10. FEBRUAR 2004

Sprachen der Zukunft

Eine Fremdsprache ist heutzutage ein Muss, zwei sind von Vorteil, wenn es später ins Berufsleben geht. Aber auch drei oder mehr können nicht schaden. An Ganztagsschulen kann von der Primarstufe an ein größeres Fremdsprachenangebot gemacht werden. Sogar bilingualer Unterricht und die Doppelqualifikation Abitur und Fremdsprachenkorrespondenz sind möglich.

Die Rudolf-Roß-Gesamtschule liegt zentral in Hamburg. Die Hansestadt ist dank des Hafens schon immer Gastgeber und Heimatstadt von Menschen aus aller Welt gewesen. In der Gesamtschule, deren Primar- und Sekundarbereich einen Block voneinander entfernt im Stadtteil Neustadt liegen, macht sich diese Internationalität besonders bemerkbar: Hier lernen derzeit circa 750 Schülerinnen und Schüler aus nicht weniger als 38 Nationen. Die zweitgrößte Gruppe hinter der deutschen bilden die portugiesischen Kinder. In der Neustadt lebt seit Jahrhunderten eine große portugiesischstämmige Gemeinschaft.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass in der Rudolf-Roß-Gesamtschule seit dem 1. August 2000 mit der "Deutsch-Portugiesischen Grundschule" die erste und bisher einzige Grundschule Hamburgs eingerichtet worden ist, an der vom ersten Schultag an Deutsch und Portugiesisch gleichberechtigt nebeneinander gelernt werden. Dieses bilinguale Projekt wird als "offizieller Schulversuch" durch die Portugiesische Botschaft in Berlin und der Behörde für Bildung und Sport in Hamburg mitgetragen. Hinter diesem Projekt steht die Feststellung, dass "Mehrsprachigkeit ein Vorteil, Fremdsprachenlernen notwendig und im frühen Kindesalter Fremdsprachenlernen leicht ist". Und gerade Letzteres gilt laut Schulleiterin Dr. Anne Buhr gerade für Portugiesisch. "Der Vorteil des Portugiesischen ist, dass eine ganze Reihe Buchstaben phonetisch identisch mit den deutschen klingen. Später differenziert sich das natürlich schon auseinander, aber zu Beginn ist diese Sprache für die Kinder relativ leicht erlernbar."

Portugiesisch und Deutsch lernen von Beginn an

Pro Klasse unterrichten dabei im ersten Schuljahr stets zwei Lehrerinnen am Tag zwei Stunden bilingual: Eine deutschsprachiger Pädagogin, die rudimentäre Portugiesischkenntnisse besitzt, und ein so genannter "native speaker", dessen Muttersprache Portugiesisch ist. Die Klassen sind dabei so zusammengesetzt, dass möglichst die eine Hälfte über ein deutschsprachiges, die andere über ein portugiesischsprachiges Elternhaus verfügt. Es werden aber auch nichtdeutsche oder nichtportugiesische Kinder in die bilingualen Klassen aufgenommen, die zumindest eine der zwei Sprachen gut beherrschen.



Bilinguale Grundschulklasse in der Rudolf-Roß-Gesamtschule

Mathematik wird in deutscher Sprache unterrichtet. Die mathematischen Grundbegriffe wie beispielsweise Zahlen und Uhrzeiten werden auch auf Portugiesisch gelehrt. Zweisprachig wird ebenfalls im Musikunterricht gearbeitet, den ein brasilianischer Musiklehrer gibt.
In der vierten Klasse wird dann ein Teil des Sachunterrichts einsprachig in Portugiesisch erteilt. Über das reine Sprachenlernen hinaus, werden die Schülerinnen und Schüler auch mit den portugiesischsprachigen Ländern und Kulturen bekannt gemacht. Hierbei hilft die Organisation als Offene Ganztagsschule, denn die Nachmittagsbetreuung bis 16 Uhr wird sowohl von deutsch- wie auch portugiesischsprachigen Betreuerinnen durchgeführt. Hier kann die sprachliche Förderung buchstäblich spielerisch erlernt werden. Zusätzlich gibt es am Nachmittag Muttersprachenunterricht für türkische Kinder.

Ganztagsschulangebot wird ausgeweitet

Die Universität Hamburg begleitet das bilinguale Projekt wissenschaftlich, "und attestiert uns gute Ergebnisse", berichtet Dr. Buhr. "Auch Bundesbildungsministerin Bulmahn hat unsere Schule schon besucht und war recht angetan." Für den Erfolg der Rudolf-Roß-Gesamtschule sprechen auch die Zahlen: Nach der Anlaufphase hat es jetzt so viele Anmeldungen gegeben, dass in diesem Schuljahr der erste Jahrgang erstmals zweizügig gestartet ist. Dazu wird die bilinguale Bildung ab dem kommenden Schuljahr 2004/2005 auch in der Sekundarstufe übernommen. Die Ausweitung muttersprachlicher Portugiesischkurse und die Aufnahme von Portugiesisch als zweiter Fremdsprache ab Klasse sieben alternativ zu Französisch ist ebenfalls vorgesehen.



Die Grundschüler essen gemeinsam in der Aula

"Dies können wir nur als ganztägig organisierte Schule", meint die Schulleiterin, "denn wir verlangen den Schülerinnen und Schülern mehr ab: Neben fünf Deutsch- und vier Englischstunden lernen sie dann auch noch vier Stunden Portugiesisch die Woche. Eine Halbtagsschule wäre dazu nicht in der Lage. Wir hoffen natürlich, dass dieses Angebot einer funktionalen Dreisprachigkeit für viele interessant ist." Die Ganztagsschule in der Sekundarstufe I wird dabei als teilgebundene Form mit drei Pflicht- und zwei Wahltagen organisiert sein. Schon jetzt stehen den Schülerinnen und Schülern im offenen Bereich ab 14 Uhr etwa 30 Kurse in Kunst, Sport, Musik und der Hausaufgabenhilfe zur Auswahl.

Spanisch ist in Mode

Während an der Rudolf-Roß-Gesamtschule die Ganztägigkeit teilweise noch im Aufbau begriffen ist, kann man das Gymnasium der Stadt Kerpen zu den "Methusalems" in Sachen Ganztagsschule zählen: Es wurde 1968 gegründet. Inzwischen verfügt auch diese Schule über einen bilingualen Zweig in Englisch. Und auch hier ist wegen der höheren Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler durch zwei zusätzliche Englischstunden in den Klassen fünf bis sieben und eine zusätzliche Stunde Politik in Klasse acht ein Pflichtnachmittag angesetzt. Zusätzlich wird ab der siebten Klasse eine Gesellschaftswissenschaft – momentan Erdkunde – auf Englisch unterrichtet. Nach und nach kommen Politik, Geschichte und Sozialwissenschaften dazu.

Ob diese Zusatzqualifizierung später bei der Berufssuche bessere Chancen eröffnet, kann noch nicht gesagt werden, da erst in diesem Jahr der erste bilinguale Jahrgang Abitur macht. Zumindest aber die "Doppelqualifikation Abitur und Fremdsprachenkorrespondenz" hilft dabei, wie Studiendirektorin und Englischlehrerin Christiane von Freeden berichtet: "Ehemalige Schülerinnen und Schüler haben mir erzählt, dass diese Qualifikation ein Plus bei ihren Bewerbungen gewesen ist. Eine Schülerin meinte, sie habe nie ein Problem gehabt, in den Semesterferien einen Job im Bereich der Fremdsprachenkorrespondenz zu finden, und ein Arbeitgeber habe sie unbedingt noch während ihres Studiums einstellen wollen." In der Schule muss für diese Zusatzqualifikation der Leistungskurs Englisch, der Grundkurs Wirtschaftsenglisch, ein Leistungs- oder Grundkurs Wirtschaftswissenschaften und ein Computerkurs belegt werden. Die Prüfung wird dann von der Industrie- und Handelskammer an der Schule abgenommen.



Schülerinnen in der Bibliothek des Kerpener Gymnasiums

Neben dem bilingualen Zug und der Fremdsprachenkorrespondenz-Zusatzausbildung bietet das Gymnasium auch ein breites Fremdsprachenangebot: Französisch, Latein, Spanisch und Russisch, wobei für letztere Sprache zuletzt keine Kurse mehr zu Stande gekommen sind. "Momentan ist Spanisch sehr in Mode", erklärt Christiane von Freeden. Darüber hinaus wird das Schulleben durch den Kontakt zu 13 Partnerschaftsschulen belebt, "womit 26 Lehrerinnen und Lehrer beschäftigt sind. Ich denke, dass ist nur zu bewältigen, wenn man ein engagiertes Kollegium hat, das nicht um täglich um 13 Uhr die Schule verlässt. Zudem sorgen unsere Nachmittags-AGs für Anstöße: Die Partnerschaft zu einer Schule in Peru entstand zum Beispiel in unserer Eine Welt-AG."

Sprachprojekte beleben das Schulleben

Wie aber würde das Sprachenangebot beschnitten, wenn das Gymnasium der Stadt Kerpen nicht ganztägig organisiert wäre? "Unsere Arbeitsgemeinschaften in Russisch und Schwedisch, die unsere Austauschreisen begleiten, würden beispielsweise wegfallen", beantwortet die Stellvertretende Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes die hypothetische Frage. "Ich könnte die verpflichtende AG, in der ich meine Schülerinnen und Schüler auf ihren Texas-Aufenthalt vorbereite, nicht mehr geben. Projekte wie unsere englischsprachige Theatergruppe, eine amerikanische Woche oder eine britische Woche, die eine Kollegin letztens mitsamt Schuluniformen organisiert hat, würden entfallen. Auch unsere riesige Bibliothek mit 30 000 Büchern, darunter viele fremdsprachige, die bis 16 Uhr für die Schülerinnen und Schüler zugänglich ist, ist in einer Halbtagsschule nicht vorstellbar."



Die Klasse 6.8. in ihren "British Week"-Schuluniformen

Neben der Vorbereitung auf das Berufsleben mit zusätzlicher Qualifikation können Ganztagsschulen mit ihrem Fremdsprachenangebot wie an der Rudolf-Roß-Gesamtschule oder dem Gymnasium der Stadt Kerpen auch das Schulleben bereichern und den Horizont der Kinder für andere Kulturen öffnen. So lautet ein "Allgemeiner Grundsatz" der Rudolf-Röss-Gesamtschule: "Wir sind eine multikulturelle Schule, an der jede Nation und Religion anerkannt wird!"

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 10.02.2004
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