19. OKTOBER 2007

Tutzinger Netzwerk: Bekenntnis zu Ganztagsschulen reicht nicht

Im Ganztagsschulprogramm von Bund und Ländern sieht der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger den "größten bildungspolitischen Input seit PISA". Zugleich warnte er auf der 8. Fachtagung des Tutzinger Netzwerks am 17. und 18. Oktober 2007 vor Mogelpackungen.

Die diesjährige Fachtagung des Tutzinger Netzwerks für Schule und Lehrer befasste sich mit dem Thema "Ganztagsschule und ihre Region". Das Netzwerk ist ein Kooperationsprojekt von VBE, seinem bayerischen Landesverband BLLV und der Evangelischen Akademie Tutzing.

Der VBE-Bundesvorsitzende betonte: "Bereitschaft und Engagement in den Schulen, sich zur Ganztagsschule zu entwickeln, müssen auch durch Land und Kommune mit den dafür nötigen Ressourcen unterstützt werden. 6.000 Euro pro Ganztagsklasse und Schuljahr reichen nicht aus", so Eckinger weiter, "um ein integriertes pädagogisches Konzept von Unterricht, individueller Förderung und Freizeitangeboten auf die Beine zu stellen. Das zusätzliche zeitliche Engagement von Schulleiterinnen, Schulleitern, Lehrerinnen und Lehrern, Schulsozialarbeitern und außerschulischen Partnern muss entsprechend anerkannt werden." Auch würden qualifizierte außerschulische Partner gezwungen, zu Dumpinggeldern wertvolle Arbeit zu leisten. Eckinger forderte deshalb Länder und Kommunen auf, mehr als bisher dem Bekenntnis zur Ganztagsschule auch Taten folgen zu lassen.

"Die Akzeptanz der Ganztagsschule bei Eltern und Schülern hängt sehr von der Strahlkraft des schulischen Konzepts und deren Umsetzung ab", unterstrich Eckinger. "Wo Ganztagsschule draufsteht, muss auch Ganztagsschule drin sein. Finanzierung und Sicherung nötiger Rahmenbedingungen bleiben staatliche Verantwortung." Eckinger warnte, der Staat dürfe sich nicht auf leisen Sohlen aus dem Vorhalten öffentlicher Bildungsangebote schleichen. "Das Positivum der Ganztagsschule führt in der Praxis dazu, dass Schulen in nie gekanntem Ausmaß pädagogische Angebote mit freien und gewerblichen Partnern realisieren. Die Zusammenarbeit der Schulen mit außerschulischen Trägern im kommerziellen Bereich darf nicht als Einladung missverstanden werden, öffentliche Bildungs- und Erziehungsaufgaben zu beschneiden. "

Angesichts erheblicher Disparitäten in der wirtschaftlichen, strukturellen und kulturellen Entwicklung in Deutschland und den einzelnen Bundesländern betonte Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV): "Wir brauchen eine Schul- und Bildungspolitik, die auf die regionalen und lokalen Unterschiede mehr als bisher eingeht." Die Lösung liege nicht in einem Konzept, das von der jeweiligen Landesregierung vorgegeben werde, sondern in zahlreichen passgenauen Bildungsangeboten, die von lokalen Schulausschüssen entwickelt werden. Wenzel sieht darin die größere Chance, dass sich die Region stärker mit ihren Schulen identifiziert. "Das Konzept der regional passgenauen Ganztagsschule orientiert sich konsequent an den Bedürfnissen und Besonderheiten der Menschen in der Region", so der BLLV-Präsident. Regionale Schulentwicklung sei notwendig, um bei sinkenden Schülerzahlen wohnortnahe, qualitätsvolle Bildungsangebote zu sichern.

Wenzel begrüßte Initiativen der Bayerischen Staatsregierung zur Ausweitung des Angebots von Ganztagsklassen und -schulen ausdrücklich. "Bayern ist aber noch weit entfernt von einem bedarfsgerechten Angebot. Es ist höchste Zeit, den Ausbau zügig und konsequent voranzutreiben", erklärte er auf der Tagung des Tutzinger Netzwerks für Schule und Lehrer. Für den Ausbau seien deutlich mehr Investitionen erforderlich. "Der Ganztagsschulbetrieb kann nur dann gut funktionieren, wenn es dafür ausreichend Lehr- und Förderpersonal gibt." Für jede Ganztagsklasse müssten wieder 19 zusätzliche Lehrerwochenstunden bereitgestellt werden. Das Kultusministerium hatte nach der erfolgreichen Erprobungsphase die Stundenzahl auf zwölf gekürzt und stattdessen den Schulen zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt. "Diese Entscheidung lehnt der BLLV bis heute als pädagogisch falsche Sparmaßnahme ab", erklärte Wenzel.

Er betonte, dass sich der BLLV aus pädagogischen Gründen stets für die Einführung einer am Bedarf orientierten, rhythmisierten Ganztagsschule ausgesprochen hat. "Die bislang angebotenen 190 Ganztagsklassen an den rund 3.500 Grund- und Hauptschulen können nur ein erster Schritt sein", erklärte er und wies auf den wachsenden Erziehungs- und Bildungsbedarf hin. "Ihm wird die Ganztagsschule zweifellos am ehesten gerecht." Als "Lern- und Lebensraum" sei sie am besten geeignet, Lern- und Freizeitaktivitäten schülergerecht zu strukturieren, besondere Begabungen zu fördern und Leistungsschwächen auszugleichen. Die Ganztagsschule verfüge über mehr pädagogisch strukturierte Lern- und Erziehungszeit. In ihr könnten Schülerinnen und Schüler besser als in der Halbtagsschule integriert und individuell gefördert werden. Versuche bestätigen, dass sich in der Ganztagsschule die Schulleistungen verbessern und soziale wie ethnische Benachteiligungen abbauen lassen. "Ihr Ausbau kann also gar nicht schnell genug vorangetrieben werden", sagte Wenzel. Erneut regte er eine am regionalen Bedarf orientierte Analyse zum Ausbau von Ganztagsschulen und Ganztagsangeboten an.

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