Der Schock war groß, als dem deutschen Bildungssystem im Dezember 2001 per PISA-Studie der blaue Brief ausgestellt wurde. Mit diesen Ergebnissen - in der Lesekompetenz Platz 22 unter 32 teilnehmenden Nationen, in der Mathematik und den Naturwissenschaften jeweils Platz 21 - war die Versetzung in der Tat gefährdet.
Die Journalistin Jeanne Rubner, die für die "Süddeutschen Zeitung" über Bildungsfragen schreibt, zeichnet in ihrem Buch "Bilden statt Pauken" allerdings nach, dass der PISA-Schock nur für die breite Öffentlichkeit ein solcher gewesen ist - wer sich näher mit dem Zustand des Bildungssystems in Deutschland befasst hatte, habe schon vorher um dessen Reformbedürftigkeit gewusst. Seit der 1964 von dem Heidelberger Religionsphilosophen Georg Picht apostrophierten "Bildungskatastrophe" und einer kritischen OECD-Studie 1966 sei nicht viel passiert. Die gymnasiale Oberstufe wurde reformiert und in einigen Bundesländern die Gesamtschule eingeführt. Ansonsten habe sich Deutschland selbstzufrieden zurückgelehnt, es aber auch nach weiteren, wiederum mittelmäßigen Ergebnissen internationaler Vergleichsstudien seit 1976 tunlichst vermieden, an solchen teilzunehmen - wohl aus Angst, der Illusion beraubt zu werden, dass man besser unterrichte als andere Nationen.
Das böse Erwachen kam dann bereits vor PISA mit der TIMSS-Studie 1996, als 7000 deutsche Siebt- und Achtklässler in Mathematik nur Platz 23 und in den Naturwissenschaften nur Platz 19 unter 41 teilnehmenden Nationen erreichten. Ein Ergebnis, das PISA dann bestätigte. Und neben der Tatsache, dass das Bildungssystem schlechte Ergebnisse hervorbringe, sei es zudem auch noch sozial ungerecht, da in kaum einem anderen Land die soziale Herkunft so entscheidend für die Schullaufbahn ist - "schlimmer konnte es wohl kaum kommen", fasst Jeanne Rubner zusammen.
Halbtagsschulen als Exoten
Woran krankt nun laut der Autorin das deutsche Bildungssystem? Im Vergleich zu anderen Ländern seien deutsche Schülerinnen und Schüler zu alt. Viele kommen erst mit sieben in die Schule, und bis dahin haben sie keinerlei Bildung erfahren - einige Kinder mit Migrationshintergrund beherrschten nicht einmal die deutsche Sprache. "Vier Jahre sind viel zu kurz, um die unterschiedlichen Startchancen auszugleichen", folgert Rubner. Dagegen gingen in Frankreich alle Kinder bereits mit drei Jahren in die Vorschule. Dazu komme dann in Deutschland, dass an den Grundschulen wesentlich weniger unterrichtet werde als im Ausland - durchschnittlich 20 Tage weniger, wie die Autorin vorrechnet. Auch fließe zu wenig Geld in den Grundschulbereich: "Gerade der Schulabschnitt, in dem Kinder besonders gut lernen und speziell gefördert werden können und müssen, erhält in Deutschland die geringste Zuwendung."
Ihre Freizeit verbringen zu viele Kinder nur vor dem Fernseher und lesen kaum, wie die OECD-Studie evaluiert hat. Weit über 50 Prozent der 15-jährigen Hauptschülerinnen und Hauptschüler sitzen demnach täglich mindestens drei Stunden vor der Glotze. Zeit, die verschwendet wird, wie Jeanne Rubner findet, und um sie besser zu nutzen und andere Missstände zu beheben, sei die Ganztagsschule ein geeignetes Mittel. Unter den großen Industrienationen sei die Bundesrepublik sowieso ein "Exot", denn nur hier werde halbtags unterrichtet - und die Ergebnisse sprächen nun nicht gerade für dieses Modell. In Europa findet sich das Halbtagsschulmodell sonst nur noch in Griechenland und Österreich.
Überraschend dürfte für weniger sachkundige Leserinnen und Leser der historische Exkurs des Buches sein: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und speziell in der Weimarer Republik war die Ganztagsschulidee weit verbreitet, und hätten die Nationalsozialisten diesen reformpädagogischen Ansätzen nicht einen Riegel vorgeschoben und die Bundesrepublik den Weimarer Trend aufgegriffen, würden heute wohl wesentlich mehr Kinder als nur sechs Prozent ganztägig betreut und unterrichtet. Die für die Journalistin "erstaunlich aktuellen" Ideen und Konzepte der Reformpädagogen von damals stehen heute wieder auf der Agenda: "In allen Schulprojekten konnten die Kinder zu Mittag essen und ihre Freizeit verbringen, es gab Arbeitsgemeinschaften und Neigungsgruppen, die Hausaufgaben waren in den Unterricht integriert, der Stundenplan flexibel gestaltet. Man kooperierte eng mit den Eltern - die Schule war Lebenswelt."
Weniger Schulverdrossenheit in Ganztagsschulen
Die Ganztagsschule ist also keine bildungspolitische Sau, die von aktionistischen Bildungspolitikern durchs Dorf gejagt wird - sie ist international etabliert und auch in Deutschland kein Novum - vielmehr sei es die Halbtagsschule, die "von vielen als Anachronismus wahrgenommen wird". Dies zeigt Jeanne Rubner - und listet auf, dass es "aus Reformunwillen, Selbstzufriedenheit, Fehleinschätzung und dem traditionellen Familienbild" viele Einwände von Eltern, Politikern und Lehrern gegen diese Schulform gibt. Die Journalistin findet daraufhin "zehn gute Gründe für die Ganztagsschule" und widerlegt "zehn schlechte Gründe gegen die Ganztagsschule".
Statt zum Beispiel "viel in lange Vormittage zu packen" sei "ein Wechsel von Arbeit und Freizeit, von Anspannung und Entspannung sinnvoll. Die Zeiteinteilung der Halbtagsschule entspricht nicht dem natürlichen Körperrhythmus der Kinder." Eine längere Verweildauer der Schülerinnen und Schüler in der Schule sorge auch für ein entspannteres und vertrauensvolleres Verhältnis zwischen diesen und den Lehrerinnen und Lehrern. Das Hetzen von Schulstunde zu Schulstunde mit immer neuen Themen und dem fluchtartigen Verlassen des Schulgebäudes nach 13 Uhr habe ein Ende. Stattdessen gebe es auch mal Zeit, den Stoff aus den "völlig überladenen Lehrplänen" zu wiederholen und zu vertiefen. Zwei Drittel der befragten Eltern von Ganztagsschülerinnen und -schülern haben sich auch positiv über die Entwicklung ihrer Kinder und die Organisation der Schule gezeigt. "Augenfällig ist, so sagen alle Kenner der Ganztagsschule, dass dort weniger Schulverdrossenheit herrscht", fasst die Autorin zusammen.
Der ineffektive Frontalunterricht könne durch Gruppen- und Projektarbeit ersetzt werden, die bisher "vor allem an Gymnasien" vernachlässigt werde. "An einer Ganztagsschule bleiben ausreichend Freiräume, um auch einmal eine Klasse in kleine Gruppen zu unterteilen" oder Hausaufgaben zu betreuen, so Rubner weiter, was auch die Eltern als "unentgeltliche Nachhilfelehrer" entlaste. Bereits 1981 habe eine Bund-Länder-Kommission in einer "umfassenden Untersuchung herausgefunden, dass Ganztagsschulen bessere Fördermöglichkeiten bieten und so zum Lernerfolg der einzelnen Kinder und Jugendlichen beitragen."
Erziehung versus Bildung
Viel Streit dreht sich um das Verhältnis von "Bilden" und "Erziehen", das viele Eltern noch säuberlich getrennt auf Schule und Elternhaus aufgeteilt wissen wollen. Doch Frau Rubner lässt diesen Gegensatz nicht gelten - in einer guten Schule müsse auch erzogen werden: "Warum sollen in einer Gemeinschaft nicht auch andere als die Eltern erziehen dürfen? Und welcher Ort wäre dafür geeigneter als die Schule? Nur: Wann sollen Schüler soziale Fähigkeiten lernen, wenn sie von acht Uhr morgens bis mittags Stoff aufnehmen müssen?" Die Schule degeneriere dadurch keineswegs zur "Reparaturwerkstatt" für Versäumnisse des Elternhauses, sondern leiste etwas, was von Pädagogen seit Jahrtausenden als Rolle der Schule definiert worden sei - "nur ist dieses Ideal in den letzten 100 Jahren mit der zunehmenden Individualisierung abhanden gekommen." Um so wichtiger in einer Gesellschaft, in welcher der Journalistin zu Folge ein Drittel aller Kinder als Einzelkinder aufwachsen und zwei Millionen nur bei einem Elternteil leben. "Schule muss sich auf die ständig verändernde Umwelt einstellen", fordert sie.
Zum Schluss stellt Jeanne Rubner klar heraus, dass eine neue und bessere Bildung nicht zum Nulltarif zu haben ist: Eine Entrümpelung der Lehrpläne, eine praxisnähere Ausbildung von Lehrern und ein besseres Zusammenwirken der Bundesländer sind Voraussetzungen. Bleibt die Frage: Wer soll das bezahlen? Denn dass Ganztagsschulen Investitionen erfordern - die Autorin rechnet mit "25 Prozent zusätzlichen Personalkosten, von den anfänglichen Investitionen für Sachmittel und Umbauten abgesehen" - verschweigt sie nicht.
Aber als "reiche Industrienation" könnte Deutschland es sich leisten, seine "eher bescheidenen" Bildungsausgaben um ein Viertel zu erhöhen. "Umverteilungen sind immer schmerzhaft, doch mehr Geld in Bildung ist mit Sicherheit gut investiert", lautet Jeanne Rubners Resümee. "Wir können uns die Ganztagsschule nicht nur leisten, wir müssen sie uns auch leisten. Die schlechten PISA-Ergebnisse sollten Warnung genug sein: Deutschland braucht dringend eine andere Schule."
Lesen Sie hier unser Interview mit Jeanne Rubner über Wege aus der Bildungsmisere.
Autor: Ralf Schmitt
Datum: 16.01.2004
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