kräfte miteinander vernetzt. Ihr Augenmerk gilt der primären Prävention, also einer Bewegungsförderung im Vorschulalter: "Bis zum Jahr 2010 möchten wir die Trendwende schaffen. 2020 wollen wir wieder die Werte aus dem Jahr 1990 erreichen." Ein anspruchsvolles Ziel.

Auf dem Symposium wurden Wege vorgestellt, diesem Ziel näher zu kommen: "In Berlin-Wedding haben uns Kinder gezeigt, wie man Bürgersteige zu kreativen Bewegungsräumen umgestalten kann." Solche Beispiele sollten Mut machen. Denn die Befunde zum Sorgenkind Bewegung lesen sich mitunter ernüchternd.

Mangelnde Alltagsbewegung im Fokus der Forschung

Auf die mangelnde Alltagsbewegung macht beispielsweise das Motorik-Modul der KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts aufmerksam. Demnach engagieren sich die Kinder und Jugendlichen zwar weiterhin in Sportvereinen, doch die Alltagsbewegung geht deutlich zurück, was auf veränderte Lebensstile zurückzuführen ist.

Die Studie "Kinder auf der Straße. Bewegung zwischen Begeisterung und Bedrohung", die Dr. Carola Podlich auf dem Symposium vorstellte, bestätigt diese Ergebnisse. Nach rund "tausend gelebten Kindertagen", die Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren in unterschiedlichen Räumen wie Natur-, Verkehrs-, Institutions- und Kinderräumen zugebracht und protokolliert haben, gab es ein ernüchterndes Ergebnis: "Die Kinder sind wesentlich häufiger in Innenräumen aktiv als in Außenräumen", bilanzierte Dr. Carola Podlich vom Institut für Schulsport und Schulentwicklung der Deutschen Sporthochschule Köln.

Außenräume wie Straßen seien bei den Kindern zwar beliebt, aber durch den dichten Straßenverkehr in den Städten auch bedroht. Die täglichen Wege, etwa zur Schule, werden seltener zu Fuß oder mit dem Fahrrad bewältigt, außerdem erscheinen die vorgefundenen Bewegungsräume als unattraktiv. "Kinder in Großstädten bewegen sich deutlich seltener auf den Straßen." Da Kinder sich speziell an Sonntagen mehr bewegen, sind die Familien ein wichtiger "Bewegungspartner". 



Prof. Christian Wopp und Prof. Erik Harms, Vorstandsvorsitzender der "Plattform Ernährung und Bewegung e.V. (v.l.n.r./ Bild mit freundlicher Genehmigung von peb übernommen).

""Weniger, dicker, ungeschickter..."

Auf diese Formel brachte lakonisch der Erziehungswissenschaftler Prof. Christian Wopp von der Universität Osnabrück das komplizierte Zahlenwerk der Statistiker. Die Kinder würden nicht nur "weniger", sondern sie konzentrierten sich künftig in urban geprägten Kernregionen wie Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln, München und Stuttgart. Dort gibt es zwar mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze, doch diese gehen mit begrenzten Bewegungsräumen für die Kinder und Jugendlichen einher. Das urbane Umfeld wirke auch mit der sozialen Situation zusammen: Bewegungsarmut und Übergewicht finden sich verstärkt in sozialen Brennpunkten. Er forderte die Städte auf, entsprechende Räume wie Freilufthallen zu bauen. Ferner erinnerte er daran, dass die Raumaneignungen zwischen Mädchen und Jungen sehr unterschiedlich seien.

Bewegungskonzepte müssen Wopp zufolge künftig stärker die verschiedenen Interessen von Kindern und Jugendlichen berücksichtigen, darunter insbesondere auch von Kindern mit Migrationshintergrund.



Zwei studentische Mitarbeiter von Prof. Christian Wopp unterstützen die Veranstaltung.

Chance Ganztagsschule - Chance Kommune

"Die Ganztagsschule wird eine Einrichtung zur Förderung der Bewegung sein", so eine Schlussfolgerung von Wopp. Für Christian Wopp wird die Ganztagsschule die "Spinne im Netz sein", die die Sportvereine, das Quartiersmanagement und andere Partner in das Konzept der Bewegungsförderung einbindet. Auf der anderen Seite sollten die Städte die gegenwärtige Rückgewinnung urbaner Räume wie etwa in der Skaterszene aktiv fördern: "Durch Bewegung, Spiel und Sport haben sich die Kinder und Jugendlichen viele städtischen Räume zurückerobert."

Die Hintergründe für den schleichenden Verlust öffentlicher Bewegungsräume für die Kinder seit den 1950er Jahren erläuterte Holger Hofmann vom Deutschen Kinderhilfswerk. Motorisierung und Zunahme des Verkehrs haben in den Städten einen Verdrängungsprozess hervorgerufen. Auf dem Land wurden oft die letzten Zwischenräume durch Versiegelung der Flächen verdrängt. Die Folge: In Freiburg kommen z. B. auf ein Kind vier Autos. Den Verlust der Straße als einst selbstverständlichem Sozialisationsort vieler Kinder - Ältere erinnern sich noch an die eigens für Kinder eingerichtete verkehrsberuhigte Zone der "Spielstraße" - zeige etwa das Aussterben des Straßenfußballs. "Verbote überall unterbinden das Spiel der Kinder", so Hofmann, der für eine gesamtstädtische Strategie plädierte. Die Städte sollten mit "Spiellandschaften" integrierte Bewegungsräume für die Kinder schaffen.

Planungsinstrumente: Spielleitplanung und integrative Stadtplanung

Dieses Instrument wurde z. B. 1999 in Rheinland-Pfalz als Gemeinschaftsprojekt zwischen dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur und dem Ministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz entwickelt. Ziel sind kinderfreundliche Gemeinden und Städte im Rahmen des Aktionsprogramms "Kinderfreundliches Rheinland-Pfalz". Die Spielleitplanung fördert die Partizipation der Kinder und Jugendlichen auf der kommunalpolitischen Ebene sowie eine kinderfreundliche Umwelt und die Dorfernerneuerung.

Das Verfahren, in dem neben beiden Ministerien auch das Landesamt für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht, die Planergemeinschaft ASS - Spielraumplanung, Planen und Bauen für Kinder sowie das Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. repräsentiert sind, ist zunächst in sieben Modellgemeinden entwickelt worden. Ressorts, die bislang nebeneinander arbeiteten, haben sich eigens vernetzt. 


 
Peter Apel erläutert Spielleitplanung: "Die Zwischenräume sind für die Kinder besonders interessant."

"Die Stadtplaner brauchen die Fachlichkeit der Kinder"

Der Architekt Peter Apel ging auf die Vorteile der Spielleitplanung näher ein: "Die gesamte Stadt ist als Spiel- und Bewegungsraum von großer Bedeutung." Es empfehle sich die Integration solcher Bewegungsräume in die Systematik der "Sozialen Stadt". Straße sei ein zentraler Bildungs- und Lernort für die Kinder: "Gerade die Zwischenräume sind für die Kinder besonders interessant", erläuterte Apel. Viele Kinder erlebten die Stadt nur noch aus der Perspektive der Windschutzscheibe: "Spielen manifestiert sich aber in Bewegung."

Die Beteiligung der Kinder und Jugendlichen ist mehr als ein Sahnehäubchen eines schlauen Konzeptes: "Die Stadtplaner brauchen die Fachlichkeit der Kinder", so Apel. Streifzüge durch die Stadt und Planungswerkstätten erlauben die Einbeziehung der Kinder als handelnde Subjekte. In der niedersächsischen Stadt Langen erkundeten die Kinder in zehn Streifzügen die "Wildnis" in der Stadt. Die Durchführung gewährleistete die Grundschule Langen am Wilden Moor: "Die Kinder haben einen Blick für Qualitäten und gehen behutsam mit der Landschaft um, die sie sich aneignen", fuhr der Architekt fort. Die Erschließung eigener Landschaften sei viel bedeutsamer als das Bereitstellen von Spielgeräten.

Ein wertvoller Partner dieser Dynamik, die auch neue Ansätze für die Sportentwicklung geben, seien die Sportvereine. "Die Spielleitplanung wird ein scharfes Instrument, wenn sie durch den Stadtrat verabschiedet und Grundlage für den Haushaltsplan wird." Nun komme es darauf an, die Flächen für die nächsten 20 bis 30 Jahre zu sichern. "Eine kinderfreundliche Stadtplanung sollte diese Bereitschaft der Kinder und Jugendlichen, sich ihre Umwelt anzueignen, aktiv fördern, um ihre motorischen und sozialen Fähigkeiten zu fördern."

Gute Beispiele von Bremen über Bad Hersfeld bis München

Die Schaffung kinder- und familienfreundlicher Strukturen ist ein Leitbild der kommunalen Entwicklung geworden. Dieser Trend spiegelt sich für Peter Apel in dem Aktionsprogramm "Kinderfreundliches Deutschland". Bereits vorhandene Strukturen sollten aber von unten aufgebaut werden. Dies gilt für die meisten guten Beispiele, die auf dem Symposium vorgestellt wurden.

Die Idee für den "Sportgarten Bremen" ist von den Kindern und Jugendlichen ausgegangen. Der Sportgarten verbindet Fußball, Volleyball, Basketball, Hockey mit Skateboardrampen, Kletterfelsen und Freiflächen, auf denen sich Kinder und Jugendliche beider Geschlechter und verschiedener Kulturen treffen. Kinder mit Migrationshintergrund seien z. B. intensive Nutzer öffentlicher Spielräume, erläutert Wopp die Attraktivität solcher Orte - und fügt hinzu, dass der Sport immer auch ein Aufstiegsvehikel gewesen sei.



Ein Modell des JahnParks Bad Hersfeld.

Ressortgrenzen sprengen und Netzwerke knüpfen

Ein anderes Beispiel ist der JahnPark Bad Hersfeld, der aus einer interdisziplinären Projektgruppe hervorging, die sich aus Repräsentanten aus der Politik, Verwaltung, Jugend und Schule zusammensetzte. Gemeinsam entwickelte man aus einer ressortübergreifenden Planungsgruppe heraus eine Begegnungsstätte für Sport und Freizeit, die neben einer klassischen Sportanlage auch Spielräume für Kinder, einen Kletterpark sowie eine Minigolfanlage umfasst. Junge und alte Menschen nutzen den Bewegungsraum gleichermaßen intensiv. Dazu ein Teilnehmer: "Wo es am meisten Leben gibt, hat man die geringsten Probleme"

Städtische Naturerfahrungsräume sind aus Sicht von "peb" ebenfalls geeignet, um den Kinder und Jugendlichen im Wohnumfeld ein bewegungsförderndes Areal zu erschließen. In der Auseinandersetzung mit der "wilden" Natur gewinnen die Kinder ein größeres Körperbewusstsein sowie die Freude an der Natur zurück. Das Konzept wurde im Rahmen eines zweijährigen Projektes in München und drei weiteren Städten erprobt. Die Plattform "peb" hat die Ergebnisse des Symposiums bereits dokumentiert. Darin heißt es zu den Ganztagsschulen: "Der Ausbau dieser Schulform bietet zukünftig den zentralen Ansatzpunkt zur motorischen Förderung der Kinder."

Vor dem Hintergrund, dass die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" auch für die Gestaltung von Freiflächen und Schulgelände genutzt werden können , ist dieser Einschätzung nur zuzustimmen.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 11.01.2008
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