Die vierte Ganztagsschulmesse des Landes Rheinland-Pfalz war eine Messe der Rekorde und der Vielfalt. Die Ganztagsschulen in Angebotsform und ihre außerschulischen Partner entdecken immer mehr gemeinsame Schnittpunkte. So spielt die Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe eine große Rolle. Hier wünscht Rheinland-Pfalz ein stärkeres Engagement des Bundes. Die Messe außerschulischer Partner "Die Schule wird zum Lebensort", die am 5. Juni 2007 in Bad Kreuznach veranstaltet wurde, war eine Vorschau auf die "offenen Häuser des Lernens", wie sie Bildungsministerin Doris Ahnen kommen sieht.
Eine Welt der Vielfalt eröffnet sich: Ein muskelbetriebenes Energierad gehört dazu, das den Energieverbrauch eines Tages optisch abbilden kann. Eine Schreinerwerkstatt, in der zwei Auszubildende und ihr Meister Gebrauchsgegenstände für die Ganztagsschulen herstellen, ein "gläsernes Klassenzimmer", das von drei Bundesländern entwickelt wurde, ein professionelles Filmteam aus Schülerinnen und Schülern, die den Staatssekretär Michael Ebling nach seinen Lieblingsfilmen befragt. Dazu zahlreiche Sport-, Musik- und Kulturangebote, soziale Projekte, Schülerbibliotheken.
Die Rhythmen einer Ganztagsschulmesse
Auf der zentralen Bühne in der Sporthalle der Martin-Luther-King-Grundschule fällt um die Mittagszeit ein "gläsernes Klassenzimmer" ins Auge. Dort gab zwei Stunden zuvor Vera Reiß, Abteilungsleiterin im Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur den Startschuss für die vierte Messe außerschulischer Partner: "Die Ganztagsschulen verbinden das Lernen und Leben an einem Ort. Das zeigen auch die tollen Gruppen, die wir heute hier erleben."
Eine multimediale Lernsoftware als Drei-Länderprojekt
Sie ist eine vorwitzige Zauberin, die sich das ABC der Zauberei erst mal selbst beibringen möchte. Und dafür lässt sie sich auf die kühnsten Abenteuer ein, die sie nach England, Schottland, Irland, ja sogar in die USA führen. Trickreich kombiniert "Wizadora" zwei Lieblingsbeschäftigungen der Kinder: Erzählen und Zaubern. Dabei lernen die Kinder spielerisch und angeregt durch Animationen die Weltsprache Englisch in ihren diversen interkulturellen Facetten kennen. Davon haben nicht nur die Schülerinnen und Schüler etwas: "Die Lehrerinnen und Lehrer lecken sich die Finger nach solchen Situationen", erläutert Steimer die Zauberkräfte des Lernprogramms.
Schülerorientierte, interaktive Medien geben sich nicht mehr mit einer passiven Konsumentenrolle der Kinder und Jugendlichen zufrieden. Sie sind darauf ausgerichtet, dass die Kinder ihren Lernprozess selbst gestalten und dass "jedes Kind dabei seinen eigenen Rhythmus entdeckt", so Hildegard Steimer über die Individualisierung des Unterrichts.
"Wizadora" entstand im Rahmen einer Fernsehsendung des Südwestdeutschen Rundfunks (SWR) für Grundschulkinder. Insbesondere in den Ganztagsschulen, die mehr Zeit zur Verfügung stellen, sieht der Entwickler der CD-Rom, Hans-Peter Hauke, einen Schwerpunkt der Anwendung seiner Lernsoftware, die bereits 2003 in Tokio als weltbestes multimediales Lernprogramm ausgezeichnet wurde. Die begehrte CD-Rom, die den Fokus auf das selbstständige Lernen legt, ist als eine Gemeinschaftsproduktion zwischen den Kultusministerien der Länder Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland hervorgegangen.
Die Messe der Rekorde
Der Ausbau der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz spiegelt sich auf der Ganztagsschulmesse in der Vielfalt und Lebendigkeit der außerschulischen Partner sowie in der zahlreichen Präsenz junger und älterer Schülerinnen und Schüler wider. "Über 80 Schulen haben sich angemeldet mit jeweils drei bis fünf Teilnehmerinnen und Teilnehmern", so Gernot Stiwitz vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur, der die Veranstaltung maßgeblich organisiert hat. Außerdem zählte das Ministerium rund 60 außerschulische Partner, die sich für die Messe angemeldet hatten: "Das ist ein neuer Rekord", stellte der Referent im Ganztagsschulreferat fest. Alle registrierten außerschulischen Partner haben Rahmenvereinbarungen mit dem Bildungsministerium abgeschlossen. Doch um den Andrang der Aussteller zu bewältigen, musste ein zusätzliches Zelt errichtet werden.
In diesem flugs vergrößerten Messeareal sind die Schülerinnen und Schüler als Helfer, Trommler oder Besucher der Messe ebenso präsent wie als Filmteam im Rahmen des Projektes "Medienbildung in der Ganztagsschule Rheinland Pfalz". Dieses von der Lernwerkstatt medien+bildung.com in Kooperation mit der Landeszentrale für Medien und Kommunikation durchgeführte Projekt, das landesweit an 13 Ganztagsschulen Video AG's am Nachmittag durchführt, hatte den Auftrag die Ganztagsschulmesse aus Schülersicht zu dokumentieren.
Kleine interviewen Große
So schickte das Schloss-Gymnasium in Mainz seine Video AG nach Bad Kreuznach, um die bunte Szenerie einzufangen. Die Herausforderung bestand ferner darin, Messebesucher und anwesende Prominenz zu interviewen. Zu den Interviewpartnern des Dokumentationsprojektes, das demnächst auch als DVD erhältlich sein, gehören die Bürgermeisterin Bad Kreuznachs, Martina Hassel, sowie Vera Reiß, der stellvertretende Abteilungsleiter Johannes Jung und Staatssekretär Michael Ebling vom rheinland-pfälzischen Kultusministerium. "Die Messe gefällt mir großartig", verriet Ebling der selbstbewussten Nachwuchsreporterin, die ihm das Mikrophon hielt und um keine Frage verlegen war. Wenn sie mal nicht weiter weiß, lasse sie sich einfach eine spontane Frage einfallen, sagte sie nach bestandener Feuertaufe.
Das Interview mit der Schülerin ist auch eine Gelegenheit für Ebling, seine Freude über die ungebrochene Bewegung beim Ausbau der Ganztagsschulen auszudrücken. Längst habe das Land die ursprünglich anvisierten 300 neuen Ganztagsschulen in Angebotsform überschritten: "Inzwischen haben wir 360 neue Ganztagsschulen in Angebotsform und das Land bewege sich auf demnächst mehr als 400 neue Ganztagsschulen zu. Ein Drittel davon seien mittlerweile Ganztagsschulen in rhythmisierter Form.
Treppe aufwärts: die außerschulischen Kooperationspartner
Im Sog neuer Ganztagsschulen entwickeln sich auch die außerschulischen Kooperationspartner. Ob im Bereich der Sport-, der Musik-, der Umwelt-, der Gesundheits- oder der Medienerziehung, ob bei Angeboten, die einen engen und praktisch orientierten Bezug zum späteren Berufsleben herstellten, bei Projekten, die soziale Lernprozesse unterstützten, oder bei Zusatzangeboten für besondere Talente beispielsweise im Theaterspiel oder beim Schach - überall gebe es mittlerweile sehr qualifizierte Anbieterinnen und Anbieter, meinte der Staatssekretär an anderer Stelle.
Die außerschulischen Partner beteiligten sich mit einem Anteil von rund 30 Prozent an den pädagogischen Zusatzangeboten. Wichtigster Kooperationspartner der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz sind die Sportvereine: "Wir arbeiten engagiert daran, dass die Vereine aufgeschlossen sind", so Hiltrud Gunnemann vom Landessportbund Rheinland-Pfalz. Da Spielsportarten, wie Tischtennis, Badminton und insbesondere Fußball ganz weit oben auf der Wunschliste der Schülerinnen und Schüler rangieren, sind sie auch in den Angeboten der außerschulischen Partner überproportional stark vertreten.
Mehr Musik für alle Kinder
Weitere Spitzenpartner des Landes mit entsprechender Personalstärke und Stundenzahl sind die Organisationen der evangelischen Landeskirchen, der katholischen Kirche und die Musikschulen. "Noch nie hat Musik für das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen in der Schule eine größere Rolle gespielt als heute", meinte der Ehrenvorsitzende des Landesverbandes Wolfgang Schmidt-Köngenheim in der Diskussion mit Staatssekretär Ebling. Rund Dreiviertel der rheinland-pfälzischen Musikschulen haben bereits Kooperationsbeziehungen mit den Ganztagsschulen aufgebaut. Mit insgesamt 41 Musikschulen ist der Landesverband der Musikschulen der drittgrößte Partner des Landes. "Die Zusammenarbeit mit dem Ministerium klappt hervorragend", so Peter Woehl, Geschäftsführer des Landesverbandes der Musikschulen.
Endlich werde mehr in die Allgemeinbildung investiert, es habe sich also etwas getan. Woehl erinnerte daran, dass es früher selbstverständlich war, dass Dorfschullehrer Orgel spielen konnten und dass die musikalische Erziehung aller die Regel war. "Nicht nur das Hirn, auch die Seele braucht Nahrung." Nun möchte der Landesverband der Musikschulen über eine landesweite Kooperation mit den Kitas die musikalische Erziehung von unten nach oben aufbauen: Die Erzieherinnen und die Musikschulpädagogen bieten gemeinsamen Musikunterricht an, damit möglichst alle Kinder frühzeitig ihre Musikalität entfalten können.
Die Rolle des Bundes in der Kooperation Schule-Jugendhilfe
Ein unentbehrlicher Partner der Ganztagsschulen in Rheinland-Pfalz ist die Jugendhilfe. "Kooperationen mit der Jugendhilfe sind das Nonplusultra für die Ganztagsschulen", so Johannes Jung. Rheinland-Pfalz wünsche im Bereich der Kooperation Schule-Jugendhilfe auch ein Engagement des Bundes, das nach Paragraf 83, Sozialgesetzbuch (SGB) VIII möglich sei. "Diese Kooperationen sind ein wichtiger Baustein des rheinland-pfälzischen Ganztagsschulprogramms, das Wert auf die Einbindung der außerschulischen Partner legt", fügt Jung hinzu.
Der zentrale Kooperationspartner des Landes für die Ganztagsschulen in Angebotsform ist der Internationale Bund (IB), Freier Träger für Jugend-, Sozial-, und Bildungsarbeit e.V. in Rheinland-Pfalz. Zu seinen Kernaufgaben gehört die Arbeit mit Schulen im sozialen Brennpunkt, aber auch die Öffnung der Schule für das soziale Umfeld. Die Schülerinnen und Schüler sollen unter dem Leitbild "Betreuen, Bilden, Brücken bauen" des IB zur Selbstverantwortung und sozialen Kompetenz befähigt werden.
Brücken in die Berufswelt schlägt ein "Holzprojekt", das das Bildungszentrum Bad Kreuznach mit der Realschule an der Heidenmauer verbindet. Tischlermeister Christoph Schwikart und zwei Auszubildende stellen Holzordner und Buchstützen für das Lehrerzimmer her. Als "offene Häuser der Lernens" sollen Ganztagsschulen die Türen in die Berufswelt öffnen. Vielen Schülern und Schülerinnen fehlt es Schwikart zufolge an Ausdauer, oft geben sie schon nach wenigen Minuten auf.
Die Werkstätten des Lebens
"Ich sehe das an meinen eigenen Kindern. Stundenlang beschäftigen sie sich mit dem Computer, aber wehe, sie sollen etwas Handwerkliches tun", weiß der Familienvater zu berichten. Wenn die Schülerinnen und Schüler das Holzprojekt der Ganztagsschule besuchen, stelle er sofort fest, welche Schüler zuvor Werkunterricht genossen hätten und welche nicht. Doch seine "lebendige Werkstatt" in der Ganztagsschule führe die Jugendlichen an die Anforderungen der Berufswelt heran.
Wer von den Messebesuchern sich auf das Energiefahrrad schwingen wollte, konnte sich übrigens einen Eindruck darüber verschaffen, wie viel Energie notwendig ist, um für nur einen Tag Strom zu erzeugen. So wurden die Messebesucher auf der hervorragend organisierten Ganztagsschulmesse auch noch mit den großen Kreisläufen der Ökologie vertraut gemacht. Glänzende Aussichten für die nächste Ganztagsschulmesse in Rheinland-Pfalz.
Autor: Peer Zickgraf
Datum: 19.06.2007
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