Am 27. Februar 2007 war es so weit: Nach gut einem Jahr Produktionszeit feierte die Dokumentation "Zeit für mehr" im Rahmen der Bildungsmesse didacta vor 300 geladenen Gästen in Köln ihre bundesweite Premiere. Der Film beschreibt den Schulalltag von acht Ganztagsschulen im Laufe eines Schuljahres mit allen Höhen und Tiefen, verbunden durch den Willen vieler am Schulleben Beteiligter, Ganztagsschulen zu einem Lern- und Lebensort zu machen.
Die Hallen der Kölner Messe sind an diesem Dienstagabend bereits verwaist, die Besucherinnen und Besucher des ersten Tages der Bildungsmesse didacta schon wieder auf dem Heimweg. Im Foyer des Kongresszentrums Ost jedoch finden sich gerade rund 300 Personen zusammen, die aus allen Himmelsrichtungen angereist sind, Jugendliche und Erwachsene, Damen und Herren bunt gemischt, aber alle geeint in Neugier und gespannter Vorfreude. Kein Wunder, denn einige von ihnen werden sich in paar Minuten überlebensgroß auf einer Leinwand betrachten können.
Bewusst hat das Produktionsteam von mmpro den Rahmen der didacta als Premierentermin für seine Dokumentation "Zeit für mehr - Ganztagsschulen auf dem Weg" gewählt. Auf der Bildungsmesse sind Ganztagsschulen ein präsentes Thema, hier diskutieren Bildung, Wissenschaft und Politik über das große Reformprojekt der letzten Jahre, zu dem noch lange nicht alles gesagt ist. Und der Filmuntertitel "Ganztagsschulen auf dem Weg" beschreibt eben dies: Ein Prozess ist in den Schulen des Landes in Gang gekommen, noch sind viele Schritte zu gehen, Stolpersteine zu überwinden - doch die Richtung, das zeigen diese 90 Minuten, vereint alle am Schulleben Beteiligten: Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, außerschulische Partner und Kommunalpolitikerinnen und -politiker wollen die Schule zu einem offenen Lern- und Lebensort machen.
Christa Nicklas, Rektorin der Johann-Andreas-Schmeller-Realschule in Ismaning ist zusammen mit Lehrerinnen, einer Elternvertreterin und vielen Schülerinnen und Schülern aus dem fernen Bayern gekommen, um sich den Film anzusehen, in dem auch ihre Schule firmiert. An der Realschule im Münchener Speckgürtel gibt es seit drei Jahren je eine Ganztagsklasse in den Jahrgangsstufen 5 - 7 und eine Nachmittagsbetreuung in den Klassen 8 bis 10 - für Bayern eine Seltenheit. Eltern beteiligen sich am Betreuungsangebot und Sozialpädagogen am Sozialtraining für Ganztagsklassen. Im Herbst 2006 ist ein mit IZBB-Mitteln geförderter Erweiterungsbau fertig gestellt worden. Die Schulleiterin beschreibt vor Beginn der Vorstellung eine signifikante Veränderung, die sie in den Ganztagsschulklassen wahrnimmt: "Das Verhältnis zwischen uns Lehrerinnen und Lehrern und den Schülerinnen und Schülern ist enger und intensiver. Wir lernen die Kinder besser kennen, und es bildet sich ein echtes Gemeinschaftsgefühl heraus."
Kann Ganztagsschule die Lust am Lernen leichter vermitteln?
Ob Ismaning im Süden der Republik, ob Neumünster im Norden, ob Gymnasium, Realschule, Grundschule, Hauptschule - "Zeit für mehr" dokumentiert eine von engagierten Individuen und Gruppen getragene Bewegung zu einer lebendigen, lebensnahen Schule, die versucht, dem einzelnen Kind und Jugendlichen mit seinen Stärken und Schwächen gerecht zu werden. Stärke zeigt der Film beispielsweise bei Luisa, Schülerin am Neuen Friedländer Gymnasium in Mecklenburg-Vorpommern, die sich dafür einsetzt, eine Tanzlehrerin als Kooperationspartnerin für die Ganztagsschule zu gewinnen - was gelingt: Am Ende des Films sieht man die Tanz-AG bei einer während des Schuljahres geprobten Darbietung auf einem Festival in Prora. Auch Viktor, ein Sechstklässler an der niedersächsischen Hauptschule Bleckede, spielt in der Dokumentation eine Hauptrolle. Er ist das "Problemkind" in der Klasse von Lehrerin Michaela Kriels. "Das Vertrauensverhältnis zwischen uns ist gestört", erklärt die Pädagogin. Kann die Ganztagsschule dazu beitragen, ein Kind, das laut Michaela Kriels manchmal "total ausflippt", zu integrieren und ihm Lust und Freude am Lernen vermitteln?
Um beim Beispiel Viktor zu bleiben - am Ende des Schuljahres 2005/2006, das der Film an acht Ganztagsschulen begleitet hat, und damit auch am Ende des Films, sind "nicht alle Probleme gelöst", wie es im Kommentar heißt, aber "das Verhältnis zwischen Michaela Kriels und Viktor hat sich spürbar verbessert". Die Lehrerin sieht einen Grund dafür in der "Zeit für mehr", die hier auch mehr Zeit für Viktor bedeutet: "Dadurch, dass ich von acht bis 16 Uhr an der Schule bin, sehe ich ihn natürlich viel öfter und lerne ihn auch besser kennen." Somit ist auch in der Mitte der Republik die größere Vertrautheit durch das längere gemeinsame Leben und Lernen miteinander ein Vorteil, den die Ganztagsschule in sich trägt und der nicht zulezt auch zu höherer Arbeitszufriedenheit bei Michaela Kriels führt, obwohl sie bei gleichem Gehalt länger arbeiten muss.
Schule als schöner erster Lebensabschnitt
Die Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) haben die Schulträger oder Schulleitungen befähigt, viele Bauvorhaben durchzusetzen, von denen die Lehrerinnen und Lehrer der Schulen schon lange geträumt hatten - so wie der Bitburger Schulleiter Johannes Roß-Klein, der den "Betonfriedhof" seines Schulhofes nicht mehr sehen wollte, oder Ute Jakob aus Großlehna, die ihre Kinder nicht mehr in einem "Turmzimmer" - "von Halle konnte man da nicht sprechen" - die Sportstunden absolvieren lassen wollte. Die Schulen sollten zu Orten werden, die auch äußerlich signalisieren, "kein notwendiges Übel zu sein, sondern ein schöner erster Lebensabschnitt", wie es Antje Scharsich, Referatsleiterin im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), bei der Begrüßung der Zuschauerinnen und Zuschauer ausdrückte.
Für das Ministerium als Auftraggeber von "Zeit für mehr" ergriff auch Abteilungsleiterin Kornelia Haugg vor der Premiere das Wort: "Der Film zeigt Schule als Lern- und Lebensort, an dem Schülerinnen und Schüler sich wohlfühlen, aber er spart auch die Schwierigkeiten auf diesem mühevollen Weg nicht aus. Die Veränderungen gehen in kleinen Schritten vorwärts, und alle müssen mitziehen. Es ist eine ungeschminkte Sicht, lehrreich und spannend."
Lernprozess der Lehrerinnen und Lehrer wird deutlich
Das erfordert auch bei Lehrerinnen und Lehrern eine Umstellung der Arbeitsweise vom Einzel- zum Mannschaftsspieler - wie eine Szene aus der Otto-Hahn-Realschule in Bitburg deutlich macht: Auf einer Konferenz ringt das Kollegium um das richtige Maß bei der Hausaufgabenbetreuung. Sollen Schülerinnen und Schüler, die schneller mit den Aufgaben fertig sind als andere, eher gehen dürfen? Oder sollen sie Extraaufgaben bekommen, um bis zum Schluss der Stunde sitzen zu bleiben? Pädagoginnen und Pädagogen, die bisher für sich entscheiden konnten, wie sie in ihren Unterrichtsstunden verfahren, müssen in dieser Frage auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Hier wird einige Minuten lang ein Schulentwicklungsprozess, der zugleich auch ein Lernprozess der Beteiligten ist, aufregend greifbar.
Deutlich wird auch das Spannungsverhältnis von Elternmitarbeit in der Ganztagsschule. Der Journalist Thomas Burian leitet am Klaus-Groth-Gymnasium die Schülerzeitung-AG. Der Film zeigt die letztlich von Erfolg gekrönte Arbeit, als am Schuljahresende die Schülerinnen und Schüler ihr neues "Datt Blatt" veröffentlichen - bis dahin hatte Burian aber besonders mit der nicht verlässlichen Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler in der offenen Ganztagsschule zu kämpfen. "So schön es ist, wenn Eltern und Nachbarn mithelfen", findet Schulleiter Roß-Klein, "sie strahlen halt nicht die Autorität von Lehrerinnen und Lehrern aus." An der Otto-Hahn-Realschule in Bitburg wolle man daher in der Hausaufgabenbetreuung auf die Dienste außerschulischer Mitarbeiter verzichten und sie auch bei den Arbeitsgemeinschaften zurückfahren.
So deckungsgleich die Motivation in Ganztagsschulen in ganz Deutschland ist, so unterschiedlich können Motive sein: Für Marina Bonner, Mutter der Grundschülerin Angelina, die die Grundschule im Vogelsang in Saarlouis besucht, ist die Vereinbarkeit von Familie und Berufstätigkeit ein wesentlicher Grund, ihre Tochter dort anzumelden. Dass dort "Angebote wie die Theater-AG stattfinden, die ich meiner Tochter nicht bieten kann, und sie dort unter Gleichaltrigen ist", erleichtert der Mutter die Entscheidung.
Lob von außen bringt den Schülerinnen und Schülern mehr
An der Integrierten Haupt- und Realschule St. Pauli, die seit 1995 als gebundene Ganztagsschule arbeitet, geht es für Dogukan, Avni und Yalcin wiederum hauptsächlich um eine Vorbereitung auf die Berufswelt durch Praxisnähe und individuelle Fördermaßnahmen. Die Arbeit in einer Caterer-AG zum Beispiel macht die Schüler mit der Arbeitswelt vertraut, dazu holen sie sich Selbstbewusstsein durch den Stolz auf gut geleistete Arbeit, die von Außenstehenden belobigt wird. "So ein Lob bringt den Schülerinnen und Schülern viel mehr, als wenn wir Lehrer es aussprechen", hat Lehrerin Annegret Lotzkat beobachtet. Sie nutzt das Mehr an Zeit für eine intensive Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern, um deren Neigungen und Fähigkeiten zu entdecken. Und "Zeit für mehr" gewinnt als Film an Glaubwürdigkeit, indem er die große Gruppe der Migrantenschülerinnen und -schülern, für die Ganztagsschule eine große Chance der individuellen Förderung bietet, nicht verschweigt.
Dass die Regisseure Mark Poepping und Roman Schikorsky sich nicht scheuten, in manchen kleinen Szenen auch scheinbar nebensächliche Details einzufangen, wurde vereinzelt auch kritisch gesehen, im Ganzen aber bestätigte die Dokumentation am Premierenabend Menschen wie Schulleiterin Christa Nicklas, "auf dem richtigen Weg zu sein", gab Anstöße für viele neue Ideen und stiftete im Kongresszentrum Ost ein Ganztagsschulbewusstsein. Dieses soll der Film nun in möglichst viele Schulen tragen, um Mut zu machen, sich auf einen nicht immer einfachen, aber schlussendlich für alle Beteiligten lohnenden Weg zu machen. Der donnernde Applaus beim Abspann ist da sicherlich ein gutes Omen.
Interessenten können die DVD "Zeit für mehr" vorbestellen. Dazu wenden Sie sich bitte per E-Mail diekt an den BELTZ-Verlag, info@beltz.de und geben die ISBN an: 978-3407-85899-3. Die DVD wird vorraussichtlich Anfang April erscheinen.
Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 09.03.2007
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