10. APRIL 2007

"Mehrsprachigkeit muss geübt werden"

Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund weisen statistisch betrachtet einen geringeren Bildungserfolg auf als Gleichalterige ohne Migrationshintergrund. Während unbestritten ist, dass das Erlernen der deutschen Sprache eine Voraussetzung für den Bildungserfolg ist, diskutieren die Gelehrten darüber, ob eine gleichzeitige Förderung in der Muttersprache das Erlernen des Deutschen ebenfalls befördert.

Klassenwiederholungen, überdurchschnittlich häufige und nicht ausreichend begründete Zuweisung zu Sonderschulklassen und Zuteilung auf Hauptschulen, Verlassen der Schule ohne Abschluss - Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund weisen statistisch betrachtet einen geringeren Bildungserfolg als deutsche Schülerinnen und Schüler auf. Bei italienischen Staatsangehörigen beispielsweise haben sich die Leistungen der 2. Generation sogar verschlechtert, obwohl diese Kinder und Jugendlichen seit ihrer Geburt in der Bundesrepublik leben, was Dr. Oliver Walter, wissenschaftlicher Mitarbeiter der PISA-Studie, als "einmalig" bezeichnet. Nur 14 Prozent der italienischen Kinder erwerben das Abitur.

Wie kann man diesen Trend beenden? Unbestritten ist das Beherrschen der deutschen Sprache eine elementare Voraussetzung für das erfolgreiche Durchlaufen des Bildungssystems. Die Wissenschaft ist sich allerdings uneins darüber, ob Migrantinnen und Migranten zugleich auch in ihrer Muttersprache gefördert werden sollen. Behindert diese Förderung den Erwerb des Deutschen, oder befruchten sich beide Sprachkenntnisse gegenseitig? Die vorhandene Mehrsprachigkeit vieler Schülerinnen und Schüler wird in den Schulen jedenfalls mehrheitlich nicht als Bereicherung verstanden und genutzt.

Derzeit besitzen 27 Prozent der Bundesbürger unter 25 Jahren einen Migrationshintergrund, in den Eingangsschulklassen liegt der Anteil der Migrantenschülerinnen und -schüler bereits bei 33 Prozent. Es gibt Berliner Schulen, an denen 15 Sprachen gesprochen werden. In den Bundesländern ist der Muttersprachenunterricht für diese Gruppen sehr unterschiedlich geregelt. In nordrhein-westfälischen Schulen zum Beispiel gibt es für jedes Kind fremdsprachliche Angebote. In Berlin verfügen viele Schulen über bilinguale Züge, und an fünf Grundschulen werden deutsch-türkische Alphabetisierungskurse angeboten. Manche Länder wiederum streichen den muttersprachlichen Unterricht, die Fördergelder gehen zunehmend in den Deutschunterricht.

Sprachförderung ins Curriculum der Ganztagsschulen?

Auf der Expertentagung "Bildungserfolg und Zweisprachigkeit - Perspektiven für Forschung und Entwicklung" am 16. und 17. März 2007 in der Berliner Humboldt-Universität verschafften sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gemeinsam mit Politikern und Pädagogen einen Überblick über den Stand der Wissenschaft und versuchten, den Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und Zweisprachigkeit zu klären.


 
Eckart Schlemm (l.) und Kornelia Haugg

"Es geht nicht um ein Entweder-oder", befand Eckart Schlemm, Berliner Staatssekretär für Bildung, zur Eröffnung der Tagung. "sondern wir müssen Deutsch und Fremdsprachen gleichermaßen fördern. Je mehr Sprachen wir beherrschen, desto besser kommen wir zurecht." Fraglich sei allerdings, wer den Muttersprachenunterricht in den Schulen anbieten solle und ob er in das Curriculum der Ganztagsschulen eingebunden werden könne.

Kornelia Haugg vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), das diese Tagung förderte, forderte ein "breites Band der Unterstützung und Wissen über erfolgreiche Fördermaßnahmen". Es müsse zukünftig besser gelingen, Mehrsprachigkeit und den kulturellen Hintergrund der Kinder und Jugendlichen zu nutzen, meinte die Abteilungsleiterin. "Sprachaneignung ist ein Prozess, der sich über die gesamte Kindheit hinzieht. Wir müssen in Zukunft stärker die Schnittstellen im Bildungssystem in den Blick nehmen." Das Bundesministerium habe dazu in Absprache mit den Ländern ein Konsortium beauftragt, an einer neuen Generation von Sprachfeststellungsverfahren zu arbeiten.

"Es ist gut, dass das Bundesbildungsministerium die Migrantenförderung als wichtiges Thema erkannt hat", lobte Prof. Cristina Allemann-Ghionda von der Universität zu Köln. Eine Integration der Migrantinnen und Migranten in die deutsche Gesellschaft müsse mit der Pflege der Mehrsprachigkeit einhergehen. Diese Mehrsprachigkeit bedürfe der Förderung. "Mehrsprachigkeit ist für die Schülerinnen und Schüler keine Belastung, sie muss aber geübt werden", so die Erziehungswissenschaftlerin. "Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer sollte sich nach der Zusammensetzung der Schulbevölkerung ausrichten." Dem pflichtete Oliver Walter bei: "Jugendliche verschiedener Herkunft sind nicht homogen und können daher auch nicht homogen behandelt werden."

Interdependenz-Hypothese bestätigt

Prof. Allemann-Ghionda räumte ein, dass es auch Forscher gebe, die bilingualen Unterricht skeptisch sähen. Die Datenlage zu der Fragestellung, wie sich der Besuch des muttersprachlichen Unterrichts auf den Erwerb der Schulsprache Deutsch auswirkt, sei sehr dünn. Auf der Berliner Tagung waren deshalb die vorläufigen Ergebnisse der Doktorarbeit von Edina Caprez-Krompàk von der Universität Zürich von besonderen Interesse.


 
Oliver Walter (l.) und Cristina Allemann-Ghionda

Der Unterricht in der heimatlichen Sprache und Kultur (HSK-Unterricht) bietet den Kindern mit Migrationshintergrund in der Schweiz die Möglichkeit, sich mit der Sprache und Kultur ihrer jeweiligen Herkunftsländer auseinander zu setzen. Der HSK-Unterricht wird nicht im Schulgebäude gehalten. Edina Caprez-Krompàk untersuchte in ihrem Forschungsprojekt die unterschiedliche Entwicklung der Sprachkompetenzen in der Erst- und Zweitsprache von Schülerinnen und Schülern, die den HSK-Unterricht besuchten, und bei jenen, die nicht an diesem Unterricht teilnahmen. Es galt die Interdependenz-Hypothese, wonach sich zwei Sprachen, wenn sie adäquat gefördert werden, gegenseitig bereichern. In einer Längsschnittstudie 2005 bis 2006 wurden dazu die Sprachkompetenzen von 127 albanisch und 67 türkisch sprechenden Kindern mit Hilfe von Fragebögen, Interviews, Videoaufnahmen und eines Sprachtests in der Erst- und Zweitsprache untersucht.

Das Ergebnis: "Die Gruppen waren in Deutsch gleich stark, in der Landessprache war die Experimentalgruppe signifikant besser als die Kontrollgruppe", berichtete die Doktorandin. Im Längsschnitt zeigten sich dann bei der zweiten Erhebung auch im Deutschen wesentlich bessere Ergebnisse in der Experimentalgruppe. "Meine Ergebnisse bestätigen also die Interdependenz-These, dass je besser die Sprachkenntnisse der Muttersprache sind, desto besser die Kenntnisse in der Zweitsprache ausfallen", folgerte die Erziehungswissenschaftlerin.

Italienische Kinder reden auch auf dem Schulhof deutsch

Aus der Schulpraxis heraus stützte Lehrerin Rosella Benati den schweizerischen Befund auch für Deutschland. An ihrer deutsch-italienischen Grundschule Zugweg in Köln unterrichten eine Lehrkraft in Deutsch und eine in Italienisch gemeinsam die Kinder. Der Sprachunterricht findet in zwei Gruppen in halber Klassenstärke statt. Der Sachunterricht wird bilingual gehalten. "Schwache wie starke Kinder sind gleichermaßen gefördert worden", berichtete Rosella Benati, "was zur Folge hatte, dass kein einziges Kind zur Förderschule musste." Eine wissenschaftliche Analyse der Caritas Köln habe bestätigt, dass sich die "Förderung beider Sprachen sichtlich auf die Kompetenz im Deutschen auswirkt".


 
Edina Caprez-Krompàk (l.) und Rosella Benati

Es gibt weitere Beispiele. So habe sich beim Schulversuch bilingualer Grundschulklassen in Hamburg gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler, die anfangs gar kein Deutsch konnten, deutliche Vorteile gegenüber Kindern aus nicht bilingualen Klassen besaßen. In der deutsch-italienischen Grundschule Wolfsburg ist die Zweisprachigkeit von Lehrkräften der Lehrerin zufolge ein "bedeutsamer sozialpsychologischer und lernwirksamer Faktor". An dieser Schule müsse man kein Gebot erlassen, nur noch Deutsch auf dem Schulhof zu sprechen. "Die Kinder reden jetzt auch außerhalb des Schulgebäudes deutsch", hat Rosella Benati beobachtet. Für die Berliner Albert Einstein-Oberschule, einer Staatlichen Europa-Schule, bestätigte deren Leiter Klaus Lehnert eine "enorme Nachfrage". 30 bis 35 Kinder säßen in den Klassen, in denen Deutsch und Italienisch gleichberechtigt nebeneinander stünden. In sechs Jahren habe es nicht einen Abbrecher gegeben. "Unser gutes Modell müsste mal evaluiert werden", warb Lehnert.

Solche ermutigenden Beispiele sieht die Lehrerin als Basis für Perspektiven: "Die europäische EG-Richtlinie von 1977, welche die Förderung der Herkunftssprachen fordert, muss verwirklicht werden. Die Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte muss bezüglich der Mehrsprachigkeit verändert werden. Wir brauchen mehr Schwerpunktschulen wie die Staatliche Europaschule Berlin und mehr Austausch zwischen den Schulen."



Die abschließende Podiumsdiskussion mit (v.l.n.r.) Norbert Dittmer, Alessandro Gaudiano, Cristina Allemann-Ghionda, Andreas Paetz, Ulrike Grassau und Klaus Lehnert

Diese Forderungen ergänzte Prof. Norbert Dittmar von der Freien Universität Berlin, der sich dafür aussprach, "alle Sprachmuster im Unterricht bekannt zu machen, um daran anknüpfen zu können. Die Jugendsprache muss erfasst werden, kommunikative Praktiken besser bekannt sein. Wir sollten wissen, was im Alltag der Kinder abgeht." Dr. Doris Edelmann von der Ludwig-Maximilians-Universität München forderte die Entwicklung von Qualitätskriterien für Sprachförderung, die obligatorische Zusammenarbeit der Fachlehrer mit den Förderlehrern, verstärkte Entwicklung der diagnostischen Kompetenzen, Sprachförderung in jedem Fach, Teamteaching und Elternpartizipation.

"Konferenzen wie diese müssen den Finger in die Wunde legen", resümierte Dr. Andreas Paetz, Mitarbeiter im Referat "Investitionen und Innovationen in der Bildung" im Bundesministerium für Bildung und Forschung, am Ende der Tagung. "Wir wissen noch zu wenig, welche Maßnahmen greifen. Seit der Veröffentlichung der ersten PISA-Studie Ende 2001 ist viel in den Ländern passiert, die Sprachförderung hat zugenommen. Es ist aber noch nicht klar, was am besten hilft." Um diese Situation zu verbessern, wolle der Bund auch zukünftig in Absprache mit den Ländern Unterstützung leisten.

 

Autor: Ralf Augsburg
Datum: 10.04.2007
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