Sport und Erziehung - wie geht das zusammen? Erziehung durch Sport - ist das überhaupt möglich? Um diese Fragen kreiste die Nationale Auftaktveranstaltung zum Europäischen Jahr durch Sport am 19. Januar in Leipzig. Knapp 300 Teilnehmer aus den Bereichen Sport, Bildung, Politik und Wissenschaft nahmen an Podiumsdiskussionen und Workshops im Gewandhaus und im Neuen Rathaus teil und versuchten, Antworten zu finden.
Die Europäische Kommission hat unter dem Motto "Beweg dich für deine Zukunft" dieses Jahr dazu auserkoren, besonders Jugendlichen den Wert des Sports auch für die Persönlichkeitsbildung, die Ausbildung sozialer Fähigkeiten sowie die körperliche Fitness ins Bewusstsein zu rufen. Zudem soll die Zusammenarbeit zwischen der Welt der Erziehung und der Welt des Sports betont und ehrenamtliche Tätigkeiten gewürdigt werden.
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn zeigte sich in ihrer Eröffnungsrede überzeugt, dass Erziehung durch Sport möglich ist. Schon lange sei wissenschaftlich belegt, dass sportliche Betätigung Kinder zu größerer Ausdauer, mehr Konzentration, Teamgeist und Fairness verhelfe. Die Tugenden des Sports würden auch im Lernprozess eine Rolle spielen. Daher dürfe der Sportunterricht auch keine Nebensache an den Schulen sein, sondern müsse gefördert werden. Eine Nachricht, die Manfred von Richthofen, der Präsident des Deutschen Sportbundes, nur zu gern vernahm. Er forderte in der anschließenden Podiumsdiskussion die Einführung einer täglichen Sportstunde.
Davon sind deutsche Schulen noch weit entfernt - laut von Richthofen schaffen es viele nicht mal, die drei wöchentlichen Pflichtstunden anzubieten. Ministerin Bulmahn ist aber sicher, "dass wir in diesem Land Schulen mit einer neuen Lern- und Lehrkultur entwickeln können. Schulen, in denen das Zutrauen in Fähigkeiten gestärkt wird, sich Spitzenleistungen entwickeln, Schülern Chancen und Vertrauen gegeben wird. Schulen, in denen sich eine Atmosphäre der Unterstützung, nicht der Angst und der Auslese herausbildet".
Unbehagen der Vereinsfunktionäre
Der Schultyp, in dem sich diese Ziele besser verwirklichen ließen, sei die Ganztagsschule: "Hier gibt es größere Chancen zu individueller Förderung, und Sportunterricht ist dabei keine Nebensache, sondern spielt eine wichtige Rolle, denn der Sport lehrt besser als jede Theorie, Verantwortung zu übernehmen", so Edelgard Bulmahn weiter. Gute Schulen stünden mitten im Leben und hätten starke Partner - wie die Sportvereine.
Klaus Steinbach unterstützte in der Podiumsdiskussion über die "Erwartungen und Perspektiven des Europäischen Jahres der Erziehung durch Sport" die Ministerin. Der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees bemerkte: "In den letzten 20 Jahren sind die Familien in der Erziehung immer mehr in den Hintergrund geraten. Die Schule und der Sport müssen das auffangen."
Von der traditionellen Halbtagsschule ist dieser Dreiklang von Erziehung, Bildung und Sport kaum zu leisten. "Die Investitionen des Bundes im Rahmen des Ganztagsschulprogramms sind begrüßenswert", lobte daher der sächsische Staatsminister für Kultus, Prof. Dr. Karl Mannsfeld. In Sachsen kooperierten bereits 4000 Sportvereine mit Kindergärten und Schulen. Aber Mannsfeld betonte auch: "Die Erziehung muss durch Lehrer übernommen werden." Ähnlich äußerte sich von Richthofen, der forderte, dass "der Schulsport eine elementare Aufgabe des Staates bleiben muss".
Tatsächlich spiegelte sich in diesen Worten das Unbehagen vieler Vereinsfunktionäre wider, dass die Bundesländer auf der einen Seite Schulsportstunden einsparen und statt dessen als kostengünstige Alternative die Vereinsmitglieder in die Schularbeit einspannen könnten. Besteht dieses Risiko? Wie soll die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Sportvereinen denn aussehen? Profitieren tatsächlich nur die Schulen vom Hereinholen externer Kompetenzen? Womöglich auf Kosten der Vereine?
Kooperation nicht zum Nulltarif
Dass diese Fragen vielen auf den Nägeln brennen, erwies der Kongressnachmittag: Der Workshop "Die Ganztagsschule: Neue Möglichkeiten der Kooperation von Schule und Verein" versammelte die mit Abstand größte Teilnehmerzahl unter den insgesamt sechs Arbeitsgruppen. Mit rund 100 Interessierten kam hier ein Drittel aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Ratssaal zusammen, um engagiert zu diskutieren.
In seinem Impulsreferat betonte Andreas Lindemeier, Rektor der Thomas-Mann-Hauptschule im niedersächsischen Northeim und Schulsportbeauftragter des Landessportbundes Niedersachsen, die Möglichkeiten für Sportvereine gerade in der Zusammenarbeit mit Offenen Ganztagsschulen: "Je offener eine Schule, desto mehr sucht sie Partner für den Nachmittag." Allerdings sei diese Kooperation nicht zum Nulltarif zu haben: "Die Übungsleiter müssen gegenüber den Lehrern gleichberechtigt sein." Sie seien Letzteren im Sportbereich überlegen, da sie sich ständig fortbildeten und der Schulunterricht im Grundschulbereich dagegen "von 70 Prozent fachfremden Personal" erteilt werde.
Die Kinder müssten dabei ein Mitspracherecht in der Angebotsauswahl erhalten. Welche Sportarten und welcher Zeitrahmen werden überhaupt gewünscht? Laut Lindemeier ist es aus eigener Erfahrung sinnvoll, regionale Kompetenzgremien einzurichten, in denen sich neben den Vereinen und der Schule auch Jugendpflege, Polizei, Präventions- und Interventionsprojekte engagierten. Auch eine vertragliche Festlegung über die Ziele, Rechte und Pflichten zwischen den Landessportbünden und den Kultusministerien sei sinnvoll. Am weitesten sei hier Nordrhein-Westfalen, wo auf Kreisebene 53 Gremien geschaffen worden seien, in denen Experten die Schulen und Vereinen mit Rat unterstützen. "Wichtig ist eine vertrauensvolle, offene und gleichberechtigte Zusammenarbeit aller Partner. Auf jeden Fall besteht dringender Handlungsbedarf für eine bessere Kommunikation zwischen Lehrkräften und den externen Partnern", führte der Rektor aus.
Doch Lindemeier artikulierte auch die Sorgen, die auf Sportseite vorherrschen: Durch die verlängerte Schulzeit mit sportlichen Aktivitäten hätten die Schülerinnen und Schüler keine Zeit und Lust mehr, sich zusätzlich noch in Vereinen zu engagieren. Die Sporthallen und -plätze würden durch die schulische Nutzung am Nachmittag nicht mehr dem Vereinssport zur Verfügung stehen. Dazu bestünde die Gefahr einer Abwerbung der meist nur ehrenamtlich beschäftigten Trainer als Sportlehrer an die Schulen.
Konkurrenz belebt das Geschäft
Die Sorge sinkender Vereinsmitgliedschaft konnte Lindemeier aus seiner Erfahrung heraus bestreiten: Durch acht Kooperationsmaßnahmen an seiner Thomas-Mann-Schule sei die Vereinsmitgliedschaft um zehn Prozent im 6. Jahrgang gegenüber dem 5. Jahrgang gestiegen. "Dies bestätigen auch die Vereine", betonte der Rektor. "Im schulischen Rahmen können Lehrkräfte und Übungsleiter gemeinsam voneinander und miteinander lernen, Zukunftsfragen anzugehen und Handlungsweisen zu erproben." Was die Belegung von Sportstätten anging, fragte Lindemeier: "Muss es denn immer eine Turnhalle sein? Die Vereine müssen auch mal Flexibilität zeigen und den Sportunterricht auch in anderen Räumen veranstalten."
Hans-Jürgen Langen vom rheinland-pfälzischen Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend, betonte die Rolle des Sports auch als Gewaltprävention und als Möglichkeit zur Integration von Ausländern. Er forderte das Engagement der Vereine an den Schulen, denn der Sport stehe in Konkurrenz zu anderen externen Partnern wie Musikschulen oder Wohlfahrtsträgern - wenn die Vereine nicht die Kooperation suchten, ergriffen andere die Initiative.
"Konkurrenz belebt das Geschäft und schafft vielfältige Angebote für sehr unterschiedliche Zielgruppen", sagte Petra Jung vom Referat Zukunft Bildung des Bundesbildungsministeriums. Die Vielfalt des Angebots werde auch bei der Mittelverwendung aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" sichtbar: Mit den Mitteln werden in den Ganztagsschulen sowohl neue Sporthallen und Sportgeräte angeschafft, aber daneben auch Schulbibliotheken und Musikinstrumente. Nur durch eine breite Angebotspalette könnten die Ganztagsschulen ihr eigenes pädagogisches Schulprofil stärken.
Dazu müssen sich neben den Schulen aber auch die Vereine ändern und ihre Skepsis vor dem Engagement in Ganztagsschulen überwinden. "Für die Sportvereine ist dies eine riesige Chance mit nachrangigen Risiken", betonte Lindemeier. Nichts zu tun, sei auch aus Sicht der Vereinsstrukturen mit Sicherheit der falsche Weg: "Wenn nichts geschieht, werden die Vereinsmitgliederzahlen so stark sinken, dass wir uns noch umgucken werden." Als Resümee hielt der Workshop daher fest: "Wer sich nicht einmischt, klinkt sich aus!" Oder sportlicher ausgedrückt: Dabei sein ist alles!
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 23.01.2004
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