In Nordrhein-Westfalen gibt es seit diesem Schuljahr rund 2.200 offene Ganztagsschulen im Primarbereich. Hier soll jedes einzelne Kind individuell gefördert werden. Gerade die Sprachförderung besitzt einen zentralen Stellenwert. Die Ganztagsschule bietet dafür mehr Zeit. Die Verzahnung von unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Angeboten ermöglicht eine Vielzahl unterschiedlicher Zugänge zur Sprachförderung.
Wenn Kinder in den Kindergarten kommen, dann verfügen sie über Deutschkenntnisse, wenn auch teilweise nur über sehr einfache, wie zwei Studien in Hamburg belegen. Die Heterogenität im Sprachstand ist sehr groß und bleibt es oft auch bis zum Schuleintritt. Wie müssen Schulen mit dieser Heterogenität umgehen, wenn insbesondere die Sprache für den Bildungserwerb so bedeutsam ist?
"Die Ganztagsschule bietet hier eine besondere Chance", meint die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Ingrid Gogolin von der Universität Hamburg. "Die zusätzliche Zeit muss für die Sprachförderung genutzt werden, und zwar nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund."
Die Wissenschaftlerin begleitet das Programm "FörMig - Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund", das von der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK), dem Bundesministerium für Bildung und Forschung und den am Projekt teilnehmenden Bundesländern Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen und Schleswig-Holstein gefördert wird.
In Nordrhein-Westfalen, wo das Projekt bei den Regionalen Arbeitsstellen zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) angesiedelt ist, hat sich FörMig zum Ziel gesetzt, ein Gesamtkonzept für die sprachliche Bildung der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu entwickeln und umzusetzen. Bei der durchgängigen Sprachförderung von der Kindertagesstätte bis in den Beruf setzt FörMig NRW Schwerpunkte bei der Sprachförderung an den Schnittstellen im Bildungssystem und eben in der Ganztagsschule.
"Man muss einen langen Atem haben"
Am 9. November 2006 veranstaltete das BLK-Projekt "Lernen für den GanzTag" die Tagung "Sprachförderung in der offenen Ganztagsschule im Primarbereich" im Landesinstitut für Schule in Soest. Rund 140 Interessierte aus allen an Ganztagsschulen beteiligten Professionen nahmen daran teil. Gaby Petry, Projektkoordinatorin von "Lernen für den GanzTag", berichtete von einer "wahnsinnig hohen Nachfrage" nach dieser von ihr initiierten Veranstaltung - Interesse bestand bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Grundschulen bis Berufskollegs.
Ingrid Gogolin eröffnete die Tagung mit einem Grundlagenreferat "Durchgängige Sprachförderung - über die Bedeutung der Kooperation mit außerschulischen Partnern". Sie verwies auf internationale und nationale Studien, die gezeigt hätten, dass die einst verfolgte Strategie, mit Maßnahmen von begrenzter Dauer und kurzzeitiger Intensivförderung die sprachlichen Defizite ausgleichen zu wollen, als gescheitert bezeichnet werden müsse. "Statt dessen muss man einen langen Atem haben", erklärte die Erziehungswissenschaftlerin. "US-Studien rechnen mit bis zu sechs Jahren Förderdauer, um nachhaltige Ergebnisse zu erzielen." Für eine erfolgreiche Sprachförderung müsse auf jeden Fall auch auf die sprachlichen Voraussetzungen, welche die Kinder mitbrächten, eingegangen werden.
Bei Schülerinnen und Schülern mit Sprachdefiziten reiche die Teilnahme am Unterricht zur Sprachförderung nicht aus, da sich die Sprache der Schule immer weiter von der Umgangssprache entferne. "Die Bildungssprache arbeitet mit Symbolen, Konjunktiv und Passiv", so Ingrid Gogolin. "Die Hauptschwierigkeit besteht in den Texten, die eine immer komplexere sprachliche Leistung verlangen. Gerade Kinder, die nicht schriftsprachbeflissen und daher auf die Schulsprache angewiesen sind, kommen hier häufig nicht mit."
Mehrsprachigkeit als Ressource begreifen
Die Anforderung an eine Sprachförderung in der Ganztagsschule bestehe deshalb in einer Förderung der Bildungssprache und der Mehrsprachigkeit, die sich über das gesamte Curriculum spannen müsse. "Die Sprachförderung ist in Deutschland zu segmentiert. Wir brauchen aber die Zusammenarbeit aller an Schule Beteiligten, auch außerhalb der Schule. In Großbritannien, Australien und der Schweiz wird bereits mehr institutionenübergreifend gearbeitet. In England sind die multi-ethnischen Schulen erfolgreich, an denen sich alle Lehrer auch als Sprachlehrer verstehen", berichtete die Wissenschaftlerin. "Für diese Schulen werden eigens Mittel zur Netzwerkverbindung bereitgestellt."
In der Schweiz erreiche man mit dem Programm "Qualität in multikulturellen Schulen" die Zusammenarbeit mit allen Eltern. Hier arbeiten Kulturvermittler mit, die für Kontakte sorgen und Informations- und Bildungsangebote unterbreiten. Es werden Netze aufgebaut, welche die Sprachförderung über die Schule hinaus mit der Umwelt der Schülerinnen und Schüler verbinden.
Alle Beteiligten müssen sich Gogolin zufolge über klare, transparente Ziele in der Sprachförderung einig sein und diese dann in kleinschrittige, konkrete Maßnahmen übersetzen. Der Erfolg der Maßnahmen müsse kontinuierlich beobachtet und überprüft werden. Die Erfahrungen in Großbritannien und der Schweiz bewiesen, dass eine erfolgreiche Sprachförderung möglich sei, auch weil dort "Mehrsprachigkeit als eine Ressource begriffen wird. Verschiedene Sprachen bereichern sich nämlich gegenseitig", erklärte Ingrid Gogolin.
Verzahnung von Vor- und Nachmittag für durchgängige Sprachförderung
FörMig unterstütze diese Ansätze mit seiner "Durchgängigen Sprachförderung", die eine horizontale und vertikale Vernetzung quer durch Fächer und Instanzen anstrebe. So können sich Brücken bilden zwischen den Elternhäusern, der muttersprachlichen Förderung, den Angeboten von Migrantenorganisationen und einem interkulturellen Sprach- und Literaturunterricht, zwischen der offenen Jugendarbeit und schulischen Präventionsprogrammen, dem örtlichen Stadtteilmanagement und pädagogischen Projekten. Während der gesamten Bildungsbiographie soll Sprachförderung sichergestellt werden.
Doch wie kann man in einer offenen Ganztagsschule bei Gruppenstärken von knapp 20 Kindern, mangelnder Disziplin und ohne zusätzliche finanzielle Mittel eine solche Sprachförderung organisieren? Für Ingrid Gogolin ist die von ihr vorgezeichnete "Durchgängige Sprachförderung" nur bei einer Verzahnung von Vor- und Nachmittag denkbar. "Wir brauchen die Ganztagsschule nicht zum Verwahren der Kinder, sondern strukturierte Lernangebote - keinen zusätzlichen Unterricht, sondern Lernsituationen, bei denen die Kinder mit Freude dabei sind. Wenn man sie überfordert, lernen sie nichts", meinte die Erziehungswissenschaftlerin.
Nordrhein-Westfalen verfüge über günstige Unterstützungssysteme durch die Regionalen Arbeitsstellen in 27 Städten, die kleinräumig arbeitende Unterstützungsprogramme anböten, erläuterte Gogolin. Dass diese nicht immer bekannt genug sind, verdeutlicht die Tatsache, dass zum Beispiel entsprechende Fördergelder in Essen im vergangenen Jahr nicht komplett abgerufen worden sind.
Sprachförderung statt Sprachstandserhebung
Die Verzahnung von Vor- und Nachmittag ist auch für Dr. Claudia Benholz von der Universität Duisburg-Essen ein wesentliches Element bei der sprachlichen Förderung von Migrantenkindern. Lehrerinnen und Lehrer sollten in den Ganztagsbereich am Nachmittag eingebunden werden, die drei Lehrerwochenstunden pro Gruppe in den nordrhein-westfälischen Ganztagsschulen seien ein Schritt in die richtige Richtung. Die Sprachförderung dürfe allerdings nicht an einen langen Schultag angehängt werden. Die Sprachwissenschaftlerin sah die Elternarbeit ebenfalls als bedeutsam an: "Die Aufforderung, in den Migrantenfamilien Deutsch zu sprechen, ist Unsinn. In der Universität habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Ränge voll sind, wenn man die Einladungen in der entsprechenden Muttersprache verschickt. Hier erreicht man konkret etwas."
Eine gute Möglichkeit der Sprachförderung sei das Geschichtenerzählen. "Die Erzählförderung ist für die Kinder auch zur Entwicklung der Schriftsprache sehr wichtig", so Benholz. In der Ganztagsschule könne man die Sprachförderung mit Methodenvielfalt, einer anregungsreichen Lernumgebung und Projektorientierung mit Lerntagebüchern und Portfolios verankern. "Manche Schulen verwenden so viel Energie und Zeit auf Sprachstandserhebungen, dass am Ende die Lust und Luft für Sprachförderung fehlt", warnte die Linguistin vor einer "problematischen Gewichtung", wie sie ihrer Beobachtung nach an vielen Schulen herrsche. Wichtig sei es, das gesamte Personal der Schule zu qualifizieren.
Vor dem Hintergrund dieser Anforderungen plädierte ein Teilnehmer für die Einführung der verpflichtenden Ganztagsschule, denn momentan erreiche er nur zehn Prozent seiner Schülerschaft im offenen Ganztag: "Gerade die Kinder, die eine Förderung benötigen, bleiben weg", bedauerte der Schulleiter.
Sprachförderung ist nicht nur in der Primarstufe ein Thema, sondern auch in den weiterführenden Schulen. In Duisburg bietet die Regionale Arbeitsstelle das Modell "Sprachliche Brücken für Migrantenkinder" an, mit dem die gemeinsame Kontaktpflege zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen in einem festen Rahmen organisiert werden soll. Hierdurch sollen die Schulen von der Vielzahl individueller Absprachen entlastet werden.
Lehrkräfte von Grundschulen und weiterführenden Schulen besuchen sich gegenseitig
Das Brückenmodell umfasst drei organisatorische Elemente: In der Stadtteilkonferenz besuchen Grundschullehrerinnen und -lehrer der 4. Klasse jedes Jahr in der 2. Woche nach den Herbstferien eine der umliegenden weiterführenden Schulen. Die Grundschulen sollen den Eltern Informationen über die weiterführenden Schulen vermitteln. Die Besuche dienen dazu, die Angebote und Schwerpunkte der weiterführenden Schulen transparent zu machen.
Im Grundschulmarkt besuchen umgekehrt die Lehrerinnen und Lehrer eines neuen 5. Schuljahrs vier Wochen vor Ende des Schuljahres eine der umliegenden Grundschulen. Dadurch sollen die Sekundarlehrerinnen und -lehrer eine bessere Einschätzung über den Sprachstand der Kinder erhalten. Es besteht die Chance, sich über Erfahrung mit offenen Unterrichtsformen und Formen der Binnendifferenzierung, Rechtschreib- und Diktatpraxis, Leseerziehung und Fördermöglichkeiten von Migrantenkindern auszutauschen.
Das dritte Element sind die Erprobungsstufengespräche. Hier erkundigen sich Grundschullehrerinnen und -lehrer im Laufe des 5. Schuljahrs nach ihren ehemaligen Schülerinnen und Schülern. Die Erfahrungen in Duisburg haben gezeigt, dass auch diesem Informationsaustausch eine große Bedeutung zukommt.
Die Primar- und Sekundarschulen öffnen die Türen füreinander, um eine bruchlose Sprachförderung zu gewährleisten. Heidi Scheinhardt-Stettner von FörMig Duisburg konnte die These der Soester Tagung nur bestätigen: "Auf die durchgängige Sprachförderung kommt es an."
Autor: Ralf Augsburg
Datum: 24.11.2006
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