19. DEZEMBER 2006

Wie Kinder lernen, mit einer Kamera zu sprechen

Kooperationen zwischen Schule und außerschulischen Partnern bringen bemerkenswerte Früchte hervor. So hat Stefanie Müller, Pädagogin bei der AWO Düsseldorf, die Zusammenarbeit mit der Rudolf-Hildebrand-Schule dazu genutzt, um ihr pädagogisches und filmisches Handwerkszeug zusammenzubringen und einen wunderbaren 20-minütigen Ganztagsschulfilm aus der Perspektive der Kinder zu drehen. "Irgendwann bin ich für die Kinder mit der Kamera verschmolzen und an diesem Punkt haben sie durch die Kamera mit mir kommuniziert."

Online-Redaktion: Sie haben im Auftrag der AWO Düsseldorf einen 20-minütigen Film über die Offene Ganztagsschule (OGATA) Düsseldorf gedreht. Welche Szene des Filmes verleiht Ihrem Verständnis von Ganztagsschule am stärksten Ausdruck?

Müller: Meine Lieblingsszene ist die, in der ein Kind mit seinem Wackelzahn spielt und ihn am Ende sogar selber rauszieht. Das hat mit Ganztagsschule auf den ersten Blick nichts zu tun, verdeutlicht aber, welche wichtigen Lebenseinsschnitte ein Kind in diesem Rahmen erlebt. In dem Film kann man sehen, wie das Kind dabei wächst. Es kommen nun die zweiten Zähne. Das wurde plötzlich ein ganz großes Anliegen für alle anderen Kinder, und sie erzählten von ihren Erlebnissen mit ihren Milchzähnen, der Zahnfee, dem Zahnarztbesuch in der Schule und wie komisch sich so eine Zahnlücke anfühlt.

Online-Redaktion: Eine Besonderheit dieses Films besteht darin, dass Sie ihn als no-bugdet-Projekt praktisch ohne finanzielle Mittel gedreht haben. Wie ist das möglich, ohne Qualität einzubüßen?


 
Kinder als Hauptpersonen: eine Szene aus dem Ganztagsschulfilm. Rechts die Filmemacherin Stefanie Müller.

Müller: Hintergrund des Filmes war die Fachtagung der AWO Düsseldorf "Kind sein den ganzen Tag" im September 2006. Eine Arbeitskollegin der AWO hat mich gefragt, ob ich Lust hätte, einen Film über die Offene Ganztagsgrundschule am Beispiel der Rudolf-Hildebrand-Schule zu drehen. Ich habe das begeistert angenommen, da ich ja bereits ein paar Kurzfilme gedreht hatte. Da ich für die Dreharbeiten von meiner Funktion als Sozialpädagogin nicht freigestellt war, habe ich meine tägliche Arbeit mit der Kamera begleitet.

Von Hause aus bin ich Theaterpädagogin. Meine Erfahrungen im Filmbereich habe ich durch diverse Workshops im Kölner Filmhaus, der Filmwerkstatt Düsseldorf und die Realisierung eigener Kurzspielfimprojekte über Jahre gesammelt. Einen Dokumentationsfilm zu drehen und selbst die Kamera in die Hand zu nehmen, war eine ganz neue Erfahrung für mich. Ich habe mich bei diesem Projekt nicht auf die Technik, sondern auf die Angebote der Kinder, der gegebenen Situation konzentriert und bin meiner Intuition gefolgt.

Ich hatte sehr viele Ideen im Kopf, als man an mich herantrat. Eine davon findet sich am Anfang des Filmes, den ich mit dem Spiel "Stille Post OGATA" eröffnet habe: Das Wort "OGATA" macht die Runde, und jeder hat ein anderes Ohr dafür. Es gibt die Lehrer, die Pädagogen, die Eltern und die Kinder, und im Idealfall versteht jeder unter dem Begriff "OGATA" das Gleiche.

Für die Dauer der Dreharbeiten hatte ich anderthalb Wochen eine Kamera zur Verfügung. In dem Film geht es um die Kinder selbst und ihre Erlebniswelten. Ich bin sehr spielerisch an das Thema ran gegangen und habe mir überlegt, wie ich den Kindern die Scheu vor der Kamera nehmen kann. Da kam mir die Idee, während der Dreharbeiten eine "Tarnkappe" aufzusetzen, so dass ich für die Kinder - sobald ich mir dieses Käppi aufgesetzt hatte - nicht mehr als Person sichtbar war.

Online-Redaktion: Wie haben die Kinder darauf reagiert?

Müller: Sehr gut, denn als ich einmal die "Tarnkappe" vergaß, hat sich das sofort auf ihr Verhalten während der Dreharbeiten ausgewirkt. Als ich die "Tarnkappe" dann wieder aufgesetzt habe, haben die Dreharbeiten wieder so gut funktioniert wie zuvor.

Online-Redaktion: Worum geht es in dem Film?

Müller: Mir geht es in dem Film darum, die Erlebniswelten der Kinder in einer Offenen Ganztagsschule darzustellen. Der Film möchte zeigen, welche Bildungsangebote und individuelle Förderungen die Kinder geboten bekommen. Es geht aber auch darum, wie die Kinder voneinander lernen, was ja die Szene mit dem Milchzahn verdeutlicht. Irgendwann bin ich für die Kinder mit der Kamera verschmolzen und an diesem Punkt haben sie durch die Kamera mit mir kommuniziert.

Online-Redaktion: Wie sieht Ihre tägliche Arbeit als Pädagogin an der Offenen Ganztagsschule denn aus?

Müller: Ich bin Gruppenleiterin in einer Offenen Ganztagsschule und betreue zwölf Kinder. Meine tägliche Arbeit sieht so aus, dass ich um zehn Uhr meinen Dienst anfange. Danach habe ich Vorbereitungszeit, und um kurz vor zwölf kommen die Kinder von der Gruppe und basteln, spielen oder gehen auf den wunderschönen Schulhof.

Ich schaffe immer Raum dafür, dass die Kinder mir erzählen können, was sie in der Schule erlebt haben. Dann gibt es Mittagessen, wir decken gemeinsam den Tisch und nutzen die Zeit beim Mittagessen, um uns über den Tagesablauf und alle aktuellen Themen zu besprechen. Danach gibt es Gelegenheit für freies Spiel und danach geht es hoch in den Hausaufgabenraum, in dem die Kinder gemeinsam mit einer Lehrerin und einer Pädagogin die Hausaufgaben erledigen. Nach den Hausaufgaben begleiten wir die Kinder zu den Workshops wie: Yoga, Theater, Schwimmen etc., die von externen Fachleuten angeboten werden. Von vier bis halb fünf ist Abschlussrunde und danach gehen die Kinder wieder nach Hause.

Online-Redaktion: Wie hat der Film Ihre pädagogische Arbeit beeinflusst?

Müller: Mein Dreh- und Arbeitsort ist die Rudolf-Hildebrand-Schule Düsseldorf, eine Schule für Sprachförderung. Viele Szenen habe ich beim Schnitt immer wieder zurückgespult, weil ich sie noch mal aus der Perspektive der Kinder betrachten wollte.

Dabei wurde mir erneut die Bedeutung unserer Vorbildfunktion als Pädagogen bewusst. Ich finde, es ist unsere Pflicht als Pädagogen, sich immer wieder daran zu erinnern, die Perspektive zu wechseln und kinderorientiert hinzugucken. Im Alltagsstress wird man einfach betriebsblind und übersieht leicht das Wesentliche unserer Arbeit: die individuellen Bedürfnisse der Kinder.

Jedes Kind bringt sein ureigenes Bedürfnis mit. Das fängt bei Kindern an, für die die warme Mahlzeit wichtig ist. Viele Kinder sind es nicht gewohnt, gemeinsam am Tisch zu sitzen und eine Esskultur zu erleben, geschweige denn, den Genuss und die Bedeutung von gesunder Ernährung. Am Anfang meiner Arbeit war ich auch darüber erschrocken, über was einige Kinder so lachen. Beeinflusst durch TV-Sendungen, lachten sie oftmals darüber, wenn sich z.B. jemand verletzt hatte. Über wirklich lustige Sachen konnten einige Kinder nicht mehr lachen. Der Film hat mir die Augen dafür geöffnet, wie die Kinder lernen, mit mehr Humor an die kleinen Missgeschicke des Lebens heranzugehen. 

Online-Redaktion: Wie haben die Dreharbeiten auf die Entwicklung der Kinder gewirkt?

Müller: In dem Film gibt es eine Szene über die Fußball-AG am Nachmittag. Dabei habe ich die Kinder wie große Fußballstars interviewt und gefragt, ob sie zufrieden seien mit ihrer Leistung. Das hat sie sehr stolz gemacht. Eine Schülerin bewies journalistisches Talent, als sie eine Lehrerin interviewte und den Überblick bewahrte, als uns die Fragen durcheinander gerieten.

Während der Dreharbeiten ist übrigens mein Tonmann eingeschlafen, das fand ich sehr süß. Er hatte mich mit Mikrofon und Kopfhörer begleitet, als ich mit der Kamera das außerschulische Angebot "Kreativer Körpertanz" besuchte. Das ist etwas sehr Ruhiges, bei dem alle Sinne angesprochen werden. Als ich noch damit beschäftigt war, schöne Bilder mit der Kamera einzufangen, habe ich irgendwann mit den Augenwinkeln meinen Tonmann da liegen sehen, der durch die schöne Musik eingeschlafen war: als er wieder aufwachte, war er total entspannt!

Online-Redaktion: Haben die Dreharbeiten Ihr Bild von der Ganztagsschule beeinflusst?


 
"Kinder haben viel zu sagen", Kinder inspirieren.

Müller: Ich habe mit dem Film mehr erreicht, als ich gedacht hätte. Die Kinder haben mich dabei inspiriert und mir gezeigt, wie viel sie zu sagen haben. Wenn ich einen neuen Film drehen könnte, würde ich noch deutlicher die Erlebniswelten und noch deutlicher die Lernfortschritte der Kinder darstellen, die man in sehr kurzer Zeit beobachten kann. Ich würde die Kinder auch noch mehr zu Wort kommen lassen und das Miteinander betonen. Zum Beispiel, wie man für Kinder in einem strukturierten Rahmen Freiräume schafft, wo sie sich ganzheitlich entfalten können. Man muss den Kindern nämlich die Möglichkeit geben, Dinge für sich zu entdecken. Sie sollten sich möglichst in musischen, motorischen, sozialen oder künstlerischen Bereichen ausprobieren können.

Wenn man das soziale Umfeld der Kinder berücksichtigt, finde ich es wichtig, dass die Schule in den Köpfen eine andere Wertigkeit bekommt, und dass die Schule nicht für das Pauken steht, sondern Räume bereitstellt, die es ermöglichen, alle Sinne der Kinder einzubeziehen. Die Kinder sollten in der Ganztagsschule Grundlagen erwerben, die in unserer heutigen Welt viel zu kurz kommen.

Die ideale Offene Ganztagsschule sollte Raum für die individuelle Persönlichkeitsentfaltung der Kinder geben, wo alle Beteiligten, also die Lehrer, Sozialpädagogen und Eltern und außerschulischen Partner, an einem Strang ziehen. Die Arbeit, die am Vormittag stattfindet, sollte mit dem Nachmittag noch stärker verzahnt werden. Meine Kernbotschaft lautet aber: Verbesserung der Chancengleichheit, das Achten auf die Grundbedürfnisse der Kinder, Spaß am ganzheitlichen Lernen wecken und fördern und das Bereitstellen eines geschützten Rahmens für all das.


Stefanie Müller ist Sozialpädagogin bei der AWO Düsseldorf und Gruppenleiterin im Nachmittagsangebot der Rudolf-Hildebrand-Schule. Ihr Handwerkszeug als Filmemacherin hat sie sich auf Seminaren des Filmhauses Köln im Bereich Regie und als Theaterpädagogin angeeignet. Die Filmemacherin und Sozialpädagogin hat Spaß am Dokumentarfilm bekommen und möchte auch in Zukunft noch viele Filme dieser Art drehen.

 

Autor: Peer Zickgraf
Datum: 19.12.2006
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