Am 22. September 2007 startete auf dem 4. bundesweiten Ganztagsschulkongress der Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" unter der Überschrift "Gemeinsam gestalten". Bis zum 15. Januar 2008 haben Ganztagsschulen Gelegenheit, ihre Projekte zum Thema Partizipation anzumelden. Ende Mai 2008 werden dann in einer feierlichen Veranstaltung die Gewinner gekürt. Judith Strohm, Mitarbeiterin im Programm "Ganztägig lernen! Ideen für mehr", erläutert im Interview Thema und Verlauf des Wettbewerbs - und verrät, was es zu gewinnen gibt.
Online-Redaktion: Frau Strohm, das Thema des im September gestarteten Ganztagsschulwettbewerbs "Zeigt her eure Schule" lautet diesmal "Gemeinsam gestalten". Wieso hat sich die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung für den Schwerpunkt Partizipation entschieden?
Judith Strohm: Es gibt jedes Jahr ein Schwerpunktthema im Begleitprogramm "Ideen für mehr! Ganztägig lernen". In den letzten Jahren waren das "Individuelle Förderung", "Kooperationen" und zuletzt "Lokale Bildungslandschaften". Im Zuge der Beschäftigung mit diesen Themen kristallisierte sich immer wieder heraus, dass sich alle am Schulleben Beteiligten und für die Schule Verantwortlichen an einen Tisch setzen müssen, um diese Felder erfolgreich zu bearbeiten. Das Thema "Partizipation" ergab sich also folgerichtig aus der bisherigen Arbeit, sodass sich die DKJS mit den Ländern und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung darauf verständigte.
Online-Redaktion: Wie ist das Thema "Partizipation" im Begleitprogramm verankert?
Strohm: In der Beratung von Schulen durch die Serviceagenturen "Ganztägig lernen" in 14 Bundesländern spielt die Partizipation immer wieder eine Rolle. Institutionell verankert ist das Thema aber durch die feste Kooperation unseres Programms mit der Servicestelle Jugendbeteiligung und dem Bildungswerk der Schülervertretungen.
Das SV Bildungswerk bietet bundesweit an Schulen Mobile Zukunftswerkstätten an: Alle an Schulen Beteiligten haben bei dieser Methode die Möglichkeit, ins Gespräch darüber zu kommen, in welcher Schule man eigentlich lernen und leben möchte.
Zusammen mit der Servicestelle war das Bildungswerk stets sehr aktiv am Ganztagsschulkongress beteiligt. Sie gestalteten 2007 gemeinsam mit der Bundesschülerkonferenz und dem Deutschen Bundesjugendring ein eigenes Forum zu dem Thema, wie sich Kinder und Jugendliche ihre Ganztagsschule vorstellen. Dieses Element soll auf dem Kongress im kommenden Jahr verstärkt werden. Die Partizipation soll sich dann nicht nur auf ein Forum beschränken, sondern die Herausforderung wird darin bestehen, Partizipation vollständig in das Kongressprogramm zu integrieren. Dabei werden wiederum die Bundesschülerkonferenz und der Deutsche Bundesjugendring aktiv beteiligt sein.
Online-Redaktion: Den Begriff Partizipation kann man ja weit fassen: Der eine versteht darunter, dass die Schülerinnen und Schüler ihre Meinung sagen können, der andere findet, dass die Kinder und Jugendlichen konkret mitentscheiden dürfen. Wie definieren Sie Partizipation?
Strohm: Das "Ganztägig lernen"-Programm verfolgt einen stärkeorientierten Ansatz: Wir gehen immer von dem aus, was vor Ort bereits an partizipativen Elementen vorhanden ist. Wenn sich die Partizipation beispielsweise "nur" auf die Gremien beschränkt, dann setzen wir an diesem Punkt an und versuchen, Schülervertretungen zu stärken oder Eltern und Lehrer zu ermutigen, Schüler stärker einzubeziehen.
Unser Ideal von Partizipation ist, dass auch jenseits der formalen Gremien Schüler, aber auch Eltern verstärkt an Entscheidungen beteiligt werden. Schülerinnen und Schüler sollen auch über Lernformen, -orte und -inhalte mitbestimmen können. Es geht um Kommunikationsregeln, um Feedback-Regeln und die Beteiligung an der Notengebung. Partizipation ist also etwas, was sich jeden Tag im Alltagsgeschäft der Schule und damit auch im Unterricht abspielen sollte und nicht auf Schulfeste und Projektwochen beschränkt ist.
Online-Redaktion: Stehen wir da noch am Anfang der Entwicklung?
Strohm: Es gibt schon viele gute Ansätze. Und wie so oft haben wir an dieser Stelle kein Wissens-, sondern ein Transferproblem. Der Wettbewerb "Zeigt her eure Schule" möchte deshalb auch dazu beitragen, dass Schulen sich intensiver mit dem Thema Beteiligung beschäftigen und von Schulen, die dabei schon weiter sind, Anregungen holen. Die Partizipationsmodelle, die bereits gut funktionieren, sollen so aus ihrem Nischendasein geholt werden.
Online-Redaktion: Konnten die Wettbewerbe der letzten Jahre denn Aufmerksamkeit auf die jeweiligen Themen lenken?
Strohm: Auf jeden Fall. Auch die ersten beiden Wettbewerbe waren partizipativ angelegt. Die Unterlagen konnten bislang nicht allein vom Schulleiter ausgefüllt werden, sondern eine Bedingung, um vor den Augen der Jury zu bestehen, bestand in der Beteiligung von Schülern, Lehrern und Eltern. Dieses Element haben wir für den diesjährigen Wettbewerb verstärkt. Darüber hinaus legen wir diesmal auch mehr Wert auf die Reflexion. Das Alltagsgeschäft lässt den Schulen zu wenig Zeit, um zu überlegen, in welche Richtung sich die Schule entwickeln soll.
Online-Redaktion: Wie können sich Ganztagsschulen an dem Wettbewerb beteiligen?
Strohm: Die Schulen können sich bis zum 15. Januar 2008 anmelden und die Unterlagen bis zum 11. April 2008 einreichen. Der Wettbewerb ist sehr prozessorientiert, und wir möchten den Schulen Gelegenheit geben, sich tatsächlich auf den Weg zu machen. Dazu braucht es mindestens drei Monate. Die Kontinuität soll aber auch über die Laufzeit des Wettbewerbs hinaus garantiert werden, daher zielen Fragen in der Wettbewerbsmappe auf die Fortsetzung der Projekte ab.
Online-Redaktion: Eine Schule kann also auch erst im Januar 2008 ihr Partizipationsprojekt starten?
Strohm: Genau. Das Ziel ist es, dass neben Schulen, die an bereits begonnenen Projekten weiterarbeiten, auch Schulen, die sich diesem Thema bis dahin nicht verschrieben haben, den Wettbewerb zum Anlass nehmen können, damit zu beginnen. Umgekehrt müssen die Projekte zum Ende des Wettbewerbs nicht abgeschlossen sein. Partizipative Prozesse sind per se sehr lange Prozesse, sodass der Wettbewerb zwangsläufig nur einen Ausschnitt zeigen kann.
Online-Redaktion: Warum müssen sich die teilnehmenden Ganztagsschulen so strikt an das Ausfüllen der detaillierten Wettbewerbsmappe halten?
Strohm: Ein Grund ist die Übersichtlichkeit, ein anderer die Vergleichbarkeit. Wir haben lange überlegt, ob wir weiteres Material zulassen sollten. Aber letztlich sind auch die Kapazitäten einer engagierten Jury begrenzt, sodass wir als einziges zusätzliches Material neben der Wettbewerbsmappe das so genannte Meilensteinplakat zulassen, auf dem die wichtigsten Schritte des eigenen Projektes noch mal festgehalten werden können.
Online-Redaktion: Welche Voraussetzungen sollte eine am Wettbewerb teilnehmende Schule neben der Einbindung aller Beteiligten noch erfüllen?
Strohm: Schulen können diesen Wettbewerb als eine Lerngelegenheit und eine Entwicklungsmöglichkeit wahrnehmen. Die Gruppe, die das Projekt in der Schule realisiert und in der Wettbewerbsmappe dokumentiert, sollte ehrlich sein: Schwierigkeiten sollten auch transparent gemacht werden. Der Wettbewerb zielt nicht auf Perfektion, sondern ist fehlerfreundlich angelegt. Es wird Zwischenauswertungen geben, die den Teilnehmerinnen und Teilnehmern verdeutlichen sollen, was gut läuft und was noch verbesserungswürdig ist. Die Schulen haben die besten Chancen, wenn sie zugeben, an manchen Stellen etwas versucht zu haben, aber aus bestimmten Gründen nicht so weit gekommen zu sein, wie sie beabsichtigt hatten. Gleichzeitig werden sie jedoch auch ermutigt, genau hinzuschauen und ihr eigenes Potenzial zu erkennen. Die zentralen Fragen sind also: Wo läuft Beteligung bei uns schon richtig gut, was sind unsere Stärken? Aber auch: Wo können wir uns noch verbessern?
Online-Redaktion: Wer wird den Schulen die Rückmeldungen geben?
Strohm: Ab Januar können die Schulen zu bestimmten Themen und Terminen, die auf unserer Website veröffentlicht sind, per Telefon Schulberater kontaktieren, um sich Tipps zu holen, ihre Probleme zu schildern und von der Erfahrung der Schulberater zu profitieren. Diese Berater sitzen dann aber nicht zwangsläufig auch in der Jury. Deren Mitglieder stehen noch nicht fest, es wird aber wieder eine Mischung aus Vertreterinnen und Vertretern der Länder, der Stiftung und des BMBF geben. Dazu kommen natürlich noch Mitglieder der eingangs erwähnten Jugendorganisationen.
Online-Redaktion: Was erwartet diejenigen Schulen, die am Schluss als besonders gelungene Beispiele auserkoren worden sind?
Strohm: Als Gewinn wird es Gutscheine in einer Höhe von 5.000 Euro geben, die sich am Bedarf der Schulen ausrichten. Eine Preisträgerschule kann sich zum Beispiel die Finanzierung einer open space-Veranstaltung oder einer Zukunftskonferenz wünschen. Oder man unternimmt eine Reise zu einer anderen Schule, um dort gelungene Partizipationsbeispiele vor Ort zu sehen und sich darüber auszutauschen. Auch die Gewinne sollen den Prozess weiter unterstützen.
Die Preisträgerschulen werden auf http://www.ganztaegig-lernen.de/ und in einer Publikation vorgestellt. Zudem erhalten sie ein schönes Schild für ihr Schulhaus, das sie als Preisträger ausweist. Und schließlich werden die Preisträger auch zwei Mal nach Berlin eingeladen: Zunächst zur Preisverleihung, die Ende Mai mit der Schirmherrin der DKJS, Eva-Luise Köhler sowie Vertretern der Länder und des Bundes erfolgen wird und natürlich zum Ganztagsschulkongress im September, der ja auch ganz im Zeichen des Themas "Beteiligung" stehen wird.
Online-Redaktion: Zum Schluss ganz allgemein gefragt: Welches gelungene Partizipationsbeispiel fällt Ihnen schon jetzt ein?
Strohm: Spontan fallen mir Lerntagebücher ein, in denen Schülerinnen und Schüler in Abstimmung mit den Lehrerinnen und Lehrern festhalten, was sie lernen wollen, und dann nach und nach ihre Lernfortschritte eintragen. Diesen Weg gestalten sie zum Teil alleine, zum Teil auch mit Mitschülern gemeinsam. Hier findet eine eigene Leistungseinschätzung statt, die auch die Notengebung beeinflusst. Lehrer und Schüler wachsen hier zu einem Team zusammen.
Die Wettbewerbsmappe kann unter wettbewerb@ganztaegig-lernen.de angefordert werden.
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 23.11.2007
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