An politischen Fragen, die die Weichen für unsere Zukunft stellen, scheiden sich die Geister. Doch obwohl in den politischen Institutionen über große Lebensbereiche der Gesellschaft entschieden wird, ist es gleichzeitig immer schwieriger, junge Menschen für politische Partizipation zu begeistern. An Halbtagsschulen mangelt es allzu oft an der Zeit und den Gelegenheitsstrukturen für politische Bildung oder Partizipation.
Ein emphatisches Plädoyer für Ganztagsschule als Ort der Veränderung und des partizipativen Handelns gab bereits Hartmut von Hentig: "Ich habe eigentlich immer gefunden, dass die Ganztagsschule eine riesige Veränderung, vielleicht die größte überhaupt, die beste, der durchgreifendste Reform-Impuls wäre, den wir haben könnten", so der renommierte Bildungsforscher in "Treibhäuser der Zukunft - Wie in Deutschland Schulen gelingen".
Zehn Projekte in sieben Bundesländern
Dass Ganztagsschulen unter bestimmten Voraussetzungen ein angemessener Ort sind, um auf jene Kompetenzen vorzubereiten, die eine demokratische Gesellschaft auf Dauer erst tragen, hat das Vorhaben "Politik & Partizipation in der Ganztagsschule" verdeutlicht. Dessen Ergebnisse wurden auf einer abschließenden Fachtagung in Bonn im November 2006 lebhaft und kontrovers diskutiert: mit Pädagogen der außerschulischen Bildungsarbeit, Lehrkräften und Schulleitungen aus den Projektschulen sowie Experten aus Wissenschaft, Politik und Verwaltung.
Akuter Handlungsbedarf in der Polis
Nimmt man die Perspektive der Schülerinnen und Schüler zum Ausgangspunkt, ist akuter Handlungsbedarf angesagt. Im Unterschied zu vielen anderen außerschulischen Angeboten ist Politik aus Schülersicht nämlich am wenigsten attraktiv. Besonders in Mitleidenschaft geraten ist der Politikunterricht: "Ganze Kurse brechen weg, weil sich die Schülerinnen und Schüler nicht mehr für Politik interessieren", so die Einschätzung eines Fachpädagogen zur Situation des Politikunterrichts in der Schule.
Nicht nur der Unterricht in Politik und Sozialkunde ist ins schulische Abseits geraten, auch die Partizipation in den Schülergremien fällt vielen Kindern und Jugendlichen angesichts des hohen Leistungsdrucks in Schulen immer schwieriger. Bei Sport und Bewegung - dies belegen aktuelle Untersuchungen - heißt es bei den Schülerinnen und Schülern nämlich topp, bei Partizipation und politischer Bildung dagegen Flop. Dabei haben es viele Schulen tagtäglich mit akuten politischen Problemen wie Ausländerfeindlichkeit und Rassismus zu tun.
Der wiedergefundene Zusammenhalt
Engagement in den Schulen kann bei Jugendlichen auch anders herausgefordert werden. Dazu bedarf es einer Mixtur aus Lebensweltorientierung und Erlebnispädagogik, wie Tobias Fischler zu berichten weiß. Der engagierte Schüler gehört nämlich zum Team der Politik-Werkstatt an der Geschwister-Scholl-Schule Bensheim, die zu den zehn Projekten des Vorhabens "Politik & Partizipation in der Ganztagsschule" gehörte. An diesem Schülerprojekt überzeugte der Gedanke, die Schülerinnen und Schüler an jene Orte der großen Politik zu führen, die sie üblicherweise meiden, wie zum Beispiel das Europäischen Parlament in Straßburg oder den Hessischen Landtag in Wiesbaden. Hier entdecken sie, wie spannend und komplex die Arbeit der Parlamentarier in Wirklichkeit sein kann.
Dass selbst der Erwerb jener Kernkompetenzen im Rahmen freiwilliger, außerschulischer Bildungsangebote auf einen Kreis bevorzugter Schülerinnen und Schüler qua sozialer Herkunft eingeschränkt ist, wollte Klaus Hebborn nicht hinnehmen. So entwarf der Dezernent für Bildung, Kultur und Sport beim Deutschen Städtetag ein zukunftsweisendes Panorama "Regionaler Bildungslandschaften". Es sieht den Aufbau kommunaler Netzwerkstrukturen vor, die auf unterschiedlichen Ebenen den Abbau von Chancenungleichheit befördern. Dazu gehört die systematische Vernetzung von Partnern, die differenziert auf die Bedürfnisse von Kindern, Eltern und Schulen eingehen können, ebenso wie die Zusammenlegung von Fachämtern.
Von "Regionalen Bildungslandschaften" zur Polis der Zukunft
Wie die Wegstrecke hin zu "Regionalen Bildungslandschaften" aussehen könnte, wurde auf der Fachtagung in Bonn ebenfalls exemplarisch verdeutlicht. Hierfür formulierten die Projektleiterin von "Kultur macht Schule" der Bundesvereinigung kulturelle Jugendbildung, Ina Bielenberg, und die Projektleiterin des Projekte "P&P" der GEMINI, Helle Becker, vier Empfehlungen für ein Kooperationsmodell, in dem die Zusammenarbeit zwischen Schule und außerschulischen Partnern neu ausgehandelt werden kann: Es sieht die größtmögliche Freiheit in der Ausgestaltung der träger- und zielgruppengerechten Angebote vor. Es bedarf der Abstimmung von Konzepten, Vorstellungen und Ziele ebenso wie der richtigen Wahrnehmung der politischen und kulturellen Bildung als besonderes Bildungsangebot. Schließlich sollten gemeinsame Vorstellungen für die Praxis entwickelt werden.
Aus der Sicht des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erinnerte der Referatsleiter für außerschulische Jugendbildung daran, dass Prioritäten seines Hauses auf dem Gebiet Familienförderung und Integration liegen, dass außerschulische Lernorte wie Bildungsstätten oder Volkshochschulen aber erhalten würden. Heller Becker plädierte dafür, dass der Bund sich nicht zurückziehen solle, wo die Zusammenarbeit von formalen, nicht-formalen und informellen Bildungsmöglichkeiten auf europäischer Ebene vordringlich sei. Andreas Thimmel brachte es auf den Punkt: "Die politische Jugendbildung muss sich strategisch entwickeln, um bei den Ländern besser aufgestellt zu sein".
Autor/in: Peer Zickgraf
Datum: 12.12.2006
© www.ganztagsschulen.org
Die Übernahme von Artikeln und Interviews - auch auszugsweise und/oder bei Nennung der Quelle - ist nur nach Zustimmung der Online-Redaktion erlaubt. Wir bitten bei Zustimmung um folgende Zitierweise: Autor/in: Artikelüberschrift. URL: http://www.ganztagsschulen.org. Datum des Zugriffs: xx.xx.xxxx
Berliner Kongress schmiedet Ideen für Zukunftsschulen [mehr]
"Ganztagsschulen können umdenken" [mehr]
Soziale Kompetenzen und demokratische Schule [mehr]
Bildung ist die einzige Chance [mehr]
www.politikundpar
tizipation.de [zur Website]

www.politikund
partizipation.de [zur Website]

www.politikund
partizipation.de [zur Website]

http://powi-werkstatt.de [zur Website]
