30. JANUAR 2004

Früher fürs Leben lernen

Kein Land hat mehr Ganztagsschulen als Nordrhein-Westfalen. Nun sollen bis zum Jahr 2007 an 2.500 Grundschulen weitere Ganztagsangebote entstehen, um die Chancengleichheit für alle Kinder frühzeitig zu verbessern. Die offene Ganztagsgrundschule - das aktuelle Vorzeigeprojekt der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen.

Düsseldorf, nach 13 Uhr. Fußball in der Turnhalle, Gitarre lernen im Klassenraum, Theater in der Aula, Förderunterricht in Mathematik im gemütlichen Schülercafé und zum Surfen mal schnell in den Computerraum im ersten Stock - alles unter einem Dach. Vor wenigen Jahren hätten manche über diese Vision vielleicht gelächelt. Doch schon mausern sich Ganztagsgrundschulen zu kleinen Kulturzentren im Stadtteil, Häusern des Lernens, die beides -  Herz und Verstand  - der Kinder ansprechen. Und diese modernen "Häuser des Lernens", die derzeit in großer Zahl in Nordrhein-Westfalen entstehen,  garantieren Grundschülerinnen und Grundschülern obendrein kurze Wege und damit Sicherheit für Kinder und Eltern.

Mit den "Häusern des Lernens" sollen alle Bildungseinrichtungen, angefangen von den Kindergärten über die Schulen bis hin zu Berufsbildungseinrichtungen in lokale Netzwerke eingebunden werden, die diese zum Bestandteil eines größeren Lebenszusammenhangs aus Elternmitarbeit, Arbeitswelt, Wirtschaft, Jugendhilfe oder Hochschulen machen. 
 
Das größte Schulentwicklungsprojekt der Landesregierung

Nordrhein-Westfalen ist momentan im Sekundarbereich das Land mit den meisten Ganztagsschulen. Nach dem Motto "Stärken weiter ausbauen" macht sich die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen daran, ihr Konzept für die Ganztagsgrundschulen weiterzuentwickeln. Bis 2007 sollen drei Viertel aller Grundschulen als offene Ganztagsgrundschulen eingerichtet werden. 2.500 Grundschulen können sich dann offene Ganztagsgrundschule nennen. Von 800.000 Grundschülern sollen 200.000 einen Ganztagsplatz erhalten - vorausgesetzt, der Bedarf ist gegeben. Bonn und Düsseldorf melden für das laufende Schuljahr eine stark ansteigende Nachfrage. Ein riesiges Schulentwicklungsprojekt, eines der ehrgeizigsten der Landesregierung, wie Ute Schäfer, Ministerin für Schule, Jugend und Kinder, sagt.

Kurze Rückblende: Der Name des Ministeriums ist schon Programm. Als Ministerpräsident Wolfgang Clement 2002 nach Berlin als Wirtschaftsminister gerufen wurde, baute der Nachfolger, Peer Steinbrück, das nordrhein-westfälische Ministerium für Schule, Wissenschaft und Forschung grundlegend um. Aus einem Kultusministerium wurden kurzerhand zwei. Neben dem Schulministerium steht nun das Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes NRW, angeführt von Hannelore Kraft. Dies zeigt: Der Stellenwert der Schulreform ist gestiegen, die Bildungsreform in Nordrhein-Westfalen soll die Kräfte bündeln und die Zielgruppen treffender ansprechen.

Die Vision: Bildung, Erziehung und Betreuung im Dreiklang

Der Kurs ist klar. Nach dem mittelprächtigen Abschneiden der Kinder bei IGLU und dem Debakel der 15-Jährigen bei PISA, sollen Kindern nun früher und individueller gefördert werden und Eltern soll es möglich sein, Beruf und Familie besser miteinander zu vereinbaren. Weitere Ziele sind die Verbesserung der Qualität der Bildung, die nachhaltige Förderung sowohl stärkere als auch schwächere Schülerinnen und Schüler und die Herstellung von Chancengleichheit etwa für Kinder mit Migrationshintergrund. In den Augen der Schulministerin ist die offene Ganztagsschule ein "Projekt auf dem Weg zu einem ganztägig geöffneten Haus des Lernens - ein Projekt, das Bildung, Erziehung und Betreuung im Dreiklang verwirklicht".



Ute Schäfer beim Interview am Rande einer Podiumsdiskussion in Düsseldorf

Das NRW-Konzept zum Ausbau der Ganztagsschulen macht deutlich: Das Bildungsprofil der Kindergärten wird geschärft, Sprachförderung setzt bereits im Elementarbereich ein. Die "flexible Schuleingangsphase", die seit dem Schuljahr 2004 greift, ermöglicht einen kindgerechten Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Parallel zum Ausbau der offenen Ganztagsgrundschulen loten die "selbstständigen Schulen" stellvertretend für alle übrigen Schulen im Lande die Möglichkeiten aus, die Qualität des Unterrichts zu verbessern: durch mehr Handlungsspielräume von Schülerinnen und Schülern, Kollegien und Schulleitungen im Rahmen von regionalen Bildungslandschaften. "Schulpolitisch habe ich vor, die Beteiligungsrechte aller Beteiligten zu stärken und das Prinzip gleicher Augenhöhe gesetzlich zu verankern", kündigt Ute Schäfer an.

Das Konzept: elementare Schulbildung mit Ansätzen der Jugendhilfe verzahnt

Es ist eine große Herausforderung, den Bildungsauftrag der Schule mit dem Bildungsauftrag der Kinder- und Jugendhilfe abzustimmen. In der Praxis werden über die "gemeinsame Schulentwicklungs- und Jugendhilfeplanung" etwa Horte und Schülertreffs zu einer pädagogischen Einheit neuer Qualität zusammengebracht.

Die Einrichtung einer Ganztagsschule  ist eine Aufgabe von hoher Komplexität, weil hierbei zwei Systeme einander nähergebracht und zu einem "kohärenten Ganztagssystem" verzahnt werden. Für die Schulen der Zukunft wird das Wort "Schulmanagement" kein Fremdwort mehr sein. In Ganztagsgrundschulen arbeiten multiprofessionelle Teams zusammen: Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Studentinnen und Studenten, Künstler, Sportler, und viele mehr. Die Stellenwert der Kommunikation wird höher sein, in der Wirtschaft schon lange eine Selbstverständlichkeit.

Offene Ganztagsschule ist, wie das Wort "offen" nahe legt, für die Schülerinnen und Schüler freiwillig. Eine Schule kann somit für einen Teil der Schülerinnen und Schüler ganztägig geführt werden oder für die ganze Schule gelten. Organisatorische Details werden in einer Kooperationsvereinbarung zwischen Schulträger und Schule ausgehandelt. Selbst an unterrichtsfreien Tagen oder während der Ferien kann die Schule je nach Bedarf weiter betrieben werden. Auf die Eltern entfällt ein gestaffelter Betrag bis höchstens 100 EUR im Monat. Im Durchschnitt rechnet man mit einem Anteil von 30 EUR Eigenanteil für die Eltern, in dem dann auch das Mittagessen enthalten ist.

Kosten auf mehreren Schultern verteilt

Die Finanzierung der offenen Ganztagsgrundschule ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Sie wird auf den Schultern von Kommunen, Land und Bund verteilt. Nordrhein-Westfalen stellt der Schule je Schüler einen Betrag von 1.230 EUR jährlich zur Verfügung. Zwei Drittel davon trägt das Land (615 EUR) und ein Drittel die Kommunen (410 EUR). Zu den 615 EUR kommen 0,1 Lehrerstellen je 25 Kinder. Die Lehrerstellenanteile können auch ausgezahlt werden mit 205 EUR je Kind im Jahr. Das macht einen Landesanteil von insgesamt 820 EUR. Die sieben neuen Ganztagsgrundschulen in Düsseldorf haben sich für zusätzliche Lehrerstellen entschieden. Städte wie Düsseldorf schlagen zu dem Betrag noch zusätzliche Mittel auf, weil die Stadt es sich aufgrund ihres ausgeglichen Haushalt leisten kann.

Viele offene Ganztagsgrundschulen haben sich vorübergehend ganz oder teilweise in Baustellen verwandelt. Wo Baustellen zu sehen sind, ist stets der Bund im Spiel. Über das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" fließen in den Jahren 2003 bis 2007 insgesamt knapp eine Milliarde EUR (914 Millionen EUR) in die Landeskasse. Die Umsetzungsrichtlinie in Nordrhein-Westfalen sieht drei Pauschalen vor,  die sich auf Baumaßnahmen, Ausstattungsmaßnahmen und die Gestaltung des Außengeländes verteilen. Der Schulträger vergibt die Mittel je nach Bedarf vor Ort. Hierbei trägt er einen Eigenanteil von zehn Prozent der anfallenden Investitionskosten. Insgesamt werden in den Jahren 2003 bis 2007 rund 1,5 Mrd. EUR (inklusive Personalzuschuss) in Nordrhein-Westfalen aufgewendet.

Was sagen die Praktiker?

"Ein riesiger Aufwand" ist das Ganztagsschulprojekt für Rektor Ludwig Götz von der Sankt Peter-Schule in Düsseldorf. Es gab Schwierigkeiten mit der Ausstattung der Schule, denn Bauvorhaben seien nicht rechtzeitig fertig geworden. "Wir waren anfangs ein Provisorium mit einem Zelt auf dem Schulhof", sagt Götz. Er zieht dennoch ein überraschendes Fazit: "Meine Erfahrung mit der offenen Ganztagsschule ist positiv." Die Sankt-Peter-Schule mit der Caritas als Träger arbeitet eng mit der Pfarrei zusammen. Zur Zeit gibt es einen Bedarf von 50 Ganztagsplätzen an der Schule.



Das zarte Pflänzchen Ganztagsgrundschule in NRW in einem Schülerbild

Auch die Grundschule in der Südallee, Düsseldorf, ist noch ein Provisorium, so bezeichnet es zumindest Schulleiter Richard Schmitz. "Eine ausgesprochen positive Erfahrung" hat er mit der Ganztagsgrundschule gemacht. Für Schmitz wäre es ein Gräuel, die Kinder nach 13 Uhr nach Hause schicken zu müssen, wenn sie sich dort selbst überlassen sind.

Im Detail hakt es natürlich an einigen Stellen. Zu gering sei der Anteil des Landes für den entstandenen Mehrbedarf an Lehrkräften und pädagogischem Personal: "Man vertraut auf den Idealismus der Lehrerinnen und Lehrer", sagt er. Ein Pool mit Vertretungskräften müsse aufgebaut werden, meint Götz. Eine ganz neue Perspektive sieht Schmitz allerdings in der Mitarbeit außerschulischer Kräfte. Im Umfeld der Grundschule gebe es drei Berufsschulen, die eine Ausbildung zum Freizeitsportleiter anbieten. Zum Praktikum lädt er sie an die Schule. "Die 18-Jährigen haben einen ungezwungenen Zugang zu Kindern, sie können auch leichter mal Partner sein", sagt der Rektor.

Es sind sicherlich noch die einen oder anderen Steine auf dem Weg zu den Ganztagsschulen auszuräumen, doch auch in Nordrhein-Westfalen befindet sich die Weiterentwicklung der neuen Schullandschaft - insbesondere im Grundschulbereich - auf einem verheißungsvollen Pfad.

 

Autor: Arnd Zickgraf
Datum: 30.01.2004
© www.ganztagsschulen.org

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