Hier lesen Sie den ersten Teil des Interviews mit Hans Konrad Koch.
Online-Redaktion: Herr Koch, was erwarten Sie sich von der Zusammenarbeit mit den Bundesländern im neuen Jahr?
Koch: Die Länder selbst sind sich im Klaren darüber, dass das Entscheidende die inhaltliche Gestaltung ist. In allen Ländern entstehen jetzt Beratungsangebote und eigene Strukturen, um die Schulen dabei zu unterstützen. Wir sind auch bei den sechs Elementen, die ein pädagogisches Konzept ausmachen, vollkommen im Konsens mit den Ländern und dem Bund.
Was der Bund leichter als einzelne Länder kann, ist gerade das Finden, Auswerten und zur Verfügung stellen von guter Praxis, damit das nicht wieder in jedem Land einzeln gemacht werden muss. Wir werden die Länder aber auch dabei unterstützen, die Schulen, die schon Erfahrungen haben, mit neuen Ganztagsschulen zu vernetzen. Ich glaube, dass hier ein ganz wichtiges Transferfeld in den Ländern entstehen wird, um durch gute Praxis zu lernen. Ein solches Transferfeld wird die Schullandschaft weit über die jetzt entstehenden Ganztagsschulangebote befruchten.
Online-Redaktion: Wie kann die vorhandene Expertise genutzt werden?
Koch: Die zweite Handlungslinie, auf die wir uns geeinigt haben, betrifft sehr handlungsorientierte Forschungsvorhaben. Wir werden in den nächsten Wochen ein erstes Vorhaben zu dem Thema Schule und Jugendhilfe starten, weil in allen Ländern von großem Interesse ist, dass Schule von den Kompetenzen der Jugendhilfe lernt. Jugendhilfe kann anders an junge Menschen herangehen, wobei hier Jugendhilfe nicht nur mit Benachteiligtenförderung gleichgesetzt werden sollte. Das Lernen außerhalb der Schule sollte in das Lernen in der Schule miteinbezogen, und auch die Ansätze einer stärkeren individuellen Förderung sollten besser entwickelt werden.
Wir möchten gerne in einem solchen Forschungsvorhaben die Faktoren des Gelingens wie des Misslingens untersuchen, bei den Erfahrungen, die bereits vorliegen. Denn es gibt eine ganze Reihe von Modellen der Zusammenarbeit zwischen Jugendhilfe und Schule - und nicht alle waren erfolgreich. Natürlich kann man die Faktoren des Erfolgs und des Misserfolgs immer nur vor Ort an den Rahmenbedingungen messen und dann zusammen mit diesen Rahmenbedingungen als Anregung wieder zurückgeben. Ziel ist es, dass bei diesem wichtigen Bereich nicht jede Schule das Rad immer wieder neu erfinden muss, sondern sich auf schon vorhandene Erfahrungen stützen und auch beraten werden kann bei dem Ziel, eine möglichst fruchtbare Zusammenarbeit zu entwickeln, wobei Jugendhilfe auch in diesem Bereich weit verstanden wird: Sie umfasst alle Angebote, die außerhalb der Schule erschlossen werden.
Online-Redaktion: Wie wird denn gemessen, ob eine Schule mit der Wandlung von einer Halb- zur Ganztagsschule auch besser geworden ist?
Koch: Durch den dritten Bereich - die Evaluierung dieses Investitionsprogramms, die sinnvollerweise nur dezentral in den Ländern erfolgen kann. Wir möchten aber gerne gemeinsam mit den Ländern Kriterien entwickeln, damit eine Vernetzung der dezentralen Evaluierung und ein möglichst frühes Lernen voneinander möglich werden. Was bei der Evaluierung der neuen Praxis aufgenommen wird, sollen andere Länder nutzen können, weil gerade das Lernen voneinander oder der Austausch von Erfahrungen zwischen den Ländern ein wichtiger Bereich ist, der bisher viel zu wenig funktioniert hat. Das ist ein Fragenbereich, den wir Anfang des Jahres zunächst mal auf einer kleinen Tagung mit dem Deutschen Institut für Internationalen Pädagogische Forschung, dem Deutschen Jugendinstitut, der Universität Dortmund, den Ländern und denjenigen, die von den Ländern mit der Evaluierung betraut worden sind, diskutieren werden. Ich glaube, dass wir in diesem Prozess doch erheblich dazu beitragen können, dass das, was entsteht, immer auch gleich wieder genutzt werden kann für eine qualitative Anreicherung der Praxis.
Online-Redaktion: Der Bund darf aus verfassungsrechtlichen Gründen keine Personalkosten im Schulbereich übernehmen. Die Länder klagen, dass sie gerade diese Folgekosten daran hindern, mehr Mittel aus dem Programm "Zukunft Bildung und Betreuung" abzurufen. Gibt es Überlegungen, wie man dieses Problem lösen kann?
Koch: Wir haben festgestellt, dass die Investitionsmittel zu einer wirklich qualitativen Anreicherung auch der Länderprogramme, die schon laufen, beitragen und insofern ein gutes Zusammenwirken zwischen den Möglichkeiten des Bundes, hier die Infrastruktur zu stärken, und den Möglichkeiten der Länder, die Personalkosten zu übernehmen, besteht.
Es ist lange geprüft worden, aber wir können nicht im Bereich der Personalkosten fördern. Viele Ganztagsschulen hätten nicht die Möglichkeiten, die erforderlichen räumlichen Ausweitungen - sei es für zusätzliche Unterrichtsräume, Kantinen, Bibliotheken oder Ruheräume - vorzunehmen, wenn wir nicht diese Investitionsmittel zur Verfügung stellen würden, die bei weitem die Mittel übersteigen, welche die Länder insgesamt für Renovierungs- oder Ausbauarbeiten zur Verfügung stellen können. Von daher haben diese Investitionsmittel einen ganz wichtigen qualitativen Beitrag zu der Tendenz der Ausweitung von Ganztagsschulangeboten geschaffen und den Prozess, der ja nicht vom Forum Bildung oder vom Bund erfunden worden ist, sondern nur unterstützt wird, erheblich beschleunigt.
Es gibt Hinweise aus Nordrhein-Westfalen bei dem dortigen Programm für Offene Ganztagsgrundschulen, dass das Interesse der Eltern für solche Schulen die Möglichkeiten des Investitionsprogramms erheblich überschreitet. Auch in anderen Ländern haben wir Hinweise dafür, dass das Interesse enorm hoch ist. Ohne diese Investitionsmittel könnte dieser Ausbau überhaupt nicht so schnell vonstatten gehen, da sonst gerade die Investitionsmittel die Bremse wären. Natürlich sind auf Dauer die Personalkosten ein ganz erheblicher Faktor, aber eine vorzügliche Investition in die Bildung unserer Kinder. In anderen Staaten ist es eine Selbstverständlichkeit, dass diese dort getragen werden.
Online-Redaktion: Über den Begriff der Ganztagsschule gibt es in der Bevölkerung zum Großteil noch völlig unterschiedliche und diffuse Vorstellungen. Plant der Bund, den Eltern zu vermitteln, worum es bei dem Konzept der Ganztagsschule konkret geht?
Koch: Wir bereiten einen hoch interessanten Film von Reinhard Kahl vor, der ganz breit gestreut werden wird und alle die Schulen erreichen soll, die jetzt darüber diskutieren, ob sie es wagen oder nicht. Dieser Film gibt keine Handreichung, aber er zeigt Beispiele, soll Neugier wecken und zeigen, was man in Ganztagsschulen machen kann. Wir haben einen Zusammenschnitt des ersten Materials bereits auf der Startkonferenz gezeigt. Die Cassetten, die wir dort produziert haben, wandern im Moment quer durch ganz Deutschland. Man trifft immer wieder auf diesen Film. Im Februar werden wir dann eine DVD-Fassung ganz breit streuen können, damit Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulleitungen, aber auch Schülerinnen und Schüler darüber diskutieren können, was man mit Ganztagsschule gestalten kann. Damit sollen auch Anstöße für die Diskussion eines Profils und Schulprogramms gegeben werden. Das wird sehr dazu beitragen zu verdeutlichen, welche Chancen hier entstehen.
Das Zweite ist, dass sich Ganztagsschulen natürlich entwickeln müssen. Das haben wir sehr gut in Rheinland-Pfalz sehen können: Am Anfang stehen Fragen wie Hausaufgabenbetreuung oder die Betreuung der Kinder am Nachmittag, die ja inklusive Mittagessen sonst häufig gar nicht sichergestellt werden kann, ganz stark bei den Eltern im Vordergrund. Aber mit der Zeit werden die Eltern dann auch in die Gestaltung der Schule mit einbezogen und entdecken, dass eigentlich viel mehr als Hausaufgabenbetreuung möglich ist.
Ganztagsschulen müssen wachsen, das ist ein Prozess. Ich bin auch der Auffassung, dass sich nach dem Start mit Offenen Ganztagsschulen, die weniger Gestaltungsmöglichkeiten am Vormittag haben, mit der Zeit Gebundene Ganztagsschulen, bei denen man den Vormittagsunterricht mit Angeboten des Nachmittags viel besser mischen und den 45 Minuten-Takt viel besser unterbrechen kann, durchsetzen werden.
Online-Redaktion: Was bringt 2004 an Arbeit, und was erhoffen Sie sich?
Koch: 2004 müssen wir das, was wir auf die Schiene gesetzt haben für die Unterstützung der inhaltlichen Gestaltung dieser neuen Ganztagsschulangebote, erst einmal aufbauen und realisieren. Wir haben also die enorme Herausforderung, bis zum Beginn des Schuljahres 2004/2005, bei dem die erste große Welle von Tausenden von Ganztagsschulen starten wird, so weit zu sein, dass wir diese Schulen dann auch sinnvoll unterstützen können. Das schaffen wir natürlich nur, wenn sich die Zusammenarbeit zwischen den Ländern und dem Bund weiter so positiv entwickelt, wie das in den letzten Monaten der Fall gewesen ist.
Autor/in: Ralf Schmitt
Datum: 02.01.2004
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Hans Konrad Koch wurde 1942 in Berlin geboren. Besuch eines humanistischen Gymnasiums in Marburg. 1962 - 1967 Studium der Jura und der Politik in Freiburg, Marburg, Berlin und Paris. Seit 1972 im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. 1999 - 2002 Leiter des Arbeitsstabes Forum Bildung. Seit Dezember 2002 Leiter der Unterabteilung Bildungsreform.