11. DEZEMBER 2007

Nachhaltiges Lernen in der Ganztagsschule

Alle Prognosen gehen davon aus, dass die Etablierung von Ganztagsschulen sowie die konzeptionellen Weiterentwicklungen zunehmen werden. Für den Ganztagsschulverband kommt es dabei darauf an, die pädagogischen Notwendigkeiten verträglich und nachhaltig zu gestalten. "Nachhaltiges Lernen in der Ganztagsschule" lautete das Thema des diesjährigen Ganztagsschulkongresses vom 14. bis 16. November 2007 in Leipzig.

Die Ganztagsschulentwicklung in Deutschland geht ungebremst weiter. "Man hat Mühe, sich die neuen Ganztagsschulen zu notieren", stellte Stefan Appel, der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, zum Auftakt des Kongresses in Leipzig fest. "Trotz des Auslaufens des IZBB-Programms der Bundesregierung hält der Trend zur Ganztagsschule an, was auch die von den Ländern aufgelegten Nachfolgeprogramme signalisieren."

Derzeit befassen sich mehrere Forschungsgruppen - allen voran die vom BMBF geförderte "Studie zur Entwicklung an Ganztagsschulen - StEG" - mit der wissenschaftlichen Erkundung der Ganztagsschulpraxis. Das zeige die Relevanz des Themas. Gefragt werde nach Gelingens- und Misslingensbedingungen, und immer häufiger sei die Lernkultur Gegenstand der Untersuchungen.

Mit dem vom 14. bis 16. November 2007 dauernden Kongress kehrte der Verband nach 13 Jahren nach Leipzig zurück - "eine Stadt, die führend in der Ganztagsschulentwicklung war", erinnerte Appel. Der Sächsische Kultusminister Steffen Flath zeigte sich in seinem Grußwort erfreut darüber, dass zwei Wochen nach dem 1. Sächsischen Ganztagsschulkongress in Dresden mit rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Freistaat erneut im Mittelpunkt des Ganztagsschulgeschehens stand. Diese Teilnehmerzahl hätte auch der Verband erreichen können, doch mit rund 350 Plätzen kam man an die Kapazitätsgrenze.

"Die demographische Entwicklung hat uns in Sachsen hart getroffen", führte Flath aus. "Vor zehn Jahren gab es 900 Schulen mehr, und die Schülerzahl hat sich halbiert." Doch Veränderungen böten auch Chancen und als solche begriffen immer mehr Schulen und Eltern die Ganztagsschule. Bereits zwei Drittel aller Schulen machten Ganztagsangebote und die Förderanträge stiegen weiter. "Die Konzepte werden vor Ort entwickelt, von den Eltern wird die individuelle Förderung gewünscht", so der Minister. "Es ist aber von unserer Seite auch ausdrücklich gewünscht, Partner ins Boot zu holen und die Eltern mit in die Verantwortung zu nehmen."
Kooperation ist ein Leitgedanke für das "Nachhaltige Lernen in der Ganztagsschule", wie der Verbandskongress in diesem Jahr überschrieben war. Zwei weitere sind Individualisierung und Partizipation. Den Veranstaltern war es gelungen, drei Wissenschaftler zu gewinnen, die sich diesen Komplexen von verschiedenen Seiten näherten.

"Ganztagsschulen sind der Schritt schlechthin auf dem Weg zur Individualisierung"

Prof. Dr. Wolfgang Edelstein befasste sich in seinem Eröffnungsvortrag mit "Partizipation und Demokratie lernen in der Ganztagsschule". Gleich zu Beginn wurde er deutlich: "Demokratische Schule ist kein Luxus und auch kein sozialer Klimbim - Demokratie muss in den Schulen im Mittelpunkt stehen. Wenn man die Kinder auf das Leben vorbereiten will, dann benötigen sie auch das Wissen über die Funktionsweise einer Demokratie. Dies geht aber nur, wenn sie schon in der Schule Demokratie erleben."
In einer Schule, in der die Schülerinnen und Schüler bereits einen "demokratischen Habitus" erwerben, sollte nach den Auffassungen des Wissenschaftlers die Unterrichtsorganisation kommunikativ, diskursiv und kooperativ strukturiert sein. Dabei müsse dem Erlernen sozialer Kompetenzen eine entscheidende Rolle zukommen, denn "ohne soziale Kompetenzen kann es keine Kooperation geben und damit auch keine demokratische Handlungskompetenz". Die Schulen müssten sich an diesem Punkt der Individualisierung stellen - und die Ganztagsschule sei da der "Schritt schlechthin".

Ganztagsschulen könnten besser auf die individuellen Lernbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingehen und die Demokratiehemmnisse der hierarchischen, zeitlich eingespannten Halbtagsschule auffangen. Darüber hinaus bestehe mehr Zeit für Projekte, die Edelstein für "enorm wichtig" erachtete: "Hier können die Schülerinnen und Schüler Aufgaben und Verantwortung übernehmen und selber planen."

Ein "Geniestreich der Projektdidaktik" sei dabei das "Service Learning". Hier übernehmen die Jugendlichen Verantwortung für das Gemeinwohl, indem sie sich in ihren Heimatgemeinden, zum Beispiel in Seniorenheimen, engagieren. Die dabei auftauchenden Themen und Probleme werden zeitgleich im Unterricht behandelt. "So entsteht zugleich ein kooperatives Verhältnis von Schule und Gemeinde, und die Schülerinnen und Schüler erfahren soziale Wirklichkeit", erklärte der Wissenschaftler. Durch die Ganztagsschule sei ein "zukunftsträchtiges Reformfenster" aufgestoßen worden, wenn umgekehrt zivilgesellschaftliche Akteure in die Schulen kämen, wodurch die Schule zum Mittelpunkt der Gemeinde und zum Aktivitätszentrum werde.

Das fragende Kind steht im Mittelpunkt

Auch Prof. Dr. Jörg Ramseger stellte in seinem Beitrag "Rythm is it! - Was Kinder in der Schule brauchen" fest, dass Kindern und Jugendlichen in einer Ganztagsschule Verantwortung übertragen werden müsse. Sie benötigten auch Zeit für Eigenaktivitäten, zur Selbstständigkeitsförderung und zum Erproben ihrer Kräfte, sonst könne eine Ganztagsschule leicht in eine "ganztägige Domestizierung der Kindheit umschlagen". Lehrerinnen und Lehrer sollten dazu den Schulalltag gemeinsam mit den Schülern und den Eltern gestalten.  

Prof. Jörg Ramseger

"In der Schule muss man auch Kind sein dürfen", forderte der Erziehungswissenschaftler von der Freien Universität Berlin. "Daher benötigen Ganztagsschulen Rückzugs- und Freiräume. Sie bieten den Schülerinnen und Schülern auch eine Fülle von Lernmöglichkeiten und Entwicklungsgelegenheiten, die kein Elternhaus anbieten kann. Leben und Erfahrung der Kinder werden so bereichert." Dabei gehe es nicht mehr darum, Inhalte zu instruieren, sondern durch eigenes Forschen zu konstruieren - in der Ganztagsschule stehe das fragende Kind im Mittelpunkt. "Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war", zitierte Ramseger Cicero.

Wichtig sei dabei auch das veränderte Zeitverständnis in einer Ganztagsschule: "Wir sollten nicht mehr in Stunden, sondern in Phasen denken wie beispielsweise Phasen von Freiarbeit und gemeinsamer Arbeit. Wenn man diese Rhythmisierung mit kleinen Pädagogenteams koppelt, die miteinander ihre Arbeit autonom verabreden, ergeben sich Chancen einer weitgehenden Zeitautonomie, die Schluss macht mit dem Verschiebebahnhöfen und Anwesenheitslisten und einfache Vertretungslösungen ermöglicht. Und jedes Kind findet zu jeder Zeit einen Ansprechpartner", so Ramseger, der sich in diesem Zusammenhang auch für Präsenzzeiten der Lehrerinnen und Lehrer aussprach.

Leistung neu denken: Fähigkeiten, Kompetenzen, Tüchtigkeit

Für Prof. Dr. Jörg Schlömerkemper von der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt am Main ist die Struktur des alltäglichen Lernprozesses das Kernproblem von Schulen, die Ansatzpunkt für Reformen sein müssten, wie er in seinem Vortrag "Lernen über den ganzen Tag - Formen des individuellen und sozialen Lernens" ausführte. "Mit einer selektionsorientierten Lernorganisation kumulieren Schulen für manche Kinder und Jugendliche Defizit auf Defizit, sodass sie nie Mut oder Anerkennung erfahren."  

Prof. Jörg Schlömerkemper

"Wir können uns nicht darum drücken, Kinder auf eine Leistungsgesellschaft vorzubereiten", führte der Erziehungswissenschaftler aus. Um aber die Entmutigungsspirale zu durchbrechen, müsse man Leistung neu denken. Leistungsbewertung solle sich aufspalten in die Begriffe "Fähigkeiten", "Kompetenzen" und "Tüchtigkeit". Letztere solle die Fähigkeit bewerten, Kompetenzen auf neue Aufgaben anwenden zu können. "Kompetenzen" bewerteten Kenntnisse und Fertigkeiten, während bei den "Fähigkeiten" Persönlichkeit und Identität ohne jede Bewertung beschrieben würden.

Dies müsse gepaart werden mit einer "kompetenzorientierten Lernorganisation", bei welcher der nächste Lernschritt erst vollzogen werde, wenn der vorangegangene verstanden worden sei. "Die Schülerinnen und Schüler bestimmen das Feld, das sie bearbeiten wollen, zum Beispiel in einem persönlichen Bildungsplan. Fortgeschrittene Mitschülerinnen und Mitschüler leiten sie an, ebenso die Lehrenden, die Orientierung verschaffen und gegebenenfalls Fehler und Schwierigkeiten diagnostizieren." Dies könne eine Selbstwirksamkeitserfahrung ermöglichen: "Die Schüler merken: Ich kann ja was, wenn ich Zeit und Material bekomme", so Schlömerkemper. Dabei handele es sich um einen offenen Prozess, bei dem die Lehrerinnen und Lehrer selbst über Dauer, Themen, Projekte und Arbeitsformen entschieden.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 11.12.2007
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