Ein Jahresende bringt entsprechende Rückblicke mit sich. Auch wir lassen noch einmal die interessanten Ganztagsschulen, die wir vor Ort besuchen durften, die Gespräche mit Bildungsexperten und die zahlreichen Veranstaltungen Revue passieren. Der zweite Teil unseres Jahresrückblicks umfasst die Monate Juli bis September.
Juli: "Von der Theorie zur Praxis" führt eine Fachtagung an der Universität Greifswald, die am 4. und 5. Juli stattfindet. Pädagogen, Sozialarbeiter, Politiker und Erziehungswissenschaftler treffen hier zusammen, um sich über den Stand der Ganztagsschulentwicklung auszutauschen. Prof. Franz Prüß, Erziehungswissenschaftler an der Universität Greifswald, befindet: "Bildung muss als ganztägiger und lebenslanger Prozess verstanden werden." Die daraus erwachsenden Aufgaben könnten nur mit veränderten Konzepten und neuen Kooperationsformen zwischen Schule und außerschulischen Partnern erfüllt werden. Einen Trend zur "Regionalisierung und Kommunalisierung" in der Schulpolitik sieht der damalige Bildungsminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern, Prof. Hans-Robert Metelmann. Schulen befänden sich bereits im Wettbewerb, sie bräuchten eine höhere Budgetfreiheit und mehr Selbstständigkeit.
Im Saarland öffnen sich die Schulen mit dem Modellprojekt "SIGNAL" des Kultusministeriums und des Landesverbandes Saarland des Deutschen Roten Kreuzes, um die Sprachförderung von Kindern und Eltern mit Migrationshintergrund zu unterstützen. Das Konzept des Projektes innerhalb des BLK-Programms FÖRMIG sieht vor, mit ehrenamtlichen Integrationsbegleitern Kindern und Eltern mit Sprachschwierigkeiten Förderunterricht in Kleingruppen im Ganztagsbereich zu erteilen. Im ersten Jahr wurden rund 350 Schülerinnen und Schüler und etwa 70 Eltern gefördert. Bettina Neu vom Deutschen Roten Kreuz berichtet: "Inzwischen gibt es an einer Schule zwei Eltern mit Migrationshintergrund, die selbst für die anderen Eltern übersetzen."
August: Freiwilliges Engagement bildet auch die Basis des Jugendbegleiterprogramms in Baden-Württemberg. In 250 Modellschulen hilft ehrenamtliches Engagement, die Betreuungsangebote der Ganztagsschulen zu gestalten. "Die Schule soll sich für engagierte Bürgerinnen und Bürger öffnen", erläutert die Projektmitarbeiterin des Jugendbegleiterprogramms, Dr. Sonja Kuhn. Über 80 Verbände und Institutionen haben eine Rahmenvereinbarung zum Jugendbegleiterprogramm unterzeichnet. Bei den Modellschulen ist jetzt Verantwortung und Eigeninitiative gefragt, um sich ihre Kooperationspartner in lokal angesiedelten Vereinen, Verbänden oder Institutionen zu suchen. "Schule darf und kann keine Insel in der Gesellschaft, in der Gemeinde sein. Schule muss Lebensraum sein, eingebunden in die gesellschaftliche Dynamik unserer Zeit. Deshalb ist es dringend erforderlich, dass sich die Schulen öffnen und vielfältige gesellschaftliche Gruppen herein holen", meint Schulleiter Eginhard Fernow von der Kirbachschule Hohenhaslach bei Ludwigsburg.
Um geeignete Kooperationspartner zu finden, können Ganztagsschulen auf die Datenbank "Schule und Partner" des Deutschen Jugendinstituts zurückgreifen. Für Projektbetreuerin Christine Preiß sind Kooperationen mit außerschulischen Partnern ein unverzichtbares Muss. Im Interview erläutert sie: "Es sollte in unserer Datenbank nicht bei den so genannten Leuchttürmen und bereits bekannten Beispielen bleiben. Durch ein breites Spektrum sind nun engagierte Grundschulen ebenso vertreten wie ambitionierte Gymnasien, die teilweise seit Jahren interessante Kooperationen gestalten."
Um die so genannten "Problemkinder" kreist die Fachtagung "Schwierige Kinder - im Ganztag ganz normal?" am 25. und 26. August 2006 in Münster. "Ganztagsschulen sind ein Segen für schwierige Kinder", meint Wolfgang Oelsner. "Gerade beim Umgang mit erziehungsschwierigen Kindern brauche ich Fachwissen - und dieses erhalte ich durch den interdisziplinären Austausch. Pädagogik und Sonderpädagogik sind da kein Widerspruch". Das "plus x" kann durch Kunsttherapeuten, Theater- oder Erlebnispädagogen ausgefüllt werden.
September: Rund 1.300 Teilnehmerinnen und Teilnehmer machen am 22. und 23. September den 3. Ganztagsschulkongress des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, der Kultusministerkonferenz und der DKJS zu dem Ganztagsschultermin des Jahres. Das Thema "Partner machen Schule. Bildung gemeinsam gestalten" lockt Interessierte aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland ins berliner congress centrum. "Die Nachfrage war fünfmal so hoch", verrät die DKJS-Vorsitzende Eva Luise Köhler. Für das Wohl der Kinder seien Kooperationen von Ganztagsschulen und außerschulischen Partnern von großer Bedeutung: "Die Kinder genießen es, auch mal auf Menschen zu treffen, die aus anderem Holz geschnitzt sind." Bundesbildungsministerin Dr. Annette Schavan führt zum Kongressthema aus: "Wie in anderen Lebensbereichen gilt: Innovatives entsteht da, wo sich verschiedene Partner zusammen tun. Gemeinsam müssen wir das Bildungssystem so weiter entwickeln, dass jedes Kind und jeder Jugendliche seine Begabungen voll entfalten kann."
Auf dem Podium demonstrieren die erfolgreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des bundesweiten Wettbewerbs "Zeigt her eure Schule" die vielfältigen Möglichkeiten der Kooperationen: "Streicherklassen - musische Bildung für alle" an einer Grundschule in Weimar oder die Schüler-AG "Video-Fuzzys" der Grundschule Hillesheim.
Ein wichtiger Kooperationspartner von Ganztagsschulen ist der Kulturbereich: Auf der Bühne des bcc führen Schülerinnen und Schüler zweier Bremerhavener Schulen eine Tanzvorführung auf. Für solche kulturellen Projekte "brauchen die Lehrer aber die professionelle Unterstützung von außen", meint Royston Maldoom, britischer Choreograph, der durch den deutschen Dokumentarfilm "Rhythm Is It" bekannt geworden ist. Der Dialog sei wichtig, denn "die Künstler müssen die Sprache der Didaktiker und die Didaktiker die Sprache der Künstler verstehen lernen". Für den nordrhein-westfälischen Kulturstaatsminister Hans-Heinrich Große-Brockhoff bietet die Ganztagsschule "eine riesige Chance, dass Kultur und Schule zusammen kommen".
Oktober: Ein immer wieder heiß diskutiertes Thema steht am 6. und 7. Oktober in Hamburg auf der Tagungsordnung: Die Arbeitszeitmodelle für Lehrerinnen und Lehrer in Ganztagsschulen. Die Tagung "Gemeinsam in der Schule - statt allein zu Haus" zeigt, wie Präsenzzeitmodell und Teamarbeit in Hamburg und Bremen verkrustete Strukturen aufbrechen. Dass die Einführung der Teamstruktur echte Veränderungen in der Schule herbeiführt, belegen Studien. Demnach sind die Pädagogen bereit, "zu neuen Ufern des Präsenzzeitenmodells aufzubrechen" und dabei sogar persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen, wenn dadurch "der Prozess in der Schule verbessert wird". Wenn erst einmal Arbeitsplätze in der Schule eingerichtet würden, ergäben sich nach allen Seiten Kooperationen, ist die Überzeugung von Peter Daschner, Direktor des Landesinstituts für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg.
Das BLK-Verbundprojekt "Lernen für den GanzTag" veranstaltet vom 11. bis 13. Oktober die 1. Herbstakademie "Individuelle Förderung in der offenen Ganztagsschule" in Herne. Über 100 Pädagoginnen und Pädagogen diskutieren über die Möglichkeiten, Schülerinnen und Schüler gezielt individuell zu fördern. Als eine überzeugende Möglichkeit präsentiert die Katholische Antonius-Grundschule in Rosendahl-Darfeld im Kreis Coesfeld das Konzept des "jahrgangsgemischten Unterrichts". Ein weiteres Förderkonzept, das dem Workshop vorgestellt wurde, ist das der "Lernwerkstatt" der Grundschule Om Berg in Bonn.
"Mehr Bildung und mehr Erziehung" fordert die Tagung "Ganztagsschule gemeinsam gestalten - Ganztagshauptschule und Jugendhilfe" am 30. Oktober in Dortmund. Hier präsentieren sich den rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmern Praxisbeispiele zu gelungenen Kooperationsprojekten. An der Geistschule im Südviertel Münster läuft bereits eine Kooperation von Hauptschule und Jugendhilfe: Mit verschiedenen Projekten hat man die Zahl der schulmüden Jugendlichen stark verringern können und ermöglicht mit einem einjährigen Schülerbetriebspraktikum benachteiligten und schulmüden Jugendlichen auch ohne Hauptschulabschluss individuelle Übergänge in Ausbildung und Beschäftigung. Schulleiter Karl-Heinz Neubert betont: "Unsere Sozialpädagogen sind bei der Jugendhilfe beschäftigt und bringen ihre eigenen Interessen mit ein - ich möchte dieses Korrektiv nicht missen. Den Schülern ist es egal, ob jemand Lehrer oder Jugendhilfemitarbeiter ist. Sie verlangen nach ständigen Ansprechpartnern und dass sich jemand ihrer Probleme annimmt."
November: Nach Bremen lädt der Ganztagsschulverband zu seinem jährlichen Bundeskongress vom 1. bis 3. November ein. Hier informieren sich 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über neueste Forschungen für guten Unterricht. Aus der Sicht eines Gehirnforschers stellt sich Prof. Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung der Universität Bremen dem Thema Ganztagsschule. "Nichts wird beim ersten Mal gelernt, der Stoff muss sich setzen können", erklärt der Wissenschaftler. Die Ganztagsschule sei auch deshalb zu empfehlen, weil am Morgen Gelerntes am Nachmittag vertieft werden könne, was der Hirntätigkeit und dem Biorhythmus der Kinder zugleich entgegen käme. "Dass diese Zeit am Nachmittag nicht verschenkt wird, spricht für die Ganztagsschule."
Der Journalist Andreas Kuschnereit informiert auf dem Kongress über Öffentlichkeitsarbeit an Ganztagsschulen. "Öffentlichkeitsarbeit ist nichts, was eine Schule so nebenbei leisten kann", meinte der Journalist. "Im Alltag versandet sonst zu viel." Um das Bild einer Schule aufzuwerten, benötige sie nicht immer großartige Veranstaltungen und Projekte, auch guter Unterricht reiche schon. Durch Schülerzeitungen, den Kontakt mit lokalen Wochenblättern und den Tageszeitungen, die man heutzutage leicht per e-mail-Verteiler erreichen könne, könne man Stärken wie Theateraufführungen, Sport, Projektarbeit oder ehrenamtliches Engagement von Eltern und Schülern im Ganztagsbereich transportieren.
Eine Woche später ist erneut Bremen Schauplatz einer Ganztagsschulveranstaltung: Die Regionale Serviceagentur Bremen lädt am 10. November zu einer "Messe für Ganztagsschulen". Die Messe ist nicht nur Spiegelbild, sondern auch Bühne jener gesellschaftlichen Institutionen, die das gegenwärtige und zukünftige Gesicht der Ganztagsschulen prägen: Antirassistische Jugendprojekte des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Einbeziehung außerschulischer Lernorte durch Museumsbesuche und Kreativworkshops der Kunsthalle Bremen, Naturprojekte des BUND oder Jugendhilfeangebote des Bremer Jugendrings.
Als bislang letzte von 14 Regionalen Serviceagenturen stellt sich am 11. November in Nonnweiler die des Saarlandes vor. Den Leitern Melanie Helm und Hans-Jürgen Schmidt ist es gelungen, 14 Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu gewinnen, die ihre Fähig- und Fertigkeiten in den Ganztagsschulen anbieten wollen. Die Berufsgruppen reichen von Tanzlehrern über Ergotherapeutinnen bis zu einer Tischlerin. Die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sollen laut Melanie Helm und Hans-Jürgen Schmidt "spezifische, interessante, hochwertige Lernangebote aus verschiedenen Themenbereichen vermitteln und Lust auf mehr im Ganztag machen". Darüber hinaus will die Serviceagentur "das Lernen aus Beispielen guter Schulpraxis" in den Mittelpunkt ihrer Dienstleistung stellen: Dokumentation und Veröffentlichung guter Beispiele aus dem Saarland, Förderung des Erfahrungsaustausches zwischen den Schulen und Veranstaltungen sollen das "Spicken" erleichtern. Darüber hinaus möchte die Serviceagentur Netzwerke bilden - zum Beispiel durch Schultandems - zur Weiterentwicklung von guten Konzepten.
Dezember: Spicken in anderen Schulen ist auch das erklärte Ziel eines Thematischen Netzwerks, das die Regionalen Serviceagenturen Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Thüringen gebildet haben. Die Agenturleitungen besuchen zusammen mit Schulleitungen aus ihrem jeweiligen Land zwei Schulen in einem der Teilnehmerländer. Den Auftakt macht die Hospitation im westfälischen Werl und Münster, wo der Unterricht an jeweils einer Ganztagsschule einen ganzen Tag über begleitet wird. Die Schulen überzeugen und inspirieren das Netzwerk mit ihren Konzepten des klassen- und jahrgangsübergreifenden Förderunterrichts und ihrer Lern- und Forscherwerkstatt, in der die Kinder in vier- bis achtköpfigen Gruppen mittels offener Lehr- und Lernformen eigene Fragen entwickeln und praktisch erforschen können.
Bildung wird für Kommunen zunehmend zu einem gewichtigen Standortfaktor. Eine Stadt, die das erkannt hat und exemplarisch danach handelt, ist das brandenburgische Elsterwerda. Im Interview beschreibt Bürgermeister Dieter Herrchen, welche Maßnahmen seine Stadt eingeleitet hat, um zum Vorreiter für Ganztagsschulen zu werden. "Wir erkannten schnell die Möglichkeiten, die zur Verfügung gestellten Bundesmittel in den Aufbau und in den Betrieb von Ganztagsschulen zu investieren", erklärt der Kommunalpolitiker.
Die Partizipation von Schülerinnen und Schülern in Ganztagsschulen wird immer wieder als wichtiges Element dieser Schulform angemahnt. Das Projekt "Politik & Partizipation in der Ganztagsschule", das von der Gemeinsamen Initiative der Träger politischer Jugendbildung (GEMINI) entwickelt wurde, hat zehn Projekte in sieben Bundesländern als "Feldversuch" mit Ganztagsschulen gestartet. Mit "subjektiver Interessenorientierung" kann man die Schülerinnen und Schüler dort abholen, wo sie stehen, so die Erkenntnis von Dr. Heinz-Jürgen Stolz vom Deutschen Jugendinstitut. Mehr noch als in anderen Bereichen kann die Schule die Kinder und Jugendlichen für Politik und Partizipation zurückerobern, wenn sie die außerschulischen Partner und ihre methodischen Ansätze stärker einbindet.
Autor/in: Ralf Augsburg
Datum: 02.01.2007
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