18. SEPTEMBER 2007

"Ich verlange so wie du nach Freiheit und Luft"

Porträt einer Grundschule mit Kindern aus 18 Nationen, die auf interkultureller Pädagogik und dem sozialen Lernen fußt: Die Anne-Frank-Schule in Berlin-Tiergarten führte deutschlandweit den ersten obligatorischen "Multikulti-Unterricht" ein. Sie errichtete aus Mitteln des Investitionsprogramms "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) auf dem Schulhof ein Kinderparadies, das die Schülerinnen und Schüler selbst entworfen haben. Und sie wird von einem Schulleiter gesteuert, dessen Begeisterungsfähigkeit und Engagement der Namenspatronin Anne Frank zur Ehre gereicht.

Die Neunjährige löst sich aus ihrer Gruppe, als sie den orientierungslosen Besucher auf dem Schulhof erblickt. "Kann ich Ihnen helfen, wen suchen Sie?", lautet die Frage des Mädchens in akzentfreiem Deutsch. "Rektor Hun", so die Antwort des Besuchers. Begleitet von der neunjährigen Selima, deren Eltern aus Palästina und dem Libanon stammen, führt unser Weg vom Schulhof durch die Vorhalle des Hauptgebäudes.

Ein Schwarzweiß-Foto von Anne Frank, die seit 1971 Namensgeberin der Schule ist, hängt rechts vom Eingang und ein Zitat aus ihrem Tagebuch macht auf das Schicksal der verfolgten Juden aufmerksam: "Ich verlange so wie du nach Freiheit und Luft."

Das Selbstverständliche, das Anne Frank ersehnte, Respekt und freie Entfaltung der Persönlichkeit, ist Tageswerk der Anne-Frank-Grundschule in Berlin-Tiergarten, die Kinder aus 18 Nationen vereinigt. Sie fallen durch ihre Hilfsbereitschaft auf sowie durch ihre Lebendigkeit und Offenheit Fremden gegenüber. "Das fällt aber nicht vom Himmel", meint Rektor Hun, "bei uns lernen die Kinder fremde Kulturen, Geschichte und alle Weltreligionen kennen."


 
Im Eingangsbereich der Anne-Frank-Schule hängen Bilder von Anne Frank.

"Multikulti" statt "Kampf der Kulturen"

Wohl einmalig in Deutschland: "Multikulti-Unterricht" gibt es an der Ganztagsgrundschule seit 1995 von Klasse eins bis sechs als obligatorischen Unterricht. Die Inhalte wurden innerhalb des Lehrerkollegiums entwickelt und das fertige Unterrichtsprogramm wurde in einem zweiten Schritt dem Senat und den Kirchen, die für den Religionsunterricht verantwortlich sind, zur Genehmigung vorgelegt. Die Mädchen und Jungen haben jede Woche eine Stunde Unterricht in "Multikulti".

Aus einem Klassenraum dringt die universale Sprache des Friedens: Gesang von Kindern. Zum Singen braucht man Zuversicht und Luft. Singen ist übrigens Bestandteil des Multikulti-Angebotes. "Den Kindern tut der Unterricht gut", meint der Schulleiter. Sie nehmen das Fach ernst, lernen miteinander zu reden und sich selber wahrzunehmen.

Viele wünschen, dass der Unterricht sogar ausgedehnt wird: "Die Kinder, ob jüdischen, muslimischen oder christlichen Glaubens finden den Unterricht spannend, weil sie sich über ihre Kulturen und Lebensweisen austauschen können", fügt Hun hinzu.

Auf dem Lehrplan des Faches stehen fachliche, sowie musikalische und künstlerische Inhalte. Außer den Weltreligionen sind interkulturelles Verständnis, Singen und Tanzen, aber auch lebensphilosophische Fragen Bestandteil des Lehrplans. So auch die Frage, die Anne Frank in ihrem Tagebuch beschäftigte: "Was ist Glück?"


 
Seung, Tarek, Daniel und Vincent beim Kartenspielen während der Schulpause.

Was ist Glück?

Glück kann überall sein: Fünf Schüler - Seung, Daniel, Yuciko, Vincent und Tarek - sitzen guter Dinge im Kreis vor einem Kartenspiel, das auf einem steinernen Tischtennistisch liegt: Zeltlageratmosphäre. Der Vorteil einer gemischtkulturellen Schule, so die Meinung der Jungen liegt darin, dass sie andere Länder und Sitten wahrnehmen: "Man lernt auch anderes Essen kennen", so der neunjährige Vincent. Ihr Glück beim Kartenspielen würden sie aber gern durch längere Hofpausen komplettieren.

Der Schulhof ist ein Kinderparadies. Hier ist Luft zum Atmen und Raum zum Spielen und Bewegen: "Der neu gestaltete Schulhof kommt wirklich von den Kindern", erklärt Schulleiter Hun. Sie haben eigene Modelle entwickelt, die Spiel- und Sportelemente und Kommunikationsmöglichkeiten enthalten. Ihre Modelle wurden sogar öffentlich ausgestellt und vom Senat und der Bauaufsicht zur Verwirklichung freigegeben. Mit 42.000 Euro aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) wurden die Wünsche der Kinder, laut Hun, "eins zu eins" realisiert.


 
Daniel, Seung und Tarek. Andere Kinder bevorzugen die Schaukel.

Buddy werden

Gelbe Mützen auf jungen Köpfen fallen ins Auge. Es sind die "Buddys." Sie gehen aus den eigenen Schülerreihen hervor, sind Streitschlichter, Ansprechpartner für Probleme und Moderatoren. Die "Buddys" werden durch ein fünftägiges Training, an dem auch die Lehrerinnen und Lehrer teilnehmen, auf ihre Aufgaben vorbereitet,.

Sie erwerben dabei soziale Kompetenzen wie Verantwortungsübernahme, Konfliktfähigkeit oder Empathie, während die Pädagogen sich auf einen Rollenwechsel als Begleiter einlassen. Wo die Kinder ihre Scharmützel nicht mehr alleine in Griff bekommen, wo sie handgreiflich werden, oder von Ausgrenzung und Mobbing betroffen sind, kommen die "Buddys" zum Zuge.

Der Südkoreaner Seung, der auch "Buddy" geworden ist, hat durch diese Ausbildung eine ganzheitlichere Perspektive auf seine Schule, er blickt aufmerksamer, beteiligter. Für viele Gleichaltrigen ist er sogar ein Vorbild.

Die Mischung macht's

"Wir können gewaltfrei nur leben, wenn wir selbstbewusst sind", meint Rektor Hun, der die "ruhige und schöne Atmosphäre" an der Schule als ein kostbares Gut erlebt. Die Saat friedensstiftender Aktivitäten und Projekte an der Anne-Frank-Schule kommt den Schülerinnen und Schüler in doppelter Weise zugute. Sie stärkt ihre Persönlichkeit und wirkt sich positiv auf die Leistungsbereitschaft aus.

Längeres gemeinsames Lernen von Klasse eins bis sechs trägt aus Sicht der Schule maßgeblich zur individuellen Förderung bei. "Empirische Untersuchungen zur Entwicklung des Selbstwertgefühls belegen: Bei längerem gemeinsamen Lernen wächst das Selbstwertgefühl kontinuierlich", zitiert die Homepage der Anne-Frank-Schule den Referenten für Schulstrukturfragen des Grundschulverbandes Peter Heyer, der auch dem Beirat für die Einführung der Gemeinschaftsschule in Berlin angehört. Die individuelle Förderung in heterogenen Gruppen ist ein Schwerpunkt der Schule, wobei regelmäßige Fortbildungen der Lehrkräfte differenzierten Unterricht ermöglichen.


 
Rektor Harry Hun in seinem Arbeitszimmer.

Mangelnde Deutschkenntnisse der Kinder nimmt die Schule sehr ernst: "Wir achten darauf, dass die Kinder Deutsch lernen", so Hun, "und wir legen Wert darauf, dass sie die deutsche Sprache korrekt sprechen." Der Sprachstand der Kinder wird laufend beobachtet, und individuelle Pläne legen die erforderlichen Schritte der Sprachförderung fest.   

Rektor Huns Lebenslektionen

Wer ist eigentlich Rektor Hun? Er wirkt überaus gewandt, die Stimme ist von überbordender jugendlicher Spritzigkeit. Außer seiner Höflichkeit fallen sein Tatendrang und sein ungewöhnlicher Nachname auf. Harry Hun ist ein Spätberufener, denn zunächst war er ausgebildeter Handwerker. Als die Firma, in der er arbeitete, in Konkurs ging, hat sich Hun, dessen Name sich übrigens von den Hunnen ableitet, erst mal drei Jahre neu orientieren müssen: "Ich habe gelernt, mich in Geduld zu üben." In dieser Zeit habe er auch herausgefunden, dass er gut mit Kindern umgehen kann. Nach einem Vordiplom in Ingenieurswissenschaften hat er sich schließlich dem Lehramt mit den Fächern Arbeitslehre und Theologie verschrieben.

Man kann sich kaum einen besseren Schulleiter an dieser Schule vorstellen. Seine Lebenslektionen, die Geschichte der Schule und die gesellschaftliche Orientierung auf die Kinder scheinen eng verwoben und finden auch in seinem persönlichen Motto ihren Ausdruck: "Erst kommt das Kind, dann die Gesellschaft."


  
"Der neu gestaltete Schulhof kommt wirklich von den Kindern", so Harry Hun.

Rektor Hun, der sich auch als "erster Diener seiner Schule" versteht, ist neben dem sozialen Lernen der Kinder und ihrem Bedürfnis sich an der Schule wohlzufühlen, auch sehr an der Wertevermittlung gelegen. Die Erziehung zur sozialen Verantwortung, die das eigene Leben lebenswerter mache, müsse durch eine Erziehung zum moralischen Handeln begleitet werden, die das Leben anderer sowie der Umwelt respektiere.

Elternpower und ein Hausmeister als Instanz

Natürlich kann die Schule die Eltern aus ihrer Rolle als Wertevermittler nicht entlassen, sie findet primär im Elternhaus statt und wird durch schulische Erziehung unterstützt. Eine enge Verzahnung zwischen Schule und Eltern ist Teil des Schulprogramms. So sind die Eltern nicht nur über alle wichtigen Ereignisse in den Gremien der Schule informiert, sondern sie genießen auch Mitbestimmungsrechte und eine demokratische Vertretung ihrer Interessen im Rahmen der Gesamtelternvertretung. Ferner engagieren sie sich in der Mediation von Gewalt und in dem Förderverein der Schule, der die Schule ideell und vor allem finanziell bei der Beschaffung von Lernmaterialien, beim Internetauftritt der Schule oder bei Klassenreisen unterstützt.


  
Eine beliebte und geachtete Instanz: Hausmeister Helmut Romeis.

Doch das geräuschlose Innenleben der Schule, dessen Fäden in den Händen von Helmut Romeis zusammenlaufen, ist nicht minder von Belang. Seit 26 Jahren bereits gehören die Pflege des Gartens, die unerschöpflichen Renovierungs- und Reparaturarbeiten oder die Geschicke der Gebäudetechnik zum Aufgabenbereich des Hausmeisters.

Für Generationen von Schülerinnen und Schülern, die nun selber im Berufsleben stehen und selber Eltern geworden sind, war der Hausmeister eine ehrwürdige Instanz zwischen Schule und außerschulischer Welt: "Die Kinder kommen immer noch sehr gerne zu mir", so der Hausmeister. Schon bald aber wird es lauter und hektischer zugehen in Romeis' eigener Welt, denn der Neubau der Mensa aus den Mitteln des IZBB steht vor der Tür.


  
In Nachbarschaft der Anne-Frank-Schule: Amtssitz des Bundespräsidenten.

Nach den Herbstferien, wenn die neue Mensa endlich ihren Dienst verrichtet, soll die nächste große Aufgabe angepackt werden: die Rhythmisierung, die innerhalb des Lehrerkollegiums beschlossene Sache ist: "Das ist der günstigste Zeitpunkt, um diese Reform anzugehen", meint Rektor Hun. Sportangebote im Rahmen der sportbetonten Schule wechseln dann mit Unterrichtsangeboten ab, und die Hausaufgabenbetreuung wird ebenso intensiviert wie die individuelle Förderung der leistungsstarken Kinder oder jener mit offenkundigen Schwächen. Ob die Mädchen und Jungen wie schon 2006 zu Weihnachten den Bundespräsidenten, dessen Amtssitz schräg gegenüber der Anne-Frank-Schule liegt, mit ihren Liedern erfreuen werden? Am wichtigsten bleibt aber die Frage von Hausmeister Romeis: "Wer möchte eigentlich hier nicht gerne zur Schule gehen?"

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 18.09.2007
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