Im März 2008 wird das Projekt "Freie Lernorte" nach drei Jahren auslaufen. Auf einer Abschlusskonferenz am 23. November 2007 in Berlin zogen rund 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Bilanz aus der Arbeit an den 60 Ganztagsprojektschulen, die durch räumliche Veränderungen, den an Themen und Situationen angepassten Lernarrangements und den Einsatz Neuer Medien ein zukunftsweisendes Modell angeschoben haben.
"Als wir uns zu Beginn dieses Projektes zu einem ersten Austausch trafen, dominierten unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch die Systemadministratoren", erinnert sich Michael Schopen, Geschäftsführender Vorstand von Schulen ans Netz e.V. und Leiter des vom BMBF geförderten Projektes "Freie Lernorte". "Die gibt es heute bei uns zwar auch noch, aber es hat schon eine starke Verschiebung zu den Pädagoginnen und Pädagogen stattgefunden."
Unter den rund 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die am 23. November 2007 in die Berliner Hunsrück-Grundschule zum Kongress "Freie Lernorte - Lernen anders denken" gekommen waren, dominierten in der Tat die Lehrerinnen und Lehrer - allein schon deshalb, weil sämtliche 60 Ganztagsschulen aus dem gesamten Bundesgebiet vertreten waren, die am Projekt teilnehmen. Unter dem Motto "Lehrkräfte beraten Lehrkräfte" gaben die Pädagogen ihre in zwei Jahren erworbenen Erfahrungen mit der Einrichtung von Freien Lernorten an ihren Schulen weiter. In eigens eingerichteten Themenräumen, die mit "Freie Lernorte einrichten", "Freie Lernorte multimedial", "Freie Lernorte verändern Lernen" und "Freie Lernorte entwickeln Schule" betitelt waren, konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu 14 gezielten Projekten beraten lassen.
Nicht nur die Teilnehmerzusammensetzung deutete die Verlagerung des Projektinhalts von der Technik mit dem Schwerpunkt Neue Medien zur Pädagogik an. Auch der Kurzfilm "Freie Lernorte - Lernen anders denken" zeigt, dass das Projekt eine moderne Lernkultur ganz unabhängig von der Technik befördert hat. Der rund 20 Minuten lange Film der Berliner Filmemacher Mark Poepping und Sophie Renauldon stellt fünf Schulen und ihre Freie-Lernorte-Projekte stellvertretend für die 60 Ganztagsschulen vor - Computer, Internet und Smartboard kommen hier nur am Rande vor. "Der Film soll eine Idee für Freie Lernorte vermitteln und Anregungen weitertragen", wünscht sich Michael Schopen.
Drehtür-Modell, Digitale Schultasche und Promenade
Die Gesamtschule Barmen in Wuppertal hat das so genannte Drehtür-Modell eingerichtet: Ab der 6. Klasse können hier Schülerinnen und Schüler stundenweise am Unterricht des nächst höheren Jahrgangs teilnehmen, beispielsweise im Französischunterricht. Dabei wird in Sechsergruppen in der Bibliothek und an unterschiedlichen Stationen gelernt, die auch das Nachschlagen von Wörtern im Computer umfassen. "Im Klassenraum vor 29 Leuten hat man vielleicht nicht so das Selbstvertrauen, Französisch zu sprechen, weil man Angst hat, sich zu blamieren", erläutert ein Schüler im Film. "In einer kleineren Gruppe geht das besser." Noch kleiner wird die Lerneinheit bei der "Promenade": Dabei gehen Schülerinnen und Schüler in Zweiergruppen den Flur auf und ab und führen ein Gespräch in der jeweiligen Fremdsprache. Die Lehrerinnen und Lehrer sind von dieser Art des Lernens genauso angetan wie ihre Schülerschaft, wenn auch eine Pädagogin zugibt, dass "es manchem von uns schon schwer fällt, den Lernprozess aus der Hand zu geben".
Tobias Baron, Lehrer an der Grundschule Grambker Heerstraße in Bremen, ist überzeugt, dass Freie Lernorte die Selbstständigkeit der Kinder fördern. Dazu gehört auch, dass Kinder Kinder unterrichten. Lehrerin Marianne Hausmann hält dies für "das beste Lernen": "Schüler haben mit den anderen Kindern mehr Geduld als Lehrer." An der Grundschule setzt man dieses Konzept jahrgangsübergreifend um und hat die Klassenräume so unterteilt, dass diese Form der Gruppenarbeit ermöglicht wird.
In der Geschwister-Scholl-Realschule in Nürnberg kommen mobile PC-Wagen im Klassenraum zum Einsatz, die unter anderem eine Recherche im Internet ermöglichen. Auch hier steht das selbstständige Lernen im Vordergrund. "Die Schülerinnen und Schüler sind sehr motiviert, wenn sie selbst etwas herausfinden sollen", hat Lehrerin Antje Klowat beobachtet, "und sie behalten das Gelernte auch besser." Ihr Kollege Frank Guthmann ist für die "digitale Schultasche" zuständig: Mit Hilfe von USB-Sticks können Unterrichtsinhalte an jedem Computer in der Schule und auch zu Hause bearbeitet werden.
Lernort Ostseeküste
Im Biologie-Grundkurs von Michael Bruhn an der Integrierten Gesamtschule Thesdorf in Pinneberg nutzen die Schülerinnen und Schüler im Moor entnommene Bodenproben zur Analyse. Über das gesamte Schuljahr hinweg soll ein Eintrag für eine Art hauseigene Internet-Enzyklopädie erstellt werden. Die Jugendlichen arbeiten dazu selbstständig in der Bibliothek, im Labor und im Computerraum. Dabei werden das Lernen in der Gruppe und die eigene Arbeitsorganisation geschult. Bruhn hält auch die Einbeziehung von außerschulischen Orten für wesentlich.
Am Ecola-Gymnasium in Rostock findet der Geographieunterricht unter anderem vor Ort an der Ostseeküste statt. Lehrer Sven Hille ist überzeugt, dass sich durch das praktische Erleben die Inhalte besser einprägen. Die am Strand gesammelten Erkenntnisse über Steine, Fossilien und Muscheln bereiten die Schülerinnen und Schüler in Gruppenarbeit selbstständig für Vorträge vor, die sie dann in Tischgruppen üben. Deren Besetzung wechselt, sodass die Schülerinnen und Schüler von jedem Aspekt des Themas etwas mitbekommen.
"Dem Konzept der Freien Lernorte liegt eine schülerzentrierte Pädagogik zugrunde", erklärte Dr. Andreas Vogel, Leiter des Referats "Neue Medien in der Bildung" im BMBF auf dem Kongress. Dies gelte auch für die Ganztagsschulen insgesamt: "Das Mehr an Zeit muss auch für einen veränderten Unterricht und eine andere Lernkultur genutzt werden - für Binnendifferenzierung, eigenverantwortliches Lernen und die Öffnung nach außen. Dies setzt auch eine andere Zeitstruktur voraus, denn ein solches Lernen passt nicht in den 45-Minuten-Takt", so Vogel.
Länderübergreifender Austausch brachte viele Ideen
Bis auf den Grundschulbereich hinken laut Referatsleiter die deutschen Schulen im internationalen Vergleich bezüglich des Einsatzes Neuer Medien im Unterricht immer noch hinterher, was auch ein Spiegelbild der insgesamt rückständigen Pädagogik sei. "Das Projekt 'Freie Lernorte' hat einen Fundus von Beispielen aus ganz Deutschland geschaffen, der das Gelingen aktiver Medienarbeit zeigt und auch Nutzungs- und Einrichtungsfragen beantwortet", bewertete Vogel.
"Die Kärrnerarbeit ist in den Schulen geleistet worden", konstatierte Michael Schopen. "Schulen ans Netz hat zwar Anleitung gegeben, aber die Autonomie der Verantwortlichen in den Ganztagsschulen stand im Vordergrund. Die Schulen brauchen Begleitung und Unterstützung und den Austausch mit Gleichgesinnten, sie müssen aber selbst ein pädagogisches Konzept, ein Raumkonzept und ein Fortbildungskonzept entwickeln." Im Projektverlauf habe sich gezeigt, dass es bei der Etablierung Freier Lernorte um Schulentwicklung gehe und man viele Ideen beim länderübergreifenden Austausch habeaufnehmen könne.
Bundesländerübergreifend konnten sich auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses informieren: So zeigten die Schulberater Ad van der Laan und Willem van Dam, wie in niederländischen Schulen Räume verändert worden sind, um ein verändertes Lernen zu ermöglichen. Mit den Klassenzimmern herkömmlicher Art haben diese Beispiele nicht mehr viel zu tun - sie wirken eher wie eine Mischung aus Großraumbüro, Bibliothek, Internetcafé und Konferenzraum. Diese Räume nutzen die Klassen neben ihren konventionellen Klassenzimmern rund 50 Prozent der Zeit, um dort selbstständig zu arbeiten, frontal unterrichtet zu werden oder in Teams zu lernen. "Wenn man diese Schulen betritt, kann man sich nicht vorstellen, wie sie früher einmal ausgesehen haben", berichtete das Duo aus dem Nachbarland, "dabei handelte es sich zuvor um völlig herkömmliche Schulgebäude mit je drei Klassenzimmern rechts und links des Ganges." Für den Umbau kämen in den Niederlanden die Kommunen auf.
Bibliothek als Lern- und Kommunikationsort
Dass man nicht gleich die ganze Schule umbauen muss, sondern auch eine gut eingerichtete Bibliothek alle oben erwähnten Möglichkeiten ebenso eröffnet, legte Klaus Dahm in seinem Kongress-Workshop dar. Der Leiter der Landesfachstelle für das öffentliche Bibliothekswesen in Bayern ist auch Mitglied der Expertengruppe "Bibliothek und Schule". Statt dass Ganztagsschulen Hausaufgaben-, Spiel- und Gruppenarbeitsräume getrennt einrichteten, könnten mit einer Bibliothek mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: "Hier kann man die Hausaufgaben erledigen, spielen, etwas essen und trinken, Gruppen- und Projektarbeit erledigen, Veranstaltungen abhalten und mit Computern arbeiten", meinte Dahm.
Um all dies zu leisten, wäre es wünschenswert, wenn die Bibliothek den Schülern und Lehrern unbeschränkt zur Verfügung stünde, multimedial eingerichtet und ein Ort offener Kommunikation sei sowie in den Unterricht aller Fächer integriert werde. "In anderen Ländern spielt sich in den Bibliotheken das ganze Leben ab", berichtete Dahm. "Vorbildlich sind Dänemark, wo man fast in die Bibliotheken reinfällt, wenn man die Schulen betritt, und Südtirol mit seinen Lese- und Informationszentren."
Für Michael Schopen sollen Freie Lernorte insgesamt "ein Ort des Austausches" sein. In Schweden und den Niederlanden würden praktisch ganze Schulen zu einem einzigen Freien Lernort umgewandelt. Den Willen zur Veränderung mit diesem "zukunftsweisenden Modell" gebe es auch an deutschen Schulen - dafür brauche es aber auch weiterhin Unterstützung.
Wie kann diese Unterstützung nach dem Auslaufen von "Freie Lernorte" im März 2008 gewährleistet werden? Dr. Andreas Vogel appellierte an das Plenum, das Netzwerk "im eigenen Interesse und auch zum Nutzen anderer" nach Projektende aufrecht zu erhalten. Diese Anregung nahm stellvertretend für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gastgeber gerne auf: Mario Dobe, Schulleiter der Hunsrück-Grundschule, verabredete mit den anderen Projektschulen, im Kontakt zu bleiben.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 28.12.2007
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