20. FEBRUAR 2004

Didacta: Konsens für Ganztagsschulen

Eine Woche lang stand Köln im Mittelpunkt der Bildungswelt. Zur diesjährigen Didacta stellten 811 Aussteller aus 14 Ländern aus und begrüßten rund 90.000 Besucher, die sich über alle Facetten des Lehrens und Lernens informieren konnten. Ein Thema im Rahmenprogramm: die Ganztagsschule.

Europas größte Bildungsmesse umfasst alle pädagogischen Bereiche vom Kindergarten über Schulen, Hochschulen, Aus- und Weiterbildung bis Beratung und Qualifikation. Diese spiegeln sich in Informationsständen, Veranstaltungen, dichtem Gedränge und erhöhtem Lautstärkepegel wider. Um nicht den Überblick über die zahllosen Angebote von Vorträgen, Diskussionsrunden, Sportvorführungen oder Theaterdarbietungen zu verlieren, können sich die Besucher mit Tagesprogrammen für jeden Lernbereich wappnen. Womit man allerdings noch nicht davor gefeit ist, sich im Labyrinth der Messehallen zu verlaufen.

Im Rahmenprogramm beschäftigten sich auf der diesjährigen Bildungsmesse auch einige Angebote mit dem Thema Ganztagsschulen. Die sieben Veranstaltungen waren interessant und ermöglichten auch echte Diskussionen und Meinungsaustausch.

Kritik im Detail, Konsens im Ganzen

Trotz Kritik im Detail kristallisierte sich dabei in allen Veranstaltungen ein Konsens heraus: Ganztagsschulen wurden befürwortet. Bei der Podiumsdiskussion "Förderung von schulaltrigen Kindern in Hort oder/und Ganztagsschule?" des Deutschen Didacta Verbandes sprach sich selbst Johannes Bernhäuser von der Kölner Initiative "Pro Hort" für Ganztagsschulen aus: "Wir glauben an ein plurales System." Dr. Klaus Strätz vom Sozialpädagogischen Institut Nordrhein-Westfalen unterstützte die Ganztagsschulen ebenfalls, zeigte sich aber skeptisch hinsichtlich Offener Ganztagsschulen: "Eine Rhythmisierung des Schultages kann man bei diesen Modellen vergessen." Man müsse aber Erfahrungen abwarten: "Die Ganztagsschulen müssen erst noch beweisen, was sie können."



Christiane von Freeden (l.) und Larissa Klinzing (r.) mit der Moderatorin auf der GEW-Veranstaltung "Ganztagsschule und Geschlecht"

Was Ganztagsschulen können, weiß Christiane von Freeden ziemlich genau, denn seit 1968 arbeitet sie an einer. Die stellvertretende Rektorin des Gymnasiums der Stadt Kerpen saß bei der Diskussion "Ganztagsschule und Geschlecht" neben Dr. Larissa Klinzing, Leiterin des Vorstandsbereiches Frauenpolitik beim GEW-Hauptvorstand, auf dem Podium. Während der Titel der GEW-Veranstaltung nebelhaft blieb, entwickelte sich schnell eine lebhafte Debatte, in der sich Frau von Vreeden vehement für ihre Schulform stark machte. "Mich interessiert die Qualität einer Schule, und mit einer Ganztagsschule verbessern sich Schul- und Lernkultur", so die stellvertretende Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes. "Unser Ziel muss es sein, dass Kinder von sich aus sagen: Ich bleibe gerne in der Schule." Dies gelte natürlich auch für Lehrerinnen und Lehrer: "Viele Lehrer haben Angst vor Mehrarbeit an Ganztagsschulen. Bei der Qualität eines Arbeitsplatzes spielen aber nicht nur die Zeit, sondern auch die Zufriedenheit eine Rolle. Und wie viele Lehrerinnen und Lehrer an Halbtagsschulen sind denn mit ihrem Job zufrieden? Bei uns kann man viel mehr an Projekten verwirklichen und bewegen, es entwickeln sich Freundschaften und Aktivitäten im Kollegium, so dass ich mir sage: Hier komme ich auch morgen gerne wieder hin." Als Vision schwebte Frau von Vreeden die differenzierte Ganztagsschule für alle Kinder vor. Gegenüber den offenen Formen äußerte sie ebenfalls Skepsis.

Rettungsanker Ganztagsschule?

Hannelore Giesinger, Lehrerin an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, pflichtete dem bei: "Ganztagsschulen dürfen nicht bloß die Verlängerung des Vormittagsschreckens in den Nachmittag sein. Unterrichtsstoff vermittle ich lieber um acht als um 15 Uhr, wenn die Kinder nicht mehr so konzentriert sind." Larissa Klinzing erhoffte sich Ganztagsschulen, in denen das "Zusammenspiel von Lern- und Arbeitsverhalten wie in dem Film von Reinhard Kahl" und ein "gemeinsames Miteinander über längere Zeiträume" stattfinde. Laut Ilse Führer-Lehner, GEW-Referentin für Bildungspolitik, müsse überlegt werden, wie man anders lernen könne. Es müsse zudem die Einsicht vorhanden sein, dass sich der Arbeitsplatz der Lehrerinnen und Lehrer nicht bloß in den Nachmittag verlängere, sondern richtiggehend verändere. "Eine Ganztagsschule kann nur gelingen, wenn die Schulleitung permanent an der Schulzufriedenheit arbeitet", konnte Christiane von Freeden aus eigener Anschauung berichten. "Sie funktioniert nicht, wenn Schüler und Lehrer nicht kommunizieren."



Schulleiter Gerhart Bolt, Grundschullehrerin Felicitas Paul und Schulleiterin Marlies Köster (v.l.) stellten sich bei "Rettungsanker Ganztagsschule?" den Fragen

Hier liegt für Marlies Köster, Schulleiterin der Ernst-Reuter-Hauptschule in Ludwigshafen, der Gewinn einer Ganztagsschule: "Die Lehrerinnen und Lehrer wissen mehr über die Kinder, was auch für den Vormittagsunterricht hilfreich ist. Die Schülerinnen und Schüler, die bei uns das Nachmittagsangebot wahrnehmen, sind interessierter, und bei ihnen zu Hause läuft es laut Elternauskunft harmonischer, weil der Hausaufgabenstress wegfällt."

Die Lehrerin äußerte sich auf der Veranstaltung "Rettungsanker Ganztagsschule?" des Verbandes Bildung und Erziehung. Für die Lehrenden sei die Situation befriedigend, weil das pädagogische Konzept in Rheinland-Pfalz viele Freiräume eröffne. Lernstoffe könnten vertieft - "das Wort Hausaufgaben gibt es bei uns nicht mehr" - und die Schülerinnen und Schüler besser gefödert werden. Besonders wichtig sei hier die Berufsorientierung, die an ihrer Hauptschule in den Klassen sieben bis neun angeboten werde. Auch Frau Köster betonte: "Ein engagiertes Kollegium ist ein Muss! Ganztagsschule ist nicht nur ein Verwaltungsjob."

Auch hier kam das Plädoyer für verpflichtende Ganztagsschulen mit einem rhythmisierten Schulalltag: "Wo Ganztagsschule drauf steht, sollte auch Ganztagsschule drin sein", formulierte Gerhart Bolt, Leiter der Fritz-Walter-Schule für Lernbehinderte in Kaiserslautern.

Sechs Podiumsdiskussionen hintereinander

Stefan Appel, der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, forderte auf der Podiumsdiskussion "Mit der Ganztagsschule pädagogisch neue Wege finden", die das Institut für Bildungsmedien organisierte, ebenfalls, dass Ganztagsschulen "keine verlängerten Halbtagsschulen mit Suppenausgabe" werden dürften. Wichtig sei unabhängig von der Organisationsform, dass die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen im Mittelpunkt stünden: "In Ganztagsschulen besteht die Möglichkeit, die persönlichen Fertigkeiten, das kreative Mitteilungsbedürfnis und den künstlerischen Ausdruck zu fördern."



Das Podium bei der Veranstaltung "Mit der Ganztagsschule pädagogisch neue Wege gehen"

Aber auch unter biochemischen Gesichtspunkten sei das Lernen in der Halbtagsschule nachteilig: "Gehirnforscher sagen, dass es nicht möglich ist, bei sechs bis acht Stunden Unterricht hintereinander sinnvoll zu lernen. Stellen Sie sich vor", wandte sich Appel direkt ans Plenum, "Sie müssten dieser Podiumsdiskussion jetzt sechsmal hintereinander beiwohnen, mit wechselnden Themen und Gesprächspartnern." Gutes Lernen sei nur bei einer Unterteilung des Tages in Anregung und Entspannen möglich, so Stefan Appel. "Das ist die Antwort auf alles, was uns bei der PISA-Studie um die Ohren gehauen worden ist."

Die "Bildung der Persönlichkeit" stand neben der "Qualität und Rhythmisierung" für Renate Hendricks bei Ganztagsschulen im Vordergrund. Die Vorsitzende des Bundeselternrats führte als Begründung für diese Schulform neben der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch die Tatsache an, dass deutsche Schülerinnen und Schüler wesentlich weniger Unterricht als diejenigen in Ländern mit Ganztagsschulsystemen erhielten. Stattdessen blühe der Nachhilfemarkt, der es in Deutschland laut Frau Hendricks auf einen Umsatz von 3,5 Milliarden Euro pro Jahr bringt. Stefan Appel stellte klar, dass Hausaufgaben durch Ganztagsschulen minimiert würden, da die Förderung in der Schule stattfinde.

Bürgernahe Schulen

Prof. Joachim Hofman-Götting, Staatssekretär im rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend, erachtete die Öffnung der Schulen nach außen als wesentlich. Die Landesregierung habe inzwischen 15 Rahmenverträge mit außerschulischen Partnern geschlossen. "Wir wollen eine orts- und bürgernahe Schule", so Hofmann-Götting.

Für die Bundesregierung sah Ministerialdirigent Hans Konrad Koch, Leiter der Abteilung Bildungsreform im Bundesministerium für Bildung und Forschung, die Ganztagsschule als einen "Beitrag, den wir brauchen, um unser Bildungssystem wieder an die Spitze zu bringen. Wir müssen den verheerenden Zusammenhang zwischen Bildung und sozialer Herkunft brechen. Diese Bildungsreform gelingt nur, wenn wir von einem auslesenden zu einem fördernden System kommen." In Finnland gebe es die beste Begabtenförderung und durch eine vorbildliche individuelle Förderung zugleich die beste Benachteiligtenförderung - "ohne Sonderschule und Sitzenbleiben, das menschenverachtend ist."



Die zahlreich anwesenden Zuhörer hatten viele Fragen

Im Rahmen der Diskussion merkte man den Fragen aus dem Plenum das Informationsbedürfnis an. Pädagogen, Politiker, Eltern und Schüler suchen nach den richtigen Konzepten und Wegen, um ein neues, besseres und anderes Lernen unter dem Dach der Ganztagsschulen zu ermöglichen. Auf der Didacta war es möglich, Fragen zu diskutieren und Probleme anzusprechen, sich auszutauschen, Informationen und Anregungen zu sammeln. Da innerhalb dieses Jahres eine weitere große Welle von neuen Ganztagsschulen erwartet wird, dürfte das Thema auf der nächsten Didacta eine noch größere Rolle spielen. Auf Wiedersehen in Stuttgart 2005!

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 20.02.2004
© www.ganztagsschulen.org

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