9. NOVEMBER 2007

Die Montessori-Ganztagsschule Jena oder: Zusammenwachsen unter einem Dach

Wie wachsen zwei Montessori-Schulen, die sich ein gemeinsames Dach teilen, zusammen? Unser Porträt der Montessori-Ganztagsschule Jena verdeutlicht, dass dies ein mitunter konfliktreicher, aber bereichernder Prozess ist, der zugleich beide Schulen und den Stadtteil stärkt.

Den eigentlichen Gründungsakt der Montessori-Grundschule hat Marion Röher noch lebhaft vor Augen. Zwischen den Türpfosten stand ihre Kollegin Silke Roßmann, die ihr das Konzept einer altergemischten, so genannten "Schmetterlingsklasse" überreichen wollte. Roßmann besaß ein Montessori-Diplom und hatte sich vom herkömmlichen Frontalunterricht abgewendet: "Sofort fand sie Mitstreiterinnen", erinnert sich die Schulleiterin, nachdem sie dem Vorhaben zugestimmt hatte.

Das war im Jahr 1999, als die "Regenbogenschule" noch in Jena Lobeda-Ost residierte. Der Aufbruch in die neuen pädagogischen Gefilde wurde von den Eltern tatkräftig unterstützt. Zunächst kam eine Klasse von zehn bis zwölf Kindern zustande. Statt in Reihe und Glied saßen die Kinder nun im Kreis, lasen Gedichte vor, wechselten vom Unterricht in die Freiarbeit: "So etwas kannten wir vorher gar nicht", schildert Marion Röher ihre Eindrücke über die Anfänge der Grundschule. Der Zustrom neuer Schülerinnen und Schüler rechtfertigte ihre Entscheidung für den Montessori-Zweig: Jedes Jahr bildete sich neben den traditionellen Klassen eine neue Montessori-Klasse.



Marion Röher erinnert sich an die Geburtsstunde der Grundschule.

Baustelle Montessori-Ganztagsschule

Im Schuljahr 2007/ 2008 sieht das Bild schon ganz anders aus: Nun werden 155 Kinder in den Klassen eins bis vier von elf Lehrerinnen unterrichtet - und das Beste: die "Regenbogenschule", die inoffiziell auch Montessori-Ganztagsschule heißt, hat in Jena-Nord ein ganz neues Schulhaus erworben, das sie sich mit der weiterführenden Montessorischule teilt.

Dieses neu gestaltete Gebäude diente kurz nach seiner Einweihung bereits als Austragungsort einer überregionalen Veranstaltung zur Pädagogischen Architektur. "Baustelle Ganztag" hieß der Titel der Veranstaltung. Baustellen sind zwar mit Lärm und manch anderen Nachteilen verbunden, aber sie bieten auch die Chance, Schule als Lern- und Lebensraum ganz neu zu gestalten.

Der offene Anfang bis zum Unterrichtsbeginn um acht Uhr ist eine Besonderheit der Montessoripädagogik: Leon, acht Jahre und Jonathan, neun Jahre, nutzen diese Zeit in einem Raum mit Bibliothek, der der "Kosmischen Erziehung" dient. Diese soll - nach dem Konzept von Maria Montessori - den Kindern ein Bewusstsein davon vermitteln, wie der Mensch mit dem Universum zusammenhängt. Leon liest ein Buch über Astronauten im Weltraum, während sein Mitschüler sich einem Ritterbuch verschrieben hat.


 
Leon und Jonathan beim konzentrierten Lesen vor Unterrichtsbeginn. Im Klassenraum nebenan beschäftigen sich zwei Jungen mit kreativen Tätigkeiten.

Nebenan, in dem großen Klassenraum, geht es bunter zu. Das Klassenzimmer bietet genügend Raum für einen Kreis, der mit einem runden Teppich ausgelegt ist, sowie für die Arbeitsmaterialien und Werkzeuge zum kreativen Gestalten. Ein Kind sitzt auf dem Boden und hat sich zum Rechnen einen Rechenschieber besorgt, ein anderes Kind holt sich gold glänzende Perlen, weitere Schülerinnen und Schüler sitzen bereits an ihren Tischen. Während dessen übt auf dem Flur eine Schülergruppe die typischen Bewegungen ein, die für das Fahrradfahren notwendig sind: "Die Individualität der Kinder steht hier an erster Stelle", erläutert Röher das gelassene, aber hoch konzentrierte Geschehen vor Unterrichtsbeginn.

Maria Montessori und die "Polarisation der Aufmerksamkeit"

Die Faszination, die von kreativer Tätigkeit für die Kinder ausgeht, war der Reformpädagogin Maria Montessori bereits Ende des 19. Jahrhunderts aufgefallen. Aus einem Schlüsselerlebnis mit einem Mädchen, das beim Gestalten eines Materials sich selbst und ihr pulsierendes Umfeld vergaß, leitete sie eine neue pädagogische Methode ab: "Polarisation der Aufmerksamkeit" nannte sie dieses Phänomen, das einen intensiven Zugang zum einzelnen Kind erlaubt.

Die "Polarisation der Aufmerksamkeit" ist auch in der Montessori-Ganztagsschule Jena allenthalben, und zwar sowohl im offenen Anfang wie im Unterrichtsgeschehen, zu beobachten. Ein anderes Gebiet, das Montessori der Wissenschaft und Pädagogik erschloss, ist die moderne Heilpädagogik. Die Italienerin entdeckte nämlich, dass geistig behinderte Kinder auf eine spezielle pädagogische Heilmethode besonders ansprechen.

Im Unterrichtsgeschehen der Montessori-Ganztagsschule kommen die bewährten Ansätze der Montessori-Pädagogik ausgiebig zur Geltung. Da jedes Kind, so Marion Röher, seine eigene Lerngeschwindigkeit hat, bereiten sich die Lehrerinnen in Teams auf den Unterricht vor: "Die neuen Räume bieten ideale Bedingungen dafür", erläutert die Schulleiterin.

Die individuelle Förderung nach Montessori, die den Pädagogen eine Begleiterrolle zuweist, bedeute aber einen wesentlich höheren Arbeitsaufwand. Ein Beleg dafür ist der 30-seitige Lesekurs zur Förderung der Sprachfähigkeiten, den die Lehrerinnen aus der Unterrichtpraxis heraus entwickelt haben. "Rund 27 Stunden Arbeit mit dem Kind fallen wöchentlich an, der Rest ist Vorbereitung, Beratung und Koordinierung", erläutert Röher.


 
Zur Verbesserung der individuellen Förderung entwickeln die Pädagogen eigene Lehrmaterialien.

Die Eltern als treibende Kraft

Nicht nur die Lehrerinnen, auch die Schülerinnen und Schüler wirken wesentlich konzentrierter, als das üblicherweise der Fall ist. Die Schule bietet schließlich einen geschützten Raum, und sie vermittelt soziale Kompetenzen und Selbstständigkeit. Notendruck spielt bis zur dritten Klasse überhaupt keine Rolle. Leistungsbewertungen werden in Form eines anderthalbseitigen Berichtes vergeben.

Eigentlich hätte es keiner weiteren Grundschule im Stadtteil Jena-Nord bedurft. Doch die Eltern übten Druck auf die Stadtverwaltung aus. Nicht zuletzt jene, deren Kinder einen Montessori-Kindergarten im Stadtteil besuchten. Sie haben Röher zufolge die Türklinken bei den Parteien geputzt und sich überall eingesetzt, bis schließlich die erforderlichen Mittel aus dem IZBB für den Ausbau der "Regenbogenschule" zu einer Ganztagsschule bewilligt wurden.

Mit dem Schulneubau hat der Stadtteil nun eine ganztägig arbeitende Montessori-Grundschule bekommen, die über einen kostenpflichtigen Hortbereich verfügt, der seine Tore von 6:30 Uhr bis 17:00 Uhr geöffnet hat. Ausruhen kann sich die Schulleiterin auf ihren Lorbeeren aber nicht: "Wir haben ganz aktive Eltern, die treten uns richtig und lassen uns nicht zur Ruhe kommen".


 
Schulleiterin Regina Blume und ihr Schulsozialarbeiter Markus Bränner.

Schulsozialarbeit und Sozialpraktikum

Eine wichtige Ansprechpartnerin für Marion Röher ist ihre Schulleiterkollegin Regina Blume. Diese hat am frühen Nachmittag in der weiterführenden Ganztagsschule "Maria Montessori" eine Arbeitsbesprechung mit dem Schulsozialarbeiter Markus Bränner.  Die Besprechung findet im sanierten Altbaubereich der ehemaligen Gutenbergschule statt. Vier Themen stehen auf der Agenda des jungen Schulsozialarbeiters, dessen Stelle vom Jugendamt der Stadt Jena finanziert wird: das Zirkusprojekt, der Schulclub, gesunde Ernährung und das Sozialpraktikum. "Wie soll denn das Praktikum beschaffen sein?", erkundigt sich Bränner bei der Schulleiterin.

Das Sozialpraktikum ist eine Premiere an der Schule, das die Lehrerinnen und Lehrer entlasten soll, erläutert Blume. Diese seien durch den Ganztag an die Grenze ihrer Belastungsfähigkeit geraten. Die interessierten Schülerinnen und Schüler sollen sich wie im richtigen Berufsleben mit einem einseitigen Bewerbungsschreiben bei der Schulleitung empfehlen: "Zwei werden ausgewählt mit der Perspektive, stärker in die Schule eingebunden zu werden", erläutert Blume. Seit 1997 gibt es die Schulsozialarbeit an der weiterführenden Ganztagsschule. Sie habe sich um die Schulkultur sehr verdient gemacht, meint Blume. So spiele die Erlebnispädagogik eine immer größere Rolle beim Klassenfindungsprozess.


 
Der Personalrat in einer Besprechung mit der Schulleiterin. Rose Maria Haschke von der Serviceagentur Thüringen berät die Montessori-Ganztagsschule.

Wenig später, es ist wie im fliegenden Wechsel, findet die nächste Besprechung mit dem Personalrat im Arbeitszimmer von Schulleiterin Blume statt. Auch Rose-Maria Haschke von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Thüringen nimmt daran teil. Siegfried Wiegand bringt das Gespräch auf die Grundschule. Beide Schultypen arbeiten zwar unter einem gemeinsamen Dach, doch sie haben unterschiedliche Kulturen. "Wie Hase und Igel" gestaltet sich das Zusammenleben beider Schulen in Wiegands Augen. Der Informationsfluss zwischen den Lehrkräften, der Grundschule und den Hortnerinnen sei gar nicht so einfach.

Die Kleinen von der Grundschule würden den ganzen Schulhof in Beschlag nehmen. Sie ließen die Türen offen stehen, spielten den dreckigen Fußball an die Wand etc. "Ich denke an eine gemeinsame Hausordnung" reagierte die Schulleiterin auf die Klagen. Doch sie stellte auch klar: "Wir sind bald soweit zu sagen, dass alle Schülerinnen und Schüler unsere Kinder sind." Die Kinder der Grundschule sind schließlich der Nachwuchs der weiterführenden Ganztagsschule.



Gemeinschaftsinn allenthalben.

Die Rolle der Serviceagentur als Deus ex Machina?

Um beiden Schulen dabei zu helfen, schneller zusammenzuwachsen, hat sich die Serviceagentur einiges einfallen lassen. Zum 4. Ganztagsschulkongress in Berlin wurde ein gemeinsames Plakat angefertigt. Die Grundschule und die Regelschule haben sich dort als gute Beispielschule für Thüringen empfohlen.

Auf dem Kongress lernten sich auch die vom Temperament her so verschiedenen Schulleiterinnen in ihrer Andersartigkeit schätzen, weiß Rose-Maria Haschke. Nun sollen gemeinsame Fortbildungen und eine Veranstaltung zum Corporate Learning Ende November die Annäherung beider Schulen voranbringen: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass es beiden Schulen gelingt, mehr Schnittmengen zu finden und weiter zusammenzuwachsen." Doch die Wege entstehen erst beim Gehen.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 09.11.2007
© www.ganztagsschulen.org

Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt.

Themenmappe