30. DEZEMBER 2003

H. K. Koch - Teil 1: "Jedes Kind kann es schaffen"

2003 war ein bewegtes Jahr in der Bildungspolitik. Mit dem Programm "Zukunft Bildung und Betreuung" hat die Bundesregierung ein sichtbares Aufbruchssignal gegeben. Wie ist der Stand der Dinge drei Monate nach der Startkonferenz zum Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" in Berlin? Hans Konrad Koch, Leiter der Unterabteilung Bildungsreform im Bundesministerium für Bildung und Forschung, zieht eine Bilanz zum Jahreswechsel.

Online-Redaktion: Herr Koch, wie bewerten Sie das Jahr in bildungspolitischer Hinsicht?

Koch: Sehr positiv. Wir haben ganz wichtige Themen einer neuen Bildungsreform diskutiert und sind nun dabei, auch erste Schritte zur Verwirklichung zu machen. Dabei kommt es ganz entscheidend darauf an, dass wir als roten Faden all unserer Bemühungen den Grundsatz "vom Auslesen zum Fördern" realisieren können, also von einem bisher traditionell sehr selektiven zu einem immer mehr fördernden Bildungssystem kommen. Die Vision sollte dabei der finnischen Grundphilosophie entsprechen: "Jedes Kind kann es schaffen, vorausgesetzt wir sind gut genug, es entsprechend zu fördern." Wichtig ist dabei, dass die Bildungsreform nur gemeinsam durch Kommunen, Bund und Länder auf staatlicher Seite mit Unterstützung der für Bildung verantwortlichen Verbände und denen, die Bildung vor Ort entscheiden, mit Erfolg verwirklicht werden kann.

Online-Redaktion: Was haben Sie konkret von Bundesseite angeschoben?

Koch: Wir haben fünf Bereiche angepackt, die ich noch einmal nennen möchte: Der erste ist das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" mit dem Ziel eines bedarfsgerechten Ausbaus von Ganztagsschulen in Deutschland. Der zweite Bereich ist die Unterstützung der Länder bei der Einführung nationaler Bildungsstandards. Der dritte ist die inhaltliche und methodische Verbesserung des Unterrichts, etwa innerhalb des Aktionsrahmens der Bund-Länder-Konferenz mit den Themen Lesekompetenz, mathematisch-naturwissenschaftliche Kompetenz, Förderung von Migrantinnen und Migranten und Frühförderung. Viertens geht es um die Stärkung der empirischen Bildungsforschung, weil wir bei der Bildungsreform hier schnell an die Grenzen stoßen. Und der fünfte Bereich ist schließlich eine nationale, übergreifende und unabhängige Bildungsberichterstattung.

Bei all diesen Themen sind wir intensiv im Gespräch mit den Ländern, am weitesten sicher in dem Bereich des Ausbaus der Ganztagsschulen, wo wir uns mit vier Milliarden Euro engagieren. Dort haben wir erste Projekte angeschoben. Der Mittelabfluss in diesem Jahr ist mit 66 Millionen Euro noch relativ gering, aber durch die Möglichkeit der Übertragung der Mittel auf das kommende Jahr geht kein Cent verloren. Die Investitionen müssen auch seriös geplant werden und die Schulen ein gutes pädagogisches Konzept entwickeln und diskutieren. Das braucht Zeit.

Online-Redaktion: Wie viele Schulen haben Sie bisher mit ihrem Programm erreicht?

Koch: Am 12. Mai haben wir die Verwaltungsvereinbarung mit einem halben Jahr Verspätung unterschreiben können, die Länder haben erst im Herbst ihre Durchführungsrichtlinien verabschiedet, und nun laufen intensive Planungsprozesse. Es ist also eine erhebliche Leistung, bereits jetzt 550 Schulen zu erreichen. Die erste große Welle von Tausenden von Schulen, die zu Ganztagsschulen werden, kommt mit Beginn des Schuljahres 2004/2005. Wir sind vor allem aber in Gesprächen mit den Ländern und mit Experten wichtige Schritte vorangekommen, um die inhaltliche Umsetzung dieses Investitionsprogramms unterstützen zu können. Denn entscheidend wird es sein, die pädagogischen Konzepte dieser neuen Ganztagsangebote so zu unterstützen, dass hier schrittweise auch neue Schulen entstehen können.

Online-Redaktion: Wie sieht die Konzeption auf inhaltlicher Seite aus?

Koch: Die sechs Elemente, die wir für das pädagogische Konzept diskutieren, sind weitgehend bekannt und vor allem von den Ländern akzeptiert: Erstens die Pädagogik der Vielfalt, die es ermöglicht, das einzelne Kind und den einzelnen Jugendlichen individuell zu fördern. Zweitens ein stärkeres soziales und gemeinschaftliches Lernen. Drittens die neue Orientierung von Unterrichtszusatzangeboten und Freizeit. Viertens die Öffnung der Schule zu außerschulischen Partnern und das Einbeziehen dieser Partner in die Schule selbst, mit dem Schwerpunkt der Kooperation mit der Jugendhilfe. Fünftens die stärkere Einbeziehung der Eltern und der Schüler in die Gestaltung der Schule, und der sechste Bereich ergibt sich von selbst: Die möglichst gemeinsame Qualifizierung derjenigen, die Ganztagsschule prägen, also sowohl der Lehrenden wie auch der neuen Partner, die von außen dazukommen.

Online-Redaktion: In wie weit sind hier die Länder und andere Interessengruppen involviert?

Koch: Wir haben gemeinsam mit den Ländern drei Handlungslinien entwickelt. Die erste Linie zur Unterstützung der inhaltlichen Gestaltung dieser neuen Angebote ist der Transfer aus der guten Praxis hin zu den Schulen und Schulträgern, die jetzt die neuen Profile entwickeln. Dieses kann von unserer Seite nur als Angebot an die Länder organisiert werden, welche diese Angebote dann im Rahmen ihrer eigenen Möglichkeiten und vor allem in ihren eigenen Strukturen aufnehmen. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung wird uns hierbei als Moderator unterstützen und ist von den Ländern für diese Arbeit vorgeschlagen worden. Das Entscheidende ist, dort die gute Praxis abzuholen, wo sie entwickelt worden ist, das heißt mit der Kompetenz derjenigen, die zu diesen sechs Elementen des pädagogischen Konzepts jeweils vorbildlich gearbeitet haben. Wir werden also versuchen, diese gute Praxis mit den Experten zu identifizieren, aufzuarbeiten, ins Internet zu stellen und Beratungsangebote für Schulen und Schulträger zur Verfügung zu stellen. Und noch einmal: Dieses kann dann nur in Anspruch genommen werden in den Strukturen, die von Land zu Land unterschiedlich sind. Darauf haben wir uns auch mit den Ländern geeinigt.

Online-Redaktion: Wofür haben die Länder denn bisher am meisten Geld abgefordert?

Koch: Wir stellen fest, dass einige Länder ihren Schwerpunkt ganz eindeutig auf den Grundschulbereich legen, wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen und Berlin. Wir haben auch einige Beispiele, dass zunächst mal in sozialen Brennpunkten gearbeitet wird – aber nicht überwiegend. Das Gute ist, dass jetzt unterschiedliche Modelle von Ganztagsschulen sehr breit gefächert entstehen.

Online-Redaktion: Im Vergleich zu anderen Politikfeldern sind die Bildungsreformen in sehr kurzer Zeit angegangen worden. Überwiegt zum jetzigen Zeitpunkt noch der Schwung, oder wird man durch unvorhergesehene Probleme gebremst?

Koch: Ich glaube, dass wir insgesamt eine Zeit des Umbruchs an den Schulen haben. Noch einmal: Das Ganze kann nur zum Erfolg führen, wenn wir zu mehr Förderung in unserem Schulsystem kommen – nur dann erreichen wir bessere Ergebnisse. Das sind Erfahrungen, die wir endgültig durch Forum Bildung oder die PISA-Studie gewonnen haben. Vollkommen klar ist, dass dieser Prozess ungeheuer schwierig und nur schrittweise zu bewältigen ist, aber wir stehen meiner Ansicht nach überhaupt erst am Anfang der Entwicklung.

Das Schöne ist, dass man vor Ort immer wieder auf richtige Begeisterung trifft. Frau Ministerin Bulmahn war gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und Schulsenator Klaus Böger Mitte Dezember in der Cäcilien-Grundschule in Berlin, die gerade erst als Ganztagsschule gestartet ist – und dort herrschte eine richtige Aufbruchstimmung. Nur wenn so etwas vor Ort stattfindet, hat das Ganze richtigen Erfolg.

Hier lesen Sie den zweiten Teil des Interviews mit Hans Konrad Koch.

 

Autor: Ralf Schmitt
Datum: 30.12.2003
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Hans Konrad Koch

  • Hans Konrad Koch

    wurde 1942 in Berlin geboren. Besuch eines humanistischen Gymnasiums in Marburg. 1962 – 1967 Studium der Jura und der Politik in Freiburg, Marburg, Berlin und Paris. Seit 1972 im Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft/Forschung. 1999 – 2002 Leiter des Arbeitsstabes Forum Bildung. Seit Dezember 2002 Leiter der Unterabteilung Bildungsreform.